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Chaos-Saison 2022 Sollten wir das Reisen besser lassen?

Chaos-Saison 2022: Sollten wir das Reisen besser lassen?
© Ralf Geithe / Adobe Stock
Die Sommersaison 2022 war eher unschön: An den Flughäfen ging fast nichts mehr, an den Pools wurden Handtuchkriege geführt, und der Klimawandel ist auch nicht mehr zu ignorieren. Das Reisen macht keinen Spaß mehr – oder?

Die Urlaubssaison 2022 verlief bekanntlich chaotisch. Auch ich bekam meinen Koffer, den ich bei meinem London-Flug aufgegeben hatte, erst zwei Monate später nach Hause geliefert – gerade noch rechtzeitig, um meine Sonnenbrille und meine Regenjacke in die USA mitnehmen zu können. Über den Atlantik flog ich nur mit Handgepäck, den Koffer ließ ich vorsichtshalber zu Hause (note to myself: reicht völlig aus).

Um nicht wie eine Freundin Opfer der sehr spontanen Lufthansa-Flugstreichungen zu werden, verzichtete ich auch auf meinen gebuchten Zubringerflug von Hamburg nach Frankfurt und nahm den Zug. Der Bahnhof war dermaßen überfüllt, dass Security-Leute vorübergehend den Bahnsteig absperrten, und so kam ich mit reichlich Verspätung in Frankfurt an. Kein Problem, ich hatte ja eine ganze Nacht Puffer eingeplant, weil die Bahn ja eigentlich immer zu spät kommt.

Beim Boarden in Frankfurt am nächsten Morgen wurde mir dann eröffnet, dass mein Ticket in die USA annulliert worden sei, weil ich den Zubringer nicht in Anspruch genommen hatte. Nach entwürdigendem Betteln ließ man mich dann doch noch an Bord, allerdings nicht auf den von mir gebuchten Fensterplatz, sondern auf einen miesen Mittelplatz. Erst war kein Fahrer aufzutreiben, der beim Pushback die Maschine auf die Rollbahn schieben konnte, nach der Ankunft keine Treppe, über die man hätte aussteigen können.

Bevor ich am Ziel ankam, hatte ich schon mehr Nervenkitzel erlebt als bei einem Abenteuerurlaub samt Bungee-Jumping und Schwimmen mit Haien.

Reisen macht keinen Spaß mehr 

Ärger an jeder Ecke und Stress ohne Ende: Reisen macht keinen Spaß mehr. Das sah ich auch in den panischen oder bereits toten Augen anderer Reisender, die an den Flughäfen versuchten, damit klarzukommen, dass die Schlange an der Security drölfzig Kilometer lang ist, ihr Flug gestrichen wurde oder ihr Gepäck weg ist.

Am Frankfurter Flughafen ging ich an einem Plakat vorbei, das den Bau des Terminals 3 mit dem Claim "Building the Future" anpries. Das gefeierte neue Terminal roch für mich jedoch eher nach Vergangenheit als nach Zukunft, nach dem längst vergangenen Goldenen Zeitalter des Reisens. Denn wo soll das alles hinführen: noch mehr Flüge, Overtourism, Ausverkauf, Verdrängung, Umweltzerstörung? Der Preis fürs Reisen ist hoch. Zumal heutzutage immer das Wissen mitreist, dass unser Urlaub zur Zerstörung des Planeten beiträgt – mit dem CO2-Ausstoß bei der An- und Abreise, der Wasser- und Lebensmittelverschwendung durch Pools und Buffets in den zu "Urlaubsorten" degradierten Ländern, und der Verdrängung von Einheimischen aus Städten wie Venedig oder Lissabon.

Trotz allem: Es lohnt sich

Doch nicht erst jetzt, wo ich wieder zu Hause an meinem Schreibtisch sitze, kann ich sagen: Es hat sich gelohnt. Beide Reisen haben mich weitergebracht, mich aus dem Tunnel des Alltags geholt, der immer enger und länger wird, wenn man nicht hin und wieder abbiegt und Umwege fährt. Vor allem die Begegnungen haben meinen Blick geöffnet, mich bereichert und inspiriert. Wieder zu erleben, wie Menschen in anderen Ländern leben, was sie denken und warum, führt unweigerlich dazu, eigene Gewissheiten zu hinterfragen.

Die Welt ist ein besserer Ort, solange wir nicht aufhören, unsere Vorstellungen und Vorurteile an der Realität zu messen.

Doch leider ist mein Gedächtnis wie ein Muskel, der erschlafft, wenn ich ihn nicht trainiere. Die Erinnerungen und Erkenntnisse aus vergangenen Reisen sind nicht weg, aber sie verblassen und verlieren mit der Zeit ihre Wirkung. Will heißen: Ich werde es wieder tun.

Glücklicherweise gibt es Urlaubsformen, die für alle Beteiligten bereichernd sein können. Couchsurfing zum Beispiel oder zumindest Unterkünfte, wo das Geld bei den Einheimischen bleibt, und wo auf Umweltschutz und soziale Standards ernsthaft Wert gelegt wird. Mit dem Rad oder zu Fuß unterwegs sein, auf einem Ökohof mitarbeiten, wie es meine Kollegin Franziska Wolffheim in der Provence getan hat, Kontakte knüpfen, all das ist sinnvoll. Doch ist das Reisen nicht trotzdem ein egoistisches Privileg? Jein. Denn die Welt ist ein besserer Ort, solange wir unterwegs sind, um unsere Vorstellungen und Vorurteile an der Realität zu messen.

Brigitte

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