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Männerpaar auf Reisen "Wir haben gelernt, uns sehr gut vorzubereiten"

Karl und Daan in Costa Rica, einem ihrer Lieblingsreiseländer 
Karl und Daan in Costa Rica, einem ihrer Lieblingsreiseländer 
© Couple of Men
Karl und Daan haben gemeinsam mehr als 50 Länder besucht. In ihrem prämierten Blog "Couple of Men" schreiben sie über ihre Erfahrungen als schwules Paar auf Reisen. Ein Gespräch über die Freuden und Gefahren unterwegs.

BRIGITTE: Kürzlich ging durch die Presse, dass schwule Männer in den WM-Hotels in Katar nicht immer willkommen sind – ein Test-Paar bekam nicht mal in der Hälfte der Häuser ein Zimmer. Habt ihr auch schon solche Erfahrungen gemacht?

Karl: Wir persönlich nicht, weil wir gelernt haben, sehr vorsichtig zu sein und uns gut vorzubereiten: Ist das Hotel gay-friendly, kann man da so sein, wie man ist? Aber wir hatten sicher auch Glück. Wir haben mal in der Community herumgefragt, und da kamen teils erschreckende Berichte – vom Einzelzimmer im Keller, oder dass man gar nicht erst angenommen wurde. Das ging bis hoch in die teuersten Hotels.

Daan: Wir haben außerdem entschieden, nicht in Länder zu reisen, wo das Gesetz uns verbietet, zu sein, wer wir sind. Es macht einen großen Unterschied, ob du zum Beispiel nach Saudi-Arabien reist oder nicht.

Couple of Men in Amsterdam
Koffer mal wieder gepackt: Karl (li.) und Daan aus Amsterdam lieben es, gemeinsam die Welt zu entdecken
© Couple of Men

Welche Länder meidet ihr?

Karl: Für uns sind Russland und bestimmte Teile Osteuropas ein No-Go. Wir ziehen da eine Grenze, wo es gefährlich für uns wird.

Daan: Wir wollen mit unserem Blog auch niemanden aus der LGBT+-Community in Länder schicken, wo wir nicht sicher sein können, dass sie dort okay sind.   

Ihr bereitet eure Reisen also vor, indem ihr euch fragt: Wo sind wir willkommen?

Karl: Richtig. Und wir fragen uns, wie wir die Community vor Ort kennenlernen und unterstützen können. Das ist immer ein wichtiger Aspekt für uns. Begonnen haben wir als zwei Männer, die es schön finden, zu reisen, aber inzwischen spielt immer mehr Aktivismus in unsere Berichterstattung hinein.

Habt ihr konkrete Tipps für die Reisevorbereitung?

Karl: Wir legen jedem ans Herz, sich auf einschlägigen Blogs zu informieren, wo man vorsichtig sein muss. Der zweite Tipp ist, sich immer bewusst zu sein, wo man ist: Wenn man nicht weiß, ob man sich als schwuler Mann zeigen darf, sollte man zum Beispiel die Hand des anderen loslassen. Das machen wir sogar hier in Amsterdam, wenn uns im Dunkeln Menschen begegnen, die wir nicht einschätzen können.

Daan: Komischerweise haben wir erst beim Schreiben unseres Buches gemerkt, wie trainiert wir sind, unsere Umwelt wahrzunehmen. Wir wissen genau, wann wir die Hand des anderen loslassen sollten, oder wann wir besser nicht laut oder sonstwie auffällig sind.

Es war uns vorher gar nicht bewusst, dass wir uns ständig selbst zensieren. Es ist wie ein unbewusstes Training. Ich glaube, Frauen kennen das ziemlich gut.

Stimmt, als Frau lernt man auch automatisch, vorsichtig zu sein.

Karl: Bei uns hat sich das über die Jahre so entwickelt: Von den Schimpfwörtern in der Schule über die Zeit des Outings, bis hin zum neuen Job, wo man sich versteckt. Viele junge Queers gehen sehr offensiv dagegen an, und das ist gut. Aber für uns Mittdreißiger ist das anders, vor 20 Jahren ging das noch nicht.

Daan: Das ist auch ein Grund, warum wir auf vielen unserer Fotos Händchen halten – als Statement, damit die Leute sich daran gewöhnen, das zu sehen.

Heißt das, dass ihr überall auf der Welt Gefahren wittert, selbst in Berlin oder Amsterdam?     

Karl: Ja. Natürlich gibt es Länder und Städte, wo das weniger der Fall ist. Amsterdam zum Beispiel  ist sehr gay-friendly, außer dass uns ab und zu mal jemand „Homo“ hinterherruft. Aber bis auf Ausnahmen ist es hier nicht wirklich gefährlich.

Ihr habt zusammen mehr als 50 Länder bereist. Wo habt ihr euch am sichersten und am wohlsten gefühlt?

Karl: Unser absolutes Lieblingsland ist Island, da haben wir keine Probleme, und die Natur ist so toll dort!
Couple of Men in Island
Nur du und ich: Karl und Daan in Island
© Couple of Men

Daan: Es gibt dort nicht viele Menschen, das hilft. Nur viele Schafe.

In Island könnt ihr euch ganz frei bewegen?

Karl: Ja. Island ist bekannt dafür, sehr LGBT+-freundlich zu sein. In Schweden fühlen wir uns auch sehr wohl, es zählt zu den schwulenfreundlichsten Ländern der Welt. Dasselbe gilt für Kanada.

Couple of Men in Schweden
Daan (li.) und Karl in Schweden, einem der LGBT+-freundlichsten Länder der Welt
© Couple of Men

Daan: Und für Japan. Japan ist zwar nicht unbedingt das queerfreundlichste Land, aber weil die Menschen dort generell so respektvoll sind, gab es keine schwierigen Momente für uns.

Habt ihr in Japan Händchen gehalten?

Daan: Die ganze Zeit! Und alle waren entzückt und wollten Selfies mit uns machen - und wir mit ihnen, weil sie so toll aussahen. Das war sehr schön!

Welche Länder könnt ihr noch empfehlen?

Karl: Wir haben uns total in Costa Rica verliebt. Da gibt es diese tolle Natur und seit 2020 die „Ehe für alle“. Auch Spanien zählt zu den LGBT+-freundlichsten Ländern der Welt. Der Südwesten der USA mit Kalifornien ist auch supertoll. Und wir lieben Teile von Florida, aber dort haben wir immer gemischte Gefühle. Dort wurde ja gerade dieses „Don’t say gay“-Gesetz verabschiedet, das den Unterricht über sexuelle Orientierung an Grundschulen verbietet. 

Daan: Miami, Key West und Fort Lauderdale sind sehr offen. Es gibt dort einen richtigen Gay Community Lifestyle, aber auf der anderen Seite auch diese konservativen Gesetze. In Malta ist es genau umgekehrt: Rechtlich gesehen ist es eines der LGBT+-freundlichsten Länder der Welt, aber die Gesellschaft ist superkonservativ.

Welche Reiseangebote gibt es speziell für die queere Community, die ihr empfehlen könnt?

Karl: Es gibt tolle Schwulenkreuzfahrten und auf der ganzen Welt viele sehr tolle LGBT+-Festivals. Das größte für Lesben ist das „Dinah Shore Festival“ in Palm Springs. Und das „Pink Lake Festival“, das internationale LGBTQ+ Festival am Wörthersee, wird auch gern von lesbischen Reisenden besucht.

Gay Pride in Amsterdam: Karl und Daan happy in Regenbogenfarben 
Gay Pride in Amsterdam: Karl und Daan happy in Regenbogenfarben 
© Maartje Hensen

Ihr habt auch eine Zugreise durch das südliche Afrika gemacht – war die nur für Schwule?

Daan: Nein, die war offen für alle. Südafrika ist ja das schwulenfreundlichste Land des Kontinents. Aber in Namibia kannst du für gleichgeschlechtlichen Sex ins Gefängnis kommen, wobei diese Gesetze viele Jahre nicht mehr angewandt wurden. Deshalb haben wir entschieden, trotzdem hinzufahren. Aber wir sind dort nicht auf „Grindr“ gegangen - normalerweise nutzen wir die App, um Locals kennenzulernen und zu erfahren: Wie ist es, hier gay zu sein?

Die Welt vorüberziehen lassen: Mit dem Zug durch das südliche Afrika
Die Welt vorüberziehen lassen: Mit dem Zug durch das südliche Afrika
© Couple of Men

Karl: Wir haben diese Reise in unser Buch aufgenommen, um darauf aufmerksam zu machen, dass Homosexualität in fast 70 Ländern unter Strafe steht, teilweise unter Todesstrafe. Auch in Ländern, in denen wir Europäer:innen Urlaub machen. Wir fänden es schön, wenn man es als Teil des Erlebnisses sehen würde, sich auch mit diesen Dingen zu beschäftigen. Denn als Reisende hinterlassen wir nicht nur einen ökologischen, sondern auch einen kulturellen Fußabdruck. Dieses Bewusstsein sollte mit uns allen mitreisen.

Männerpaar auf Reisen : "Wir haben gelernt, uns sehr gut vorzubereiten"
© Gräfe und Unzer

2013 lernten sich Karl Krause aus Ostdeutschland und der Niederländer Daan Colijn in einem Berliner Club kennen, es war Liebe auf den ersten Blick. Heute lebt das Paar in Amsterdam und hat gemeinsam mehr als 50 Länder bereist. Ihr erfolgreicher Reiseblog „Couple of Men“ wurde 2021 von "Lonely Planet" mit dem "LGBTQ+ Storyteller Award" ausgezeichnet. Zum Pride Month 2022 liegt nun ihr gemeinsames Buch „Couple of Men – Ein Männerpaar reist um die Welt“ in den Regalen (Polyglott, 16,99 Euro).

Brigitte

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