Frauen und Autos: Was ist dran an den Klischees?

Frauen und Autos - es gibt nur wenige Themen, die stärker von Vorurteilen belastet sind. Doch was ist dran an den Klischees? Wir haben Experten dazu befragt.

Klischee1: Frauen fahren vorsichtiger als Männer.

Klarer Fall: Wenn ein Auto im Schneckentempo über die Kreuzung kriecht, dabei noch einen Fahrradfahrer vorbei lässt und bei der nächsten Ampel schon bei Grün-Gelb stehen bleibt, dann muss eine Frau am Steuer sitzen – oder? Laut Dr. Christa Roth-Sackenheim, Psychiaterin und Psychotherapeutin, ist an diesem Klischee durchaus etwas dran. "Frauen fahren eindeutig vorsichtiger und langsamer als Männer", so Roth-Sackenheim. "Das liegt zum einen daran, dass Frauen stärker an ihren Fähigkeiten zweifeln als die männlichen Autofahrer." Männer suchten die Schuld eher bei anderen. Zum anderen führen Frauen auch einfach vorausschauender. "Frauen versuchen generell, drohende Gefahren vorauszuahnen und zu umgehen. Sie machen sich eher Sorgen als Männer und fühlen sich nicht nur für sich verantwortlich, sondern auch für die anderen." Zu erklären sei das mit dem evolutionsgeschichtlichen Hintergrund: Da die Frau früher vor allem die Aufgabe hatte, sich um ihre Kinder zu kümmern und sie zu beschützen, ist sie darauf programmiert, Risiken zu erkennen und zu vermeiden.

Tank-Fehler: Frau tankt ihr Auto

Klischee 2: Frauen haben von Autos und Technik keine Ahnung.

Frauen können einen Hammer nicht von einem Schraubenzieher unterscheiden und denken bei Zündkerzen allenfalls an Weihnachten? Stimmt nicht. Die Kfz-Meisterinnen von der Frauen-Werkstatt AutoDiva in Hamburg beobachten technisches Unverständnis und Desinteresse sowohl bei weiblichen als auch bei männlichen Autobesitzern. "Zu uns kommen viele Frauen, die neugierig sind und oft selbst an ihrem Auto herumbasteln", erklärt Martina Wilde. Auf der anderen Seite gebe es einige männliche Kunden, denen jegliche Schrauberei zuwider sei. "Ich kann mir vorstellen, dass sich die Männer bei uns eher trauen, das zuzugeben, als unter anderen Männern." Zwar gebe es nach wie vor nur sehr wenige Kfz-Mechanikerinnen, doch das habe eher mit Erziehung und sozialen Vorurteilen zu tun als mit technischem Unverständnis. "Wenn zu Hause immer nur der Vater den Kopf unter die Motorhaube steckt, dann bleibt das in den Köpfen hängen", so Wilde.

Klischee 3: Frauen haben Angst vor Autobahnen und fahren nicht gerne schnell

"Stimmt nicht", meint Michael Ramstetter, der Chefredakteur des ADAC-Motormagazins und Leiter der ADAC Öffentlichkeitsarbeit: "Grundsätzlich gibt es keine statistischen Erkenntnisse oder Untersuchungen, denen zufolge Frauen Angst vor hohen Geschwindigkeiten oder dem Autobahnfahren haben. Warum sollten sie auch?" Kein Vorurteil sei dagegen, dass Männer die notorischen Drängler und Raser sind. Die Unfallstatistik und die Flensburger Punktedatei sprechen hier eine eindeutige Sprache: "Männer sind auch wesentlich häufiger in schwere Unfälle verwickelt als Frauen und es gibt typische Männerunfälle (Rausfliegen aus der Kurve, Abkommen von der Fahrbahn, Auffahren von hinten). Unfälle von Frauen passieren dagegen eher beim Abbiegen und Einparken und nach Vorfahrtsverletzungen. Männer können tatsächlich von Frauen lernen, Unfälle sozusagen kostengünstiger zu gestalten."

Frauen bauen laut Statistik insgesamt weniger Unfälle. Michael Ramstatter sagt: "Besonders in Gefahrensituationen fahren Frauen umsichtiger und angepasster; die Schwelle zum Ausrasten liegt bei ihnen wesentlich höher. Männer werden relativ schnell rabiat. Frauen können mit Stress am Steuer besser umgehen. Sie neigen von Natur aus nicht zu Kompetenzrangeleien, die sich bei Männern gerade im Straßenverkehr verheerend auswirken können." Bei Männern spiele zudem das Balzverhalten eine Rolle, etwa, wenn im Auto nebenan eine schöne Frau sitzt. Was das Fahrenlernen betrifft, sind Männer und Frauen mittlerweile gleichauf: In den vergangenen 15 bis 20 Jahren machen genauso viele Frauen wie Männer die Führerscheinprüfung. Die erste Langstreckenfahrt der Automobilgeschichte wurde übrigens von einer Frau bewältigt: Berta Benz machte sich im August 1888 mit ihren zwei Söhnen bei Nacht und Nebel auf den Weg von Mannheim nach Pforzheim.

Klischee 4: Frauen haben ein persönlicheres Verhältnis zum Auto als Männer

Ansgar Klein, geschäftsführender Vorstand des Bundesverbands freier Kfz-Händler e.V., hält eher die Männer für gefühlsduselig: "Für Frauen ist ein Auto ein Gebrauchsgegenstand. Sie suchen es nach vernünftigen Gesichtspunkten aus. Oft soll es klein sein, damit sie leichter eine Parklücke finden. Außerdem sollte es günstig im Verbrauch sein und umwelttechnisch auf dem neuesten Stand. Frauen spielen heute in der Entscheidung für ein neues Auto die gleiche Rolle wie der Mann. Mittlerweile sieht man immer mehr Männer auf Motorrollern zur Arbeit fahren und die Frauen kutschieren mit dem Kombi die Kinder in die Schule. Die Farbe spielt bei Frauen und Männern etwa die gleiche Rolle. Männer sind eher die emotionalen Käufer. Das mögen Autoverkäufer, denn diese Kunden kann man leichter überzeugen. Wer einer Frau ein Auto verkaufen will, muss mit fachlicher Kompetenz überzeugen, Fragen präzise beantworten und nicht rumschwafeln. Darauf legen die meisten Frauen Wert. Sie wollen eine sachliche Gesprächsbasis und kein emotionales Anpreisen. Ästhetische Dinge spielen für Frauen eher eine untergeordnete Rolle. Einmal hatte ich zum Beispiel eine Kundin, die einen Wagen nicht gekauft hat, weil ihr der Blinker zu laut war. Insgesamt kann man sagen, dass Frauen ihre Autos nicht so sehr lieben wie die Männer. Im Gegenteil: Oft fahren sie sogar die gammeligsten Kisten. Nur wenn sie sich davon trennen sollen, geht es ihnen nahe."

Protokoll: Michèle Rothenberg

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