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Lombok: Tipps für das Paradies mit Tiefgang

Lombok: Tipps für das Paradies mit Tiefgang
© Gulliver Theis
Weiße Strände, wilder Dschungel und ein Meer, das einen seufzen lässt. Sylvia Heinlein hat sich von der kleinen Insel Lombok verzaubern lassen – und von der Sanftmut seiner Einwohner.

"Es kann auch eine Chance sein", rede ich mir gut zu. Ich war überhastet losgereist, und auf der Fähre nach Lombok, der kleineren Nachbarinsel Balis, wird mir bewusst, wie wenig ich über sie weiß. Eigentlich nur dies: Lombok ist muslimisch. Ich einige mich mit mir selbst, dass mangelnde Vorbereitung immerhin zum Staunen führt, und staunen soll man ja auf Reisen.

Lombok ist wie Bali vor 30 Jahren

Ich muss nicht lange warten, gleich nach der Ankunft stellt sich das Wundern ein. Die Küstenstraße schlängelt sich unter dichten tropischen Baumdächern, das Meer leuchtet türkisblau, schneeweiße Sandstrände liegen menschenleer unter Palmen. Überall hinreißende, friedvolle Idylle, nur in den Dörfern ist reichlich Geknatter. Der Sound Asiens, nur dass hier die meisten Mopeds von Frauen gefahren werden. Ihre pinkfarbenen, violetten oder bunt gemusterten Hidschabs flattern im Fahrtwind. Überhaupt sind sie überall, die Frauen: auf den Straßen, auf den Märkten, hinter den Tresen der offenen Läden, weit mehr als die Hälfte von ihnen sogar mit unbedecktem Haar. Was ich mir an Bildern vom männlich geprägten Leben im Islam so zusammengesammelt habe, wird flugs hübsch durcheinandergeworfen.

STADT DER FRAUEN Auf dem Markt von Sambelia führen Frauen die Geschäfte. Die Männer arbeiten auf den Feldern – oder lenken Pferdekutschen
STADT DER FRAUEN Auf dem Markt von Sambelia führen Frauen die Geschäfte. Die Männer arbeiten auf den Feldern – oder lenken Pferdekutschen
© Gulliver Theis

Etwa 90 Prozent der Einwohner Lomboks sind Muslim*innen, so wie im übrigen Land. Die letzte Wahl in Indonesien hat den konservativen Islam gestärkt. "Das stimmt", sagt Yan, mein sanftmütiger muslimischer Guide, "aber nicht hier. Unser Islam ist stark, aber entspannt. Und der Hidschab ist nicht wichtig. Wichtig ist, dass man reinen und aufrichtigen Herzens ist." Große, schöne Worte, ich möchte gleich nachhaken, was das ist. Aber meine Fragen scheinen mir zu bohrend für den Anfang und für Yans friedfertige Art. "Wir sind Sasaks", erklärt er, "die Ureinwohner der Insel. Du wirst schon sehen."

Auf dem Weg ins Innere der Insel geht es durch einfache Straßendörfer. Der Tourismus auf Lombok war noch nie sehr ausgeprägt. Die kleine Insel liegt zwei Fährstunden mit dem Schnellboot von Bali entfernt, wo die meisten Touristen die Exotik finden, die sie suchen. "Lombok ist wie Bali vor 30 Jahren", sagt Yan, "und so wollen wir bleiben. Wir wollen keinen Massentourismus, sondern unser Wesen bewahren." Wir halten kurz an einem Markt. Kein Mann, kein Hidschab weit und breit. Die Händlerinnen hocken auf dem Boden, es wird verkauft und getauscht, Reis gegen Eier, Butter gegen Kleidung. Lombok lebt von der Landwirtschaft, von Reis, Kaffee und Gewürzen. Die meisten Männer arbeiten auf dem Feld, die Frauen übernehmen die Geschäfte, viele Handwerke – und das Familienleben.

Es gibt bei uns keine Zwänge, keine Unterdrückung. Jeder soll tun, was er mag.

Die Ortschaften abseits der Küste sind schlicht. Zusammengewürfelte Häuser aus Stein oder Bambus, ihre Bewohnerinnen sind aufs Korbflechten, Töpfern oder Weben spezialisiert – seit Jahrhunderten traditionelle Frauenhandwerke. Ana und ihr Mann Erwin besitzen eine Weberei in Pringgasela. Die beiden sind Mitte 40 und ein charismatisches Paar, präsent und dennoch zurückhaltend. Erwin trägt einen langen Zopf, Ana legt den Hidschab nur in der Moschee und bei Familienbesuchen an. "Aus Respekt gegenüber den Älteren", erklärt sie.

Es gibt erst einmal zu essen: warmen Gemüsesalat mit Kokosraspeln, Currys, frittierte Sojabohnen und Tofu, Hühnchen in milder Tamarindensoße. Sinnlich gewürzte Wonne, ich denke bei jedem Bissen nicht weiter als bis zum nächsten – und genau so hat Ana es sich gedacht. Erst genießen, dann verstehen, was ihr und Erwin wichtig ist: die alten Handwerkstraditionen, Hilfe für alte, kranke Weberinnen, Tourismus, der der Insel nicht schadet.

Die beiden beleben die Techniken und Muster von damals wieder, als Lomboks Frauen noch für die Könige webten, bevor die Holländer im 19. Jahrhundert kamen und Indonesien bis 1942 besetzten. Lange Zeit galt das Weben nur noch als Brotverdienst für ungebildete Mädchen. Heute gibt es in fast jedem Haus von Pringgasela wieder einen Webraum, in dem hochwertige Sarongs gefertigt werden. Die Weberinnen werden gut bezahlt, die dreimonatige Arbeit an den Wickelröcken hat ihren Preis. "Es gibt bei uns keine Zwänge, keine Unterdrückung. Jeder soll tun, was er mag."

Und damit meint sie auch, dass jede und jeder glauben darf, was er möchte. Da stehe ich nun wieder und versuche meine Frage "Aber wie funktioniert das?" angemessen zu formulieren. Erwin lächelt und gibt die Antwort, die ich schon kenne: "Unser Islam ist stark, aber entspannt."

FRIEDLICHES LOMBOK Sie glauben aneinander und an das was sie tun.
FRIEDLICHES LOMBOK Sie glauben aneinander und an das was sie tun.
© Gulliver Theis

Nach Sonnenuntergang wehen Gesänge durch die Dunkelheit. Es ist Ramadan, nach dem abendlichen Fastenbrechen beten die Gläubigen bis in den frühen Morgen. Und vor meiner Unterkunft necken sich Männer und Frauen, so lässig verspielt wie überall auf der Welt. Über den weiten Reisfeldern in den Hügeln am Fuß des Vulkans Mount Rinjani hängt tagsüber eine große, fast andächtige Stille. An den Feldrändern wuchern Bananenstauden, mächtiger Bambus, Macadamiabäume, Muskatnuss, Gewürznelke und Vanille – ein verschlungenes, leuchtendes Grün.

Ich will unbedingt hinein in diese poetisch anmutende Landschaft, und sofort zeigt sie ihre Zähne. Die Sonne brennt, die Schwüle legt sich auf mich wie eine schwere, feuchte Decke. Ich balanciere auf Pfaden zwischen feuchten Feldern und springe über die Bewässerungsgräben, in denen klares Bergwasser fließt. Der Schweiß rinnt von der Stirn, kein Schatten weit und breit. Ich bin richtig glücklich, als ich endlich am Ufer abrutsche und ins kühle Wasser falle.

Die Natur ist das wichtigste

Auf der anderen Seite des Vulkans, in Senaru, starten jene in die Berge, für die meine Runde durch Reisfelder nur ein Appetithappen ist. In einem Dorf aus Bambushütten wartet Katni auf mich, 38 Jahre alt, klein, energisch, durchtrainiert. Sie gibt mir ein Zeichen zu warten, auf ihrem Smartphone hat sie noch schnell etwas Geschäftliches zu regeln. Katni trägt Jeans, auf ihrem T-Shirt reckt sich eine geballte Faust im Weiblichkeitssymbol. Neben ihr auf dem Dreschplatz hocken Frauen in Hidschabs auf dem Boden und schlagen die Körner aus den getrockneten Reispflanzen. Ziegen knabbern an aufgehängten Heubündeln, zwischen ein paar Steinen flackert ein Feuer unter einem Wok.

Katni zeigt mir, wo sie aufgewachsen ist, in einer der Hütten hier, mit ihren 14 Geschwistern. Ein großer, dunkler Raum für die ganze Familie, mit Schlafplätzen auf dem Boden. Ihre Ehe schloss sie so, wie es in der traditionellen Religion der Sasak, dem Wetu Telu, üblich ist. Dahinter verbirgt sich ein bunter Mix aus Animismus, Ahnenkult, Hinduismus und Islam. Dementsprechend sind die Gebräuche: An ihrem Hochzeitstag wusch Katni ihrem Mann die Füße und trank das Waschwasser, damit ihre Kinder Respekt vor dem Vater lernen. Danach wurden den Brautleuten, als Grundlage für eine gute Ehe, die Schneidezähne mit einem Steinmesser abgeschliffen, um alles Schlechte aus dem Charakter zu vertreiben.

MITTAGSHITZE Autorin Heinlein schützt sich mit einem großen Tuch vor der erdrückenden Schwüle. Zum Glück wartet in der Unterkunft im Dorf Senaru eine Abkühlung
MITTAGSHITZE Autorin Heinlein schützt sich mit einem großen Tuch vor der erdrückenden Schwüle. Zum Glück wartet in der Unterkunft im Dorf Senaru eine Abkühlung
© Gulliver Theis

"Huuuh!", sage ich ehrfürchtig und ein bisschen befremdet, Katni lacht, weil sie weiß, dass ihre religiöse Welt nicht so einfach zu begreifen ist. "Bevor die Insel von außen betreten wurde, verehrten die Ureinwohner die Geister ihrer Ahnen und der Natur." Später kam von Java der Hinduismus dazu und ein mystisch geprägter Islam. Heute gehören noch 85 Prozent der Inselbewohner zur Volksgruppe der Sasak. Die meisten von ihnen sind muslimisch, opfern aber den Hindugöttern und glauben an die Wiedergeburt. "Wir Frauen", sagt Katni energisch, "müssen trotzdem um unsere Rechte kämpfen." Als sie 15 war und das Geld fehlte, um weiter zur Schule zu gehen, beschloss sie, Bergführerin zu werden.

Als erstes Mädchen der Insel begleitete sie die männlichen Guides auf Touren, später leitete sie allein Touristen durch die Insel, brachte sich selbst Englisch bei und ertrug, was die Männer so redeten: wie unpassend es sei, als Frau mit Fremden unterwegs zu sein. Eine neuseeländische Hilfsorganisation wurde auf Katni aufmerksam und half ihr, die "Women’s Guide Association" zu gründen. Heute sind rund 70 Frauen Mitglied in ihrer Organisation. Die jungen übernehmen die mehrtägigen Touren in die Berge, für Mütter hat Katni familientaugliche Führungen: Gewürze entdecken, zu Kaffeeplantagen oder durchs Dorf.

Es ist inzwischen spätabends, aber Katni leuchtet von innen und erzählt weiter. Von ihrer Tochter, die Tourismus studiert. Von ihren Schwestern, die eine Webereischule aufbauen wollen und das kleine Terrassenrestaurant betreiben, in dem wir sitzen und auf den Vulkan blicken. Und von der Natur, die den Sasak heilig ist. "Dort musst du hin", sagt Katni und zeigt auf die Bergschluchten am Rinjani. Der Weg in die Tiefe führt durch üppigen Regenwald, wuchernde Farne, Schlingpflanzen und Lianen. Unten wird es magisch, mit zartem Sprühnebel, gebrochenen Sonnenstrahlen und einem von hoch oben durch den Dschungel herabrauschenden Wasserfall. Breitbeinig stehe ich auf felsigem Boden hinter einem dichten Tropfenvorhang und lasse die Kaskaden auf mich niederprasseln.

NATUR PUR Die Einwohner lieben die Natur in Lombok und tun alles, um sie zu schützen
NATUR PUR Die Einwohner lieben die Natur in Lombok und tun alles, um sie zu schützen
© Gulliver Theis

Lombok ist ein Paradies mit Tiefgang. Überall begegne ich Menschen, deren Sanftmut mich bewegt. Männer, die privat die Abfälle des Dorfes trennen, weil es keine staatliche Müllentsorgung gibt. Frauen, die sich organisieren, um aus Plastikverpackungen Taschen zu flechten, Freunde, die Mangroven und Korallen setzen, um Land und Riffe zu schützen. Jeder übernimmt hier Verantwortung für seine Heimat, jeder ist beseelt von seinem Glauben. Als ich auf die Fähre zurück nach Bali steige, habe ich nur ein Souvenir im Gepäck. Es wiegt nichts, aber es ist schwer: "Man muss nur reinen und aufrichtigen Herzens sein", hatte Yan gesagt.

Service Lombok

ANREISE

FlÜge nach Bali z.B. mit Emirates, ab 730 Euro, emirates.com. Von dort weiter nach Lombok mit dem Speedboot (2 Stunden, ca. 15 Euro) oder mit dem Flugzeug (30 Minuten, ab ca. 20 Euro, Lion Air, Wings Air)

LOMBOK IN DER GRUPPE

Der Reiseveranstalter Intrepid Travel bietet sanften Tourismus in kleinen Gruppen. Die einheimischen Guides garantieren authentische Begegnungen, viel Natur und Inselkultur. Die Gruppen sind international, Englischkenntnisse sind notwendig. Acht Tage Lombok plus zwei Strandtage auf der idyllischen Insel Gili Air ab 675 Euro, inkl. vieler Mahlzeiten (ohne Flug), intrepidtravel.de

EXTRATOUR

Mit Frauen unterwegs – sie bieten Touren mit Kontakt zu den Einheimischen an. Es geht z. B. durch Reisfelder, Gewürzplantagen, in ein Sasak-Dorf. Halber Tag ca. 17 Euro pro Gruppe, 3 Tage auf den Vulkan ca. 100 Euro, rinjaniwomenadventure.com

LESESTOFF

Voller Insider-Wissen: "Lombok – der Inselguide". Autor Marcel Gorgolewski betreibt auch den tollen Reiseblog homeiswhereyourbagis.com. Sehr informativ und aus Frauensicht geschrieben: indojunkie.com

ÜBERNACHTEN

Anggrek Putih Eco Resort

Ruhiges B&B mit viel Herz, mitten in der Natur an der Westküste. Vier schlichte Zimmer, Pool und Kochkurse. Mit Roller oder Taxi zehn Minuten bis zum Strand. DZ/F ab 19 Euro, anggrekputih.com

Qunci Villas Hotel

Exklusiv eingerichtete Bungalows mit bezaubernden Gartenbadezimmern am Strand von Sengiggi. Großartiges Frühstück, Pool, Spa. DZ /F ab ca. 100 Euro, quncivillas.com

Ibludan Hotel

Sehr stilvoll und behaglich in der kleinen Hafenstadt Sengiggi. Zimmer im Asia-Look, Open-Air-Bad, idyllischer Poolbereich, 300 Meter zum Strand. DZ/F ab 35 Euro,

GILI AIR ist eine zauberhafte, entspannte kleine Insel, eine halbe Stunde Bootsfahrt von Lombok entfernt. Viel Grün, keine Autos, traumhafter Strand, günstige Unterkünfte und hübsche Restaurants am Wasser

HINKOMMEN: mit dem Schnellboot von Sengiggi, Lombok, ca. 13 Euro

ÜBERNACHTEN: "The Koho Air Hotel", hübsche Bungalowanlage, stilvolle Zimmer, unweit vom Strand. DZ/F ab 60 Euro, thekohohotels.com

ESSEN: Das"Jandan Cafe" serviert frischgefangenen Fisch vom Holzkohlegrill, gebackene Meeresfrüchte. Hauptgericht ca. 3 Euro

YOGA & MEDITATION:

Dreimal täglich Klassen bei erfahrenen Trainern. Zehn Unterrichtsstunden 50 Euro, h2oyogaandmeditation.com

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