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Haustausch: Biete Ferien in Berlin, suche Atlantik

Haustausch: Biete Ferien in Berlin, suche Atlantik
© Anne Gabriel Jürgens / Brigitte
Wer Haustauschferien macht,
 beamt sich in Alltag und Umgebung
 einer fremden Familie.
 Für BRIGITTE WOMAN-Autorin Katharina Schmitz wurde es ein Abenteuer in Nordspanien. 


Ferienwohnungen sind teuer - ein Haustausch nicht

Nach 13 Tagen Vigo fehlen ein Handy und eine Zierleiste am Auto von Eugenia und Carlos. Und es fehlt die Angst, in einer spanischen Großstadt Sommerurlaub zu machen, in der Wohnung einer Tauschfamilie. Mit zwei Kindern hatten wir uns in den fremden vier Wänden von Eugenia und Carlos breitgemacht. Und uns in ihr Leben gezoomt.

Alles auf Anfang. Unsere Tauschfamilie hat ihren Wagen nicht weit vom Flughafen von Santiago de Compostela abgestellt, wir dürfen ihn benutzen (und sie unseren). Unser Ziel: die Hafenstadt Vigo, mit ihren fast 300 000 Einwohnern größte Metropole Galiciens, rund 80 Kilometer vom Flughafen entfernt.

Rein mit dem Gepäck in die fremde Familienkutsche, Eingabe des Ziels ins GPS, und als ob das nicht schon aufregend genug wäre, verwechselt mein Mann, der an Automatik gewöhnt ist, gefühlte zehn Minuten lang Bremse und Kupplung.

Endlich brausen wir los über die Autopista AP-9. Es nieselt, mein Mann schaut konzentriert auf die Fahrbahn. Das hier ist unser erster Wohnungstausch. Vor Monaten hatte ich mich spontan bei einer einschlägigen Plattform angemeldet, Freunde reisen seit Jahren begeistert per Tausch, öfter schon in die Bretagne.

Warum es also nicht selbst einmal probieren? Wir haben zwei Kinder, sechs und neun Jahre alt, Urlaub ist teuer, Urlaub in den Schulferien ist zum Heulen teuer. Wer tauscht, spart also zum Beispiel die unverschämt hohen A-Saison-Preise für eine Ferienwohnung.

Unser Angebot ist auch nicht schlecht: eine hübsche Berliner Altbauwohnung in Eins-a-Kiezlage. Einzige große Sorge: Würde jemand im Hochsommer das Meer gegen die Steinwüste Berlin eintauschen wollen? Unsere Spanier wollen.

Haustausch
© Anne Gabriel Jürgens / Brigitte

Unsere spanischen Tauschpartner sind uns sofort sympathisch

Von Eugenia und Carlos kam sogar die allererste Anfrage. Wer sind denn die, fragten wir uns und schauten ihr Profil an. Sie Hochschullehrerin, er Industriedesigner, zwei Kinder, wie wir. Auch nicht unwichtig: Ihr Wohnstil ähnelt unserem, mit einem Unterschied: Die Spanier wohnen im siebten Stock. Wir schlucken. So was nennt unsereins Hochaus.

Und wo liegt eigentlich dieses Vigo? Vigo ist eine "Industrie- und Hafenstadt" in Nordspanien, erfahren wir. Könnte laut und schmutzig sein, aber auch irgendwie aufregend. Wir schwanken zwischen Abenteuerlust und Bedenken, denn da sind unsere zwei 
Jungs, die unter Abenteuer glasklar etwas 
anderes verstehen als
 die vielleicht etwas 
verruchte urbane Modernität einer Stadt 
in Nordspanien.

Mails
 gehen hin und her. 
Flüge werden gecheckt. Es gibt günstige Verbindungen. Unsere Spanier müssen 
Überzeugungsarbeit 
leisten. Das ist nicht 
leicht, aber dann eben
 auch nicht allzu
schwer. Die Spanier 
sind uns sofort sympathisch. Die Einträge in das Gästebuch
 ihres Tauschprofils 
klingen begeistert.


Haustausch
© Anne Gabriel Jürgens / Brigitte

Wir fahren immer 
noch auf der Autopis
ta Richtung Vigo. 
Rechter Hand sehen 
wir nun eine eindrucksvolle Schrägseilbrücke, die Puente de Rande, die wir sogleich "Golden Gate Bridge" taufen. Wir werden sie noch oft sehen. Manchmal in den berühmten galicischen Nebel gehüllt, der die Gegend in eine Kulisse für einen sehr speziellen Film verwandelt und sich oft erst spätnachmittags verzieht. Die Golden Gate führt uns in den nächsten Tagen auch immer wieder zur Morrazo-Halbinsel, zu Kaps mit Leuchttürmen, zu den Buchten der Rías Baixas, fjordähnlichen Flussmündungen, in die das Meer eingedrungen ist.

Wichtig beim Haustausch: Neugierig und flexibel sein

Am Ende der Autopista AP-9 fährt man in die Stadt wie in eine Schlucht, dann wieder aufwärts, schon wieder ein San-Francisco-Gefühl. Das GPS führt uns durch eine geschäftige Einkaufsmeile mit schönen Läden aus der Gründerzeit.

Die Aufregung steigt. Das alles hier ist abenteuerlicher als die nahende Ankunft in einer Ferienwohnung, die man, sagen wir auf Sylt, im Internet gefunden hat. Weil wir bei der Suche auf einschlägigen Portalen nicht stundenlang nach mindestens vier von fünf Punkten für Sauberkeit geschaut haben. Weil wir das Ziel hauptsächlich dem Zufall überlassen haben.

Erst wären wir gern nach Frankreich gereist, dann hatten wir schon die Flüge nach Galicien gebucht. Deshalb eine Reisewarnung: Wer tauscht, muss neugierig und flexibel sein. Und Leute mit Hang zur Perfektion sollten von der Tauschidee Abstand nehmen. Es kann zu Überraschungen kommen. Sommerferien in einer Industrie- und Hafenstadt. Mit Kindern. Im siebten Stock. Noch Fragen?


Wir fühlen uns sofort wohl  - die Spanier auch?

Carlos’ Mutter wartet. Die Signora steht an der Straße, als wir einbiegen, sie winkt, sie kennt ja den Wagen ihrer Familie, schon sitzt sie neben meinem Mann. Wir fahren in die Tiefgarage, dann mit dem Aufzug nach oben. Tür auf. Vorsichtig rollen wir die Koffer über das topgepflegte Parkett. Wir öffnen Türen und gucken. Ich öffne diskret Schränke. Seifenduft strömt mir entgegen, selbst der Schrank mit den Putzutensilien riecht fantastisch. Es klingt wie ein Klischee, aber dass die Spanier eine Vorliebe für starke Gerüche haben, angeblich sogar Chlor lieben, scheint mir jetzt höchst erfreulich.

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Ich fühle mich sofort wohl. Wir fühlen uns sofort wohl. Aber finden unsere Spanier es genauso schön bei uns? Sie kennen ja die Fotos von unserem Profil, unsere Wohnung ist fraglos hübsch, ein klassischer Altbau, dritter Stock, man schaut in den Hinterhof auf Birken. Leider sind die Dielen schon etwas heruntergekommen. Von den cremeweißen Holztüren blättert der Lack. Die einen nennen es Boheme-Stil, die anderen renovierungsbedürftig. Ich darf mich da jetzt nicht reinsteigern, denke ich.

Fast habe ich ein schlechtes Gewissen. Dass einen fremde Menschen so willkommen heißen: Auf dem Küchentisch liegt ein liebevoll geschriebener Zettel von Eugenia, im Kühlschrank wartet frische Pasta auf uns und ein Weißwein aus der Region. Der Albarino erinnert an die "salzige Gischt an einem windigen Tag am Meer", wie ich zurück in Berlin irgendwo lese (und dabei melancholisch werde).

Die Jungs werfen sich aufs Sofa, unsere Spanier haben Netflix, und so entdecken sie einen Kinderkanal mit Cartoons, ohne Sprache. Mein fußballbegeisterter Mann wirft durchs Fenster einen schwelgerischen Blick auf das Estadio Balaídos, in dem Celta Vigo spielt. Nach dem Essen sitze ich am spanischen Küchentisch wie an meinem Küchentisch in Berlin, trinke noch ein Glas Albarino und schreibe eine SMS nach Berlin. "Fühlt Ihr Euch wohl?" – "Oh ja!" Viele Ausrufezeichen. "Wir fühlen uns auch sauwohl", schreibe ich. Drei Ausrufezeichen.

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Alle Infos sind in einer vorbildlichen Mappe versammelt

Am nächsten Tag wollen wir einkaufen. Wir schauen in das Manual. Diese Mappe gehört zu jedem Wohnungstausch. Sie versammelt handverlesene Informationen und Tipps für den Tauschpartner. Es wird erklärt, wie Spül- und Waschmaschine funktionieren, wo die nächste Bäckerei ist, ein Supermarkt. Die Mappe ist eine Gebrauchsanweisung für die Wohnung, den Ort, die Umgebung, schön in Etappen sortiert. Eine vorbildliche Mappe, wir nehmen uns vor, zu Hause eine fast genauso tolle Mappe zusammenzustellen.

Um die Ecke liegt eine typische Markthalle, die unsere Spanier empfehlen. Da spazieren wir hin. Schau, das sind diese Pimientos de Padrón, sage ich. Wir kennen sie von früheren Reisen: einfach mit grobem Meersalz bestreuen, in den Ofen schieben, dazu Sardinen. Mein Mann kocht heute Abend. Ein bisschen sorge ich mich wegen des Ceranfelds in der Küche, das blitzsauber aussieht, was man von unserem Ceranfeld wirklich nicht behaupten kann.

Vigo - das neue Barcelona? 

Vigo! Leute, die einen Trend hundert Meter gegen den Meereswind riechen können, sagen, Vigo sei das neue Barcelona, sogar besser, weil nicht so nervig touristisch, was schon auch, man muss es offen ansprechen, am Klima liegen mag.

Die Katalanen siedelten sich ab Mitte des 19. Jahrhunderts in Vigo an, um Sardinen in Salz einzulagern. Die Stadt florierte schon lange, der Hafen ist der größte Fischereihafen Spaniens, später kam Industrie hinzu. Seit den 1950er-Jahren ist die Einwohnerzahl stark gestiegen, es wurde zweckmäßig gebaut, so manches Haus eines katalanischen Unternehmers oder Amerika-Rückkehrers musste einem Neubau weichen.

Aber siehe da: Vigo hat in dieser Küstenlandschaft seinen eigenen Charme, eine Mischung aus urbanem Stolz und viel blauem Meer. Vigo ist nirgends überwältigend schön, aber es ist immer eigenwillig und an manchen Ecken magisch. Als Bewohner Berlins können wir mit diesem Befund sehr gut leben.

Haustausch
© Anne Gabriel Jürgens / Brigitte

Es ist ein Urlaub mit Alltag

Wir haben mit den Spaniern eine WhatsApp-Gruppe "Berlin–Vigo" eingerichtet und erkundigen uns sporadisch nach dem Befinden, besser gesagt: täglich. Aber das macht Spaß. Sie schicken uns Sightseeing-Fotos aus "unserer" Stadt. Sie schreiben: "Es läuft alles reibungslos." Sie fühlen sich wohl. Unsere Spanier sind begeistert von Berlin. "It’s so intense." Drei Ausrufezeichen.

Und wir fühlen uns schon ein wenig, als wären wir umgezogen und gar nicht mehr auf Reisen. Unser Radius reicht vom Hafenörtchen Bueu bis zum Grenzörtchen A Guarda. Wir spielen im nahe gelegenen Castrelos-Park Fußball. Wir brausen die PO 550 hinunter, unserem "Highway No1" gen Süden, hier mutet der Atlantik fast schon pazifisch an. Es gibt immer irgendein Café an der Straße mit Blick aufs wilde Meer. In A Guarda probieren wir das galicische Bier. Später ein Eis im Küstenort Baiona, von dem aus Columbus einmal verkündete, er habe Amerika entdeckt.

Haustausch ist ein Abenteuer 

Ferien bedeutet für uns auch, dass man immer etwas nicht schafft. Wir sind von der Art Touristen, die manchmal extra ohne GPS herumfahren (wenn sie erst mal sicher mit dem GPS angekommen sind). Und weil die Straßen zum Meer meist spärlich beschildert sind und die grobe Karte nicht alles verzeichnet hat, werden wir nie an dem Strand in der Nähe von Hío landen, einem dieser unaufgeregten Orte auf der Morrazo-Halbinsel.

Heute wollen wir an den Strand, an dem man Krebse keschern kann. Wir landen am Ende irgendeiner Sackgasse, wo wir den Wagen einfach abstellen. Es gibt jetzt mit Glück eine Toilette, vielleicht eine kleine Bude mit Estrella-Bier, Pommes, Cola-Eis.

Manchmal gibt es auch nichts, außer dem Blick auf die vorgelagerten Inseln namens Islas Cíes, die nur mit dem Boot in knapp einer Stunde zu erreichen sind. Karibisches Wasser, hellweiße Strände, der Duft von Eukalyptus. Diesen einen Ausflug muss man wirklich planen, die Zahl der Tagesbesucher ist limitiert. Haben wir nicht. Und so besuchen wir nicht die Cíes, sondern die Schwesterinsel, die Isla de Ons.

Haustausch
© Anne Gabriel Jürgens / Brigitte

Die Zierleiste von Eugenias und Carlos’ Auto war irgendwann einfach weg. Wir hinterließen auf dem Küchentisch 100 Euro – unsere Gastgeber meinten später auf WhatsApp, das wäre doch nicht nötig gewesen. Mein Mann verlor am zweiten Tag sein Handy im O-Castro-Park. Es ist vielleicht das schönste Kompliment an diese Stadt und unsere ersten Tauschferien, dass er, der sonst alle fünf Minuten draufschaut, es überhaupt nicht vermisste. So ähnlich schreiben wir – zurück in Berlin – das alles ins Gästebuch der Spanier auf der Tauschplattform. Wir fühlen uns wie nach einem Abenteuer. 

Haustauschferien - Gut zu wissen

Wo findet man Partner für den Haustausch?

Der von uns beschriebene Wohnungstausch wurde über haustauschferien.com organisiert. Auch homelink.de und de.homeforhome.com bringen Urlaubstauschpartner zusammen. Die Mitgliedsgebühr für ein Jahr beträgt je nach Portal zwischen 60 und 140 Euro. Mitglieder können in einem Jahr so oft tauschen, wie sie möchten.

Wie sicher ist der Haustausch? 

Ohne Vertrauen geht es nicht. Infos, um den Tauschpartner einzuschätzen, bietet das detaillierte und persönlich gestaltete Mitgliederprofil. Auch anhand von Berichten über absolvierte Tausche kann man sich ein Bild vom potenziellen Gastgeber machen. Für Transparenz sorgen Telefonnummer, E-Mail- Adresse, Social-Media-Account. Empfehlenswert ist ein Kontakt via Telefon oder Skype.

Wir gratulieren: Diese Reisereportage hat den Spanischen Journalismuspreis 2018 gewonnen!


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