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Auf nach Paris! Wildnis unterm Eiffelturm: Unsere Lieblingsstadt wird grün

Paris: Grüne Bäume wachsen vor dem Eifelturm. Im Hintergrund ist der Himmel blau mit einigen weißen Wolken
© S-F / Shutterstock
Paris ist die schönste Metropole der Welt. Stau, schlechte Luft, Hitze und Gedränge – das gehörte leider dazu. Doch seit Bürgermeisterin Anne Hidalgo ankündigte, die Stadt in eine grüne Oase zu verwandeln, hat sich viel getan. Ariane Heimbach erlebte eine Überraschung.

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"Waschtinkndiso“. Immer wenn ich in Paris ankomme und aus der Metro steige, fällt mir dieser genuschelte Satz aus dem berühmten Buch "Zazie in der Metro" ein. Nicht wegen der Menschen, über deren Ausdünstungen sich die Landgöre Zazie beschwert, sondern wegen des typischen Geruchs aus heißen Gummireifen, Schweiß und abgestandener Luft, der einem auf den Bahnsteigen sofort entgegenschlägt. Es ist ein Geruch, der mich, je nach Grundstimmung, sofort in Euphorie oder Panik versetzt. In dieses: Hey, ich bin in Paris, der schönsten Stadt der Welt! Oder: Hilfe, ich muss hier raus!

Paris, das war für mich schon immer eine Hassliebe: das Gedränge, der Lärm, der Verkehr, der Schmutz auf den Straßen, die Steinwüsten. Und zugleich: die gebaute Schönheit der Stadt, die breiten Boulevards, die Cafés und Brasserien, von wo sich das Leben wie von einer Bühne aus betrachten lässt. Nirgendwo sonst kann man so gut allein draußen sitzen, am besten an einem runden Bistrotisch, eingezwängt zwischen anderen, die alle geradeaus auf die Flanierenden blicken. Dass gleich dahinter die Autos mit ihren Abgasen vorbeidonnern? Egal. Am Nebentisch wird garantiert geraucht.

Ein nachhaltigeres Paris?

Doch jetzt soll Paris anders werden. Grüner, nachhaltiger, lebenswerter. Die Leute sollen wieder atmen können, wie Bürgermeisterin Anne Hidalgo es in ihrer programmatischen Schrift "Respirer" verkündete. "Wir sterben nicht morgen an der Luftverschmutzung. Wir sterben heute daran", schreibt sie. Schuld sei nicht nur der massive Autoverkehr, sondern auch das fehlende Grün. In keiner anderen westlichen Metropole gibt es so wenige Grünflächen wie in Paris. Nur 5,6 Quadratmeter pro Kopf sind es in den 20 Arrondissements. Berlin bietet über 150 Quadratmeter, London 63 und selbst New York 24,5. Hinzu kommen die Auswirkungen des Klimawandels, die in der französischen Hauptstadt zunehmend zu spüren sind. Die vielen baumlosen Straßen wirken wie Hitzespeicher. Nachts kühlt es im Sommer immer seltener auf unter 20 Grad ab.

Seither ist viel passiert. Anne Hidalgo, die in Frankreich gerade für das Amt als Präsidentin kandidiert, hat über 300 Kilometer neue Radwege geschaffen, ganze Straßenzüge in autofreie Zonen umgewandelt, überall Tempolimit 30 eingeführt, versprochen, 170 000 Bäume zu pflanzen, und alle Pariser:innen aufgefordert, wo es möglich ist, auf Dächern, Balkonen, an Fassaden und in Nischen zwischen den Häusern, selbst Gärten anzulegen, die für Sauerstoff und Erfrischung sorgen sollen.

Das will ich mir anschauen. Diesmal also: kein Abstecher in den Louvre, kein Aufstieg zur Sacré-Cœur mit dem grandiosen Blick auf das steinerne Meer und wieder nicht der Eiffelturm, auf den ich es wegen der Schlangen vor der Kasse noch nie geschafft habe. Sondern das Grün von Paris entdecken: an stillgelegten Bahntrassen, auf schwimmenden Flussgärten, in Parkanlagen, urbanen Gartenbauprojekten oder unterirdischen Pilzfarmen.

Sightseeing mal anders

Die Stadt glüht an diesem Sommertag. Heißer Wind treibt den Sand im Tuileriengarten vor sich her und erfüllt die Luft mit Staub. Wer kann, ergattert einen der grünen Metallstühle und sucht den Schatten unter den rund 3000 Linden, Platanen, Ulmen und Kastanienbäumen, die in dem über 400 Jahre alten Barockpark am Louvre-Museum wachsen. Es ist einer dieser Hitzetage, die erahnen lassen, was Großstädte wie Paris erwartet, wenn der Klimawandel die Erwärmung der Erde vorantreibt. An der baumfreien Place de la Concorde, gleich neben den Tuilerien, wurden im Sommer schon weit über 40 Grad Celsius gemessen.

Hier, im Herzen von Paris, konnte man schon immer der Steinwüste ringsum entfliehen. Trat man aus dem Grün jedoch hinaus auf die Rue de Rivoli, die berühmte Prachtstraße mit ihren Arkaden und Luxusgeschäften, die den Jardin des Tuileries säumt, war der Schock umso größer: Auf vier Spuren rasten die Autos über die drei Kilometer lange Verkehrsachse, die von der Concorde im Westen bis zur Bastille im Osten führt. Zu Fuß war man hier auf dem breiten Bürgersteig noch einigermaßem sicher, doch wer mit dem Rad fuhr, riskierte, von einem der Raser gegen den Bordstein gedrängt zu werden.

Paris: Grüne Bäume wachsen vor dem Eifelturm. Im Hintergrund ist der Himmel blau mit einigen weißen Wolken
© S-F / Shutterstock

Doch das ist nun Geschichte. Denn die Rue de Rivoli ist seit ein paar Monaten weitgehend autofrei. Auf einer Spur dürfen zwar noch Taxis und Busse langsam fahren, doch der Rest gehört den Fahrrädern und E-Rollern. Keine Abgase mehr, kein Motorlärm. Ich habe am Vormittag bei dem kleinen Verleih "Paris à Vélo" ein Fahrrad gemietet. Stephanie, die als Fotografin in Paris lebt und mit mir die urbane Natur erkunden will, schließt eins der grasgrünen Stadträder von "Vélib" auf, die inzwischen an 1400 Stationen stehen. Ich bin noch nie zuvor in Paris Fahrrad gefahren. Jetzt ist es ein Triumph, locker strampelnd, das erhitzte Gesicht im Fahrtwind, auf der schnurgeraden Prachtstraße an den kriechenden Wagenkolonnen vorbei in Richtung Bastille zu sausen. Auf der Höhe des Rathauses biegen wir rechts ab, um den Abhang hinunter auf den wahrscheinlich schönsten Radweg von Paris zu fahren: ans Ufer der Seine. Auf insgesamt sieben Kilometern erstreckt sich die für Autos inzwischen gesperrte Uferstraße des "Parc Rives de Seine" auf der rechten und linken Seite des Flusses. Hölzerne Picknicktische und Bänke laden zum Verweilen ein. Neue Cafés, Bars und Restaurants haben entlang der Ufermauer eröffnet. Gegen Mitte Juli, erzählt Stephanie, verwandelt sich ein Teil der Wiese am rechten Seine-Ufer für einige Wochen in ein Strandbad: "Paris Plage". Die Stadt lässt tonnenweise Sand aufschütten, stellt Palmen, Liegen, Sonnenschirme auf, und hinterher wird alles wieder weggeräumt.

Sind schwimmende Gärten die Lösung?

Auf der Höhe des Musée d’Orsay überqueren wir, die Räder schiebend, auf einer Fußgängerbrücke die Seine, um auf der linken Seite weiterzufahren, wo in der Nähe des Eiffelturms die "Jardins Flottants", die schwimmenden Gärten der Seine liegen. Klingt spektakulärer, als es ist. Zwar wuchern Weiden, Rohrkolben, Minze, Sumpfschwertlilien und Weidenröschen aus den mit Erde aufgeschütteten metallenen Pontons, geschwungene Liegebänke laden zu einem Nickerchen ein, doch ich fühle mich hinter dem Maschendrahtzaun schnell eingezwängt wie auf einer Schiffsterrasse – auf der die besten Plätzen natürlich schon belegt sind.

"Pardon, wo gehen Sie in Paris hin, wenn Sie Natur suchen?", frage ich eine Studentin, die auf der künstlichen Insel gerade ihr Lunchpaket auspackt. "Auf den Friedhof", sagt sie und lacht, als ich sie wohl etwas verdutzt anblicke. Und was ist mit den Parks und Gärten der Stadt? Sie schüttelt den Kopf. "Nirgendwo ist es so ruhig wie unter den alten Bäumen und Steinen des Père Lachaise." Okay, das ist nun eine Antwort, die wirklich überrascht. Wenn Natur für Menschen vor allem Ruhe bedeutet, hat sie dann überhaupt eine Chance in einer Millionenstadt außer an den Orten, die diese für ihre Toten schafft? Oder, anders gefragt, muss man sie vielleicht gerade dort suchen, wo das scheinbar endlose, maßlose Wachstum der Zivilisation zum Stillstand gekommen ist?

Die "Petite Ceinture", der kleine Gürtel, eine brachliegende Bahnstrecke, die sich auf 32 Kilometern einmal im Rund um Paris zieht, kommt dieser Vorstellung von Natur ziemlich nah. Bisher sind nur einige Abschnitte für Spaziergänge zugänglich, von denen das 1,5 Kilometer lange, hoch gelegene Teilstück im 15. Arrondissement das längste ist. Die Eingänge sind leicht zu übersehen, doch hat man die Schilder an den ehemaligen Bahnhöfen ausgemacht, ist man über die steilen Treppen schnell oben. Auf dem sandigen Weg sind die Gleise noch gut sichtbar, doch Gräser, Brombeersträucher, Holunder haben das Terrain bereits erobert. Ahornbäume und Kastanien bilden an einigen Stellen ein natürliches Blätterdach. Der nie versiegende Stadtlärm dringt durch die Böschung gedämpft nach oben.

Es muss nicht immer perfekt sein

Was diesen Ort so charmant und besonders macht, ist keine Üppigkeit, es ist nicht das staubige Grün, sondern das Wilde, Unaufgeräumte, Ungenutzte der Natur. Sie entzieht sich hier der Verwertungslogik, die sich in den gestutzten Alleen und symmetrischen Beeten der französischen Gärten im Stil der Tuilerien noch immer findet. Leider sind die Etappen, die man gehen kann, bisher sehr kurz, und plötzlich steht man wieder vor einem eisernen Gatter.

Und jetzt? Es gäbe noch so viel zu sehen. Die vertikalen Gärten von Patrick Blanc etwa, der graue Fassaden in grüne Biotope verwandelt. Oder die vielen neuen "Urban-Gardening"-Initiativen mit ihren Gemüsegärten auf Dächern, in Hinterhöfen und in brachliegenden Gewerbegebieten. Doch dieser Tag neigt sich dem Ende zu, und mir fehlt noch etwas: Wald, Ausblicke und ja, sattes Grün. Noch einmal geht es quer durch die Stadt, jetzt nach Nordosten, erst mit dem Rad, dann weiter mit der Metro in meinen Lieblingspark Buttes-Chaumont. Es ist ein rund 150 Jahre alter Landschaftsgarten im englischen Stil, einer der größten der Stadt, der dem, was wir emphatisch Natur nennen, nach wie vor am meisten entspricht: geschwungene Wege, die sich in dichten Baumgruppen verlieren, sanfte Hügel, ein Wasserfall, Felsen und Lichtungen, von wo aus man über die Baumkronen hinaus bis auf die Skyline der Stadt dahinter blicken kann.

Paris: hinter grünen Bäumen eines Parks mit Brücke sind einige Häuser von Paris zu sehen.
Lieblingspark – Der Buttes-Chaumont ist ein 25 Hektar großer Landschaftsgarten.
© Franck Legros / Shutterstock

Merci, Natur

Ein Platzregen treibt uns plötzlich unter einen mächtigen Mammutbaum, der einsam an einem Wiesenhang steht. Sofort ist da dieses archaische Gefühl von Schutz und Geborgenheit unter seinen ausladenden Zweigen. Merci, sage ich im Stillen, als wir uns von dem Baum verabschieden, um wieder einzutauchen in das Stadtgetümmel.

Die letzten Kilometer zu meinem Hotel will ich laufen. Unwillkürlich zieht es mich ans Wasser, auf die Quais, die Uferpromenade, die sich zu Fuß ganz anders erschließt. Der Raum öffnet sich über dem Fluss, aber man verliert sich nicht an seinem Saum. Unterwegs noch eine kleine Pause im "Food Breizh", einem bretonischen Kiosk, der Bio-Cidre und Crêpes verkauft. In einen Liegestuhl des Lokals gefläzt, lasse ich den Blick schweifen über die Uferkulisse: Natur in der Stadt, das ist auch der Dampf über den Pflastersteinen nach dem Regenguss auf dem heißen Boden. Das sind die rosa Wolken über den Tuilerien. Und die letzten Strahlen der Abendsonne auf der funkelnden Seine.

Unsere grünen Reisetipps für Paris

Die Wiederverwerter: La Recyclerie

Hier hat die Zukunft bereits begonnen, alles bleibt in einem Kreislauf, nichts wird weggeworfen: Auf dem Gelände eines alten Bahnhofs macht "La Recyclerie", ein Mix aus Kulturzentrum, Restaurant, Werkstatt und Bauernhof, vor, was Nachhaltigkeit bedeutet. Küchenabfälle landen im Kompost oder bei den Hühnern, die unter einem kühlen Pflanzendach aus Hopfen und Weintrauben im Garten umherflitzen. Wer will, kann im Blätterschatten das selbst gebraute Bier an langen Holztischen genießen oder auch gar nichts konsumieren und neben den stillgelegten Gleisen unter Baldachinen einen Mittagsschlaf machen.

larecyclerie.com

Der Nachwuchs: Veni Verdi

"Manche Kinder hier im Viertel haben noch nie eine Karotte in der Erde gesehen", sagt Anaïs Franc, 27, die für den Verband "Veni Verdi" im Schul- und Lehrgarten des Collège Pierre Mendès France arbeitet. Von ihr können Stadtkinder lernen, wie man Samen züchtet, Beete anlegt und was Gemüse zum Wachsen braucht. Sieben Gartenprojekte gehören zum Verband, einige können sich Besucher:innen anschauen. veniverdi.fr

Die Avantgarde: Nature Urbaine

Sieht aus wie eine Weltraumstation, aber ist höchst nachhaltiger Gemüse- und Obstanbau. Auf dem Dach des Expo-Pavillons in Porte de Versailles entsteht der größte Dachgarten Europas. Hier wächst nichts in Erde, sondern in mit Nährstoffen angereichertem Wasser und befeuchteter Luft: Erdbeeren, die in vertikalen weißen Rohren wurzeln, Tomaten, die an Schnüren aufgehängt sind, und vieles mehr von Auberginen bis Zucchini. "Wir sehen uns als Avantgarde", sagt Noémie Sebayashi, 30, Gärtnerin des Start-ups "Nature Urbaine". Wenn sie nicht gerade Gemüse erntet, macht sie Führungen mit Interessierten durch die futuristische Plantage. nu-paris.com

Übernachten: Das beste Raumklima von Paris

Übernachten in den Mauern eines ehemaligen Klosters im wahrscheinlich besten Raumklima von Paris. Die Luft in dem Biohotel wird durch spezielle Filter gereinigt, die 15 Zimmer sind geschützt vor Elektrosmog, und auch sonst ist alles öko: Natursteine, Bodenbeläge und das Frühstück im plüschigen Keller.

"Hôtel Le Pavillon", 54 rue Saint Dominique, 75007 Paris. DZ/F ab 190 Euro, hotel-lepavillon.com

Brigitte

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