Bulgarien-Urlaub: Rundreise durch eine exotische Welt

Gold- oder Sonnenstrand? Das ist die übliche Reaktion, wenn man erzählt, man fahre nach Bulgarien. Dabei hat das Land so viel mehr zu bieten. Astrid Joosten wanderte durch einsame Bergwelten, kletterte in alte Grabkammern, entdeckte hippe Städte – und uralte Dörfer.

Ein Fest im Wald - und ich schieße das erste Mal mit einem Gewehr 

Anko Ivanov ist ein kräftiger, untersetzter Mann, der nicht zögert, wenn es gilt zu handeln. Während die Bulgar*innen um ihn herum "Nazdrave!" rufen, "Prost!", und ihre Plastikflaschen mit Selbstgebranntem kreisen lassen, drückt er mir seine größte Knarre in die Hand. Sie hat einen langen Holzschaft und goldene Gravuren auf dem Lauf. Es ist Nachmittag, wir stehen am Fuß des Balkangebirges, und die Stimmung ist gut auf der Lichtung im Wald. Frauen in langen Kleidern, bestickten Tuniken und Gürtel mit großen Silberschnallen, halten sich an den Händen und tanzen. Gruppen von Männern mit Pluderhosen, Filzwesten und bärenfellartigen Mützen trinken und singen die alten Lieder der Heiducken, der Freiheitskämpfer zur Zeit der türkischen Herrschaft.

Turbulenzen im Flug nehmen zu

Sie alle feiern im Wald von Kalofer ein Fest, das an den Widerstand der Bulgaren gegen die Osmanen erinnert. Mystische Musik weht über den Platz. Hinter einem Gatter grasen Pferde. Auf ihnen führen Reiter Scheinkämpfe aus, andere gehen zu Fuß aufeinander los und zücken Dolche, Schwerter, Pistolen. Und was soll ich mit der Muskete machen? "Schießen", sagt Anko, ein vorgeblich wohlhabender Heiducke mit Silbertalern um den Hals. Ich klemme das Gewehr unter den Arm und ziele auf ein Kastanienblatt. Noch zehn Minuten später wird der laute Wumms wie ein Schalldämpfer auf meinem Trommelfell liegen.

Ein Hirte in den Rhodopen hütet wachsam seine Schafe und Kühe

Bulgarien ist wie eine ferne, exotische Welt 

Die Lichtung beim Dorf Kalofer liegt um die 150 Kilometer von der Hauptstadt Sofia entfernt. Wir sind auf einer Rundreise durch Bulgarien – das Land, das keiner in meinem reiselustigen Freundeskreis kennt. Als ich im Flugzeug saß, kam ich mir vor, als würde ich in eine ferne, exotische Welt fliegen. Dabei ist Bulgarien schneller zu erreichen als Griechenland und gehört seit zwölf Jahren zur EU. Viel gibt es hier zu entdecken, Anko Ivanov stimmt zu: "Du kannst fast jedes Wochenende auf einem Festival wie ein Heiducke feiern." Er nimmt seine Fellmütze ab und schwenkt sie zum Abschied durch die Luft.

Vor uns liegt die Straße, die uns übers Balkangebirge führen wird. In Schleifen windet sie sich höher und höher. Auf 2376 Meter bringt es der Botew, der höchste Berg der Gegend.

"An Zweitausendern mangelt es nicht in Bulgarien", sagt Guide Georgi.

Gleich vier Gebirge legen das kleine Land in Falten, das gerade mal so groß wie Bayern und Baden-Württemberg zusammen ist. Oft sind die Berge und Täler überzogen von dichtem, märchenhaftem Wald.

Tatsächlich leben hier wie in der damaligen Heimat der deutschen Gebrüder Grimm zahllose Wölfe, Luchse und Braunbären. Ich schaue respektvoll durch die Autoscheiben ins Tannengrün und frage mich, ob Georgis Name auch mit früheren Jahrhunderten zu tun hat, mit dem Heiligen Georg, dem Drachentöter, der die Bestie meuchelte, um sein Land Kappadokien zu schützen. "Nein, ich bin Georgi, der Vegetarier", erwidert mein Guide und steuert uns, ohne die Miene zu verziehen, durch die wilde, einsame Landschaft.

Auf den Heiducken-Festivals, die die Befreiung von den Osmanen feiern, verkleiden sich auch die Frauen in historischen Kostümen

Selbst der Abt hat immer einen Schnaps dabei 

Dass Georgi Palahutev, 40, ein netter Kerl ist, merkt man sofort. Aber ziemlich schnell wird auch klar, dass der schmale Typ mit den raspelkurzen Haaren ein wandelndes Lexikon ist und ein scharfsinniger Denker. In der nächsten Stunde erfahre ich alles über die bulgarische Geschichte. Über die Gründung des Staates nach dem Zusammenbruch des Römischen Reiches, über die 500 Jahre lange Besatzung Bulgariens durchs Osmanische Reich, die erst Ende des 19. Jahrhunderts endete. Über die Russen, die 1944 ins Land einmarschierten und die "Herrschaft des Proletariats" ausriefen, bis die Perestroika es endlich wieder in die Unabhängigkeit entließ. "50 Jahre Kommunismus haben in unserem Land mehr zerstört als 500 Jahre osmanische Herrschaft", sagt Georgi, als wir gerade mit seinem Skoda auf einen Parkplatz rollen. Dabei sehen die Mauern, Schieferdächer und Türme vor uns so gar nicht zerstört aus.

Über das Pflaster des Klosters Trojan eilt ein Mann im knöchellangen schwarzen Gewand. "Dobar den", "guten Tag", ruft unser Guide der Gestalt hinterher, sie dreht sich um. "Es ist der Abt", flüstert Georgi, "er ist gleichzeitig Bischof und der zweitwichtigste Mann der bulgarisch-orthodoxen Kirche." Ich weiß gar nicht, wo ich zuerst hingucken soll: auf Abt Sionis weißes, langes Haar, das er sich wie ein Hipster am Hinterkopf zu einem Knoten gebunden hat, oder auf seinen prächtigen Rauschebart. Darüber funkeln zwei freundliche, wissende Augen. Der 59-Jährige fackelt nicht lange, holt, wie es sich in Bulgarien gehört, einen Begrüßungsschluck aus dem Vorratskeller – selbst gebrannter Rakia – und bringt uns persönlich zu seiner Kirche.

Blumenkohl und Paprika, für den Winter eingelegt, im Vintage-Chic. 

Ein Rausch aus Farben und uralte Geschichte

Im Gotteshaus ist gerade Messe. Der Mönch liest in einem leisen Singsang Psalmen aus einem dicken Buch. Über ihm hängt ein riesiger goldener Reif – wie eine Krone. Dahinter der Altar aus feinen Holzschnitzereien und den Bildern von Heiligen. Ein zweiter Mönch schwenkt ein Gefäß an einer langen Kette, geht in alle Ecken, der Weihrauch duftet schwer und legt sich als Nebel auf die Sinne. Alle Wände und Decken sind mit Wandmalereien bedeckt, so bunt, als hätte hier Friedensreich Hundertwasser Hand angelegt. Ein Rausch aus Farben. Und ein Schmuckstück für meine Bulgarien-Gedächtnisschublade, in der ich meine Erinnerungen an diese Reise aufbewahre.

Jeden Tag hebe ich mit Georgi neue Schätze. Bummle durch das Dorf Bozhentsi, das vor über 600 Jahren gegründet wurde und dessen weiß gekalkte Häuser mit den bemoosten Dächern sich wie altehrwürdige Greise in die Berglandschaft ducken. Entdecke eine Dorfkirche, die aussieht wie eine Scheune, aber innen die herrlichsten Fresken zeigt. Im Rosental besuchen wir Hügelgräber. "Über 30 000 gibt es im ganzen Land", erzählt Georgi. Bei vielen sind sogar die Grabkammern noch erhalten.

Wie Indiana Jones zwängen wir uns durch 2000 Jahre alte Gänge, nur die Goldschätze fehlen, aber es gibt sie. "Sie liegen im Nationalen Archäologischen Museum in Sofia. Es sind Grabbeilagen in Form von Masken, Trinkgefäßen und Kronen, Unmengen an Gold." Am Ende unserer Reise werden wir sie sehen, wie sie in Vitrinen funkeln, alt und satt. Und ich werde so fasziniert sein, dass ich nachts von ihnen träume.

In Plowdiw würde selbst Victoria Beckham ihre Highheels ausziehen

In Plowdiw verstehe ich das erste Mal, was Georgi mit kommunistischen Spätfolgen meint. Als wir in die zweitgrößte Stadt des Landes hineinfahren, wünsche ich mir Christo herbei, den Verpackungskünstler und berühmtesten Bulgaren. Platten- und Betonbauten bilden ein graues Häusermeer.

Doch es gibt Hoffnung: Hinter dem Fluss Mariza beginnt die Altstadt. Auf sechs Hügeln wellt sie sich so heiter und mediterran unter dem strahlend blauen Himmel, dass die Grauzone schnell vergessen ist. In den Gassen und Straßen Kneipen und Cafés, an Tischen auf den Gehwegen trinken Leute plaudernd ihren Mokka. Am Straßenrand Platanen, Feigenbäume, Linden. Die Häuser haben Holzerker und Schnitzereien an den Dachsimsen, das Kopfsteinpflaster ist so buckelig, dass selbst Victoria Beckham hier ihre Highheels ausziehen würde.

Von der Festung Zarewez hat man einen weiten Blick über die Stadt Weliko Tarnowo, sie liegt auf einem Hügel des Balkangebirges

Das Leben ist viel entspannter als in Deutschland 

Und plötzlich stehen wir mitten in der Stadt vor einem alten römischen Theater. Als ich mich auf einem der im Halbrund in einen Hang getriebenen Sitze niederlasse und die Marmorsäulen unten auf der Bühne betrachte, höre ich eine deutsche Stimme. Eine Reihe unter mir stillt eine Frau ihr Baby, ich grüße, sie grüßt lächelnd zurück.

Doreen Wittig stammt aus Leipzig und lebt seit viereinhalb Jahren hier, genauer, in der Kleinstadt Ivajlowgrad an der bulgarisch-griechischen Grenze. Sie ist mit ihrem Mann und zwei Kindern nach Bulgarien gezogen, erzählt sie. "Es war uns zu stressig, in Deutschland zu leben, mit diesen vielen gesellschaftlichen Ansprüchen." Die Bulgaren seien sehr entspannt und freundlich, sagt sie und legt ihr Baby ab. Das Menschliche stehe bei ihnen im Vordergrund, nicht das Geld und der Konsum.

Doreen ist 39 und studierte Arabistin und Afrikanistin. Zusammen mit ihrem Mann, einem Heilpraktiker, bewirtschaftet sie ein Feld, sie versorgen sich weitestgehend selbst. Dazu haben sie Mieteinnahmen von ihrer Eigentumswohnung in Leipzig – für alles, was bezahlt werden muss. Das Leben ist locker, das Überleben einfach, weil alles günstig ist. "Und die Sonne scheint hier sehr viele Monate im Jahr."

Doreens entspanntes Gesicht bleibt mir noch im Gedächtnis, als wir weiter durch die umliegenden Dörfer fahren. Viele von ihnen wurden im 14. und 15. Jahrhundert gegründet, erzählt Georgi Palahutev. "Die Menschen verließen damals die Städte, um möglichst unbehelligt von den Osmanen zu leben." Auch einige Autos, die am Straßenrand parken, sehen ganz schön alt aus. Ich sehe Wartburgs und Ladas und einen russischen Moskwitsch, eine eckige Kiste mit Stoßstangen, Fensterwischern und Zierleisten aus Chrom. "Sehr cool", sage ich. "Nichts Besonderes", entgegnet Georgi, "das bedeutet einfach nur: leere Kasse." Bulgar*innen verdienen wenig, ein Lehrer oder eine Lehrerin etwa muss sich mit 450 Euro im Monat begnügen.

Altmodische Provinz, modernes Sofia 

Aber Bulgarien ist keine vergessene Insel, sagt Georgi, kein unberührtes Land, an dem sich die Zeit vorbeigeschlichen hat. Fast ein Sechstel der sieben Millionen Bulgar*innen wohnt nicht in der altmodisch anmutenden Provinz, sondern in Sofia. Und dort gibt es genauso Bioläden und IT-Start-ups wie in Deutschland. Überall drängeln Autos, rattern Straßenbahnen durch die Straßen.

Sofia ist eine Mischung aus Jugendstilhäusern und Plattenbauten, Kirchen und Moscheen – ein Ort, der irgendwie ehrlich und nicht auf Mainstream getrimmt wirkt, wie Ostberlin in den 90er-Jahren. In der Fußgängerzone, dem Vitosha Boulevard, reihen sich Restaurants an Cafés, und alle, die essen, trinken oder plaudern, sitzen draußen in dieser sonnigen Stadt. Am Ende des Boulevards schimmert eine Bergkette am Horizont. "Das Vitosha-Gebirge", sagt mein Guide. Er bietet auch Bergtouren an. Eine ausgezeichnete Idee, fürs nächste Mal.

Bulgarien-Urlaub: Astrids Tipps

UNTERWEGS

Auf der Studienreise „Klöster, Berge und Meer“ bekommt man in zehn Tagen einen schönen Überblick über Bulgarien. Sie kostet ab 1695 Euro, inkl. Flug und HP, www.studiosus.com

LESEN

Das DuMont-Reise-Handbuch „Bulgarien” von Simone Böcker und unserem bulgarischen Wanderguide und Reiseleiter Georgi Palahutev enthält ausführliche und aktuelle Infos, Hintergrundberichte und übersichtliche Karten. 24,99 Euro

HÖREN

Ivo Papasov ist international bekannt. Der Klarinettist vermischt Volksmusik mit Jazz und Blues. Dance of the Falcon, CD 16,09 Euro

SOFIA ENTDECKEN

Schlafen

Das „Arena di Serdica“ ist ein modernes Boutiquehotel und wurde um ein römisches Amphitheater herumgebaut. Es liegt sehr zentral mitten in der Hauptstadt. DZ/F ab 120 Euro, www.arenadiserdica.com

Essen und Trinken

Restaurant „Moma“ serviert fantastische bulgarische Küche. Gemütliche Atmosphäre mit Tischdecken und vielen Kissen. Lecker: Entenbrust mit Couscous und mit Walnüssen gefüllte Auberginen. http://moma-restaurant.com

Ausgehen

In Sofia gibt es eine lebendige Nachtszene. In kleinen Clubs wird viel Livemusik gespielt, zum Beispiel in der „Delta Blues Bar“ (ulitsa Sv. Sveti Kiril I Metodiy 44). Eintritt frei, ein Glas für Spenden wird herumgereicht.

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BRIGITTE WOMAN 09/2019

Wer hier schreibt:

Astrid Joosten
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