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Abenteuer Fliegen Jetzt ist sogar schon die Bahn die bessere Wahl

Abenteuer Fliegen: Jetzt ist sogar schon die Bahn die bessere Wahl
© Ying Tang/NurPhoto / Getty Images
Fliegen ist wieder ein Abenteuer geworden, weil man nicht weiß, wie es ausgeht. Komme ich an, erreiche ich mein Kreuzfahrtschiff, werde ich jemals meinen Koffer wiedersehen?

Zu den Gewissheiten, die in letzter Zeit zerstört worden sind (in Europa herrscht Frieden, Aufrüstung ist ein Fehler, Pandemien gibt's nur im Science Fiction, etc.), gehört jetzt auch: Steig nicht in die Bahn, wenn du's eilig hast. Denn zumindest in diesem Sommer scheint sie die bessere Wahl zu sein. An Flughäfen stranden Menschen über Tage, Zehntausende Koffer warten Tausende Kilometer von ihren Besitzer:innen entfernt in Gepäckhallen, Flugzeuge können nicht starten, weil niemand da ist, der sie aufs Rollfeld schiebt – so gerade erlebt in London, wo wir schließlich doch noch in letzter Minute abheben konnten, bevor uns das Nachtflugverbot in die Quere kam. 

Superlativ mal anders: Ich habe die längste Schlange meines Lebens bewältigt

Als mein Begleiter und ich eine Woche zuvor am Airport London Heathrow angekommen sind, nachdem wir an der Security in Hamburg die längste Schlange unseres Lebens bewältigt hatten, haben wir uns am Gepäckband vor Erleichterung abgeklatscht:

Yes! Aller "Chaos-am-Flughafen"-Meldungen zum Trotz ­– wir haben es geschafft, wir sind angekommen!

Doch mit jeder Minute, mit jeder Viertelstunde sackte die Freude mehr in sich zusammen, wurden unsere Gesichter lang und länger, bis wir ungläubig auf das Gepäckband starrten, das nun leer vor sich hinkreiste. Die Gesichter der anderen Fluggäste aus unserer Maschine sahen kaum besser aus. Beim "Lost Baggage"-Counter dann die Info, dass unser Gepäck Hamburg womöglich gar nicht verlassen hat.

Das ist jetzt neun Tage her, ich bin wieder Zuhause, mein Koffer nicht. Ich habe einige Zeit investiert, um das Bemühen der Airline (einer Lufthansa-Tochter) zu torpedieren, sämtliche Kontaktmöglichkeiten vor mir zu verstecken. Telefonnummer? Nope. Email-Adresse? Nö. Beides habe ich irgendwann nur deshalb im Impressum der Website gefunden, weil jedes Unternehmen dazu verpflichtet ist, diese anzugeben. 

Am Telefon nur Gitarrenmusik 

Unter der Telefonnummer ging niemand ran, auch nach sehr viel Gitarrenmusik nicht. Auf meine Emails keine Antwort. Habe schließlich ein detailreiches, englisches Formular ausgefüllt, es nennt sich "manage your bag", was mir wohl das Gefühl vermitteln soll, ich könne den Gang der Dinge irgendwie beeinflussen, gar "managen", und wäre dem Verlust meines Koffers nicht bloß ausgeliefert. Um das Formular abschicken zu können, musste ich "Terms and Conditions" anklicken, die ich nirgendwo nachlesen konnte. Vermutlich habe ich zugestimmt, auf jegliche Ansprüche zu verzichten.

Sommer schön und gut – vielleicht ist jetzt einfach nicht die Zeit zum Verreisen. Krieg in der Nachbarschaft, Pandemie, Energiekrise, Arbeitskräfte-, Wasser-, Getreide- und ganz viel anderer Mangel, Artensterben, Overtourism, war noch was? Ach, der Klimawandel.

Vielleicht erholt man sich derzeit ohnehin am besten, wenn man sich eine zweiwöchige Nachrichtenpause gönnt.

Oder wenn man einfach mit der Bahn irgendwohin fährt – im Zug kann man sich notfalls auf den Koffer setzen, wenn kein Sitzplatz mehr frei ist.

Brigitte

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