VG-Wort Pixel

Auszeit im Tiny House Urlaub in XXS

Auszeit im Tiny House: Tiny House am Salemer See
© Kathrin Spirk / Brigitte
Wie viel Platz braucht Glück? Verena Lugert träumt schon lange von einem kleinen Häuschen in der Natur. In einem Tiny House in Schleswig-Holstein machte sie den Realitätscheck.

„Das kleine Haus unter Bäumen am See“: So beginnt ein Gedicht von Bert Brecht, das ich immer sehr mochte. Ein Mini-Gedicht – es hat gerade mal 21 Worte. Es fällt mir ein, als Kathrin, die Fotografin, und ich unser Tiny House zum ersten Mal sehen, diesen Holzkubus, unser Zuhause für die nächsten Tage. Es steht unter Bäumen am Salemer See in Schleswig-Holstein. Den Schlüssel, den wir gerade ausgehändigt bekommen haben, wiege ich feierlich in meinen Händen. Endlich!

Ein Kindheitstraum wird wahr

Ich wünsche mir ein Minihaus, seit ich denken kann. Schon im Kindergarten versteckte ich mich immer im Puppenspielhaus, das so klein war, dass nur ein Kind hineinpasste. Daheim setzte ich mich unter den Küchentisch und träumte, er wäre ein Haus. In der Grundschule gab es Fleißbildchen, auf meinem liebsten war eine Waldszene abgebildet: Ein Miniaturhaus in Form eines Fliegenpilzes mit rauchendem Schornstein war da zu sehen, geschmiegt ans mächtige Wurzelwerk eines Baumes, vor dem Pilz saß ein Zwerg in der Sonne.

Wir sind hingerissen: Das Tiny House ist ein Juwel

Ich drehe den Schlüssel im Schloss, öffne die Türe, wir halten erwartungsvoll den Atem an – und sind hingerissen: Das Tiny House ist ein Juwel, auch innen ganz aus Holz, nach dem es sogar duftet. Mit einer Treppe, die wie eine Skulptur wirkt und auf die Schlafplattform unter dem Dach führt. Mit einem gusseisernen Holzöfchen. Mit einer schlichten, stilvollen Küchenzeile. Und mit einem riesigen Panoramafenster, das die gesamte Stirnseite einnimmt und beste Aussicht gewährt: auf den See, auf die Bäume, das Gras, das sich im Wind sanft wiegt.

Ich lege mich auf das Polster der Liegefläche, die sich vor dem Riesenfenster ausbreitet, und blicke hoch in den blauen Himmel, über den Wölkchen ziehen. Stundenlang könnte ich schauen. Dieser Ort ist vollkommen, dieses Drinnen im Draußen. Diese Klarheit. Dieses Gefühl der Abgeschiedenheit.

Auszeit im Tiny House: Verena und Kathrin im Tiny House
Geräumig Die Lounge-Area vorm Panoramafenster
© Kathrin Spirk / Brigitte
Ein Tiny House umweht der Zauber der Waldeinsamkeit, des Alleinseins in der Natur. In ihm manifestiert sich der Wunsch, so einfach und unabhängig wie möglich zu leben.

Deswegen ist es auch mehr als eine winzige Immobilie: Es ist ein Symbol für die Sehnsucht nach dem Weniger.

Komfort aber vermissen wir nicht. Im Gegenteil: Das Badezimmer ist stylish, fast luxuriös. Klar, es gibt wenig Stauraum, doch wir lösen das Problem, indem wir diszipliniert immer wieder alles in unsere Taschen packen, was wir nicht unmittelbar brauchen. Zu zweit muss man Rücksicht nehmen mit seinen Siebensachen, aber es ist genug Platz zum Sein. Mit einer ganzen Familie jedoch könnte es voll werden. Allein die Frage: Wohin mit vier Handtüchern zum Trocknen?

Hier wurde mitgedacht!

Doch grundsätzlich ist das Haus mit allem Drum und Dran wunderbar durchdacht. Aus der Wand klappt eine kleine Treppe im rechten Winkel zur größeren, die zur Schlafplattform führt; Pflanzen filtern die Raumluft; die Bettdecken sind aus Kamelhaar, die Laken aus Biobaumwolle, das Gebäudchen ist mit Ostsee-Seegras gedämmt. Die Astronautendusche, die 90 Prozent Wasser und 80 Prozent Energie einsparen soll, ist heiß, die Armaturen sind cool und gediegen. Gediegen ist auch der Preis: 149 Euro bezahlt man, nicht wenig für eine Nacht.

Auszeit im Tiny House: Innenraum des Tiny Houses
Praktisch Die Treppe klappt aus der Küchenzeile
© Kathrin Spirk / Brigitte

Aber jeden Cent wert, denke ich mir, als ich am ersten Morgen aufwache und durch die zart beschlagene Scheibe in die Welt schaue, die dem Morgendunst entsteigt. Fasziniert sehe ich zu, wie sich die Bäume aus dem Zwielicht schälen, betrachte den Sonnenaufgang, beobachte ein Eichhörnchen. Und verliere mich im Anblick des Sees, nur einen Steinwurf von meinem Panoramalager entfernt. Ich wickle mich in ein Handtuch und gehe raus ans Ufer, hinein ins weiche, nach Wald und Torf duftende Wasser, noch kühl von der Nacht.

Ich frage mich, ob ich so leben könnte

Es werden herrliche Tage, wir machen Radtouren und sitzen auf unserer sonnenbeschienenen Terrasse, reden oder schweigen. Und blicken auf den See, in dem wir immer wieder baden. Am letzten Abend essen wir draußen, die Nacht ist sternenklar. Eine Kerze brennt, wir trinken Wein. Danach will Kathrin den Ofen anheizen, und ich noch ein letztes Mal ans Wasser.

Ich frage mich, ob ich so leben könnte. Auf so wenig Platz. Und: Würde ich mich nicht einsam fühlen? Langsam gehe ich zurück zum Haus, das in der Dunkelheit wie eine Laterne leuchtet – und in dessen Ofen nun ein Feuer brennt, Rauchwölkchen steigen aus dem Kamin.

Auszeit im Tiny House: Das Tiny House bei Nacht
© Kathrin Spirk / Brigitte

Und da fällt mir der Rest des Brecht-Gedichtes ein:

Das kleine Haus unter Bäumen am See

Vom Dach steigt Rauch

Fehlte er

Wie trostlos dann

wären Haus, Bäume und See

Also, könnte ich so leben? Nein, weiß ich auf einmal. Aber für eine Auszeit ist ein kleines Haus unter Bäumen am See das Schönste, was es für mich geben kann.

Verenas Reisetipps für eine Auszeit im Tiny House am Salemer See

ÜBERNACHTEN
Green Tiny House am Salemer See.
 Das nach ökologischen Standards gebaute Häuschen ist ein Designtraum, der bis zu vier Personen beherbergt. Es verfügt über Duschbad, Küche, einen Ofen und Veranda und ist Teil des Naturcampingplatzes "Salemer See". Ab 145 Euro/Nacht (Salem, Seestr. 60, Tel. 045 41/825 54, greentinyhouses.com, camping-salem.de).

GENIESSEN
Wildkehlchen.
 Der Campingplatz am Salemer See hat ein schönes Restaurant mit Biergarten. Auf der Karte stehen leckere Gerichte: Wildschweinbratwurst im Brötchen für ca. 4 Euro, vegane Pizza für ca. 10 Euro oder gebackener Zander für ca. 15 Euro (Salem, Seestr. 60, Tel. 01 70/446 14 03).

Kaiserhof. Wenige Rad-Minuten entfernt, inmitten von Wiesen und Weiden. Im Hofladen gibt’s Marmelade, Wurst und Käse, außerdem frische Brötchen. Oder man bleibt gleich zum Frühstück im Hofcafé (ab ca. 7 Euro mit Getränk). Unbedingt sollte man zu Kaffee und Kuchen einkehren, Butterkuchen 3 Euro, Torte ca. 4 Euro (Salem, Seestr. 58, Tel. 045 41/84 04 41, hofkaiser.de).

ERLEBEN
Grenzhus Schlagsdorf.
 Im Kalten Krieg verlief die Grenze zwischen Ost- und Westeuropa auch mitten durch den Schalsee, das "Grenzhus Schlagsdorf" am ehemaligen Todesstreifen ist Mahnmal und hervorragend gestaltetes Museum zur deutsch-deutschen Geschichte. Eintritt 4 Euro (Schlagsdorf, Neubauernweg 1, Tel. 03 88 75/203 26, grenzhus.de).

Brigitte

Mehr zum Thema