London: Wo man Pop lernen kann

Die Brit-School in London macht aus talentierten Vorstadtkindern Popstars mit Schulabschluss. Darunter Amy Winehouse, Katie Melua und viele andere. BRIGITTE-Redakteur Jan Gritz hat sich dort umgesehen - und möchte am liebsten noch mal 14 sein.

Croydon, im Süden Londons. Hier beginnen die "Icelands", benannt nach einer Discounterkette, in der es ausschließlich tiefgekühltes Fertig-Food zu kaufen gibt. Für Leute, deren Ernährungsgewohnheiten von ihrem Einkommen bestimmt werden. Und von ihrer Bildung. In dieser unglamourösen Gegend sitzt die "London School for Performing Arts & Technology". Amy Winehouse war hier, Katie Melua, Luke Pritchard, Frontmann von The Kooks, Leona Lewis, Alex Turner, Sänger der Arctic Monkeys, Adele ... Praktisch jedes Jahr leuchten von hier aus ein paar Sterne mehr am Pop-Himmel. Auch Schauspieler, Tänzer, Produzenten und Regisseure haben hier ihren Abschluss gemacht. Wahlweise einen, der unserer mittleren Reife entspricht, oder das britische Abitur. Ganz normal eigentlich, aber ganz normal ist hier nichts, weder die Schule noch die Lehrer - und die Schüler sowieso nicht.

12 Uhr mittags im verglasten Atrium, der Lobby. Auf der Fensterbank geben zwei 16-Jährige ein akustisches Gitarrenkonzert, sie klingen wie The Smiths. Gegenüber steht ein pummeliges Mädchen in einer johlenden Schülertraube und macht Stand-up-Comedy. Aus Proberaum 3 dröhnt ein Coldplay-Coversong, ein dutzend Tänzer verschmelzen zur Elektromusik aus den Deckenlautsprechern zu einer lebenden Skulptur. Fraglich, wie die beiden kostümierten Schauspielschülerinnen vor dem Kantineneingang dabei ihren Bühnendialog üben können. Und mittendrin leitet Schul-Concièrge Angela Willson in aller Seelenruhe ihre Rezeption, versorgt Besucher mit Namensschildchen, verkauft Theaterkarten und regelt allerlei Administratives. Der erste Eindruck ist nachhaltig: eine wahnsinnig inspirierende Atmosphäre.

Seit 1991 bietet die Brit School rund 900 Jugendlichen zwischen 14 und 19 eine klassisch-staatliche Schulausbildung, kombiniert mit einem künstlerischen Spezialprogramm. Es ist ein Gemeinschaftsprojekt von experimentierfreudigen Lokalpolitikern, visionären Kunstmäzenen und der britischen Kulturwirtschaft. Dafür wurde das ehrwürdige Backsteingebäude einer ehemaligen Mädchenschule von 1907 saniert. Daneben entstand ein Neubaukomplex, von außen Raumschiff, innen Hightech mit variablem Theater, Tanzsälen, verschiedenen Bühnen, Aufnahmestudios, Proberäumen und der schuleigenen Radiostation "87.8 Brit FM" (im Internet über www. britfm.co.uk). "Nach Schulschluss müssen wir die Leute manchmal rausschmeißen. Freiwillig gehen die sonst nicht nach Hause", sagt Mrs. Willson. Wo würden sie in ihrer Freizeit auch solche Bedingungen für ihre Hobbys finden? Ein Paradies - die Kosten teilen sich der Staat und Sponsoren aus der Musikindustrie.

"Wir produzieren hier nicht auf die Schnelle Künstler, mit denen sich Geld verdienen lässt", stellt der Schulleiter, Principal Nick Williams, gleich mal klar. "Unsere Sponsoren sind aber überzeugt, dass durch die Konzentration und Förderung von Talenten eine neue Musikkultur in unserem Land entstehen kann, von der am Ende alle profitieren."

Wie in Deutschland geht es auch der Plattenindustrie in England nicht gut. Principal Williams sieht die Ursache dafür nicht nur im Umsatzverlust durch das Raubkopieren von Musik, sondern vor allem in der mangelnden Authentizität der Künstler: "Die Zeiten, in denen Möchtegern-Stars in Casting-Shows wie 'Pop Idol' die Musiklandschaft bestimmen, haben uns allen sehr geschadet." Das ist bei uns dank "DSDS" nicht anders. Immerhin ließ der Gegentrend nicht lange auf sich warten. Die Leute wollen wieder echte Stars, die ihre eigenen Lieder schreiben und unfallfrei vortragen können. Livemusik hat in England eine lange Tradition, vom kleinsten Pub bis ins größte Stadion. Und inzwischen lässt sich damit wieder richtig Geld verdienen - ein wichtiger Beitrag zur Rettung der Musikindustrie. Aber natürlich tragen dazu auch ehemalige "Brits" wie Katie Melua mit ihren sieben Millionen verkauften Alben bei.

Auch die Schüler profitieren von dieser ungewöhnlichen Schulform, ob sie nun Superstars werden oder nicht: Das Leistungsniveau ist in sämtlichen Fächern - von Sozialkunde über Englisch, Fremdsprachen, Wissenschaften bis zu Mathematik - höher als an herkömmlichen Instituten. Weil auf die Bedürfnisse ihrer Talente eingegangen wird, ist ihre Motivation offensichtlich größer.

In den Medien äußern sich alle prominenten Absolventen positiv: "Viele kamen sich auf ihren vorherigen Schulen vor wie eckige Pfosten, die in runde Löcher gestopft werden sollen", erklärt Katie Melua. "Kaum waren wir hier, stellten wir fest, dass wir runde Pfosten sind." Kate Nash, als beste Solokünstlerin 2008 bei den Brit Awards ausgezeichnet, wollte eigentlich gar nicht Musikerin werden: "Ich habe im Schauspielunterricht so gut gelernt zu beobachten, dass ich einfach Lieder schreiben musste." Und was wäre woanders wohl aus Amy Winehouse geworden? "Meine Eltern haben mich nicht hergeschickt, damit ich singe", hat sie mal erzählt, "sondern um mich auf ein Leben als Hausfrau und Mutter vorzubereiten."

Einer der Neuen, der 14-jährige Ben, sitzt vor der nächsten Bandprobe auf einem Gitarrenverstärker und spielt ein kompliziertes Jimi-Hendrix-Solo. "Ich wollte auch nicht auf diese Schule, weil ich unbedingt Rockstar werden muss, sondern weil mir Lernen hier leichtfällt. Ich will auf jeden Fall einen Abschluss machen - für alles, was danach kommt. Musiker bin ich schon seit sieben Jahren." Wie Ben wirken die meisten Schüler erstaunlich abgeklärt und reif für ihr Alter. Vielleicht liegt das daran, dass sie nicht auf der Suche nach sich selbst sind wie viele Gleichaltrige, sondern für sich in der Gesellschaft schon eine eigene Position gefunden haben. Das macht selbstbewusst. Und souverän. Minderwertigkeitskomplexe muss hier niemand haben, Hänseleien oder Mobbing sind uncool, Rivalitäten und Zickenkriege selten. Es gibt keinen Außenseiter, der zu Hause komisch angeguckt wird, weil er in seinem Block als einziger Junge Musical-Tänzer werden will. Ob man seinen Stil als dürrer Pete-Doherty-Klon gefunden hat oder mit ein paar Pfunden zuviel im Tutu an der Ballettstange tanzt, ist egal - Talent und Leidenschaft sind die entscheidenden Qualifikationen.

Wer einen Platz auf der Brit School bekommen will, muss beim Aufnahme-Workshop seine Begabung präsentieren und in einem intensiven Gespräch mit dem Leiter eines künstlerischen Fachbereichs überzeugen. Jährlich bewerben sich gut 2000 Bewerber auf ungefähr 130 freie Plätze. Das Auswahlverfahren scheint äußerst effektiv zu sein. "Ich hätte während meiner Zeit auf dieser Schule nie gedacht, dass ausgerechnet ich von Beruf Sängerin werde", kokettiert Katie Melua gern. "In jedem Kurs waren Leute, die besser singen konnten als ich." Der Schulleiter ist trotzdem überzeugt, dass seine Schüler gar nichts Besonderes sind, sondern einfach nur "den repräsentativen Querschnitt der Bevölkerung im Umkreis von einer Stunde Fahrzeit widerspiegeln." Britisches Understatement.

"Lehrer von normalen Schulen würden bestimmt nicht glauben, dass man mit so einem Haufen selbstbewusster Individualisten richtig gut arbeiten kann", sagt Deutsch- und Französischlehrerin Laurence Arora. "Unsere Studenten sind lebhafter, lauter und ständig auf Sendung, aber gerade das macht sie zu guten Diskussionspartnern." Das Prinzip der Brit School beruht auf Eigenverantwortung und gegenseitigem Respekt. Zwischen Lehrern und Studenten, aber auch unter den Studenten selbst. Dieses Prinzip ist Gesetz - aber so ziemlich das einzige. "Es gibt keine Schulglocke, es gibt nicht die in England üblichen Uniformen, und es gibt auch keine Tabus. Manchmal fragen wir uns, was auf den Korridoren stattfindet", sagt Laurence. "Mal ist es reiner Schabernack, oft eine Probe und ab und zu die Probe für reinen Schabernack; doch das System funktioniert."

Schauspielstunde bei Simon Stevens, einem dandyhaften Lieblingslehrer mit weißem Schal und der Präsenz von Robin Williams in "Der Club der toten Dichter". Der Klassenraum ist schwarz und absolut leer. Nichts, was ablenken könnte. 15 Schüler sitzen auf dem Boden und konzentrieren sich für eine Improvisationsübung zum Thema Familienstreit. Sie haben eben ein paar kurze Filmszenen geschaut und sollen sich in eine der verschiedenen Rollen versetzen.

Die Aufgabe ist zu beobachten, welche Gefühle dabei in ihnen entstehen, und die in kleinen Gruppen spielerisch umzusetzen. Es macht Spaß zu beobachten, wie sich aus einem Durcheinander unklarer Gesten langsam erkennbar dargestellte Emotionen entwickeln. Ein Schlaks hockt sich vor seine Nachbarin und fängt an, sie leise und bedrohlich zu beschimpfen, sein Blick starr, die Augen Schlitze. Das Mädchen richtet sich auf, funkelt stolz zurück und lässt ein überhebliches Lächeln in ihrem Gesicht erscheinen. Sie sagt kein Wort - was ihn noch wütender macht. Er wird laut und brüllt, ihr Kind fängt ängstlich an zu heulen. Ein Kind? Na ja, es ist eine Mitschülerin und auch schon 17 Jahre alt, aber jetzt ist sie halt die Tochter und hat Angst und zittert und klammert sich an ihren Vater. Simon Stevens grinst zufrieden, geht von Szene zu Szene, lobt, fordert. Bald ist die Konzentration aufgebraucht, Gesten und Worte beginnen zu überdrehen. Am Schluss liegen alle auf dem Fußboden, lachend und erschöpft. Aber lange ausruhen ist nicht. Gleich ist Mathe.

"Ich finde es spannend zu sehen, was der Schauspielunterricht bewirkt", sagt Theaterschülerin Rhiannon. "Inzwischen kann ich glaubhaft ein gackerndes Huhn spielen und finde mich kein Stück lächerlich. Ich bin dann das Huhn. Und nicht Rhiannon." Dafür hat sie ein Problem, sich als Rhiannon fotografieren zu lassen, und wirkt dabei gehemmt. Darum verwandelt sie sich kurz mal in Lady Chatterley und spricht einen wütenden Monolog zu ihrem Lover.

Man kann durchaus neidisch sein auf die vielen Möglichkeiten, die es an dieser Schule gibt. Oder sich im Nachhinein sogar für die vergleichsweise peinlichen Schulaufführungen seiner Theater-AG in der Oberstufe schämen. Aber klar, wenn man auch so tolle Lehrer, Mitschüler und die Mittel gehabt hätte, wäre bestimmt mehr drin gewesen. Das ist es wohl, was diese Schule so besonders macht. "Wir sind davon überzeugt, dass junge Menschen voll von Talent und Möglichkeiten sind", sagt Nick Williams, "und dass Bildung die Chance bietet, diese Talente zu finden und zu fördern. Als Schule helfen wir bloß, das Rüstzeug dafür zu finden - so simpel ist das. Wir produzieren keine Künstler, aber wir geben ihnen das Werkzeug, das ihrer Kreativität Flügel verleiht." Sorry, das klingt jetzt aber doch ein bisschen kitschig, Principal. Andererseits: Wann dürfen wir vorsingen kommen?

Ab nach Croydon? Kinder aus ganz Europa können sich auf der Brit School in Croydon (www. brit.croydon.sch.uk) bewerben. Voraussetzungen: Mindestalter 14 Jahre und ein Versetzungszeugnis nach Klasse 10, sehr gute Englischkenntnisse, eine Adresse in näherer Umgebung der Schule - und Talent. Den zuständigen Bildungspolitikern in Deutschland bietet Principal Nick Williams gern Rat und Hilfe bei der Gründung einer Schule für Performing Arts & Technology an. Kontakt: admin@brit.croydon.sch.uk

Und wo kann man in Deutschland Pop lernen?

Private Musikschulen, Stage Schools für Tanz oder Schauspielschulen gibt es im ganzen Land. Sie erheben mitunter saftige Gebühren und bringen selten große Namen hervor. Eine Schule, auf der man seinen Realschulabschluss oder das Abitur machen und gleichzeitig das Pop-Business, Theater oder Tanz professionell lernen kann, gibt es in Deutschland nicht. Dafür finden Sie auch außerhalb großer Städte zumindest den passenden Instrumentenunterricht.

Infos z.B. unter: www.musikschulen.de, Tel. 0228/95 70 60; www.musicschool.yamaha-europe.com

Angehenden Musikern, auch ohne Schulabschluss, bietet die Hamburger Hochschule für Theater und Musik zwischen den Semestern Popkurse mit Dozenten aus Musik und Business an. Hier studierten u.a. Musiker von Wir sind Helden, Seeed oder Rosenstolz.

Infos: www.popkurs-hamburg.de, Tel. 040/428 48 25 74.

Die Popakademie Baden-Württemberg bietet Abiturienten ein Bachelor-Studium der Popularmusik und wird dabei nach britischem Modell von Teilen der Musikindustrie unterstützt - Stars findet man unter den Absolventen bisher nicht.

Infos: www.popakademie.de, Tel. 0621/53 39 72 00

Fotos: Philipp Ebeling Text: Jan Gritz Ein Artikel aus der BRIGITTE 06/09
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