Dark Tourism: Deshalb bommt der Urlaub an Orten des Schreckens

Tschernobyl

Wer den Nervenkitzel suchte, machte früher einen Segeltörn oder einen Klettersteig in den Alpen. Heute fährt man lieber an Orte des Grauens - ein makabrer Trend, der sich Dark Tourism nennt.

Die meisten Menschen fahren in ihrem wohlverdienten an Orte mit kilometerlangen Sandstränden oder atemberaubendem Bergpanorama. Auch pulsierende Städte sind beliebte Reiseziele für Touristen weltweit. Manche Menschen, sogenannte Dark Touristen, zieht es jedoch an Ziele, die uns als Orte des Schreckens bekannt sind. Orte, die vom Krieg gebeutelt und von Hoffnungslosigkeit geprägt wurden.

Reisen an grauenhafte Orte

Früher nannte man diese Art des Tourismus "Katastrophentourismus", heute ist das Phänomen unter dem Begriff "Dark Tourism" bekannt. Das 2012 im britischen Lancashire gegründete "Institute for Dark Tourism" definiert diese Form des Reisens als "Besichtigung von Orten, Attraktionen und Ausstellungen, die mit Tod, Mord, Gräueltaten, Gewalt, Leid, Schmerz und dem Makabren assoziiert werden." Es sind Plätze, an denen sich die Besucher gleichsam unwohl und lebendig fühlen sollen.

Ganze 800 Destinationen in 108 verschiedenen Ländern werden auf der Website des Instituts vorgestellt, darunter Auschwitz, Ground Zero, Fukushima, der "Tunnel of War" in Sarajevo, Kambodschas "Killing Fields" und Tschernobyl. Orte, die eine grauenhafte Vergangenheit haben und an denen sich Touristen in die Szenerie hereinversetzen können. Im Prager Foltermuseum bekommt der Besucher etwa durch audiovisuelle Effekte das Gefühl, Zuschauer einer Hexenverbrennung zu sein. Doch auch Deutschland ist ein beliebtes Ziel für Dark Touristen - jährlich zieht allein das Denkmal für die ermordeten Juden Europas in Berlin eine halbe Million Besucher an.

Geschäft mit dunklem Tourismus boomt

Das Interesse für die dunkle Seite des Lebens haben auch Reiseagenturen für sich erkannt. Für rund 500 Euro bekommt man eine zweitägige Reise nach Tschernobyl. Für einen minimalen Aufschlag von 20 Euro stellt der Guide Personen vor, die nach der Evakuierung zurück in die Strahlenwüste gekehrt sind und dort leben. Millionen Menschen sind jedes Jahr auf der Suche nach dem besonderen Kick und betreiben - mit Reiseveranstalter oder ohne - Holocaust-, Schlachtfeld-, Gefängnis- und Katastrophen-Sightseeing.

Warum wird man zum Dark Tourist?

Wieso also die Faszination für das Grauen der vergangenen Jahrhunderte? Weil man es nachempfinden möchte? Weil man sich am Leid der anderen erbaut? Weil man sensationshungrig ist? Vermutlich eine Mischung aus allen drei Dingen, denn immerhin empfinden Menschen schon seit Jahrtausenden Lust am Schrecklichen. Man denke nur an die Gladiatorenkämpfe im antiken Rom sowie den Pranger und die Hexenverbrennungen der frühen Neuzeit. All diese Gräueltaten galten als Unterhaltung für das Volk.

Wie heute das Dschungelcamp oder eben der Dark Tourism. Es gibt vermutlich viele Gründe, warum man Orte des Schreckens aufsucht. Der Mensch versichert sich damit seiner eigenen Unversehrtheit, die Konfrontation mit dem Tod stärkt womöglich auch sein Moralempfinden. Doch ob es nun der Wunsch nach der Aufarbeitung der eigenen Geschichte ist oder der bloße Wunsch, den Tod als Objekt im Schaukasten zu betrachten, eines sollte man immer wahren: Anstand und Respekt vor solchen geschichtsträchtigen Plätzen. Selfies und Picknicks haben dort einfach nichts verloren!

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