Einheimische erzählen: Das sind unsere Lieblingsorte auf Mallorca

Martin und Lorraine Xamena führen in zweiter Generation das Hotel Bon Sol auf der Baleareninsel. Als Gastgeber, die sich persönlich und mit Herz um alles kümmern, sind sie eine selten gewordene Spezies. Unserer Autorin Nikola Haaks zeigen sie ihre Lieblingsorte.

Wir sitzen zur blauen Stunde bei einem Martini-Cocktail auf der Barterrasse des Hotels, von der man weit übers Meer bis nach Palma gucken kann, während Martin Xamena, 74, von damals erzählt. "Schatz", sagte er zu Lorraine, 61, "du weißt, du heiratest nicht nur mich, sondern ein ganzes Hotel. Meine Eltern, alle Angestellten und die Gäste. Willst du das?" Lorraine, damals 23, wollte. Trotz allem. Aber Martin wäre nicht Martin, hätte es nicht noch eine Bedingung gegeben: Sie musste ein Jahr im Bon Sol zur Probe arbeiten, um zu gucken, ob es passt.

"Es war furchtbar!" – heute kann Lorraine darüber herzhaft lachen, aber damals saß sie an der Rezeption, die blutjunge blonde Engländerin, und jeder, der kam, wollte nur den Chef. "Tut mir leid, Martin ist beschäftigt, kann ich Ihnen weiterhelfen?" – "Ich spreche nicht mit Ihnen, ich spreche nur mit Martin." Diesen Satz hörte sie immer wieder von Gästen und Angestellten. "Entweder Ihre Frau oder ich" soll sogar einer der Rezeptionisten zu ihrem Mann gesagt haben. Damals war es ein Albtraum, aber Lorraine hielt durch. Heute, 40 Jahre später, ist es eine wunderbare Anekdote. Und Lorraine Xamena mehr denn je mit allem verheiratet – selbstverständlich auch mit Martin.

5 Dinge, die du im Hotel nicht anfassen solltest: Foto von Hotelzimmer

Tradition. Roger Xamena startete mit einem Gästehaus. Das Bon Sol heute.

Das Bon Sol ist kein normales Hotel. Es war von Anfang an das Zuhause der Xamenas, und vielleicht ist es das, was man in jeder Ecke dieses Hauses, das eine ungewöhnliche Mischung aus Hacienda und Burg ist, spürt. Martin und Lorraine leben mit ihrem Sohn Alejandro, 34, und seiner Frau Christina in den obersten Stockwerken, so wie schon Martins Eltern. Von der mit Bougainvillea umrankten Terrasse des Haupthauses oben am Hügel sieht man jetzt übers Meer die ersten Lichter an Palmas Küste glitzern, die Gäste trudeln zum Aperitif ein, ein warmer, sonniger Herbsttag neigt sich dem Ende zu. Paco, der Barkeeper, bringt neue Drinks. Die beiden begrüßen, während sie mir ihre turbulente Kennlerngeschichte erzählen, immer wieder Gäste; die meisten kommen seit vielen, vielen Jahren.

Ein absolutes Dreamteam

Martin war damals, als er Lorraine begegnete, schon Mitte 30 und alles andere als bindungswillig. Er hatte im Hotel alles: ein gutes Restaurant, einen Wäscheservice – und Damen, die nur seinetwegen kamen. Aber irgendwann sei ihm klar geworden, dass das Leben doch auch Risiko und Verantwortung bedeutet. Und so fuhr er schließlich nach einer dreijährigen anstrengenden On-Off-Beziehung zu Lorraine nach England und fragte sie. Sie – ursprünglich als Au-pair nach Mallorca gekommen – glaubte damals nicht mehr daran, dass dieser umtriebige Spanier noch einmal ihr Mann werden könnte. Aber ich kenne die beiden nun schon ein paar Jahre, und wann immer ich mit ihnen Zeit verbringe, sehe ich zwei Menschen, die wirklich füreinander bestimmt sein müssen. Sie haben immer Spaß mit­einander, einen wundervollen Humor und lassen sich einfach gegenseitig strahlen.

Martin und Lorraine sind seit 40 Jahren verheiratet.

Martin ist Mallorquiner durch und durch. Sein Vater Antonio hatte ein Herrenkonfektionsgeschäft in Palma, wo er auch lebte und es liebte, im Meer zu schwimmen. Doch das Wasser vor der Hauptstadt war ihm irgendwann zu dreckig, und er suchte sich ein Haus außerhalb. Er fand es auf einem Hügel in Illetas, zehn Autominuten westlich von Palma. Der kleine Ort ist ein echter Geheimtipp. Nah an der Stadt und doch sehr ruhig, windet er sich über verschiedene Höhen an den Klippen entlang und besticht durch kleine Sandbuchten und atemberaubende Meerblicke. Hier sind viele Privatwohnungen und wenige Hotels.

Vom Wochenendhaus zum Hotel

Zunächst nur als Wochenendhaus gedacht, wurde das Heim der Xamenas bald auch für Gäste geöffnet, denn Antonios Frau Roger langweilte sich dort draußen und beschloss, Zimmer zu vermieten. Über die Jahre wuchs das Bon Sol immer weiter, Antonio kaufte das Land bis hinunter zur Bucht, sodass das Hotel heute seinen eigenen kleinen Strand hat und sich mit seinen 92 Zimmern über den ganzen Hang erstreckt. Wer also wie ich schon morgens vor dem Frühstück mal unkompliziert ins Meer springen möchte, ist hier goldrichtig.

Die einzelnen Gebäude, Terrassen, Pools und üppigen Gärten sind über verschiedene Treppen zu erreichen, später wurde sogar ein Tunnel unter der Straße gebaut und ein Fahrstuhl, der die verschiedenen Ebenen miteinander verbindet. Neue Gäste im Bon Sol erkennt man daher nicht selten daran, dass sie etwas orientierungslos umherirren. Aber meistens treffen sie irgend­wo zwischen Lobby und Beach-Restaurant Martin, Lorraine oder Sohn Alejandro, die ihnen den Weg weisen.

Wenn man das Hotel zum Spaziergang verlässt, kommt man durch ruhige Wohnstraßen mit zuweilen tollen Ausblicken an hübschen kleinen Buchten vorbei. Die Cala Comtesa liegt verwunschen zwischen Pinienfelsen, hier treffen sich am Wochenende vor allem die Einheimischen. Unter der Woche ist man manchmal fast allein. Ich liebe es, hier morgens meine Joggingrunde zu drehen.

Kleine Oase. Die Cala Comtesa liegt fußläufig zum Hotel Bon Sol und ist besonders in der Nebensaison sehr ruhig und idyllisch.

Illetas ist immer noch eine Wohngegend, in der viele Spanier leben. Deswegen ist es auch so: Wenn man Martin und Lorraine bittet, einem ihre Lieblingsorte zu verraten, fahren sie nicht in irgendwelche versteckten Winkel am Ende der Insel oder zu den Locations der Hipster, sondern einfach um die Ecke. Sei es ins trubelige Restaurant Ca’n Pedro im Ort Génova nahe Palma, in dem man hervorragende Tapas bekommt und sich gelegentlich etwas anschreien muss, weil die Stimmung so ausgelassen ist. Oder zur kleinen Cala Comtesa und dem modernen Hafen Puerto Portals, wo man mit Blick auf schicke (und dicke) Yachten einen Sundowner nehmen kann. Hierher kann man vom Hotel aus auch in ungefähr einer Stunde zu Fuß gehen.

Urig essen. Die mit Knoblauch zubereiteten Schnecken sind eine Spezialität im Restaurant Ca'n Pedro. Hier geht es typisch mallorquinisch zu: laut, fröhlich, zünftig.

Martin zeigt mir den Fischmarkt mitten in Palma, Mercat de l’Olivar, auf dem er fast jeden Händler kennt und jede Fischsorte – und auf dem fast nur Mallorquiner einkaufen, wie er mir verrät. Wir decken uns fürs Abendessen ein: Baby-Calamari, mallorquinische Seezunge, Llampuga, die Goldmakrele, kleine Barben. Danach probieren wir den berühmten Ibérico-Schinken in einer weiteren Markthalle, aber Martin ist noch nicht zufrieden. Weiter geht’s um die Ecke zum Delikatessenladen Charcutería La Crème. Von 19 Euro bis 200 Euro das Kilo ist alles zu haben. Ein Schinkenparadies. Aber welcher ist sein Geld wirklich wert? "Guten Schinken bekommst du nicht unter 80 Euro das Kilo", sagt Martin, während er einen Jamón Ibérico kauft.

Abends sitzen wir beim Essen – das Bon Sol hat zwei sehr gute Restaurants, eines davon direkt am Wasser – und probieren den köstlichen Fisch und die Meeresfrüchte, die der Küchenchef auf alle nur erdenklichen Arten zubereitet hat. Mit Olivenöl und Gewürzen (Goldmakrele), mit Butter und Zitrone (Seezunge) oder einfach nur dezent paniert (Calamari).

Tourismus und Nachhaltigkeit

Ich bin tagsüber noch ein bisschen mit dem Mietwagen über die Insel gefahren. Man ist von Illetas aus recht schnell im Tramuntana-Gebirge. Sóller und vor allem Fornalutx, dieses kleine Bilderbuchdörfchen mitten in den Bergen, sind einen Ausflug wert. Mit meinen Gastgebern spreche ich über die Entwicklung des Tourismus auf Mallorca – was macht die Beliebtheit mit der Insel? – und das unweigerlich damit verbundene Thema Nachhaltigkeit. Lorraine und Martin haben sich lange vor dem Aufkommen der "Fridays for Future"-Bewegung Gedanken gemacht, wie man den jährlichen CO2-Ausstoß des Hotels kompensieren könnte. 2005 haben sie dann in Costa Rica 220000 Tropenbäume gepflanzt. Warum so weit weg? Sie hätten es erst in Spanien und Frankreich versucht, sagen sie, aber die heimischen Olivenbäume und Eichen wüchsen viel zu langsam.

Martin denkt schon lange grün, er kennt es nicht anders. Sein Vater hatte bereits 1968 die erste Solaranlage Mallorcas auf dem Dach des Bon Sol. Der Verkäufer sagte damals zu ihm: "Herr Xamena, das wird nie rentabel sein." – "Das hat nichts mit Geld zu tun, sondern mit dem Herzen", antwortete der Hotelier.

So ist Martin groß geworden: die Insel und ihre Natur schätzen. Nicht kurzfristig denken, sondern langfristig. "Leider", sagt Martin, "teilen diesen Gedanken nicht allzu viele meiner Mitbewerber." Das liegt auch daran, dass die Zahl der familiengeführten Hotels in den vergangenen drei Jahrzehnten stetig abgenommen hat. Die neue Generation verkaufe meist an große Ketten, weil ihnen das Hotelgeschäft zu mühsam sei. Und es wird nicht einfacher werden, sagt Martin. Seine Angestellten arbeiten seit Jahrzehnten bei ihm, aber er hat zunehmend Probleme, gute Leute zu bekommen. Er vergleicht das Hotel vom Betreuungsaufwand her gern mit einem Patienten auf der Intensivstation: Chefarztbehandlung rund um die Uhr.

"Ihr müsst doch auch mal Urlaub machen"

Es ist tatsächlich ein kleines Wunder, wenn man ins Bon Sol kommt und Martin und Lorraine sind nicht da. Früher, als ihre Kinder Alejandro und Natalia klein waren, fuhren sie öfter in ihr Landhaus im Südosten der Insel, aber jetzt, sagt Lorraine, wisse sie gar nicht, ob es überhaupt noch steht. Mittlerweile gibt es aber Zeiten, da verreisen die beiden, zum Beispiel nach Costa Rica zu ihren Bäumen. Das liegt vor allem daran, dass Alejandro und Christina langsam ins Geschäft reinwachsen. "Aber", sagt Martin auf unserer Autofahrt nach Palma, "das Hotel ist sehr, sehr eifersüchtig: ‚Ihr müsst doch auch mal Urlaub machen‘, sagen die Gäste. Um dann sofort hinterherzuschieben: ‚Aber natürlich nicht, wenn wir kommen!‘" Er lacht und klingt eigentlich ganz zufrieden dabei. Die Frage, ob er irgendwann ans Aufhören denkt, kann ich mir sparen.

Mallorca-Tipps

SCHLAFEN
Hotel Bon Sol Resort & Spa. 
Die individuell eingerichteten Zimmer und Suiten haben fast alle Balkon und Meerblick. Zudem gibt es einen eigenen kleinen Strand, Wellness, Fitness und Yoga, November bis Anfang Februar geschlossen. DZ/F ab 196 Euro, mit HP 222 Euro. Illetas. www.hotelbonsol.es.

Hotel Mama. Neues Boutiquehotel mit Rooftop-Pool mitten in Palma, ausgestattet vom Pariser Innenarchitekten Jacques Grange. DZ/F ab 217 Euro. Palma. www.hotelmama.es.

GENIEßEN
Mesón Ca'n Pedro. 
Typisch mallorquinisches Restaurant, urig eingerichtete, gute Weine, gesellige Stimmung - unbedingt Pa am Oli vorweg bestellen. Besser reservieren! Palma. www.canpedro.es.

Charcutería La Crème. Jámon Ibérico, Pata Negra und vieles mehr. Dazu gibt es günstige Weine im Ausschank. Palma. www.charcuterialacreme.com. 

Cervecería Anfos. Schlichtes, aber beliebtes Restaurant in der oberen Etage des Fischmarkts. Man kann seinen gekauften Fisch hier zubereiten lassen. Plaza del'Olivar, Palma, Tel. 0034-971729120. 

Flanigan. Sehen und gesehen werden: schickes Restaurant direkt am Yachthafen. Hier gibt es gehobene mediterrane Küche. Puerto Portals. www.flanigan.es. 

SHOPPEN
Rialto Living. 
Kein Geheimtipp mehr, aber Lorraines Lieblingsladen für tolle Stoffe, Einrichtung und Wohnaccessoires. Zudem gibt es Mode und netten Kleinkram. Palma. www.rialtoliving.com.

La Pecera. Kleiner feiner Laden, der nur mallorquinisches Interieur Design verkauft. Nachhaltigkeit und chic. Palma. www.lapeceramallorca.com.

ERLEBEN
Wandern. 
Wild ist der alte Fischerweg Cami de Sa Volta des General zwischen Banyalbufar und Port des Canonge. Steil abfallende Küste, einsame kleine Strände und unendliches Blau. www.outdooractive.com.

Villa March. Durch die Gärten über dem Meer führen verschlungene Wege vorbei an Teichen, Zypressen, Palmen. Dazwischen eingestreut spannende Skulpturen, z. B. von Auguste Rodin und Henry Moore. www.fundacionbmarch.es.

Salinas d'Es Trenc. Hier kommt das berühmte mallorquinische Salz her. Sehr beliebt: Touren über die Salzfelder. Colònia de Sant Jordi. wwwsalinasdestrenc.com.

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BRIGITTE WIR 1/2020

Wer hier schreibt:

Nikola Haaks
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