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Auf dem Dach des Balkans Dem Himmel so nah

Dach des Balkans: Wanderer auf einem Berg
Was für ein Blick  – wer es auf den Hajla schafft, dem liegen Montenegro und das Kosovo zu Füßen
© Philipp Horak
Schroff und über 2000 Meter hoch sind die Alpen des Ostens. Andrea Jeska wanderte auf dem Dach des Balkans – im Länderdreieck Montenegro, Kosovo und Albanien.

Zehn Meter unter dem Gipfel ist es mit mir zu Ende. Meine Beine gehorchen mir schon seit einer guten Stunde nicht mehr, sie zittern wie geschüttelter Pudding. Die anderen sind lange oben und feuern mich an. "Nur noch ein paar Meter. Nur noch über ein paar Felsbrocken." Ich würde gern sagen, geht ihr nur weiter, lasst mich hier zurück. Hier, weit oberhalb des schönen kosovarischen Tals, von dem aus wir am Morgen aufgestiegen sind. Hier, nur ein paar Schritte von der Grenze zu Montenegro entfernt. Trotz meiner Verzweiflung ziehe ich mich Schritt um Schritt weiter. Willenskraft, hat mir ein weiser Mensch einmal gesagt, ist auch Kraft.

Der "Peak of the Balkans" ist ein Weg des Friedens

Ich bin Meisterin im Verdrängen unangenehmer Tatsachen. Wie der, dass ich schon lange nicht mehr wirklich fit bin und meine letzte Bergbesteigung viele Jahre her ist. Warum habe ich mich für die Wanderung im Länderdreieck Montenegro, Kosovo und Albanien angemeldet? Weil ich ein Balkanfan bin und vor drei Jahren in einem Bergdorf in einem Gasthaus mit einer Gruppe Wanderer zusammen zu viel Raki getrunken und ihren Geschichten von kargen Gipfeln, romantischen Tälern, Schäfern und einsamen Alphütten gelauscht habe. Sie waren unterwegs auf dem "Peaks of the Balkans", einem Wanderweg, der jene Länder vereinigt, die sich vor einem Vierteljahrhundert in einem Krieg als unversöhnliche Feinde gegenüberstanden. Ein Weg, der den Frieden zementiert.

Dach des Balkans: Wanderer und Landschaft
Blicke, Blicke, Blicke
© Philipp Howak

Harmlos begann diese Reise mit der Besichtigung der kleinen kosovarischen Stadt Pec, über die Illyrer, Byzantiner, Osmanen und schließlich, 1998, der Kosovokrieg gekommen waren. Von der Stadt aus konnte man die Gebirgskette sehen, jene Berge, die einst Rückzugsgebiet der kosovarischen Partisanen waren. Als wir auf der Gastalm ankamen, auf der wir die erste Nacht verbrachten, war es schon dunkel. Was gut war, denn so konnte ich nicht sehen, wie steil es dahinter jenen Weg hinaufging, der uns am anderen Tag durch das Dinarische Gebirge zum ersten Gipfel führte: zu dem Berg Hajla. Ich verschlang das opulente Abendessen – Brot, Käse, Suppe, eingelegtes Gemüse, Fisch – mit den Mitreisenden, drei jung, der Rest wie ich in den Fünfzigern und noch weit darüber. Dass sie schon Matterhorn und Zugspitze, Kilimandscharo und die Gipfel der Anden bestiegen hatten, wusste ich noch nicht.

Wie ich es schaffte, die letzten Meter auf den Hajla, 2403 Meter hoch, zu kommen, weiß ich nicht mehr, mein Verstand hatte sich längst verabschiedet. Aber ich schaffte es und konnte mit zitternden Fingern ein Foto vom gelben Gipfelschild schießen, nach links über das Kosovo, nach rechts über Montenegro. Was sich dem Blick bot, war so schön: Berge, nichts als Berge und in – wie mir schien – endloser Tiefe die grünen Täler.

Ruhe nach der anstrengenden Wander-Tour

Irgendwann waren wir wieder unten. Rasteten bei einem, der sich aus Felssteinen und Stämmen ganz allein eine Berghütte gebaut, einen großen Kühlschrank und einige Betten angeschafft hatte und nun kalte Getränke und Übernachtungen an Wanderer verkaufte. Später krochen wir in den bereitstehenden Bus und wurden zu unserem Hotel gebracht, wo der Abend mit einer Zeremonie begann, die sich durch die ganze Reise zog: mit der Verteilung der Betten in Mehrbettzimmern. Mir war in meiner Erschöpfung jedes Bett recht.

Schon am nächsten Tag wurde es besser, dabei war das der längste Wandertag. Gegen Mittag kamen wir an einem Gletschersee vorbei, und das Wasser kühlte die Beine. Das war mein vertrautes Element. Ich trieb auf dem Rücken, sah die Sonne auf den Bergen glitzern, eine Seeschlange glitt an mir vorbei, und all meine Lebensgeister waren wieder geweckt. Dass ich nicht immer die Letzte war, verdanke ich den Brombeeren und Blaubeeren. Üppig wuchsen sie entlang unserer Routen. Blau waren oft unsere Finger, Lippen und Zungen, und hätte Semir, unser so engagierter wie tyrannischer Bergführer, uns nicht stets angetrieben, wir hätten wohl so manche Stunde mit Beerenpflücken vertrödelt.

Dach des Balkans: Mensch springt in einen See
Und platsch – willkommene Abkühlung in einem Gletschersee
© Philipp Howak

Semir, ein Montenegriner, lief über die steilen Hänge und kletterte über Felsen, als seien all das Spazierwege, und wenn wir in Serpentinen abstiegen, lief er einfach den Berg in gerader Linie hinunter, egal wie abschüssig, stand immer schon da, wenn wir endlich ankamen, und hatte wieder ein Selfie geschossen oder ein Filmchen gedreht. Denn er war nicht nur der wohl bestvernetzte Bergführer der Gegend, kannte jeden und wurde überall begrüßt wie ein verlorener Sohn, als sei der gesamte Westbalkan eine große Familie. Er war auch ein begnadeter Poser. Was gut war, sorgte doch seine Social-Media-Selbstinszenierung für so manche Heiterkeit auf schweren Abschnitten.

Dach des Balkans: Hand, die Beeren hält
Geschenke der Natur – an den Hängen der Berge wachsen überall kleine Früchte, abends sind unsere Finger und Lippen von den Blaubeeren und Brombeeren blau
© Philipp Howak

Eiseskälte auf 2272 Metern

Unsere Wege führten über Almwiesen und an verfallenen Berghütten vorbei, an Schäfern mit ihren Herden, an Pferden, die plötzlich im Gegenlicht standen wie Schattenrisse. Auf dem Jelenak-Pass, 2272 Meter hoch, wurde es kalt, eiskalt. Die eben noch drückend heiße Sonne war verschwunden, und Nebel zog über die Berge, fiel die Felsen hinab wie tausend Wasserfälle, das lieblich helle Grün an den Hängen verdunkelte sich. Irgendwo unten im Licht lag das Tal, hell und verlockend, doch noch drei Stunden Abstieg entfernt. Abertausende Steine, die die Berge ausgespuckt hatten, pflasterten unseren Weg.

Am Abend des dritten Wandertags sind wir in Albanien in einem winzigen Bergdorf unterhalb des Bordolecit-Passes, über den Anfang des 20. Jahrhunderts Salz und Schmieröl geschmuggelt wurden. Das Dorf besteht aus rund einem Dutzend Häusern, steilen Almwiesen, über die gemächlich Schafsherden ziehen, Fichtenwäldern – und der Herberge von Luigj, der genauso aussieht, wie man sich einen albanischen Bergbauern vorstellt: kernig, mit Arbeitshänden und Furchen im Gesicht, von der Sonne und vom Leben.

Luigj wurde hier geboren, und wenn nichts Wesentliches dazwischenkommt, wird er wohl auch hier sterben. Im Gegensatz zu zwei Drittel der früheren Dorfbewohner, die in den 90er-Jahren, nach dem endgültigen Zusammenbruch des albanischen Hardcore-Kommunismus, vor der bitteren Armut in den Dörfern flohen – nach Amerika, Deutschland, egal, Hauptsache, fort. Leere, halbverfallene Häuser sind die letzten Zeugnisse dieser ehemaligen Bewohner. Bis heute lebt Albanien auch von dem, was die Exilanten an Geld nach Hause schicken.

Luigjs Herberge

Luigj ging nicht fort. Er fand einen Job bei der Grenzpolizei, seine Frau versorgte die Kranken des Dorfes. Sie bekamen Söhne, hielten Kühe, Schweine und Schafe, lebten von der Hand in den Mund. 2006 kam eine italienische NGO und gab den Dorfbewohnern Kredite, um Fremdenzimmer auszubauen. Er habe gestaunt über diese Idee, sagt Luigj, und ein wenig Angst gehabt vor den ersten Gästen, vor ihren Ansprüchen und ob sie das einfache Leben und die einfache Kost in seinem Haus nicht verachten würden. Doch sie taten es nicht, und Luigj baute mehr und mehr Zimmer aus. Und weil sich im Dorf wieder Geld verdienen lässt, sind immer mehr neue Menschen hinzugezogen.

Wir alle wären noch gern länger bei Luigj geblieben, nicht nur seines selbst gebrannten Rakis wegen. Doch die Berge rufen, in diesem Fall die des Prokletije-Gebirges, mächtige Gipfel, deren Eroberung wir nicht anstreben, sondern an deren Bergflanken wir uns bewegen. Wieder überschreiten wir die Grenze nach Montenegro, übernachten am Ufer des Skadar-Sees in dem charmanten Fischerstädtchen Virpazar. Beim Kerzenlichtdinner mit Forelle, Wein und Blick auf die Boote, die im schmalen Hafen liegen, ahnen wir, dass der einsamste Teil der Wanderung vorbei und wir auf dem langsamen Weg zurück in die Zivilisation sind.

Der Morgen beginnt mit einer Bootsfahrt auf dem See und einem Sprung von Bord ins Wasser. Die nahen Berge stehen still und staunend, die Sonne scheint warm, das Wasser ist weich, schöner kann das Leben kaum noch sein. Und während Semir Wein, Oliven, Käse und Brot auftischt, biegt das Boot in die mäandernden Nebenarme des Sees ein, fährt zwischen Seerosenteppichen und Schilfinseln hindurch. Kormorane, Pelikane, Eisvögel posieren für unsere Kameras. Eine Fahrt, die gerne Ewigkeiten hätte dauern können, doch irgendwann legen wir an, laufen durch die ehemalige Königsstadt Cetinje, fahren noch einmal hoch hinauf in die Berge.

Und als wir den Wald verlassen und den Abstieg beginnen, liegt unter uns in grandioser Schönheit die Bucht von Kotor. Eingerahmt von den hohen Bergen sieht sie aus wie ein nordischer Fjord. Bis hinauf zu unserem Felsenvorsprung scheint das Wasser zu glitzern, wir sehen Schiffe und Jachten, die Altstadt mit ihren Häusern aus sandfarbenem Stein. In Serpentinen wandern wir nach unten, und mit jedem Schritt löst sich die Stille mehr auf, erst im Brummen der Autos, schließlich in Stimmen. Am Fuße des Wegs drehe ich mich noch einmal um und schaue zu dem Berg hinauf, auf dem ich vor ein paar Stunden noch stand.

Die Reisetipps für das Dach des Balkans

Die Reise

Diese und viele weitere Wandertouren auf dem Balkan in allen Schwierigkeitsgraden sind zu buchen über weltweitwandern.at. Unsere achttägige "Balkangrenzlandwanderung" kostet 1590 Euro inkl. Flug.

Der Fernwanderweg "Peaks of the Balkans"

Der "Peaks of the Balkans" ist ein 192 Kilometer langer Fernwanderweg im Prokletije-Gebirge, auch albanische Alpen genannt. Die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit öffnete alte grenzüberschreitende Handels- und Hirtenwege wieder, finanzierte die Kennzeichnung von Wanderwegen und die Publikation von Karten, förderte den Tourismus in den fast verlassenen Bergdörfern. Der Deutsche Alpenverein bildet Wegemarkierer und Bergführer in der Region aus und bietet Fortbildungen für Gastgeber an. Inzwischen gibt es neben dem ursprünglichen Trail ein weiteres Netz an Wanderwegen. Mit der Kennzeichnung allerdings hapert es vielerorts noch, wer ohne Tourenbegleitung unterwegs ist, kann sich leicht verlaufen.

Übernachten auf dem Dach des Balkans

Dach des Balkans: Hotel Marija im Balkan
© PR

Hotel Marija Ein altmodischer Hoteltraum in einem Barockbau in Kotors Altstadt. Gemütliche Zimmer mit Blick auf das städtische Treiben (s. o.). DZ/F ab ca. 60 Euro, hotelmarija.me.

Guesthouse Vucetaj Im Dorf Vutahj: Zwei Brüdern, einer lebt im Ort, einer in New York, gehört das Ensemble aus Holzhütten. Bester Ausgangspunkt für die Gipfel der Prokletije-Kette. DZ/F ab 109 Euro, guest-house-vucetaj.business.site.

Hotel Alpini Schlichte Mehrbettzimmer in der fantastischer Bergwelt Albaniens. Wirt Luigj kann viel von früher erzählen, seine traditionellen Gerichte sind ein Schmaus, Tel. 00355-697 41 07 07.

In der Stadt

Dach des Balkans: Balkan Stadt
© Walter Bibikow / Getty Images

Wer nach den vielen Bergen mal wieder Stadtluft und ein bisschen Wasser braucht, sollte in Montenegro für 30 Euro einen der spektakulären Bootstrips durch die Bucht von Kotor buchen. Unterwegs auf dem Meer wird eine alte Kirche auf einer winzigen Insel besucht, in einer Grotte mit leuchtend blauem Wasser gebadet (kotorboat-tours.com). Anschließend in der Altsatdt montenegrinische Gerichte essen, etwa im hervorragenden "Konoba Scala Santa", Stari Grad 295.

Brigitte

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