CD-Tipps: Erstlingswerke und Entspannungsmusik

Deutschland hat einen neuen Musikhelden: Konstantin Gropper. Unter dem Namen Get Well Soon begeistert er mit einem bombastischen Debütalbum. A Fine Frenzy und The Hoosiers liefern ebenfalls achtbare Erstlingswerke ab. Nada Surf und Morcheeba geben sich entspannt, und HushPuppies rocken, was das Zeug hält -

Get Well Soon - "Rest Now, Weary Head!"

Weltschmerz kann ja so schön sein - vor allem wenn er so opulent vertont wird wie auf "Rest Now, Weary Head!", dem Debütalbum von Get Well Soon. Als "Vorzeige-Heulsuse" will Mastermind Konstantin Gropper allerdings auf keinen Fall verstanden werden - zu Recht. Das Album hat definitiv mehr zu bieten als flache Melancholie. Seine Markenzeichen: die gewagte Kombination und der unerwartete Stilbruch. El-Mariachi-Gitarren treffen hier auf Synthesizer, Cheerleader-Chöre auf Akkordeon. Gropper wildert in den unterschiedlichsten Musik-Revieren, covert Michael Holm genauso wie Underworld, bedient sich bei Ennio Morricone, klingt mal wie Radiohead, mal wie Nick Cave. Arrangiert hat der 25-Jährige das Album größtenteils in Eigenregie. Zugute kam ihm dabei seine musikalische Ausbildung. Ab dem 5. Lebensjahr bekam Gropper Cello-Unterricht, zur Kommunion ein Schlagzeug und dann eine Gitarre. Später studierte er an der Popakademie in Mannheim. Doch seine durch Klassik geprägte Ausbildung dringt auf "Rest Now, Weary Head!" immer wieder durch. Wie ein klassisches Konzert beginnt das Album mit dem Prelude, endet mit der Coda und ist ein von vorne bis hinten durchdachtes Gesamtwerk. Im klassischen wie poppigen Sinne eine runde Sache.

Unbedingt anhören: * If This Hat Is Missing I Have Gone Hunting * You/Aurora/You/Seaside * Christmas in Adventure Parks

VÖ: 18.01.

A Fine Frenzy - "One Cell in The Sea"

Erst 22 Jahre ist sie alt und doch singt Alison Sudol alias A Fine Frenzy vom Leben, als sei sie seit 20 Jahren im Singer-Songwriter-Geschäft unterwegs. Immer wieder geht es auf ihrem Debütalbum "One Cell in The Sea", um Sehnsucht, um Herzschmerz, um Melancholie. Mit zuckersüßer, fast flüsternder Stimme singt Sudol dann von verflossenen oder Beinahe-Liebhabern, von Trennungsschmerz und vom Verliebtsein. Und dann, bei Tracks wie "Come on, Come out" stehen plötzlich ganz profane Dinge wie das Wetter im Mittelpunkt. Oder aber sie entführt mit "The Minnow & The Trout" und "Liar, Liar" ihre Zuhörer in eine Welt, in der Sirenen Seefahrer betören und Kolibris Kaffee trinken. Es ist eine Welt, die geprägt ist von Sudols Liebe zur Literatur. Die britische Herzschmerz-Königin Jane Austen gehört genauso zu ihren Leib- und Magen-Autoren wie der Schöpfer der fantastischen Narnia-Chroniken C. S. Lewis. So sind ihre Texte auch eindeutig Sudols Stärke: herzzerreißend schön wie Austens "Stolz und Vorurteil" und phantasievoll wie Shakespeares "Sommernachtstraum".

Unbedingt anhören: * Come on, Come out * Almost Lover * Rangers

VÖ: 08.02.

HushPuppies - "Silence Is Golden"

Rotzig, schräbbelig, sixties-lastig und alles andere als schweigsam ist es, das neue HushPuppies-Album. Das glatte Gegenteil von dem, was der Titel "Silence Is Golden" vermuten lassen könnte. Still und schweigsam geht es auf der zweiten Platte nach dem Debütalbum "The Trap" jedenfalls nicht zu. Es wird gerockt - bis zum Anschlag und mit allem, was dazu gehört: ein bisschen Orgel, ein paar hämmernde Refrains und eine ordentliche Portion Gitarre. Herrlich! Allenfalls bei den Tracks "Love Bandit", "Down, down, down" und "Harmonium" stimmt Sänger Olivier Jourdan sanftere Töne an. Alles in allem ist das Album der fünf Franzosen also nichts für Leisehörer. Wer auf den Sound von The Hives, The Libertines und Co. steht, sollte dagegen unbedingt in "Silence Is Golden" reinhören. Es lohnt sich. Vor allem dann, wenn man Jourdans charmanten, französischen Akzent mag.

Unbedingt anhören: * Moloko Sound Club * Bad Taste And Gold on The Doors * Broken Matador

VÖ: 01.02.

Nada Surf - "Lucky"

Mit "Popular" verschafften sich Nada Surf 1998 einen gewissen Bekanntheitsgrad. Doch dann wurde es im wahrsten Sinne stiller um das New Yorker Trio. Während die Single in den Indie-Tanzschuppen rauf und runter gespielt wurde, feilten Daniel Lorca, Ira Elliott und Matthew Caws an neuen Alben und vergleichsweise ruhigeren Tönen. Auch ihr jüngste Werk "Lucky" eignet sich, wie seine Vorgänger, maximal zum mitfühlenden Mitnicken. Langsam, beharrlich, aber unaufdringlich suchen sich die Songs ihren Weg ins Gefühlszentrum. Tonangebend für das Album ist bereits der erste Track "See These Bones": Leise Gitarrenklänge, zurückhaltende Stimme, unspektakulärer Refrain. Unspektakulär trifft es überhaupt sehr gut. Was im Fall von "Lucky" nicht negativ, sondern im besten Entspannungs-Sinne zu verstehen ist. Unaufgeregt raufen sich die Songs zu einem gelungenen Gesamtwerk zusammen. Aufgenommen wurde es in den Robert Lang Studios in Seattle. Just dort, wo einst schon Größen wie Alice in Chains, Bush und Foo Fighters an ihren Alben arbeiteten. Gleich eine ganze Reihe prominenter Gastmusiker schaute dort vorbei, um das Trio musikalisch zu unterstützen. Ed Harcourt steuerte das Piano für "Beautiful Beat" und "Weightless" bei. Ben Gibbard von Death Cab for Cutie gab sich für "See These Bones" und Calexicos Martin Wenk für "On the Wings" die Ehre.

Unbedingt anhören: * I Like What You Say * See These Bones * Weightless

VÖ: 01.02.

The Hoosiers - "The Trick to Life"

In England sind sie bereits Stars: The Hoosiers stiegen mit "The Trick to Life" auf Platz eins der Albumcharts ein. Und auch für deutsche Anhänger des überdurchschnittlich gut gemachten Indie-Pops ist die Platte jetzt erhältlich. Doch alle, die jetzt in den nächsten Laden stürzen, seien gewarnt: Man muss Irwin Sparkes Art zu singen schon mögen. Bei Tracks wie "Run Rabit Run" macht er Muse-Sänger Matthew James Bellamy in Sachen hohe Töne echte Konkurrenz: Bis zum Anschlag werden hier Stimmbänder ausgereizt - und das auf herzzerreißende Weise. Große Gefühle stehen auf "The Trick to Life" überhaupt im Vordergrund. "Es gibt in unserer Musik ohne Zweifel ein Grundthema", bestätigt Sänger Sparkes. "Jemand fühlt sich unfertig und sucht nach etwas und hofft, dass das Etwas gleichzeitig nach ihm sucht." Liedzeilen wie "I hate my work, but I'm in control/I'm fearless now, but it cost my soul" spiegeln dieses Grundthema deutlich wieder. So wundert es auch nicht weiter, dass The Hoosiers unter anderem das Gothic-Urgestein The Cure zu ihren musikalischen Vorbildern zählen. Ein deutlicher Belege hierfür ist "Cops and Robbers", die Ähnlichkeit mit "Love Cats" kaum zu überhören. Die gesamte Hoosiers-Platte auf eine gewisse Cure-Ähnlichkeit zu reduzieren, würde ihr allerdings nicht gerecht. "The Trick to Life" ist ein eigenständiges Werk, das jedem wärmsten ans Herz gelegt sei.

Unbedingt anhören: * Run Rabit Run * Goodbye Mr A. * Killer

VÖ: 25.01.

Morcheeba - "Dive Deep"

Sie waren die Könige des Chill-Outs, die weltweit gefeierten Downtempo-Majestäten. Mit Sängerin Skye Edwards feierten die Brüder Ross und Paul Godfrey unter dem Namen Morcheeba Ende der 90er riesige Erfolge, verkauften Millionen von Platten. Doch irgendwann war die Luft raus. "Nach dem vierten Album 'Charango' sprachen wir kaum noch miteinander und die Anspannung auf Tournee machte uns alle krank. Also beschlossen Ross und ich, dass wir uns von unserer Sängerin Skye trennen.", erinnert sich Paul Godfrey. Eine Entscheidung, die sich nicht auszahlen sollte. Es ging weiter bergab - bis jetzt. Mit "Dive Deep" melden sich die Godfrey-Brüder glücklich und zufrieden zurück. Das Album war offenbar ein Rettungsanker, eine Art Therapie für die Brüder. So gehe es auf "Dive Deep" auch darum, dem Ärger davonzuschwimmen, um Schmerz und Zorn aus der Vergangenheit loslassen zu können, sagen sie. Exakt so hört sich die Platte auch an: Als würde man abtauchen, die Welt aus der Unterwasserperspektive nur noch gedämpft wahrnehmen. Wohlig entspannt wie in einem Schaumbad lässt man den mit sanften Beats unterlegten Folk und Blues auf sich niederrieseln. Oder mit den Worten Ross Godfeys ausgedrückt: "Dive Deep" klingt so, als sei "Nick Drake von RZA aus dem Wu-Tang Clan produziert worden".

Unbedingt anhören: * Enjoy The Ride * Riverbed * Blue Chair

VÖ: 08.02.

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