World of Warcraft & Co.: Faszination Onlinespiele

Onlinespiele sind nur was für Computerfreaks mit Sozialphobie? Von wegen, sagt Angelika Unger, BRIGITTE.de-Redakteurin und World-of-Warcraft-Fan.

Mein anderes Leben

Allein vor dem Fernseher sitzen langweilt mich zu Tode. Sogar beim "Tatort" schlafe ich ein - obwohl ich Krimis liebe. Seit Februar 2005 bleibt mein Fernseher immer öfter aus. Stattdessen spiele ich das Onlinespiel "World of Warcraft".

Das tun mehr als neun Millionen andere Menschen weltweit. Wir spielen Elfen, Orks und Zwerge, Magier, Krieger und Paladine. Wir ziehen mit unserer Spielfigur ins Abenteuer, und je mehr wir mit ihr erleben, desto klüger, stärker und ausdauernder wird sie. Mit Schwertern und Zaubersprüchen kämpfen wir gegen Drachen und Untote, messen uns in der Arena mit anderen Spielern und schließen uns zu Gilden zusammen. Alles virtuell, versteht sich.

Ein ungewöhnliches Hobby für eine Frau? Von wegen. Schätzungen zufolge ist jeder dritte "World of Warcraft"-Spieler weiblich. Eigentlich kein Wunder - das Spiel bedient geradezu klischeehaft viele Frauen-Vorlieben; man kann kochen, schneidern und im Auktionshaus, einer Art Ebay, auf Schnäppchenjagd gehen. Es gibt sogar eine Ankleidefunktion, mit der sich ausprobieren lässt, ob die neue Rüstung farblich zum Umhang passt.

Meine Umwelt hat wenig Verständnis

Die Autorin und ihr Alter Ego Petronella

Meine Umwelt hat indes wenig Verständnis für mich. Immer wieder bekomme ich zu hören: "Ist das nicht das Spiel, von dem man so schnell süchtig wird?" Fast jeder hat im Fernsehen schon bedauernswerte Menschen gesehen, die wegen "World of Warcraft" Arbeit und Freunde verloren. Solche Leute gibt es, sicher. Aber wir sind nicht alle so.

Natürlich lasse ich den Rechner aus, wenn ich zu einer Party eingeladen bin oder im Kino ein Film läuft, den ich gern sehen will. Das "Real Life", wie wir Onlinespieler sagen, geht schließlich vor. Da ist sich meine Gilde übrigens einig. Wir sind alle erwachsene Menschen, die meisten Anfang, Mitte 30. Ein Lehrer ist dabei, eine Richterin, ein Koch und ein paar Informatiker. Viele sind verheiratet, etliche haben Kinder.

Auf Kollisionskurs mit dem "Real Life"

Trotz allem können Realwelt und Onlinewelt kollidieren. Sonntags ab 18 Uhr ziehe ich mit 24 anderen Spielern los. Da kommt es auf jeden einzelnen an; komme ich zu spät oder gar nicht, habe ich 24 Leuten den Abend versaut. Ruft dann um halb sieben spontan eine Freundin an und will ausgehen, vertröste ich sie auf den nächsten Abend. Weil ich meine Online-Bekannten nicht versetzen will - sie sollen sich genauso auf mich verlassen können wie meine Freunde im wahren Leben.

Hätte ich statt meines Online-Dates ein Punktspiel mit meinem Handballverein, würden mir vermutlich alle viel Erfolg wünschen. So aber ernte ich regelmäßig verständnislose oder gar besorgte Blicke. Von denselben Frauen, die ich am Dienstagabend nicht anrufen darf, wenn "Dr. House" im Fernsehen läuft.

Eine fremde Welt

Was ist es, was viele so sehr befremdet an meinem Hobby? Vielleicht das reichlich archaische Vokabular: Es geht um "Raids", "Kills" und "Aggro", Druiden zerfetzen und zerfleischen, Hexenmeister verbrennen ihre Gegner und entziehen ihnen die Seele. Es ist eine fremde Welt, ganz anders als unser Alltag. Genau das macht sie für mich so interessant. Wer gern historische Romane liest oder die "Herr der Ringe"-Filme liebt, wird diese Faszination sicher verstehen.

Und es ist eine Welt, die ich mit anderen teile. Ich habe mal gelesen, dass Männer an Onlinespielen vor allem den Wettbewerb schätzen: das schärfste Schwert besitzen, die gefährlichsten Monster besiegen und von den Kumpels dafür bewundert werden. Frauen spielen online, weil sie neue Bekanntschaften schließen und mit anderen etwas erleben wollen.

Meine virtuelle WG

Auch ich habe durch "World of Warcraft" viele Leute kennen gelernt, mit manchen von ihnen spiele ich schon seit mehr als zwei Jahren zusammen. Da ist zum Beispiel Kassandra, der eigentlich Michael heißt und aus Regensburg kommt. Wir haben unzählige Abenteuer gemeinsam durchgestanden, haben zusammen gejubelt und geflucht und sind hunderte virtuelle Tode gestorben. Letztes Jahr war er mit seiner Freundin in Hamburg. Wir waren Bier trinken, haben über Fußball geredet und darüber, dass Fernbeziehungen nerven. Es war ein lustiger Abend.

Von Lillyth weiß ich, dass sie 46 ist und halbtags im Büro arbeitet. Wir haben uns nie persönlich kennen gelernt, aber chatten oft und lange. Sie ist eine ältere, lebenskluge Freundin für mich geworden, deren Urteil und deren trockenen Humor ich sehr schätze.

In meinem Studium habe ich in einer WG gelebt. Ich habe es geliebt, dass immer jemand da war, wenn ich nach Hause kam. Aber irgendwann hatte ich genug davon, dass die anderen das letzte Bier austranken und ihr schmutziges Geschirr herumstehen ließen. Heute wohne ich allein. Und trotzdem ist immer jemand da, wenn ich abends nach Hause komme und das Spiel starte. Kassandra, Lilly und die anderen. Nur dass sie ihr schmutziges Geschirr woanders stehen lassen.

Mitreden über World of Warcraft

"World of Warcraft", im Februar 2005 in Deutschland erschienen, ist ein Online-Rollenspiel der US-Spieleentwickler-Firma Blizzard Entertainment. Nach Angaben des Herstellers hat das Spiel mehr als neun Millionen Abonnenten weltweit. Wer "World of Warcraft" spielen will, braucht einen Computer mit Internetzugang - eine schnelle DSL-Verbindung ist sehr sinnvoll.

Das Grundspiel kostet derzeit 14,99 Euro; wer Zugriff auf die Erweiterung "The Burning Crusade" haben will, muss noch einmal 19,99 Euro zahlen. Nach einem Freimonat wird eine monatliche Abo-Gebühr fällig - je nach Abo-Dauer zwischen 12,99 Euro und 10,99 Euro.

Neben "World of Warcraft" gibt es zahlreiche weitere Online-Rollenspiele. Zu den bekanntesten und erfolgreichsten zählen "Herr der Ringe Online", "Guild Wars", "Dark Age of Camelot" und "Everquest 2".

Text: Angelika Unger Foto: Rahel Dinkel

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