Lily Allen: It-Girl mit Tiefgang

Sie liebt Partys und hasst Oberflächlichkeit. Fällt um jeden Preis auf und hadert mit der Presse. Steht auf Sex und fordert einen neuen Feminismus. Lily Allen ist der vielleicht spannendste Popstar Europas - und hat eine tolle neue Platte gemacht.

Lily Allen oben ohne. Lily Allen unten ohne. Lily Allen beleidigt Elton John, Lily Allen findet Kokain ganz okay, Lily Allen ist betrunken, stoned, high. Hach, was wäre es öde und leer in Englands Boulevard-Zeitungen, gäbe es diese Lily Allen nicht. Täglich hagelt es auf der Insel Schlagzeilen über die 23-Jährige, Meldungen über sie kommen in der Häufigkeit gleich nach denen über Amy Winehouse. Selbst bei uns ist sie in "Gala" und "Bild" Stammgast. Denn Lily Allen ist ein It-Girl. Allerdings wider Willen. "Ich lebe einfach mein Leben", sagt sie, "und werde von der Presse gejagt. Das ist unfair." Wirklich unfair ist, dass man vor lauter Eskapaden- Journalismus völlig vergessen hat, warum das Mädchen so bekannt ist: Allen ist eine hochbegabte Musikerin, deren Debüt "Alright, Still" von 2006 als eine der besten Platten der letzten Jahre gilt. Ihre Songs - stilistisch irgendwo zwischen Ska, Pop und Reggae - sind kluge, rotzfreche, frivole und selbstironische Einblicke in Lilys Welt. Drei Millionen Mal verkaufte sich die Platte bis heute. Jetzt gibt es mit "It's Not Me, It's You" ihr zweites Album; ein gutes, musikalisch vielseitigeres. In der Single "The Fear" besingt sie ihr Problem mit diesem seltsamen Rummel. Obwohl: "Es geht da nicht um mich, sondern um ein gesellschaftliches Problem", sagt sie.

BRIGITTE: Welches Problem meinen Sie?

Lily Allen: Dass alle so besessen vom Promikult sind. Das ist doch krank. Haben die Leute denn kein eigenes Leben?

BRIGITTE: Aber anderen geht's da noch schlimmer. Zum Beispiel Amy Winehouse.

Lily Allen: Arme Amy. Ich mag sie. Es ist unmenschlich, was die Pressemeute mit ihr anstellt. So was würde man keinem Tier antun. Wenn - sagen wir - ein schauspielernder Hund ...

BRIGITTE: So wie Lassie?

Lily Allen: Ja, zum Beispiel. Wenn der also täglich von 50 Reportern verfolgt und herumgeschubst würde, dann ständen sofort die Tierschutzvereine auf der Matte. Bei Amy dürfen sie das. Ist ja nur ein drogensüchtiges Mädchen.

Lily Allen stammt aus London, ein Künstlerkind. Sie war vier, als sich ihre Eltern trennten. Und Lily entpuppte sich nicht gerade als pflegeleicht: Mit 15 hatte sie schon 14-mal die Schule gewechselt, sie experimentierte mit Drogen - zwischen 16 und 19 sei sie die meiste Zeit bekifft gewesen, hat sie mal gesagt. Aber da war ja noch dieses außergewöhnliche Talent für gute Texte. Während eines Urlaubs auf Ibiza lernte sie einen Musikproduzenten kennen, der ihr half, aus ihren Versen Songs zu machen. Sie schickte ihre Demobänder in die Welt und bekam 2005 einen Vertrag bei einem großen Label. Der gibt ihr die Möglichkeit, über Dinge zu sprechen, die ihr wichtig sind. Zum Beispiel über Drogen: "Ich wende mich gegen die Verlogenheit, mit der die Medien das Thema angehen", sagt sie.

BRIGITTE: Wie denn?

Lily Allen: Da wird so getan, als ob nur durchgeknallte Asoziale Drogen nehmen. Dabei wird auch in den oberen Schichten gekokst, was das Zeug hält. Ärzte, Rechtsanwälte, Journalisten. Die knallen sich abends zu und gehen am nächsten Morgen ganz normal zur Arbeit.

BRIGITTE: Sie beschweren sich auch laut über das Frauenbild im Showgeschäft. Dass man, Zitat, "klapperdürr sein sollte wie Posh Beckham und möglichst auch ein bisschen nuttig wie die Pussycat Dolls".

Lily Allen: Das ist erniedrigend. Bei diesem Frauenbild wird mir schlecht. Das ist doch so was von rückschrittlich. Sagt ja auch Bette Midler.

BRIGITTE: Die ist 40 Jahre älter und war mal richtig in der Frauenbewegung aktiv. Und findet: Mit dem Feminismus geht es bergab.

Lily Allen: Sie hat recht. Ich werde beispielsweise dauernd gefragt: "Ist es dir nicht peinlich, darüber zu singen, wie du einem Mann einen bläst?"

BRIGITTE: Ist es nicht?

Lily Allen: Alle haben Sex, ich auch. Ich bin Songwriterin. Warum sollte ich nicht darüber singen? Metalrocker singen von Models und Huren. Rapper reden gern von "Bitches giving blow jobs". Sie singen von Frauen, die benutzt werden. Da wird mir ganz übel. Ich singe nie erniedrigend von Frauen, die Sex haben.

Ganz im Gegenteil: Im Song "Not Fair" beschwert sie sich bei ihrem Partner darüber, dass er beim Sex immer zu schnell fertig ist. Gewirkt hat das Lied allerdings nicht. "Der Typ hat gar nicht gemerkt, dass es da um ihn geht", sagt Allen. Letztendlich, sagt sie, sei es schon okay so, das Lied war ja gar nicht als Botschaft für den Kerl gedacht: "Ich habe über Erfahrungen gesungen. Und sage: Frauen dürfen Sex mögen. Und müssen sich deshalb nicht schmutzig fühlen." Ein, vielleicht zwei Alben lang will Lily Allen noch über Sex und Feminismus singen. Und dann Kinder bekommen, eine Familie haben mit Haus und Garten. Im letzten Jahr war sie schon schwanger. Sie erlitt eine Fehlgeburt. Auch das machte Schlagzeilen. Lily Allen knabbert noch immer daran.

BRIGITTE: Sie machen eine Therapie. Was ist das Wichtigste, das Sie gelernt haben?

Lily Allen: Ein stärkerer Mensch zu sein. Es wurden schreckliche Dinge über mich gesagt und geschrieben. Über meinen Charakter, über mein Aussehen, über meine Klamotten, über mein Benehmen. Das hat mich fertig gemacht. Und dann gibt es all diese Menschen, die mir sagen, wie brillant ich bin und wie toll ich aussehe.

BRIGITTE: Was ja an sich ganz schön ist.

Lily Allen: Es hat mich arrogant gemacht. Inzwischen habe ich gelernt, mit all dem umzugehen.

BRIGITTE: Sie fallen immer noch gern auf. Kürzlich traten Sie bei einer Veranstaltung in einem Seidenkleid mit Stickereien auf: geköpfte Bambis, aus deren Hälsen Blut spritzte.

Lily Allen: Ich fand das toll. Aber ich kann Ihnen sagen: Das gab so richtig Ärger. Da hab ich mal wieder alles falsch gemacht. Ich bin wirklich eine schreckliche Person.

Text: Christiane Rebmann Ein Artikel aus der BRIGITTE 05/09
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