Musikvideos im Internet: Rettung vor dem Schnuffel-Song

Musikfernsehen ist tot. Statt guter Video-Clips laufen Klingeltöne und Dating-Shows in Dauerschleife. Zum Glück gibt es im Internet immer mehr Seiten, die uns mit den neuesten Musikvideos versorgen

Abschied vom Musikfernsehen

Einst hieß es: "Video Killed The Radio Star"...

Meine ganze Jugend habe ich mit dir verbracht. Du warst cool, kanntest die besten neuen Bands. Und hast sie mir von morgens bis abends gezeigt. In Videos, in Interviews, in Konzerten. Doch während ich langsam älter wurde, bist du zu einem präpubertären Quatsch-Club mutiert. Was ist nur aus dir geworden, liebes Musikfernsehen? Du bist kaum noch auszuhalten!

Wenn ich VIVA oder MTV einschalte, will ich Video-Clips sehen. Keine Show, in der Knalltüte Gülcan über das Äußere halbnackter Solarium-Dauergäste urteilt. Ich will sehen, wie Frauen im Format einer Charlotte Roche Bands interviewen - und nicht, wie ein amerikanischer College-Boy die Mom seiner potentiellen neuen Freundin datet. Ich will, dass Travis, Snow Patrol oder Amy Winehouse Unplugged-Konzerte geben - und nicht wissen, wie zweitklassige Popsternchen eine Entziehungskur durchziehen.

Vor lauter Schnuffel-Songs, Abschlussklassen-Soaps und Dating-Shows haben die Musiksender vergessen, warum es sie eigentlich gibt. Video-Clips dienen nur noch als Lückenfüller zwischen zwei neuen Klingeltönen. Und statt originelle eigene Formate zu fördern und sich auch mal unbequeme Moderatoren wie Niels Ruf oder Christian Ulmen zu leisten, wird stumpf untertiteltes Konservenmaterial aus den USA gesendet. Da möchte man nur noch umschalten. Oder gleich ins Internet wechseln.

>> Hier erfahrt ihr, wo ihr Musikvideos online gucken könnt

Tape TV

Schlicht, schwarz, schön: Tape TV besticht durch sein reduziertes Design. Wer die Seite öffnet, wird sofort von einem aktuellen Video-Clip begrüßt. Ab dann gibt es mehrere Optionen: Einfach zurücklehnen und sich vom Programm überraschen lassen. Lieblingsgenre (zum Beispiel Indiepop, Alternative, Hiphop oder Soul) auswählen. Oder nach den Clips eines bestimmten Künstlers suchen.

Nette Idee: Unter "Special Feature" hat die Redaktion Musikvideos thematisch zusammengestellt, unter klangvollen Namen wie "Mädchenmukke" oder "Popowackeln". Die Web-TV-Macher haben Deals mit fast allen großen Labels, das Angebot ist riesig.

Einziger Wermutstropfen: Das Portal ist werbefinanziert, deswegen läuft nach ca. jedem dritten Clip eine kurze Werbung. Aber immerhin nicht für Klingeltöne!

>> Hier geht's zu www.tape.tv

Hobnox

Bei Hobnox geht es nicht nur um Musik, sondern um kreatives Netzwerken und Popkultur im Allgemeinen. Das macht die Multimedia-Plattform etwas unübersichtlich.

Doch die Suche nach dem Musik-TV-Kanal "Sly-Fy" lohnt sich, allein schon wegen der herrlich schrägen Webcam-Interviews, unter anderem mit der schwedischen Sängerin Lykke Li, den Schotten Mogwai oder den Ting-Tings aus Manchester. Außerdem werden Video-Clips und Live-Konzerte von bekannten und weniger bekannten Bands gezeigt.

>> Hier geht's zu www.hobnox.com

Pitchfork TV

Ein echter Geheimtipp für Fans alternativer Musik ist Pitchfork TV aus den USA. Das Videoportal des Online-Musikmagazins Pitchfork bietet Interviews mit Größen wie Paul McCartney oder Newcomerin Robyn, Konzert-Mitschnitte und natürlich Musik-Videos. Die sind von A wie Air bis Z wie Zach Hill aufgelistet, so dass man nach Herzenslust stöbern und tolle neue Musik entdecken kann.

Abgerundet wird das Programm durch regelmäßige Video-Premieren und Tour-Dokumentationen.

>> Hier geht's zu www.pitchfork.tv
Auf der nächsten Seite: Sputnik 7, Ligx.de und Kyte TV!

Estelle und Kanye West

Sputnik 7

Das Angebot an Musik-Videos ist bei Sputnik 7 noch relativ überschaubar. In der Kategorie "Blues and Soul" gibt es beispielsweise nur drei Einträge. Dafür sind die Clips fein säuberlich nach Genre sortiert. Außerdem wurden alle Videos mit Infos über den Künstler oder Eigenheiten der Produktion versehen.

Auch ein Blick in die Rubrik "Interview" lohnt sich. Dort sehen wir Berichte von Festivals und Partys aus der ganzen Welt.

>> Hier geht's zu www.sputnik7.com

Ligx.de

Wer es am liebsten live und laut mag, dem sei www.ligx.de ans Herz gelegt. Das Portal überträgt vor allem Konzerte weniger bekannter Bands aus kleinen Clubs. Jeder kann sich anmelden und seine Konzerte streamen.

Einige Gigs (zum Beispiel von den Subways) werden aber auch von professionellen Video-Teams des Anbieters besucht und gefilmt. Die Live-Mitschnitte sind über mehrere Wochen jederzeit abrufbar.

>> Hier geht's zu www.ligx.de

Kyte TV

Auch die Platform Kyte TV macht dem klassischen Musikfernsehen Konkurrenz. Künstler können dort ihre eigenen Channels anlegen und Konzerte, Interviews und Video-Botschaften platzieren.

Wie bei youtube ist es auch Ottonormalverbrauchern möglich, Inhalte über Kyte TV zu verbreiten. So wirkt das Angebot auf den ersten Blick ziemlich erschlagend. Spaß macht Kyte TV vor allem, wenn man gezielt nach bestimmten Bands sucht. Dann finden sich echte Interview-Raritäten, etwa wie Deutschlands Vorzeige-Rastafari Gentleman lauter unlustige Witze erzählt.

>> Hier geht's zu www.kyte.tv
Text Julia Müller

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