Komischer Geruch im Flugzeug: Die Flugbegleiter kennen den Grund

Das Problem ist nicht sichtbar und dennoch besorgniserregend: Verunreinigte Kabinenluft im Flugzeug. Die sogenannten "Fume Events" werden immer wieder mit gesundheitlichen Schäden in Verbindung gebracht - Piloten und Flugbegleiter versuchen jetzt verstärkt auf dieses Thema aufmerksam zu machen - im Video seht ihr die Ursachen im Überblick!

Komischer Geruch im Flugzeug
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"Fume Event": Wie entsteht verunreinigte Kabinenluft?

Seit den 1950er Jahren wird von unangenehmen Gerüchen an Bord berichtet, lange Zeit war ihre Ursache jedoch unklar. Nun gehen Experten jedoch davon aus, den möglichen Grund gefunden zu haben: verunreinigte Kabinenluft. Diese entsteht folgendermaßen: Außenluft, die von den Triebwerken angesaugt wird, wird abgezapft, von Verdichtern auf Kabinendruck komprimiert und schließlich mit kühlerer Luft aus der Klimaanlage vermischt. Dem Triebwerksöl ist ein Zusatzstoff beigefügt, welcher Korrosion verhindern soll, jedoch giftig auf den menschlichen Organismus wirkt. Wird das Flugzeug schlecht gewartet oder ist eine Dichtung defekt, kann dieser Zusatzstoff in die abgezapfte Luft und damit in Kabine und Cockpit gelangen - was dann schließlich zu Vergiftungen und anderen körperlichen Schäden bei Passagieren und Besatzung führen kann. 

Fume Event: Wie oft kommen schlechte Gerüche im Flugzeug vor? 

Bisher erkranken Flugbegleiter und Piloten weit häufiger an den Folgen verunreinigter Kabinenluft als bisher angenommen: Wie die Welt schreibt, liegen laut einer Kleinen Anfrage des Grünen-Bundestagsabgeordneten Markus Tressel der Berufsgenossenschaft (BG) Verkehr für den Zeitraum von Januar 2014 bis Februar 2018 rund 1000 Fälle vor, bei denen das Bordpersonal geltend macht, durch Giftstoffe aus der Atemluft in der Kabine vergiftet worden zu sein. Allerdings wurden diese Zahlen nicht freiwillig von der BG veröffentlicht - laut Welt blieben viele frühere Anfragen unbeantwortet. Allerdings muss die BG der Bundesregierung gegenüber Rechenschaft ablegen, weshalb diese Zahlen nun durch Tressels Anfrage zum ersten Mal an die Öffentlichkeit gelangen. Weiter geht aus der Anfrage hervor, dass sich in Deutschland derzeit 15 Sozialgerichte mit derartigen Fällen befassen - in England und den USA hingegen führen Passagiere nach Fume Events an Bord bereits Klagen gegen Luftfahrtunternehmen und Flugzeughersteller.

Fume Event: Was sind die Symptome einer Vergiftung? 

Anhand eines Verfahrens, das sich Human-Biomonitoring nennt, konnte die Ärztin Astrid Heutelbeck in Blut und Urin von Menschen, die ein Fume Event erlitten haben, Rückstände eben der Chemikalien nachweisen, welche als Zusatzstoffe dem Triebwerksöl beigemengt werden. „Wir finden im Human-Biomonitoring - im Zusammenhang mit der Unfallzeit - Stoffe und Stoffgruppen, die nicht als Bestandteile der normalen Umwelt beschrieben sind, aber als Inhaltsstoffe von Kerosin, Ölen oder Hydraulikflüssigkeit“ sagt Heutelbeck. Weiter erklärt die Leiterin der Arbeits- und Umweltmedizinischen Ambulanz der Universitätsmedizin Göttingen, dass es erwiesen sei, dass diese Stoffe das Nervensystem und auch die Lunge schädigen können. Bei den Schäden, die sie bei Fume-Event-Opfern diagnostiziert hat, handle es sich um Störungen des zentralen Nervensystems, eingeschränkte Gedächtnisleistung, Taubheitsgefühle in Händen und Füßen oder Probleme bei der Sauerstoffaufnahme. "Die Menschen können zwar noch dieselbe Menge an Luft ein- und ausatmen wie jeder andere auch - das ist nicht gestört" erläutert Heutelbeck. "Aber aus dieser Luft den Sauerstoff rauszuholen, das funktioniert nicht mehr. Das merken sie bei körperlicher Belastung, sie gehen die Treppe hoch und sagen, sie fühlen sich wie ihre eigene Oma."

Fume Events: Wie reagiert die Luftfahrtindustrie auf die gehäuften Fälle? 

Immer mehr Betroffene machen mobil: Unter anderem kämpft der ehemalige Pilot Markus Fenzel, der seit einem Fume Event fluguntauglich ist, seit fünf Jahren vor Gericht um die Anerkennung seiner Beschwerden als Arbeitsunfall und Berufskrankheit. Und auch die Flugbegleiterin Kerstin Konrad ist mittlerweile in Sachen Fume Events zur Aktivistin geworden, seit sie ab 2013 insgesamt vier Fume Events erlebt und aufgrund dessen dauerhafte gesundheitliche Schäden erlitten hat, die sie fluguntauglich haben werden lassen. Zusammen mit anderen Betroffenen organisierte sie bereits mehrere Petitionen und Demonstrationen, zuletzt stand sie Anfang September vor dem Reichstagsgebäude in Berlin. Der wachsende Druck geht an der Luftfahrtindustrie nicht spurlos vorbei, und so beteuert BdL-Sprecherin Claudia Nehring: "Wir haben ein großes Interesse daran, hier weitere Erkenntnisse zu gewinnen. Schon allein deshalb, weil die Sicherheit und die Gesundheit von Crews und Passagieren für uns oberste Priorität hat." Laut dem Stern arbeitet die Industrie bereits an der Lösung des Problems. So verzichtet der Flugzeughersteller Boeing beispielsweise bei seiner neuesten Langstreckenmaschine, der Boeing 787, auf Zapfluft aus den Triebwerken: Die Kabinenluft wird statt dessen an speziellen Stellen der Tragflächen angesaugt. Und auch bei anderen Fluggesellschaften, die der BdL vertritt, laufen Testreihen mit Filtersystemen und Sensoren - allerdings soll es noch rund zwei Jahre dauern, bis diese Ergebnisse ausgewertet werden können. Und auch eine neue Studie im Auftrag der Europäischen Kommission, bei der auch die Industrie eingebunden sein soll, wird sich dieses Sachverhalts annehmen - mit diesen Ergebnissen soll allerdings erst in weiteren drei Jahren zu rechnen sein. 


Sohpie Kausch / Ohmymag
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