Eine Fahrschule nur für Frauen

Wo Frauen wieder ordentlich in die Gänge kommen - Theorie und Praxis in der Hamburger Frauenfahrschule.

Einsteigen bitte - das Auto steht fahrbereit auf der Straße. Jetzt bin ich dran, darf probeweise hinters Steuer. Als absolute Fahranfängerin, obwohl ich seit 26 Jahren im Besitz eines Führerscheins bin. Aber zum Glück ist darauf nicht vermerkt, dass ich seit zehn Jahren praktisch Auto-Abstinenzler bin und gar nicht fahren kann. Weder nach der Führerscheinprüfung noch nach dem zweiten Training vor 15 Jahren, weder privat noch beruflich - weder im fremden noch im eigenen Auto - nie habe ich in der Vergangenheit gern, geschweige denn routiniert hinterm Steuer gesessen. Mit 17 sah ich mich in Gedanken sportlich durch die Gegend düsen, hielte ich den Lappen bloß endlich in den Händen. Mit 44 bin ich längst zu einem vehementen Verfechter der Langsamkeit mutiert. Statt Freude am Fahren empfinde ich blanken Horror, ein schlichter Spurwechsel ist schon ein Graus. Dass ich nur noch öffentliche Verkehrsmittel benutze, ist zwar ökologisch sinnvoll, aber ab und zu wünsche ich mir natürlich doch, motorisiert zu sein. Wäre bloß das Auto nicht mein Feind...

Zuerst die Theorie...

Die Zwei von der Frauen-Fahrschule: Sabine Schaffer (r) und Kerstin Meyer.

Sabine Schaffer nickt. Geschichten wie diese kennt sie zur Genüge. "Es gibt so viele Frauen ohne Fahrpraxis - und häufig ist der Grund, dass sie es nie richtig erlernt haben", meint die Chefin der Hamburger Frauenfahrschule. Zusammen mit ihrer Kollegin Kerstin Meyer sorgt sie dafür, dass verhinderte Verkehrsteil-nehmerinnen wieder ordentlich in die Gänge kommen, dass aus passiven Führerscheinbesitzerinnen wieder aktive Autofahrerinnen werden. Und noch mehr: "Wir möchten natürlich die ganze Bandbreite abdecken - Anfängerinnen, Frauen, die vielleicht schon einmal eine Fahrausbildung abgebrochen haben und Frauen ohne Fahrpraxis, die den Wiedereinstieg üben wollen", sagt Sabine Schaffer. "Vor allem Frauen mittleren Alters kommen ganz bewusst zu uns, von denen viele ihren Führerschein schon aufgegeben hatten. Für die sind wir der letzte Kick, es doch noch mal mit dem Führerschein zu versuchen."

... dann die Praxis

Rote Haare, bunter Ringelpullover und ein verschmitztes Lächeln - Sabine Schaffer schaut, als wüsste sie um all die Ängste und Albträume, die eine verkorkste Autofahrerin mittleren Alters heimsuchen können. Und wirkt, als wüsste sie ebenso gewiss, wie solche Visionen zu besiegen sind - mit Ruhe, Geduld und Humor. Mit dieser Frau auf dem Beifahrersitz und Kerstin Meyer heute ausnahmsweise auf der Rückbank kann ja nun wirklich nichts passieren, sagt mein Verstand, während mein Magen lautstark rebelliert. Ich drehe nervös am Zündschlüssel...

Stop! "Bevor es losgeht", bremst Sabine Schaffer, "muss man sich natürlich erst einmal mit dem Wagen vertraut machen". Ach ja. Also übe ich, was in ferner Vergangenheit in 45 vergeblichen Fahrstunden schon einmal regelmäßiges Ritual gewesen war - Sitzhöhe und -position einstellen, Außen- und Rückspiegel kontrollieren. Ich bediene Schalter, ziehe Hebel, drücke Knöpfe, verschiebe und verstelle und versuche, blind mit den sechs Gängen klarzukommen - das Fahren mit Automatik hat sich ja nicht durchgesetzt. Kupplung, Bremse, Gas: ich trete abwechselnd auf die Pedalen, teste die Handbremse, setzte die Blinker. Es ist ein Gefühl, als würde ich alte Bekannte treffen - man kennt sich noch, muss sich aber erst vorsichtig wieder aneinander gewöhnen. Aber ich hatte vergessen, wie viel Vorbereitung das Fahren verlangt - fast eine Viertelstunde bin ich schon mit dem Wagen beschäftigt und hab mich doch noch keinen Millimeter vom Fleck bewegt. Erstmal tief durchatmen.

Theorie: Über gute und schlechte Ausbildung

Seit sieben Jahren gibt es die Hamburger Frauenfahrschule - eine von dreien bundesweit. "Hervorgegangen sind wir damals aus einem Frauenprojekt, das ursprünglich zum Ziel hatte, Fahrlehrerinnen auszubilden", erzählt Kerstin Meyer. "Denn obwohl sich das Geschlechterverhältnis in dieser Branche etwas angeglichen hat, wird der Beruf nach wie vor von Männern dominiert, die meisten Frauen lernen auch heute noch bei männlichen Kollegen. Wenn man dann noch bedenkt, dass rund 50 Prozent der Kollegen ihre Lehr-Ausbildung bei der Bundeswehr absolviert haben, ist es nicht weiter verwunderlich, dass viele Probleme mit ihrer Fahrausbildung hatten oder haben". Was sie dann sagt, kommt mir bekannt vor: "Viele Fahrlehrer haben ihren ganz festen Stil, die setzen sich ins Auto, machen ihr Programm und wer das nicht kapiert, hat eben Pech gehabt." Sofort entsteht ein Bild in meinem Kopf: Ich sehe eine Frau am Lenkrad festgekrallt - als würde der Wagen sie lenken und nicht umgekehrt - und kleinlaut die immer gleichen deprimierenden Stunden absolvieren, während der Fahrlehrer demonstrativ gelangweilt über Funk mit anderen Kollegen schlechte Witze reißt. Das war 1979. Die Frau war ich.

"Geduld und pädagogische Fähigkeiten sind bei uns ganz wichtig, ebenso wie techni-sches Know-how", unterbricht Kerstin Meyer meine Gedanken. "Wir versuchen, möglichst erfolgreiche Methoden zu finden, um jemandem etwas beizubringen und überlegen, wie man gezielt und individuell auf die Schülerin eingehen kann. Früher spielten Methodik und Pädagogik in der Fahrlehrer-Ausbildung überhaupt keine Rolle, da wurde hauptsächlich Technik vermittelt." "Aber unsere Kundinnen zahlen viel Geld, da müssen wir auch Leistung bringen", findet die Chefin und zählt auf, was das Fahrtraining in ihrer Schule ausmacht: "Unsere Schülerinnen lernen zum Beispiel Wartungsdienste wie Luftdruck messen oder Ölwechsel, auch Tanken kann man bei Bedarf probieren. Allein auf die Autobahn zu fahren und auf relativ kurzen Streifen ordentlich zu beschleunigen - das üben unsere Schülerinnen pausenlos, genauso wie Spurwechsel, oder das Linksabbiegen". Die beiden sind sich sicher: "Die Frauen, die bei uns ihren Führerschein gemacht haben, die können fahren. In der Großstadt und anderswo."

... und Praxis: Es geht los

Wir fahren heute zum Glück noch nicht auf die Autobahn, sondern "wir fahren jetzt aus der Parksituation heraus", instruiert mich Sabine Schaffer. Also Warnblinker aus, Kupplung treten ... , Auto starten (oder war das umgekehrt?) ..., Gang einlegen ..., Kupplung langsam kommen lassen ..., und Gas geben ... und schalten ... . Ich folge vertrauensvoll den Anweisungen. Wir fahren.

Theorie: Ein bisschen Neid

Wie sich die Zeiten gewandelt haben: Am Anfang wurden die beiden Frauen-Fahrschul-Lehrerinnen von den Fahrprüfern nicht nur komisch angesehen, "auch unsere Schülerinnen wurden gezielt schärfer geprüft", erzählt Sabine Schaffer. "Doch inzwischen werden wir im Kollegenkreis nicht mehr als exotische Konkurrenz begutachtet und belächelt. Und die, die immer noch dumme Sprüche machen, wissen selber, dass es Quatsch ist."

... und Praxis: im Großstadt-Dschungel

Am liebsten würde ich einfach nur geradeaus fahren, doch schon muss ich mutig parkende Autos umkurven, auf Radfahrer oder Vorfahrt achten. Bis zur ersten Ampel halte ich wacker durch. Aber jetzt soll ich auf die vierspurige Hauptstraße einbiegen, mich in diesen fiesen, fließenden Großstadtverkehr einordnen. Du liebe Zeit, da gilt es, sich dem Tempo anzupassen - Gas geben, bremsen, schalten, (uups, nicht in den vierten), beim Abbiegen auf Fußgänger und Radfahrer achten... . Hoffentlich sieht jeder das Fahrschulschild am Wagen. Und Hauptsache, die anderen passen ordentlich auf. "Vorausschauend fahren, früh genug alles beobachten - darauf kommt es im Grunde an", sagt Sabine Schaffer aufmunternd. "Wenn man das Auto beherrscht, geht das Schalten irgendwann ganz automatisch." Schade, dass ich bislang nie so weit gekommen bin, denke ich. Dabei bin ich ja nicht blöd. Und hier muss ich mich auch nicht so fühlen. Hier kann ich Fehler machen, mich darüber ärgern oder amüsieren und weiter üben. Mit Unterstützung kriege ich zum Schluss sogar noch ein passables Einparkmanöver hin. Und dann ist es geschafft: Motor aus, Handbremse ziehen. Aussteigen. So aufgedreht war ich lange nicht. Wir lachen. Ganz ehrlich: einmal um den Block fahren ist als Wiedereinstieg total aufregend.

Adressen

Hamburger Frauenfahrschule Gorch-Fock-Straße 1, 20357 Hamburg, Tel.: 040 / 39 90 61 22; Fax: 040 / 39 90 62 25, www.die-hamburger-frauenfahrschule.de.

Fahrschule für Frauen in Köln Mauritiussteinweg 45, 50676 Köln Telefon /Fax 0221 / 2407777, www.fahrschule-fuer-frauen.de/

Mainzerfrauenfahrschule Hinkelsteiner-Straße 7, 55128 Mainz-Bretzenheim. Und Frauenferienfahrschule auto-mobile Frauen, Schulrat-Spang-Str. 24, 55597 Wöllstein, Tel./Fax: 06703/4839, www.frauenferienfahrschule.de/

Uta Bangert
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