Matthias Schweighöfer: "Marcel Reich-Ranicki war sehr höflich zu mir"

"Mein Leben", die Autobiographie von Marcel Reich-Ranicki, stand wochenlang auf Platz 1 der Bestsellerlisten. Nun hat die ARD sein Buch verfilmt - mit Matthias Schweighöfer in der Hauptrolle. Im Interview erzählt der uns von seinem ersten Treffen mit Marcel Reich-Ranicki, wie er die Dreharbeiten erlebt hat - und verrät ein süßes Geheimnis.

Die Deportation der Juden aus dem Ghetto beginnt. Marcel (Matthias Schweighöfer, l.) und Tosia (Katharina Schüttler, r.) müssen sich einreihen.

Matthias Schweighöfer: "Marcel Reich-Ranicki war sehr höflich zu mir"

Ist ein Traum, kann nicht wirklich sein, dass wir zwei beieinander sein."

Mit diesem Zitat von Hugo von Hofmannsthal endet die Autobiographie "Mein Leben" von Marcel Reich-Ranicki. "Wir zwei" - damit sind er und seine geliebte Frau Tosia gemeint, die mittlerweile seit siebzig Jahren zusammen sind. Und tatsächlich ist es ein Traum, ein Wunder, dass beide gemeinsam alles überstanden haben. Denn die Reich-Ranickis lebten während des Zweiten Weltkriegs im berüchtigten Warschauer Ghetto - einer Art Auffangbecken für polnische Juden, die von dort aus in die Konzentrationslager deportiert wurden. So erging es auch Marcels Eltern und Bruder sowie Tosias Mutter, die im KZ qualvoll ums Leben kamen. Doch Marcel Reich-Ranicki gelang gemeinsam mit seiner Frau die Flucht. Und obwohl ihm die Deutschen so viel angetan hatten, kehrte der gebürtige Pole, der in Berlin zur Schule gegangen war und 1938 aus Deutschland ausgewiesen wurde, zurück und begann als Literaturkritiker bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Denn die Liebe zur deutschen Literatur hatte ihm während all der schweren Zeit Kraft gegeben. Er wollte ihr jetzt sein Leben widmen.

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Marcel Reich-Ranicki und Matthias Schweighöfer bei der Präsentation des Filmprojekts in Köln.

Matthias Schweighöfer spielt Marcel Reich-Ranicki

Zehn Jahre nach Erscheinen der Autobiographie hat der WDR um Produzentin Katharina Trebitsch die Buchvorlage verfilmt. Die Hauptrolle spielt Matthias Schweighöfer, bekannt aus Filmen wie "Walküre", "Der rote Baron" und "Keinohrhasen".

"Kann der wirklich Marcel Reich-Ranicki spielen? Den großen Literaturpapst, der gerne polarisiert und aneckt, wo er nur kann?", wird sich jetzt wahrscheinlich so mancher gefragt haben. Klare Antwort: Ja, er kann! Und zwar so eindrucksvoll, so lebendig und so kritisch, dass er den Zuschauer völlig in seinen Bann zieht. Das für Reich-Ranicki so typische, rollende R habe er weggelassen, erzählt uns Matthias Schweighöfer im Interview, da er Marcel Reich-Ranicki nicht parodieren wollte.

Aus Matthias Schweighöfer wird Marcel Reich-Ranicki.

Marcel Reich-Ranicki - viele kennen ihn heute nur als den Mann mit dem unverwechselbaren Akzent. Der kein Blatt vor den Mund nimmt und bei der Verleihung des Deutschen Fernsehpreises mit einer Schimpftirade alte Showhasen wie Thomas Gottschalk auf die hinteren Plätze verweist. Mit "Mein Leben" hat der Zuschauer jetzt die Chance, ihn von einer ganz anderen Seite kennenzulernen und sein Schicksal mit ihm neu zu durchleben. Ein wichtiges Stück Fernsehgeschichte, das man auf keinen Fall verpassen sollte.

Marcel Reich-Ranicki selbst lobte den Film übrigens als "fabelhaft". Das sollte doch selbst die Letzten überzeugt haben.

"Marcel Reich-Ranicki: Mein Leben" läuft am Mittwoch, den 15. April, um 20.15 Uhr im Ersten.

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Marcel (Matthias Schweighöfer) wird heute Tosia heiraten.

Ganz in schwarz, seine blonden Haare verwuschelt: So steht Matthias Schweighöfer vor uns, als wir ihn in Hamburg zum Interview treffen. Er freue sich auf Berlin, erzählt er uns, denn er war wochenlang in den USA unterwegs, um seinen neuen Film zu drehen. Für uns nimmt er sich aber natürlich trotzdem Zeit und plaudert über seine Begegnung mit Marcel Reich-Ranicki und wie er Tom Cruise in "Walküre" erlebt hat. Und ist dabei mit seiner Berliner Schnauze richtig sympathisch.

Interview mit Matthias Schweighöfer

Brigitte Young Miss: Du spielst Marcel Reich-Ranicki im gleichnamigen Film. Was wusstest du vorher über ihn?

Matthias Schweighöfer: Ich kannte ihn nur vom Literarischen Quartett und hatte mich bis dahin gar nicht mit seiner Vergangenheit beschäftigt. Und dann hab ich "Mein Leben" gelesen. Dadurch hat sich meine Meinung über ihn total geändert.

Brigitte Young Miss: Hat dich das Buch beeindruckt?

Matthias Schweighöfer: Ja. Alleine, dass er das Ghetto überlebt hat, ist einfach Wahnsinn. Er hat nur auf die Fresse bekommen. Ist ja klar, dass er danach ein bisschen austeilt.

Brigitte Young Miss: Wie hast du dich sonst auf die Rolle vorbereitet?

Matthias Schweighöfer: Ich hab mich viel mit der jüdischen Seite und dem Warschauer Ghetto befasst. Und Katharina (Schauspielerin Katharina Schüttler, die Reich-Ranickis Frau Tosia spielt, Anm. d. Red.) und ich haben uns mit Marcel und Tosia einige Male getroffen, um zu sehen, wie die beiden miteinander umgehen. Ob sie herzlich zueinander sind oder nicht. Darüber kann man viel über zwei Menschen erfahren. Wir haben auch viel nachgefragt: Wie habt ihr euch geküsst? Wie habt ihr euch angefasst? Wart ihr sehr körperlich? Und als sie ja gesagt haben, wussten wir: Okay, die waren halt so wie wir.

Brigitte Young Miss: Und waren sie herzlich zueinander?

Matthias Schweighöfer: Sie waren beides. Sie haben sich angefrotzelt, aber waren auch sehr süß zueinander, als sie über ihre gemeinsame Zeit erzählt haben.

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Matthias Schweighöfer: "Tom Cruise ist ein super Typ"

Brigitte Young Miss: Und wie war Marcel Reich-Ranicki zu dir?

Matthias Schweighöfer: Wir wollten ja beide etwas voneinander, deswegen war er sehr höflich zu mir. Er wusste, dass ich ihn spiele und ich wusste, dass ich ihn brauche, um meine Rolle besser zu verstehen.

Brigitte Young Miss: Kannte er dich schon aus anderen Rollen?

Matthias Schweighöfer: Er hatte nur mal einen Film gesehen, in dem ich Schiller gespielt hatte. Und den fand er scheiße.

Brigitte Young Miss: Hatte er während des Films noch Einfluss auf die Art der Darstellung?

Matthias Schweighöfer: Nein, das hat er komplett abgegeben und gesagt: "Macht daraus einen Film, er soll nur nicht langweilig sein!". Das fand ich irgendwie gut.

Brigitte Young Miss: Ihr habt ziemlich heftige Szenen im Ghetto gedreht. Kannst Du nach einem Drehtag trotzdem gut abschalten?

Matthias Schweighöfer: Die Rolle war schon ziemlich schwer. Aber natürlich versuchst du abends abzuschalten und dich nicht so sehr daran festzuhalten. Das, was damals passiert ist, ist für uns heute so weit weg und absurd. Du kannst die Tragweite einfach nicht fassen.

Brigitte Young Miss: Gerade warst du in "Walküre" zu sehen. Wie war es eigentlich mit Tom Cruise zu drehen?

Matthias Schweighöfer: Super! Tom Cruise ist ein total netter, lustiger, cooler Typ. Ich hab viel mit ihm gelacht und mochte ihn total gerne.

Brigitte Young Miss: Und was steht jetzt als Nächstes an?

Matthias Schweighöfer: Gerade drehen wir "Keinohrhasen 2" in Berlin. Dann kommen dieses Jahr noch zwei andere Filme ins Kino: "Zwölf Meter ohne Kopf" und "Friendship". Und Papa werde ich in zwei Monaten! Das sind jetzt aber erstmal viele Sachen auf einmal...

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