Marcus Wiebusch: "Der Tag wird kommen"

Mit dem Vorschlaghammer für die Liebe: Kettcar-Sänger Marcus Wiebusch singt gegen Homophobie im Fußball an - und hat mit seinem Song "Der Tag wird kommen" BRIGITTE-Musikexperte und Fußballfan Stephan Bartels tief berührt.

Vor, sagen wir einmal, 25 Jahren hatten wir noch nie einen schwulen Außenminister gehabt oder einen homosexuellen Bürgermeister, war Hape Kerkelings Liebe zu einem Mann noch geheim, war Sex zwischen Männer dank §175 StGB noch strafbar, gab es noch keinen offen schwulen Fußballprofi.

Heute ist Homosexualität eigentlich kein großes Ding mehr. Der § 175 ist seit 1994 Geschichte. Wir haben Guido Westerwelle unaufgeregt samt Lebenspartner durch die Welt geschickt, haben uns nicht dafür interessiert, mit wem Ole von Beust und Klaus Wowereit was nach Feierabend gemacht haben, die sexuelle Orientierung von Showgrößen interessiert uns maximal so lang, bis wir die "Gala" bis zum Ende durchgeblättert haben. Nur im Fußball, Abteilung Mann, hat sich eigentlich nichts geändert. Okay, Thomas Hitzelsperger hat sich Anfang des Jahres unter Applaus geoutet, aber das war nach dem Ende seiner Karriere. Immer noch gibt es keinen aktiven professionellen Fußballer, der ganz selbstverständlich dazu stehen kann, dass er einen Mann liebt.

hat über diesen Zustand ein Lied geschrieben. "Der Tag wird kommen" stammt von seinem Solo-Debüt "Konfetti". Ich habe dieses Stück mehreren Freunden vorgespielt. Kein einziger war nicht davon berührt oder hatte schlicht eine Gänsehaut. Denn Wiebusch, der als Kopf und Sänger von Kettcar einige der schönsten und intelligentesten Liebeslieder der letzten Jahre geschaffen hat, lässt uns mitfühlen, wie unerträglich der Zustand schwuler Fußballer ist. Wie es ist, sich immer verleugnen und verstecken zu müssen, wie sich die Angst anfühlt, enttarnt zu werden, die Angst davor, dass die eigene Persönlichkeit von 30, 40, 50.000 Leuten im Stadion darauf reduziert wird, wen man liebt.

"Der Tag wird kommen" ist sieben Minuten lang, es ist eine als gesellschaftliche Anklage getarntes Liebeslied, geschrieben mit dem Vorschlaghammer, gesungen, nein, gerappt mit einer Wut, die von tief innen kommt, eine Wut auf bigotte Vollpfosten, auf überkommene Zustände, auf eine archaische Macho-Welt, die vielleicht gar nicht mehr so ist, wie ihre Akteure noch glauben.

Ich war selbst Fußballer, ich stehe im Stadion des FC St. Pauli, so oft es geht. Ich teile also nicht nur Wiebuschs Lieblingsclub, ich teile mit ihm auch die tiefe Sehnsucht danach, dass diese beschissene Diskussion um schwule Fußballer ein Ende hat. Es gibt sie. Und wahrscheinlich würde der erste, der sich outet, ein paar Tage lang durch die öffentliche Vorhölle gehen. Vielleicht ginge es ihm danach besser. Sehr wahrscheinlich würde das Liebesleben des zweiten, dritten, vierten offen schwulen Profis dann den Weg aller Westerwelles, Wowereits und Kerkelings gehen: in die Normalität.

Wiebusch hat seinen Kurzfilm übrigens mit einer Crowdfunding-Aktion realisiert. In weniger als einer Woche hatte er die 30.000 Euro für die Umsetzung zusammen. 30 Euro davon sind von mir.

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