Einmal Italien. Und gleich wieder zurück?

Italien ist mehr als Dolce Vita, Latte Macchiato und Spaghetti all'Arrabiata, das wissen wir. Sollten wir also nicht ein wenig an unserem Bild des sonnigen Südens rütteln? Kennen wir das Land, in dem die Zitronen blühen, eigentlich wirklich?

Einmal Italien. Und gleich wieder zurück?

Perfekter Tag am Strand

Sommer und Italien, das gehört für viele Deutsche seit Beginn der Auslandsreisewelle in den 1950er Jahren unwiderruflich zusammen. Wenn der Sommer zu Ende ist und uns das große Fernweh packt, schauen wir sehnsuchtsvoll auf das Olivenbäumchen aus Ligurien und kochen noch einmal das leckere Rezept mit den sizilianischen Kräutern nach.

DOLCE VITA

Die Sonne strahlt vom Himmel, und auf einer kleinen, wahnsinnig überfüllten Piazza wuseln Eltern, Kinder und Rentner eifrig durcheinander. Ohrenbetäubender Lärm, der uns irgendwie auch glücklich macht. Frauen legen Obst, Gemüse, frische Eier und Brot in ihre Körbe, ihre Kinder werden an jeder Ecke mit Küsschen versehen und mit zärtlichen Kniffen in die Wange begrüßt. Die Männer sitzen vor einem Café, spielen Karten oder diskutieren lauthals über Politik.

Strandleben

Wenn wir unsere Aufmerksamkeit einen Augenblick vom bunten Markttrubel losreißen können, schauen wir durch uralte, schmale Gässchen über die mit Zypressen bewachsenen Hügel in Richtung Horizont und entdecken: das Meer. Nirgendwo ist es so blau wie hier. An den Stränden posieren gelfrisierte Halbstarke vor ihren Angebeteten, indem sie unermüdlich auf und ab laufen. Eine Großfamilie sitzt unter einem überdimensionalen Sonnenschirm und isst selbstbereitete Köstlichkeiten. Wer nicht am Strand liegt und sich bräunt, ist im Wasser und spielt. Langweilig wird es jedenfalls nie.

La Famiglia

Während wir in bester Urlaubslaune bei einem Gläschen Wein den Tag ausklingen lassen, um später in einer gemütlichen kleinen Trattoria unsere Pasta zu genießen, hat die Großfamilie ihren Sonnenschirm längst eingepackt, in eine der quietschbunten Strandkabinen verstaut und sich auf den Heimweg gemacht: Das Abendessen muss gekocht und gegessen werden, was einige Zeit in Anspruch nehmen wird.

Sehen und gesehen werden

Spätestens um 22 Uhr sind dann alle draußen, denn jetzt beginnt das große Schaulaufen. Egal, ob Kleinstadt oder Metropole: Dieses allabendliche Ritual ist überall zu beobachten. Vom pubertierende Teenager bis zum hutzeligen Rentner: alle sind sie da und laufen den Corso auf und ab, auf und ab, staunen, tratschen, konsumieren, gucken und werden beguckt, man kennt sich, man grüßt sich, ist glücklich und zeigt das auch. Uns geht bei so viel Leben und Heiterkeit das Herz noch ein bisschen weiter auf.

Kulturreise oder süßes Nichtstun?

Wenn wir wollen, besichtigen wir am nächsten Tag eine der vielen Kirchen in der Umgebung, legen uns an den Strand oder lassen uns von der freundlichen Familie, die wir abends auf dem Corso kennengelernt haben, zum Mittagessen einladen. Wir werden tafeln wie die Könige, und jeder Versuch, den mittlerweile dritten Pastanachschlag abzuwehren, wird kläglich scheitern. Hätten wir geahnt, dass nach dem primo piatto, also dem ersten Gang, auch noch ein zweiter folgt und diesem wiederum noch Dessert, Käse, Espresso und Schnaps, wären wir beim Ablehnen der zweifelsohne fantastischen Nudeln vielleicht etwas rigoroser gewesen.

Das ist Italien:

Immer gutes Wetter, ursprüngliches Leben, einfaches und gerade deswegen so gutes Essen, Gastfreundschaft, Familienzusammenhalt und das nicht von der Hand zu weisende Talent der Menschen, bei aller Hektik entspannt durch den Alltag zu gehen. Italien weckt die Sehnsucht der Deutschen seit über fünfzig Jahren. Und tief in uns drinnen wissen wir genau, warum das so ist. Doch jeder, der sich über die Planung der Sommerferien hinaus mit dem Land der blühenden Zitronen beschäftigt, muss feststellen: Italien kann auch anders.

MIT BITTEREM NACHGESCHMACK

Der ganz normale Wahnsinn: Nehmen wir einmal an, wir leben für einen begrenzten Zeitraum in einer mittelgroßen italienischen Stadt. Da kann es passieren, dass wir geschlagene zwei Vormittage brauchen, um ein Päckchen nach Hause zu schicken. Und das geht so: Wir stehen ganz früh auf, denn in Italien kann man bei der Post nicht nur Briefe versenden, sondern auch Rechnungen bezahlen. Das führt dazu, dass sich um 7.30 Uhr eine beträchtliche Menschenmenge durch die Eingangstür zwängt. Jeder will der erste sein, der eine Nummer zieht und zum gutgelaunten Postbeamten vorgelassen wird. Die Schlange ist lang, und der Geduldsfaden droht zu reißen. Noch einer vor uns, dann sind wir dran. Und dann das. Der Postbeamte erhebt sich gemächlich, blickt auf die Menschenmenge vor seinem Schalter, zaubert ein Schild hervor auf dem "sportello chiuso – Schalter geschlossen" steht, wünscht einen schönen Tag allerseits und geht. Nochmal anstellen? Da kommen wir lieber morgen wieder.

"Pazienza!" – Immer schön geduldig bleiben

Der angebrochene Tag soll nicht ungenutzt bleiben, und so beschließen wir, endlich einmal den hochherrschaftlichen Palazzo zu besichtigen, dessen Öffnungszeiten wir uns neulich notiert hatten. Als wir dort ankommen, stehen wir unerklärlicherweise vor verschlossener Tür. "Pazienza" murmelt uns ein im Schatten sitzender alter Mann zu, "immer schön geduldig bleiben". Morgen ist auch noch ein Tag. Das ist zwar alles unglaublich anstrengend, aber trotzdem nichts, mit dem man sich nicht irgendwie arrangieren könnte. In anderen Bereichen sieht es viel düsterer aus.

Neapel sehen und sterben

Vor nicht allzu langer Zeit tauchten in den deutschen Medien Berichte über Neapel auf, die beileibe nicht die neapolitanische Pizza oder das süditalienische Flair dieser Stadt rühmten. Neapel, so lesen wir, hat ein Müllproblem. Und zwar ein großes. Im Zentrum sieht es aus, als herrsche dort Bürgerkrieg: Überall liegen aufgerissene Müllsäcke, der Gestank ist unerträglich. Vor den Toren der Stadt erstreckt sich eine Mülldeponie, so groß wie eine Kleinstadt. Zu allem Übel grenzt diese direkt an die Gemüseäcker, Gewächshäuser und Wohnviertel der Randbezirke Neapels, in denen besonders häufig Menschen an Krebs erkranken. Da bekommt "Neapel sehen und sterben" plötzlich eine ganz andere Bedeutung.

Eine Hand wäscht die andere

Der Staat - und somit auch die Regierung Neapels - handelt nicht, ohne sich mit der organisierten Kriminalität, der "Camorra", auseinander zu setzen. Und für diese ist der Müll eine Goldgrube. Anstatt, wie es in anderen Ländern der Fall ist, in der Region eine Müllverbrennungsanlage zu bauen, bezahlt die Regierung der Camorra gutes Geld für die Beseitigung, die dann mitten in der Natur, in Seen, Höhlen und wer weiß wo noch von statten geht.

Und kein Ende ist in Sicht

Doch wen wundert das alles eigentlich ernsthaft? Wohl nur den, der die Augen bisher krampfhaft verschlossen hielt, um sein Dolce-Vita-Bild nicht umstoßen zu müssen. Kürzlich wurde Silvio Berlusconi, jener Medienmogul, der Gesetze ändern ließ, um Gefängnisstrafen zu entkommen, zum dritten Mal ins Amt des Ministerpräsidenten gewählt. Dass er sich offen zu seinen Mafiakontakten bekennt, scheint kaum zu stören. Somit sieht sich das italienische Volk der 62. Regierung seit Ende des Zweiten Weltkriegs gegenüber. Das ist ein Desaster. Und Bambini spielen wohl auch nicht mehr lange auf der Piazza: Italien hat eine der niedrigsten Geburtenraten Europas. Im einstigen Land der Kinder bekommt ein Paar mittlerweile sogar 800 Euro Prämie für jedes Neugeborene vom Staat.

Endstation Sehnsucht

Die Zitronen blühen in Italien tatsächlich. Auch der "sanfte Wind", den Goethe bedichtete, weht noch immer "vom blauen Himmel", und wer durch Sizilien reist, kann mit Sicherheit die "Gold-Orangen im dunklen Laub glühen" sehen. Aber alles andere hat sich seit Goethes Italienreise ziemlich verändert. Kennen wir das Land, in dem die Zitronen blühen eigentlich noch? Hinfahren wollen wir auf jeden Fall noch immer. Im letzten Jahr war Italien wieder einmal des Deutschen liebstes Reiseziel: Endstation Sehnsucht.

Text & Bilder Julia Windhövel
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