"Keine Sorge, mir geht's gut"...

... erzählt, wie man sich selbst wieder findet, wenn man sich schon verloren glaubte. Die dramatische Familiengeschichte des französischen Erfolgsregisseurs Philippe Lioret lebt von einem Geheimnis, das bis zum Ende gewahrt bleibt

Lili (Mélanie Laurent) ist 19, kommt aus den Sommerferien nach Hause in einen bürgerlichen Pariser-Vorort zurück und erfährt von ihren Eltern, dass ihr Zwillingsbruder Loïc nach einem heftigen Streit mit dem Vater spurlos verschwunden ist. Krank vor Sorge um den geliebten Bruder und gefangen in ihrer Ungewissheit verliert Lili sich selbst: Sie hört auf zu essen und landet schließlich in einer Psychiatrie, in der man ihrer Depression aber nicht Herr wird.

Auf der Suche nach Wahrheit

Dann endlich die Rettung: Lili erhält eine Postkarte des vermissten Bruders! Ihm ginge es gut, er zöge mit seiner Gitarre von Stadt zu Stadt, wäre froh, den Vater endlich los zu sein, schreibt er. Lili, die bis jetzt das Schlimmste befürchtete, schöpft neuen Mut. Durch die nun regelmäßig eintreffenden Nachrichten des Verschwundenen kommt sie wieder zu sich und ordnet zunächst ihr eigenes Leben neu. Sie tauscht Studium gegen einen Job an der Supermarkt-Kasse, zieht in eine eigene Wohnung und verliebt sich in Thomas (Julien Boisselier), den Ex-Freund ihrer Freundin Léa (Aïssa Maïga). Doch die Angst um Loïc lässt sie nicht los, ihr Denken und Handeln sind bestimmt von der Suche nach der Wahrheit - und dabei kommt sie einem schmerzhaften Geheimnis auf die Spur...

Rätselhaftes Familienkonstrukt

Durch das Drama, das die Familie erlebt, lernen sich die Eltern neu kennen, rücken näher zusammen, und nach und nach enthüllt der Film die wahren Charaktere. Der Vater (Kad Merad) scheint lange beinahe unbeteiligt, doch im Laufe des Films erkennt man hinter seiner verschlossenen Art tiefe Zweifel, die ihn menschlicher werden lassen und das Band zu Lili festigen. Auch die Mutter (Isabelle Renauld) hat sich offenbar mit der Abwesenheit ihres Sohnes abgefunden. Hilflos und überfordert versucht sie sowohl ihren Mann zu unterstützen als auch der Tochter in ihrem Kummer beizustehen.

Überragende Schauspielerleistungen

Von Anfang an hinreißend glaubwürdig in ihrer Emotion, sorgt die erst 23-jährige Mélanie Laurent dafür, dass man die Sorgen und Gedanken Lilis von Anfang an teilt und sie in ihrer Verzweiflung begleitet. Vollkommen zu Recht gilt sie als das neue Schauspieltalent Frankreichs und hat im Herbst für ihre bewegende Leistung als Lili den "Romy Schneider Preis" und Ende Februar den Cesar als beste weibliche Nachwuchsdarstellerin bekommen. Auch Kad Merad wurde für seine Rolle des Vaters mit dem Cesar als bester Darsteller in einer Nebenrolle ausgezeichnet. Das spricht für sich und kann an dieser Stelle nur bestätigt werden: Das übersichtlich angelegte Schauspielerensemble ergänzt sich ungewöhnlich harmonisch, trotz - oder vielleicht gerade wegen - der scheinbar unüberwindbaren Unterschiedlichkeit der Charaktere. Jeder Akteur ist so glaubwürdig in seiner jeweiligen Rolle, dass das Beziehungsgeflecht Identifikationspotential für jeden von uns bietet und gnadenlos echt den Zeitgeist trifft!

Psychologisch präzise...

Insgesamt ein sensibles Drehbuch nach dem gleichnamigen Buch von Olivier Adam, aus dem ein sehenswerter Film für Freunde von leisen und nachdenklichen Geschichten entstanden ist. Philippe Lioret ist mit "Keine Sorge, mir geht ?s gut" eine sinnvolle Verknüpfung von Familienkonflikt, Erwachsenwerden, von Liebe und Freundschaft gelungen, wobei das Thema der Verlustangst immer im Mittelpunkt steht. Nicht den Lebenszeichen des Bruders, sondern vielmehr Lilis Versuch, ohne ihn zurechtzukommen, gehört alle Aufmerksamkeit. Technisch recht schnörkellos gestaltet und mit Musik, die den Ton des Films überzeugend unterstützt ergibt sich ein stimmiges Gesamtpaket.

...aber ohne Sinn für Logik

Dass die Auflösung relativ schnell absehbar ist, schadet nicht der Dramatik des Films. Wer aber nach Logik fragt, wird enttäuscht. Realistisch sind zwar die Gefühle, nicht aber das Geschehen auf dem der Film basiert. "Keine Sorge, mir geht ?s gut" lebt von seinen Figuren - wer das mag, wird begeistert sein!

Bilder PROKINO Filmverleih GmbH

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