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Unmoralische Angebote Impftourismus: Spritz-Tour in die Sonne?

Impftourismus
© Jc valenzuela / Shutterstock
Wenn hier nichts geht, die Corona-Impfungen einfach im Urlaub absolvieren? Das bieten Reiseveranstalter an. Doch die Sache hat Haken.  

Die meisten von uns warten auf ihre Corona-Impfung und den lang ersehnten nächsten Urlaub. Wie wäre es also, beides zu kombinieren? Als Erstes hatte im Januar ein britischer Privatclub mit einem entsprechenden Angebot für Aufregung gesorgt: Mitglieder sollten sich für 45.000 Euro bei einer Luxusreise nach Dubai impfen lassen können.

Während in Deutschland immer noch unklar ist, wann die jüngere Bevölkerung geimpft sein wird, wittern Corona-gebeutelte Reiseveranstalter auch hierzulande ein neues Geschäftsmodell: Impfreisen.

"Unethisches Geschäftsmodell"?

Der Veranstalter "Fit Reisen" hatte zu Beginn des Jahres angekündigt, solche Reisen anbieten zu wollen. Und zwar in Länder, deren Bevölkerung bald durchgeimpft sei, und die daher Impfstoff übrighätten. Als mögliche Ziele wurden Israel, die Seychellen, Großbritannien und die Vereinigten Arabischen Emirate genannt.

Die Empörung war groß. Israel lehnte umgehend ab, Tourist*innen impfen zu lassen, und der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach sprach im WDR von einem "unethischen Geschäftsmodell." Übrig gebliebene Dosen sollten stattdessen ärmeren Ländern, die sich die Vakzine nicht leisten könnten, zur Verfügung gestellt werden.

Inzwischen ist man bei "Fit Reisen" mit folgender Begründung zurückgerudert: "Mit der größeren Verfügbarkeit von Corona-Impfstoffen und dem für April geplanten starken Anstieg der Liefervolumina, gehen wir nun davon aus, dass diese Impfreisen keinen bedeutenden Beitrag zur hiesigen Pandemiebekämpfung leisten können. Aus diesem Grund verfolgen wir momentan keine weiteren Pläne, einen Impfurlaub ins Ausland anzubieten."

Auf eine Spritze mit Sputnik-V nach Moskau

Was mehr nach Agententhriller als nach Erholung klingt, organisiert der norwegische Reiseveranstalter "World Visitor" auch für deutsche Kund*innen: Russlandtrips, bei denen Sputnik-V verimpft wird. Das Angebot unter meine-impfreise.com reicht von Immunisierungen im Transitbereich der Flughäfen von Moskau und St. Petersburg bis hin zu Reisen mit einem dreiwöchigen Aufenthalt in der Türkei, bei denen gleich beide Impfungen zu Anfang und Ende der Reise in Russland verabreicht werden.

Auch der österreichische Verleger Christian W. Mucha setzt auf Russland - unter dem Slogan „First come. First go. Freedom for you.“ Doch leider könne man derzeit nicht reisen, schreibt er auf seiner Website Impfreisen.at, da die Europäische Arzneimittelbehörde (EMA) den russischen Impfstoff noch nicht zertifiziert habe. Und auf diese Zulassung lege man Wert. Schließlich möchte man "garantiert sicherstellen, dass Ihre Impfung in einen international anerkannten Impfpass eingetragen wird. Denn nur damit werden Sie sich künftig frei bewegen können."

Praktische Probleme bei Impfreisen

Abgesehen von der moralisch fragwürdigen Entscheidung, sich bei der Impfreihenfolge vorzudrängeln, nur weil man es sich leisten kann, gibt es auch praktische Probleme beim Impftourismus nach Russland: Die Einreise ist für deutsche Urlauber derzeit verboten.

"World Visitors" wirbt zwar damit, die nötige offizielle Einladung des russischen Innenministeriums zu beschaffen. Hinzu kommt aber, dass Russland vom Auswärtigen Amt als Risikogebiet eingestuft wird, sodass Reiserückkehrer*innen eine zehntägige Quarantäne einhalten müssten. Solche Hindernisse dürfte es auch bei anderen Länder geben.

Weiteres Problem: Beim Verimpfen von Vakzinen, die in der EU nicht zugelassen sind, gibt es laut Impfschadengesetz keinen Anspruch auf Entschädigung, wenn etwas schiefgeht. Warten, bis man dran ist, scheint derzeit aus vielen Gründen die bessere Option zu sein. 

Quellen: Redaktionsnetzwerk Deutschland, Frankfurter Neue Presse, Touristik aktuell, Fit Reisen, World Visitors, Impfreisen.at

sar

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