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Praktikum im Big Apple


Drei Monate leben und arbeiten in New York. Das klingt super. Dachte sich auch BYM.de- Autorin Gudrun und organisierte sich ein Praktikum bei einer deutschen Zeitung. Einiges lief anders als erwartet. Warum sie trotzdem jede Menge Spaß hatte, erzählt sie hier

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Mein zweites Pflichtpraktikum stand an und ich wollte unbedingt nach New York. Agenturen zur Vermittlung von Auslandspraktika gibt es zwar wie Sand am Meer. Mehrere Hundert Euro allein für die Vermittlung eines Platzes wollte ich aber nicht ausgeben. Ein Praktikum bei einer englischen Zeitung zu machen, stellte ich mir schwierig vor. Wer kann schon in einer Sprache schreiben, die nicht seine Muttersprache ist? Da ich aber mehr wollte, als Kaffeekochen und Kopieren, entschied ich mich für die perfekte Lösung: eine deutsche Zeitung in New York. Auf der Internetseite fand ich den Hinweis, dass die Redaktion "interessante Praktikumsplätze mit vielfältigen Aufgaben" vergibt, bewarb mich und erhielt eine Zusage. Alles war herrlich unkompliziert. Komplizierter war der Rest: Visum beantragen, Krankenversicherung, Unterkunft finden, eigene Wohnung untervermieten. All dass kostete mich Tage und Wochen. Aber es hat sich gelohnt. Nach einem traurigen Abschied von Freund, Freunden und Familie saß ich im Flieger. Zusammen mit jeder Menge Arabern mit verhüllten Gesichtern - und einer guten Freundin. Durch einen Zufall hatte sie kurzfristig auch einen Praktikumsplatz in New York ergattert und so fühlte ich mich gleich viel wohler.

Marmor & Gold

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Schließlich kamen wir heil in unserem Domizil, einer Unterkunft nur für Frauen, an. Nach einem kurzen Rundgang wurden wir auf die Dachterrasse geführt und waren schlicht überwältigt. Der Ausblick vom 13. Stock auf das beleuchtete Empire State Building war mehr als beeindruckend. Am nächsten Tag machten wir uns auf den Weg zu unseren zukünftigen Arbeitgebern, um Montag nicht im U-Bahn Netz verloren zu gehen. Erste Station war die PR-Agentur, in der meine Freundin ihr Praktikum absolvieren würde. Eine Empfangshalle aus Marmor und Gold, mitten in Manhatten, versprach ein New-York-Praktikum, wie es im Buche steht. Sie, erleichtert und ich, immer noch nervös, machten wir uns auf den Weg nach Queens. Zu meinem Büro. Zumindest dachte ich das in dem Moment noch.

Bling-Bling in Queens

Wir fuhren nur wenige Haltestellen, trotzdem erwartete uns beim Gang auf die Straße eine andere Welt. Kein Menschentrubel mehr, keine Sirenen und die Hochhäuser sahen wir nur noch aus der Ferne. Unter den wenigen Menschen, die auf der Straße waren, war eine Gruppe schwarzer Bling-Bling Jungs. Hier gibt's also die original Hip Hop-Gangster, von denen bei uns nur die billigen Imitate herumlaufen. Wir, zwei Blondinen, fielen natürlich auf und so wurde uns, ähnlich wie man es auch von den deutschen Pseudo-Gangstern kennt, hinterher gerufen und gepfiffen. Mit mulmigen Gefühl suchten wir die richtige Straße und fanden: ein heruntergekommenes, Gebäude ohne richtige Fenster mit der Aufschrift: "International Printing Corp." Heilige Scheiße, dachte ich. Das muss es sein. Auf einmal ging mir der Sinn von teuren Praktikums-Vermittlungsagenturen auf. Zu spät, da musste und würde ich jetzt durch.

"Just get in"

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Am nächsten Morgen bat ich meine Freundin, doch bitte die Polizei zu alarmieren, falls ich zum Abendessen nicht auftauchen sollte, und machte mich auf den Weg. Vor der Tür angekommen, suchte ich vergeblich nach einer Klingel. Da ich keine fand, rief ich meinen zukünftigen Chef auf seinem Handy an. "Just get in". Vorsichtig ging ich hinein, drinnen war's dunkel (kein Wunder, es gab ja schließlich keine richtigen Fenster).

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Etwas verunsichert ging ich weiter, da kam er mir schon entgegen und war so ganz anders, als ich ihn mir vorgestellt hatte. Wer könnte der Herausgeber einer deutschen Zeitung in Amerika sein? Ich dachte an einen Mittfünfziger aus Deutschland mit dem Namen Peter. Peter nannte sich aber Pete und war ein Amerikaner mit Basecap, der mich mit einem freundlichen "ey-Alter-laß-uns-die-Fäuste-zusammenschlagen"-Gruß willkommen hieß. Er war nett und ich erleichtert.

Home Office

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Nachdem er mich kurz in dem Gebäude herumgeführt hatte (unten befanden sich die Druck-Anlagen, oben tatsächlich noch zwei provisorisch eingerichtete Büros, in denen nette, ältere Männer am Layout arbeiteten), gingen wir in einen niedlichen Coffeeshop um die Ecke. Er fragte mich, ob ich einen Laptop hätte (und ich frage mich bis heute, was er getan hätte, wenn ich nein gesagt hätte...) und erklärte, dass ich auch gerne von Zuhause arbeiten könnte. Es gab also überhaupt kein Redaktionsbüro. Der Chefredakteur lebte und arbeitete von Cuxhaven aus und die meisten Artikel kamen ohnehin von der Deutschen Presse Agentur. Ich war also "die" (einzige) Reporterin, die aus New York berichten sollte.

Mein erster Auftrag führte mich nach Brooklyn, wo ich einen deutschen Geschäftsmann interviewen sollte, der in der Reichskristallnacht mit seiner jüdischen Familie nach Amerika geflohen war. Ich durfte das Interview auf Deutsch führen, um authentischerer O-Töne zu bekommen, und war darüber ganz dankbar. Schließlich war ich erst wenige Tage vor Ort. Mein Chef Pete und ich pflegten übrigens die ganzen drei Monate über ein herrliches Denglisch. So gut, oder schlecht, wie ich Englisch sprach, sprach er Deutsch. Also legten wir uns nicht fest. Mein Interview-Partner dagegen hatte sich bereits festgelegt: auf Englisch. Ich bekam es trotzdem irgendwie auf die Reihe, ihn zu interviewen und wurde hinterher sogar für meine Sprachkenntnisse gelobt. Herrlich, jetzt konnte mir nichts mehr passieren.

Joschka Fischer und die Bahamas

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Mein Home-Office-Job erwies sich als Glücksgriff. Wenn morgens alle Mädels in ihren Büro-Outfits schnell ihr Frühstück herunterschlangen und loseilten, ließ ich mir in Jogginghose und Kapuzenpulli alle Zeit der Welt. Zum Arbeiten setzte ich mich manchmal mit meinem Laptop zu Starbucks und fühlte mich wie Carrie Bradshaw. Noch stärker wurde das Carrie-Gefühl, als ich es schaffte, mehrere Einladungen zur New Yorker Fashion Week zu ergattern. Ansonsten traf ich mich einmal pro Woche mit Pete, wir tranken Kaffee und er belieferte mich mit Presse-Einladungen für sämtliche Veranstaltungen in New York mit irgendeinem deutschen Bezug: eine Podiumsdiskussion mit Joschka Fischer, ein Musikabend mit Lübecker Nachwuchstalenten oder Ausstellungen von deutschen Künstlern.

Viel zu schnell vergingen die drei Monate und ich packte schweren Herzens meine noch viel schwerer gewordenen Koffer. Das Geld, das ich für die Praktika-Vermittlung gespart hatte, investierte ich übrigens in einen Kurztrip auf die Bahamas. Und sogar ein neues Strand-Outfit war noch drin.

Links und Infos

Für alle, die auch ein Praktikum in New York planen und noch eine Unterkunft suchen geht es >>hier zum Webster Apartment. Eine rechtzeitige Anmeldung ist unbedingt nötig, da die Zimmer aufgrund der tollen Lage und der verhältnismäßig günstigen Preise (Zimmer pro Woche inklusive Essen & Reinigung ca. 150 Euro) schnell ausgebucht sind.

Wer sich generell für ein Praktikum bei einer deutschsprachigen Zeitung interessiert, findet >>hier eine ausführliche Liste mit deutschsprachigen Medien weltweit.

Text und Bilder Gudrun Möller

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