I want to surf your couch: Reisen mit der Couchsurfing-Community

Rayka und Jonas sind einmal um die Welt gereist und haben bei völlig fremden Menschen auf dem Sofa übernachtet. Couchsurfing heißt dieser Trend, zu dem ihr hier alle Infos findet.

Venice auf amerikanisch: der beliebte und durchgeknallte Strandort vor Los Angeles

Vor einem Jahr wollte ich mit einer Freundin ausgehen, und sie fragte, ob es in Ordnung sei, wenn sie ihren Couchsurfer mit brächte... Ihren was?! Ein Abend - und ich war angefixt.

Mitten in der Planung für meine lang ersehnte >> Weltreise mit meinem Freund, stoße ich so auf Couchsurfing. Ich erstelle mir sofort ein Profil und suche nach einer Couchsurferin in Los Angeles - unserem ersten Reiseziel.

Schnell stelle ich fest: Es gibt Unmengen an möglichen Hosts weltweit. Auf der Internetseite kann man die Suche jedoch zum Glück einschränken, bis man auf interessante Couchsurfer stößt. So schreiben wir erst einmal Helen an: Sie klingt entspannt, schreibt von Karaoke und einem eigenen Bad für Couchsurfer. Für Backpacker klingt das nach purem Luxus.

Es dauert nur wenige Stunden bis ich eine positive Antwort bekomme: "Klar, kommt vorbei, ich war erst vor einem Monat in Deutschland und freu mich auf euch!"

I want to surf your couch: Reisen mit der Couchsurfing-Community

(Couch)-Surfin' USA

Chewbacca und Steven Spielberg vor dem Kodak Theater in Hollywood

Zwei Woche später landen wir zum ersten Mal in Los Angeles. Wir haben keine Ahnung, wo hier was ist, finden aber irgendwie den Mietwagen und steuern damit die nächstbeste Telefonzelle an. Ich wähle Helens Nummer, die sie mir zuschickte und frage mich, wie ich mich eigentlich vorstellen soll - da geht sie auch schon ran, und ich sage prompt "Hi, I want to surf your couch."

Klingt selten dämlich, aber Helen lacht und meint, das Bier stehe schon kalt. Mit ihrer Wegbeschreibung kämpfen wir uns durch die Highways. Amerika, wie man sich es vorstellt: Alles ist größer... die Straßen, die Reklame, die Autos und zum Glück auch die Ausfahrtschilder der Highways.

Vor Helens kleinem Häuschen parken wir und lassen uns von einer strahlenden asiatischen Amerikanerin in "unser" Zimmer mit aufblasbarer Queensize-Matratze führen. Kurz darauf sitzen wir auf der Terrasse und genießen die sommerlichen Temperaturen am Abend mit unserem ersten Couchhost. Wir fragen sie nach schlechten Erfahrungen mit Couchsurfern. Helen erzählt, nur einmal sei ein Couchsurfer länger geblieben, als es ihr Recht war. Sie hatte es damals unhöflich gefunden, ihn vor die Tür zu setzen. Aber das passiere ihr nun nicht mehr.

Typisch Amerika? Fette Trucks auf der Überholspur.

Wir werden ausgequetscht, was wir alles sehen wollen, und sie beschließt mit uns in den nächsten Tagen "Korea-Town" zu stürmen: den koreanischen Stadtteil von L.A. mit koreanischem BBQ und Karaoke. Doch erstmal wollen wir am nächsten Morgen alleine losfahren - Helen muss arbeiten und überlässt uns vertrauensvoll den Wohnungsschlüssel.

Bevor wir losstürmen in Richtung Hollywood gibt uns Helen noch eine Warnung mit auf den Weg: Sie weiß durch ihren Deutschlandbesuch, dass Deutsche gerne zu Fuß gehen. Aber genau das sei das Schlimmste, was man sich in L. A. antun könne – entweder werde man überfahren oder beim Drive-by-Shooting über den Haufen geschossen.

Wir bleiben unversehrt und freunden uns über die fünf Nächte mit Helen an. Beim Abschied fließen Tränen, und sie verspricht uns im nächsten Sommer zu besuchen.

>> Auf der nächsten Seite: Couchsurfing auf den Fiji-Inseln, in Neuseeland, Indonesien, Malaysia und Thailand.

Eddy auf unserer "couch"

Nach dieser Erfahrung bin ich totaler Couchsurfer-Fan und hoffe weiterhin, so offene und liebevolle Couchhosts zu treffen. Wir haben Glück und mitten auf dem Lande von Kalifornien, kurz vorm Death Valley, nehmen uns wieder Couchhosts auf: ein älteres Pärchen in voller Cowboymontur mit den besten selbstgemachten Cookies. Auf Fiji bekommen wir ein Bett auf der Ranch von dem Fijianer Eddy, der als Gegenleistung für die Übernachtung eine Flasche Rum zum Feiern verlangt. Bei ihm wimmelt es nur so vor Couchsurfern, und es wird die ganze Zeit gefeiert und gegessen.

Auch Neuseeland hat das Couchsurfing-Fieber gepackt

Couchhost Katarina aus Rotorua

In Neuseeland stoßen wir auf ein Pärchen aus Neufundland, die begeistert ihre Türe öffnen - sie hatten die erste Jugendherberge Neufundlands eröffnet, bevor sie für fünf Jahre an die Arktis zogen und von da aus nach Neuseeland. In Rotorua, Neuseeland, übernachten wir auf einer Farm bei Kataraina, die sich freut, dass wir uns für die Kultur der Ureinwohner Maori interessieren und uns mit ihren zwei Hunden in ihrer Gemeinde herumführt. In Wellington rollen wir Isomatten bei John aus Detroit auf den Boden aus und versuchen verzweifelt mit dem Vollblut-Bodybuilder ein Gesprächsthema zu finden, bis wir endlich über Musik reden und uns entspannen.

Zu Gast in Yogyakarta

In Indonesien ziehen wir für vier Nächte in Yogyakarta bei einer muslimischen Familie ein, die uns hemmungslos bekocht und mit dem Motorrad herumfährt. In Kuala Lumpur, Malaysia, besuchen wir ein amerikanisch-singapurianisches Pärchen in ihrer Wohnung, mit einer unglaublichen Aussicht auf die im Dunkeln glitzernde Skyline. In Bangkok, Thailand, wohnen wir für vier Nächte im alten Kinderzimmer unseres Hosts. Seine Eltern haben eine chinesische Bäckerei, wo morgens gefrühstückt wird. Abends gehen wir auf ein thailändisches Ska-Konzert...

>> Auf der nächsten Seite: Warum Rayka und Jonas sich immer wieder für das Couchsurfing entscheiden würden

Südseeträume auf Fiji

Die Erfahrungen, die man als Couchsurfer machen kann, sind einzigartig. In Ländern, die einen neugierig machen, lebt man mit den Menschen vor Ort zusammen und wird kurzerhand in deren Lebensstil mit einbezogen. Die Gastgeber machen sich Gedanken, was sie schön an ihrer Umgebung finden, führen einen in Ecken, wo man sonst nie hingegangen wäre und erklären Sachen, die man sonst nie verstanden hätte. Und jedes Mal hofft man auf ein Neues einer Person gegenüberzutreten, die Lust hat sich mit einem zu unterhalten und denen man nicht zur Last fällt. Und jedes Mal bekommt man viel mehr als erwartet.

Die Gründe, so warmherzig fremde Reisende bei sich aufzunehmen, sind häufig dieselben: Die Hosts sind selber viel gereist, wissen um die Kosten, die so ein Trip mit sich bringt und dass es schöner ist, Einheimische kennenzulernen anstatt in Hostels zu vergammeln. Oder sie würden gerne mehr reisen, können es aber zurzeit nicht und freuen sich darum über Besuch aus anderen Ländern. Und alle haben ausnahmslos Lust auf Geschichten von ausländischen Reisenden und planen manchmal auch direkt ihren Gegenbesuch.

Nach dieser Reise verwandeln wir unsere Wohnung in ein Couchsurferparadies: Inspiriert von "unseren" Couchhosts horten wir Zahncreme und Shampoo, Hamburg-Infos in allen Sprachen, Bettwäsche - vielleicht auch ein eigenes Handy mit Prepaid-Karte, damit sie nie verloren gehen? Ach ja, und obwohl es Couchsurfing heißt: Wir haben nicht einmal auf einer Couch übernachtet...

Fotos Jonas Gerberding
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