VG-Wort Pixel

Kastilien-La Mancha Wo Spanien noch ganz bei sich ist

Kastilien: Windmühlen
In Kastillien-La Mancha war Don Quijote zu Hause
© Ulrike Frömel / Brigitte
Kastilien-La Mancha liegt mitten in Spanien, aber abseits der üblichen Reiserouten. Hier ist das Land noch ganz bei sich, findet Nicole Schmidt, die sich auch in die "Paradores", die traditionellen Herbergen, verliebt hat.

Schwimmen im Klostergarten unter Mandelbäumen, Frühstück im Refektorium unterm Kronleuchter: So herrlich begann mein Morgen im Parador von Almagro. Fünf Minuten bräuchte ich zu Fuß ins Zentrum, doch erst mal will ich noch die Stille des mittelalterlichen Patios genießen. Auf der steinernen Bank sitzen, umfächelt vom warmen Wind, der Rosenduft herüberweht.

Die Paradores sind eine eigene Welt

Ein Fenster geht auf: Eine Braut, die gerade für ihren großen Tag hergerichtet wird, schaut heraus, lächelt. "Ich habe so wunderbar geschlafen. Irgendwie behütet", sagt sie. Ich auch! Den Paradores sei Dank. Die Übersetzung "Herberge" untertreibt: Es sind stilvolle Hotels in alten Burgen, Palästen, Klöstern, in toller Natur oder Provinzstädten, an denen man sonst vorbeifahren würde. Genau deshalb hat der Staat sie eingerichtet: Um Tourist:innen die Möglichkeit zu bieten, Spanien abseits der üblichen Wege kennenzulernen. Rund 100 Paradores gibt es – besonders schöne fand ich in der Mancha, der riesigen Hochebene jenseits von Madrid. Diesen in Almagro, aber auch in Alcalá de Henares, Toledo und Chinchón. Und jeder ist einzig in seiner Art.

Hier passt er her, der ausgestopfte Stierkopf an der Wand! Denn vom "Café de la Iberia" aus, wo er hängt, blicke ich auf die Plaza Mayor, seit jeher Stierkampfarena des charmanten Örtchens Chinchón. Das Gasthaus liegt in einem der altersschiefen Häuser mit grünen Holzbalkonen, die den ovalen Platz wie Logen umrahmen. Eine irre Kulisse – und überhaupt nicht herausgeputzt! Bodenständig-deftig ist auch die Mancha-Speisekarte: "Sopa de ajos", Knoblauchsuppe, "Migas de Pastor", mit Speck und Knoblauch geröstete Brotkrumen, oder "Potaje de garbanzos", Kichererbseneintopf mit Langusten.

Aber in der Mancha kann man auch anders, wie die jungen Köch:innen in den Paradores zum Beispiel: "Ich liebe es, vergessene Rezepte auszugraben und sie moderner zu interpretieren", sagt Carlos Ramos Molano, Koch im Parador von Chinchón. So habe ich es auch in der "Hostería del Estudiante" erlebt, die zum Parador in Alcalá de Henares gehört und im 17. Jahrhundert ein Gasthaus für Studenten war. Tempura von Auberginen und Artischocken mit Mango und Avocadotatar haben köstlich geschmeckt!

Almagro: Ein Theater mit ganz viel Magie

Ach, wie gern würde ich auch auf dieser Bühne stehen! Ob ich einfach mal frage? „Aber klar, komm nur hoch“, sagen die Schauspielerinnen und Schauspieler im "Corral de Comedias" in Almagro. Und da sitze ich nun, ganz links, mit einem Musketierhut und schau mich um. Fachwerktribünen über zwei Etagen, gusseiserne Öllampenhalter, weiß gekalkte Wände: ein 400 Jahre altes, vollständig erhaltenes Renaissancetheater, das einzige in ganz Spanien, das heute noch Aufführungen darbietet. "Dieses Theater hat so viel Magie", schwärmt Javier Calzado. "Es versetzt uns zurück in das Goldene Zeitalter, in lustige und bittere Geschichten von Bauern, Rittern, Dichtern und Musketieren." Und nach der Vorstellung treten alle hinaus auf die weitläufige Plaza Mayor, spazieren durch die Wandelgänge drum herum, nehmen einen Drink in einem der gut besuchten Cafés, prosten dem lauen Sommerabend zu und überlassen den Kindern und ihren Bällen den Platz.

Kastilien: Blumenwiese
Im Frühsommer prunkt die sonst eher karge Mancha-Landschaft mit roten Mohnblumen 
© Ulrike Frömel / Brigitte

Könnte das der Ort sein, an dem Don Quijote die Windmühlen mit Riesen verwechselte? Ich kneife die Augen zusammen. Schweiß rinnt mir über den Rücken, die Luft flirrt in der Mittagshitze. Und plötzlich schaltet hier, auf einer felsigen Anhöhe über dem menschenleeren Dorf Consuegra, mein Kopf auf Fantasie um: Durchaus vorstellbar, dass der Möchtegern-Ritter auf seinem klapprigen Gaul durch die steppenähnliche Landschaft preschte, um seine Lanze in die rotierenden Arme der vermeintlichen Giganten zu bohren. Und den Kampf natürlich tapfer verlor.

Die Mancha war Don Quijotes Abenteuerland

Die Mancha war Don Quijotes Abenteuerland, so wollte es der Schriftsteller Miguel de Cervantes, als er vor 400 Jahren seinen Ritter-Satire-Roman schrieb. Die Menschen der Mancha sind mächtig stolz drauf, gerade weil sich die Schauplätze nicht genau verorten lassen. An jeder Ecke treffe ich auf Don Quijote: in den Mühlen-Dörfern natürlich, hier ein Denkmal in Blechgestalt, da ein Kneipenname ... Auf einem Rastplatz steht er als Pappfigur. Ich schiebe mein Gesicht durch die Aussparung am Kopf und lasse ein Handyfoto von mir als Heldin machen.

Von der Terrasse des Paradors hatte ich gestern diese Wahnsinnsaussicht: Toledo heißt das Städtchen, und es thront auf einem Felshügel, den der Fluss Tejo umschlingt. Jetzt bin ich mittendrin, in den engen Gassen der Altstadt, in der Werkstatt von Oscar Martín Garrido, Mitte 40, Feuer in den Augen. Gerade treibt er den Blick auf Toledo in einen Metall-Teller – mit Goldfäden, viel Geduld, Hammer, Stichel und anderen Werkzeugen klein wie Nadeln. Er ist ein Meister des Damaszener-Handwerks, einer Verzierungstechnik aus dem Mittelalter, als Toledo, die Stadt der Mauren, Christen und Juden, Spaniens Metropole war. So viel Tradition, so viel Geschichte, so viele Kostbarkeiten auf engem Raum!

"Ich will nirgends anders wohnen. Toledo ist für mich der Nabel der Welt", sagt der Meister, der auch schon in Venedig und Dubai ausstellte.

Dem Nabel der Welt würdig ist auch die Kathedrale: Wo man hinschaut Glitzer, Gold, Putten, Alabaster, Werke der weltberühmten Maler Goya und El Greco. Nach der Besichtigung brauche ich eine Stärkung – und finde sie in den Marzipan-Geschäften am Zocodover-Platz.

Kastilien: Toledo
Aussicht von der Terrasse des Paradors: Das Städtchen Toledo thront auf einem Felshügel am Fluss Tejo
© Ulrike Frömel / Brigitte

Nicoles Reisetipps für Kastillien-La Mancha

Hinkommen & Rumkommen

Nach Madrid von vielen deutschen Flughäfen, dann mit dem Mietwagen weiter. Meine Route: Madrid–Chinchón (61 km), Chinchón–Toledo (71 km), Toledo–Almagro (150 km), Almagro–Alcalá de Henares (228 km), Alcalá de Henares–Madrid (20 km).

Die Paradores in La Mancha

Es lohnt sich, in den Paradores Halbpension zu buchen (ca. 35 Euro), das Menü kann man aus der stets reichhaltigen Karte, die Wert auf Regionales legt, selbst zusammenstellen. Alle staatlichen Paradores sind gelistet und buchbar unter parador.es/de.

Almagro. So gastfreundlich kann ein Franziskanerkloster aus dem 17. Jahrhundert werden: lichtdurchflutete Innenhöfe mit Mispelbäumen und Sitzecken, luftige Holzgalerien, spiegelblanke Ziegelböden, großzügige Salons, und aus jeweils zwei Mönchszellen wurden geräumige Zimmer. DZ/F ab 111 Euro (Almagro, Rda. de San Francisco 31, Tel. 926/86 01 00).

Chinchón. Mitten in dem kleinen Örtchen gelegen, behagliche Zimmer, teils historisches Mobiliar. Und in den schön angelegten Terrassengärten, wo einst Augustinermönche wandelten, eine Ruhe, wie ich sie selten zuvor gespürt habe. DZ/F ab 123 Euro (Chinchón, Los Huertos 1, Tel. 918/94 08 36).

Toledo. Stundenlang war ich versunken in die Aussicht auf Toledo, das auf einem Hügel gegenüber des Paradors liegt. Ein Neubau aus den 1960ern, einem herrschaftlichen Landhaus nachempfunden. DZ/F ab 127 Euro (Toledo, Cerro del Empera-dor, Tel. 925/22 18 50).

Genießen in La Mancha

Café de la Iberia. Stierkampfszenen an den Wänden, und das Milchlamm aus dem Holzofen (25 Euro) zergeht auf der Zunge. Madrilenen lieben Wochenendausflüge nach Chinchón und in dieses Gasthaus. Also besser unter der Woche kommen (Chinchón, Plaza Mayor 17, Tel. 918/94 08 47).

Kastilien: Restaurant von innen
Paradores können auch modern - wie hier im Restaurant des Klosters von Alcalá de Henares
© Ulrike Frömel / Brigitte

El Casino. Wunderbar der Blick vom Balkon über den Cervantesplatz und die Ziegeldächer, urban die Einrichtung, die Karte spanisch-modern. Ich hatte das Tatar vom roten Thunfischfür 17 Euro – köstlich (Alcalá de Henares, Plaza de Cervantes 9, Tel. 912/65 69 29, casinoalcala.es).

El Marqués. Schlendert man durch Almagro, kommt man irgendwann auf die Plaza Mayor – und die schattige Terrasse dieser Restaurant-Bar ist perfekt für ein Glas eisgekühlten Roséwein und Kleinigkeiten wie eingelegte Artischocken (Almagro, Plaza Mayor 41, Tel. 926/26 10 69).

El Trébol. Das sind mal tolle Tapas! Hirsch mit Steinpilzen (8 Euro), Rebhuhn-Mousse oder die "Bomba Trébol", mit Hackfleisch, Aioli und Tomate gefüllte Kartoffelbällchen (4 Euro). Dazu trinkt man in dieser Brauerei-Gaststätte in der Altstadt natürlich Bier (Toledo, C/ Santa Fe 1, Tel. 925/28 12 97, cerveceriatrebol.com).

Erleben in La Mancha

Corral de Comedia. An Wochenenden lassen Schauspieler:innen in diesem einzigartigen Renaissancetheater das Goldene Zeitalter der spanischen Komödie auferstehen. Lohnt sich, selbst wenn man kein Wort versteht. 50 Minuten Vorstellung für 7 Euro (Almagro, Plaza Mayor 18, almagroteatro.com).

Damaszener-Kunst Toledo. Der Damaszener-Meister Oscar Martín Garrido zeigt Gästen, wie er mit Goldfäden Arabesken, florale Muster oder ganze Bilder in Metall einbettet. Ein Shop mit Tellern, Schmuck und modern gestalteten Wandbildern ist auch dabei (Toledo, Bajada Antequeruela 28, Tel. 666/51 54 10, Oscarmartin@gmail.com; Werkstattbesuch oder auch Workshops organisiert Go Craft, Tel. 640/38 52 61, talleresdeartesania.com).

Störche. Sie klappern auf Glockentürmen, fliegen über die von Kolonnaden gesäumte Hauptstraße Calle Mayor, sitzen in riesigen Nestern auf Dächern alter Universitätsgebäude und Gesimsen von Bischofspalästen und Klöstern: Noch nie habe ich so viele Störche gesehen wie in der Weltkulturerbestadt Alcalá de Henares (kostenloser Stadtrundgang buchbar unter alcalaturismoymas.com).

Einkaufen in La Mancha

Pasteleria Santo Tomé. Das beste Geschäft für das berühmte Marzipan aus Toledo! Unbedingt probieren: "Délices"-Halbmonde mit gezuckertem Eigelb, 41 Euro pro Kilo (Toledo, C/Santo Tomé 3, mazapan.com).

Telefon

Die Landesvorwahl von Spanien ist 00 34.

Brigitte

Mehr zum Thema