Samy Deluxe: "Meine Karriere hat in einer WG begonnen"

Auf seinem neuen Album "Dis wo ich herkomm" rappt Samy Deluxe über Heimatgefühle. Wir haben den MC zu Hause besucht und mit ihm über seine legendäre WG, teuren Schmuck und das Vatersein gesprochen

Der Rapper Samy Deluxe hält nichts mehr von Bling-Bling und Ghetto-Gehabe

Hausbesuch bei Samy Deluxe

Die Wohngegend ist mehr als ruhig. Schmucke Einfamilienhäuser, ordentliche Hecken, nett grüßende Nachbarn. Hier, in in einer Doppelhaus-Hälfte aus rotem Backstein, wohnt also einer der größten deutschen Rapper. Sehr beschaulich - nur der riesige schwarze Dodge am Straßenrand passt nicht ins Bild. In schwarzen Hauspuschen mit rotem Hamburg-Logo kommt Samy Deluxe zur Tür. "Wollt ihr zu mir?". Genau! Im Wohnzimmer sitzt Samys achtjähriger Sohn und isst Sushi. Besser gesagt Reis, den Fisch pult er vorher raus. "Wollt ihr was trinken? Ich hab Wasser oder Apfelsaftschorle?". Dieser Mann ist wirklich erwachsen geworden - das ist nicht nur auf seinem Album "Dis wo ich herkomm" zu hören.

Brigitte Young Miss: Du hast schon ziemlich viel WG-Erfahrung...

Samy Deluxe: Meine ganze Karriere hat in einer WG angefangen: Eimsbush Basement, die war in Hiphop-Kreisen legendär. Wir haben im Hinterhof in einer Souterrain-Wohnung gewohnt, von 1997 bis irgendwann in den 2000ern. Die ersten Eimsbush Tapes haben wir dort auch aufgenommen. Als ich mich später von meiner Frau getrennt habe, bin ich wieder in eine WG gezogen. Bis vor zwei Jahren, dann hatte ich keine Lust mehr.

Brigitte Young Miss: Gab es bei dir einen Putzplan oder das totale Chaos?

Samy Deluxe: Bei mir läuft inzwischen gar nichts mehr ohne Putzfrau. Ich koche selbst und so, aber Putzen ist überhaupt nicht mein Ding.

Brigitte Young Miss: Mit wem könntest du auf keinen Fall zusammenwohnen?

Samy Deluxe: Ich mag keine unhygienischen Leute. Als ich im Eimsbush Basement eingezogen bin, mit Tropf, einem meiner Produzenten, wohnte da übergangsweise ein Typ, der sich bestimmt einen Monat lang nicht geduscht hat. Das wurde immer widerlicher, wenn du an seiner Zimmertür vorbeigelaufen bist. Es hat schon seine Gründe, warum ich jetzt alleine wohne.

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Brigitte Young Miss: Wenn jemand dein Lieblings-T-Shirt geklaut oder deinen Rasierer zum Beinerasieren benutzt hat - bist du dann ausgerastet?

Samy Deluxe: Ich habe immer mit Männern in WGs gewohnt, Probleme mit Rasierern hatten wir nie. Da sind andere Sachen passiert. Zum Beispiel, dass du nach Hause gekommen bist und in deinem Bett ein benutztes Kondom lag. "Digger, hast du in meinem Bett jemanden gebumst? Mach mal das Kondom weg und bezieh mein Bett neu!" Das waren unsere Männerprobleme. Aber eigentlich waren wir ganz entspannt.

Brigitte Young Miss: Was war das Wichtigste in eurer WG?

Samy Deluxe: Die Küche war sehr geil, da hat jeder an die Wand getaggt und überall waren Sticker. Der Raum hatte so viel Seele, das war unglaublich.

Brigitte Young Miss: Warum, glaubst du, wärst du ein guter Mitbewohner?

Samy Deluxe: Das habe ich nie behauptet... Nein, ich glaube, ich bin ein netter Kerl. Ich brauche zwar viel Zeit für mich, aber man kann gut mit mir reden. Und wenn ihr mit mir weggeht, kommt ihr umsonst in die Clubs und kriegt bestimmt auch ein paar Drinks ausgegeben.

Besucht Samy Deluxe in der Bym-WG

Samys Küche in der Bym-WG

Ihr habt es ja gehört: Samy Deluxe ist ein richtig netter Kerl. In der Bym-WG könnt ihr in seiner Küche rumhängen, Fragen stellen und euch mit seinem neuen Video "Bis die Sonne rauskommt" auf den Sommer freuen.

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Samy Deluxe über sein Album "Dis wo ich herkomm"

Samy Deluxe in seinem Arbeitszimmer

Brigitte Young Miss: Du bist in Hamburg-Eppendorf aufgewachsen, also eher gutbürgerlich als Ghetto.

Samy Deluxe: Ja, wir sind dort hingezogen, nachdem mein Vater uns verlassen hatte. In den Achtzigern war das Viertel auf keinen Fall so snobistisch wie jetzt, aber es bahnte sich schon an. Das führte zu merkwürdigen Situationen. Ich stand vor unserer Haustür und unsere neuen Nachbarn guckten mich an und fragten: „Können wir dir helfen, was willst du denn hier?“. Das passte für sie nicht zusammen, der kleine braune Junge und die schöne Straße mit ihrer 160 qm Altbauwohnung und dem Stuck an den Decken. Das Krasse ist, dass ich mit keinem Menschen in dem Viertel etwas zu tun hatte. Meine Klassenkameraden waren teilweise richtig verwöhnte Gören, die zu Ostern mehr Geschenke bekommen haben als ich zu Weihnachten und Ostern zusammen, weißt du.

Brigitte Young Miss: Ein Song auf deinem Album ist deiner Oma gewidmet, in einem anderen geht es um deinen Sohn. Bist du ein Familienmensch?

Samy Deluxe: Zu meiner Mutter habe ich ein sehr gutes Verhältnis, sie arbeitet auch für mich. Aber ich muss nicht jeden Tag mit meiner Familie telefonieren. Eigentlich bin ich ein krasser Einzelgänger. Wenn ich ein Problem habe, dann mache ich es mit mir aus. Egal, wie viele Leute ich habe, um darüber zu reden – ich tue es einfach nicht.


Samys Handy piept. Eine SMS.

Brigitte Young Miss: Ist dein Sohn stolz auf dich?

Samy Deluxe: Ja, er bekommt schon mit, was ich mache. Neulich nach seinem Fußballtraining meinte eine Mutter: 'Dein Sohn muss total stolz auf dich sein.' Ich habe geantwortet: 'Ich hoffe schon, aber eigentlich muss er nicht stolzer sein als dein Kind auf dich.' Ich versuche ihm zu vermitteln, dass nicht alles, was glitzert, Gold ist. Jede Gesellschaft könnte ohne einen Rapper überleben oder einen gecasteten Superstar, der nach einem Jahr ausgetauscht wird. Aber kein Land der Welt kann ohne Krankenschwestern, Altenpfleger oder Müllmänner bestehen. Die Jobs haben kein geiles Image, sind aber viel wichtiger als jede Art von Entertainment.

Keine Lust mehr auf teuren Schmuck

Brigitte Young Miss: Das klingst jetzt aber nicht mehr nach dem typischen Bling-Bling-Rapper, der gerne einen auf dicke Hosen macht.

Samy Deluxe: Das liegt alles hinter mir. Irgendwo hier ist eine Schatulle mit Schmuck für 200.000 Dollar. Den trage ich aber nicht mehr. Ich habe immer mehr gekauft: noch eine Kette für 20.000, noch eine dicke Uhr, noch ein Ring, Bling-Bling. Bis ich irgendwann gesehen habe, dass mich das nicht glücklicher macht, sondern einen Keil treibt zwischen mich und die Menschen, mit denen ich mich umgebe. Mir gibt es viel mehr, vormittags in eine Schule zu gehen und einen Workshop zu leiten. Darauf kannst du stolz sein, nicht auf eine teure Kette. Leider ist mir das erst ein bisschen spät aufgefallen, nachdem ich schon sehr viel Geld ausgegeben hatte. Aber immerhin...

Brigitte Young Miss: Du hast überlegt, nach Amerika auszuwandern. Warum bist du doch hier geblieben?.

Samy Deluxe: Deutschland ist für mich einfach Realität. Es ist das Land, in dem ich morgens aufwachen will. Die ersten paar Mal in Amerika habe ich mich gefühlt wie in einem Traumland. So viele dunkelhäutige Menschen auf der Straße, endlich war ich nicht mehr der Exot. Du musst dir das vorstellen, ich bin in einem Viertel aufgewachsen, in dem ich – gefühlt auf jeden Fall – der einzige Schwarze war. Das erste Mal, als ich andere dunkelhäutige Menschen kennengelernt habe, war mit zwölf oder dreizehn. Das ist schon krass, wenn du dich nirgendwo in deiner Umwelt reflektiert siehst. Aber mit der Zeit ist mir aufgefallen, dass in den USA die Kulturen parallel nebeneinander herlaufen, das ist kein Multi-Kulti. In Deutschland hat sich dagegen viel verändert. Die größten Musiker hier haben einen Migrationshintergrund, ein Türke wie Cem Özdemir hat es sogar bis in die Politik geschafft. Dieses Land hat eine gute Basis. Das heißt nicht, dass ich eine komplette Lobeshymne auf Deutschland singe. Aber mein ewiges Bashing ist vorbei. Irgendwas liegt mir an diesem Land.

Beschaulich: Samy Deluxe auf der Terrasse seiner Doppelhaus-Hälfte

Brigitte Young Miss: Hättest du dir vor zehn Jahren träumen lassen, einmal hier in diesem ruhigen Vorort zu wohnen?

Samy Deluxe: Auf keinen Fall. Aber ich habe mal einen Satz von einem schlauen Mann gehört: Nur wer sich verändert, bleibt sich auch selbst treu. Das hat mir Mut gegeben. Das hier ist nicht der neue Samy, sondern das Update.


Nebenbei tippt Samy auf seinem Handy herum.

Brigitte Young Miss: Kannst du gleichzeitig reden und eine SMS schreiben?

Samy Deluxe: Klar, das ist Multitasking.

Brigitte Young Miss: Damit haben Männer doch normalerweise Probleme.

Samy Deluxe: Ich bin halt kein Standard-Mann, ich habe ein paar Extra-Talente.

Brigitte Young Miss: Aha. Apropos Extra-Talent: Auf deinem neuen Album singst du auch. Ist man irgendwann zu alt für's Rappen?

Samy Deluxe: Ich glaube, in Deutschland hat Rappen noch keine gesellschaftliche Akzeptanz als etwas Erwachsenes. Die meisten Rapper, die schon ein paar Jahre länger dabei sind, haben irgendwann gewechselt, Jan Delay und Max Herre zum Beispiel. Das hat auch viel damit zu tun, wie sich die Szene entwickelt hat. Wenn sie immer reifer und reifer geworden wäre, wäre es vielleicht leichter, weiter nur für Hiphop zu stehen. Aber in den letzten Jahren waren extrem viele Idioten unterwegs, die Rap auf ein Level heruntergezogen haben, bei dem es nur um Schimpfworte geht und überhaupt nicht mehr um Poesie und Wortwitz.

Brigitte Young Miss: Du meinst Sido, Bushido und Konsorten.

Samy Deluxe: Genau. Da hat sich unglaublich viel verändert. Wenn du zehn Jahre zurückspulst, hießen die erfolgreichsten Rapper Olli P. und der Wolf. Selbst Rap-Acts wie die Beginner und Freundeskreis hatten einen derben Pop-Sound. Ich galt damals als extrem hart, die Leute hielten mich für einen Egomanen. Ein paar Jahre später kamen dann Leute wie Savash mit ihrer Fäkalsprache, und wieder ein paar Jahre später kamen Bushido und Sido, die Rap inhaltlich auf ein ganz anderes Level gebracht haben. Gewalt, Drogenverherrlichung und vermeintlich sexistischen Texte - das sind Sachen, die man sein Kind nicht hören lassen sollte.

Brigitte Young Miss: Was wäre, wenn dein Sohn in ein paar Jahren mit solchen CDs nach Hause käme?

Samy Deluxe: Ich glaube, weil ich selbst so in der Musik drinstecke, würde dieses Zeug auf meinen Sohn keinen großen Einfluss haben. Es ist wahrscheinlich krasser, wenn die Tochter eines Arztes im Einfamilienhaus auf einmal den Arschfick-Song hört. Egal, womit mein Sohn mir kommen würde, ob es um Frauen geht oder um Drogen, ich würde einfach nur sagen: Ich habe das alles bestimmt hundert Mal so hart gemacht wie du, also lass mal stecken.

Brigitte Young Miss: Dein eigener Vater lebt im Sudan. Weiß er eigentlich, dass du in Deutschland ein erfolgreicher Rapper bist?

Samy Deluxe: Ja, das weiß er. Er meldet sich aber nicht bei mir. Ich weiß auch nicht, was passieren würde, wenn er wieder Kontakt suchen würde. Ich würde ihm wahrscheinlich die erste Strophe aus „Vatertag“ übersetzen lassen: "Ich hab ne wundervolle Mama doch nen Loser als Vater." Wenn ich mir vorstelle, dass mein Sohn irgendwann so über mich denken könnte wie ich über meinen Vater, dann würde ich sterben wollen. Dieser Gedanke ist für mich ein unglaublicher Antrieb.

Interview Julia Müller

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