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Provence Mein Urlaub auf dem Ökohof

Franziska Wolffheim: Provence Ausblick
Idylle pur – In den Weinbergen von Beaumes-de-Venise
© Maxim Schulz
Im Urlaub gegen Kost und Logis auf einem Ökohof mithelfen und nebenbei das Land kennenlernen? Smarte Idee! Franziska Wolffheim hat’s in der Provence ausprobiert.

Er ist mir entwischt. In erstaunlichem Tempo läuft der Hahn über die Wiese, ich hinterher, er schlägt Haken, kräht ab und zu fröhlich. Ich werde wütend, schreie "Viens ici!", komm her, aber das ist ihm komplett schnurz. Jetzt sehe ich Hervé, der grinsend auf mich zukommt. Gemeinsam treiben wir das widerspenstige Tier ins umzäunte Gehege zurück und schließen sorgfältig das Tor. Ich komme mir etwas lächerlich vor: eine Städterin, die sich von einem Hahn vorführen lässt. "Pas grave", nicht schlimm, sagt Hervé, ein Mittfünfziger, der ebenfalls hier auf dem Bauernhof mithilft.

"Wwoofer" – Arbeit gegen Kost und Logis

Einen Tag zurück: Ich sitze mit Rose Combe an einem langen Esstisch aus Holz, in einem großen Raum, der mal ein Viehstall war. Die 60-Jährige, die den ganzen Tag herumwirbelt und trotzdem beneidenswert ungestresst wirkt, betreibt mit ihrer Familie die "Ferme de l’Oiselet" in Sarrians, gut 25 Kilometer von Avignon entfernt. Hier wird auf 20 Hektar Biowein produziert – die wichtigste Einnahmequelle der Familie. Rose ist aber nicht nur Bäuerin, sondern macht auch Führungen über ihren Hof, und sie kümmert sich um die "Wwoofer", Leute wie mich, die auf Zeit bei ihr arbeiten und dafür Kost und Logis umsonst bekommen. Der ungewöhnliche Name leitet sich ab vom Netzwerk Wwoof (World Wide Opportunities on Organic Farms), einem Zusammenschluss von Höfen auf der ganzen Welt, die ökologisch arbeiten.

Rose freut sich über jede Gelegenheit, ihr Wissen zu teilen, und zeigt mir den Brutkasten, der in der Küche mit den großen Neonflutern steht: Hier liegen die Eier, die von den Hennen nicht bebrütet wurden – weiß, beige, zartgrün und -blau, jedes ist anders. Meine Aufgabe in dieser Woche wird es sein, die Hühner zu füttern, im Stall und in den Gehegen nach Eiern zu suchen und jedes mit dem Datum des Fundtages zu versehen. Drei Wochen später schlüpft dann das Küken, sofern das Ei befruchtet wurde. "Es ist jedes Mal ein magischer Moment, wenn aus der Schale ein kleiner Schnabel herausbricht und schließlich das Küken zum Vorschein kommt, ganz nass und ein bisschen tapsig", sagt Rose.

Provence: urlaub auf dem Ökohof
Flauschig – der Küken-Nachwuchs von der "Ferme de l’Oisele" macht sich’s bequem
© Maxim Schulz

Am frühen Abend sitze ich auf der kleinen Terrasse der Holzhütte, in der ich wohne. Neben mir in langen Reihen die Weinreben mit ihren ersten zarten Blättern, im nahen Teich quaken die Frösche um die Wette, und dann stimmt auch noch ein Pfau mit seinem Gekreische in den schrägen Chor ein. Im Hintergrund erhebt sich der rund 1900 Meter hohe Mont Ventoux, ein Riese, von dessen Gipfel man bei klarer Sicht bis zum Mittelmeer schauen kann. Er ist das Sehnsuchtsziel vieler Radlerinnen und Radler, die sich auf den Spuren der legendären Tour de France der Herausforderung des ziemlich steilen Anstiegs stellen wollen.

Jeder Regentag ist hier ein guter Tag

Nun verblassen seine Konturen ganz allmählich, und schließlich werde ich selbst von der Dunkelheit aufgesogen, mag mich aber gar nicht trennen und nach drinnen gehen. Doch am nächsten Tag werde ich den Berg ja wiedersehen, ihn wie jeden Morgen begrüßen. Sehen, ob sein Haupt komplett in Nebel gehüllt ist – oder in ein Meer aus roten Flammen, dann zeichnet er sich glasklar gegen den azurblauen Himmel ab.

In meiner Hütte gibt es Strom, einen kleinen elektrischen Heizkörper, ein Waschbecken, aber kein Wasser. Das hole ich in Kanistern vom Haupthaus, wo auch die Toiletten und Duschen sind. Am Anfang fühlte ich mich wie auf dem Trockenen, fand es lästig, mir das Wasser ständig zu portionieren. Dann habe ich die Erfahrung gemacht: Es geht, wird zunehmend leichter, ich entwickele meine eigene Logistik. Und wahrscheinlich ist das eh die Zukunft: Dass wir alle sorgsamer mit der kostbaren Ressource umgehen müssen. Rose und ihrem Mann Claude jedenfalls macht die klimabedingte Trockenheit zu schaffen, der Mistral bläst den Staub über die trockenen Felder. Jeder Regentag ist daher ein guter Tag.

Provence: Schroffe Berge
Gewaltige Natur – Felsformationen in den Bergkämmen der Dentelles de Montmirail
© Maxim Schulz

So gesehen ist für die Bauern heute ein schlechter: Die Sonne sticht, der Himmel zeigt sich wolkenlos, der Wind zaust an den silbrig glitzernden Blättern der Olivenbäume. Es ist Sonntag, Markt in L’Isle-sur-la-Sorgue, ein Mini-Venedig, von Kanälen durchzogen, überall Brücken, hölzerne Wasserräder, Enten, dazu zahlreiche Antiquitätenläden. Die Angler schimpfen, dass sie bei dem Marktgeschrei nichts fangen. Salamis, Pâtés, Ziegenkäse, Oliven-Tapenaden, Seifen, bunte Tücher: Man könnte Wagenladungen kaufen.

An einem Stand zeigt die Mode-Designerin Johanna Maillet ihre Kollektion mit farbenfrohen Blusen und Hemden, die sie auf Märkten und im Internet verkauft. Sie ist Pariserin, aber schon seit 25 Jahren in der Provence zu Hause. Eine der vielen Kälte-Flüchtlinge aus dem Norden, nicht selten Künstler:innen und Kunsthandwerker:innen, die die Sonne und Natur hier lieben und um keinen Preis zurückwollen. Und das, obwohl die Einheimischen konservativ seien und unter sich blieben. "Mein Freund und ich fühlen uns immer noch nicht integriert, nach so vielen Jahren", sagt die Designerin, die bei Lourmarin lebt, einem der vielen Provence-Fleckchen, die als "schönste Dörfer Frankreichs" ausgezeichnet sind.

Künstlerisches Recycling

Auch Séguret, einer meiner Lieblingsorte, gehört dazu. Er ist etwas höher gelegen, der Blick geht über Weinfelder und auf die Dentelles de Montmirail, fein ziselierte Bergwipfel, die wie spitzengeklöppelt aussehen.

Galerien, ein altes Waschhaus, an den Häusern ranken sich Kletterrosen in die Höhe: Man kann sich der Charme-Offensive der schmalen Kopfsteinpflastergassen kaum entziehen.

In einer Galerie, in der früher mal eine Tischlerei war, zeigt mir Muriel Landerer ihre Arbeiten. Die 42-Jährige formt aus alten Eisendrähten großformatige, expressive Köpfe. Das Material findet sie in den Weinbergen der Umgebung, früher haben die Drähte Reben gestützt. "Ich mag diese Art von Recycling, nichts geht verloren, alles hat eine Verwendung", sagt sie.

Als ich am Abend zum Hof zurückkomme, finde ich in den Reben neben meiner Hütte mehrere alte Drähte. Ich werde sie in den nächsten Tagen Muriel Landerer für ihre Charakterköpfe bringen. Oder, ganz praktisch, damit den Riegel zum Hühnergehege ausbessern. Damit mir nicht wieder ein provenzalischer Hahn entwischt.

Franziskas Reisetipps für die Provence

Wwoofing

Auf der Homepage von Wwoof France (wwoof.fr) findet man eine Liste von Höfen, die Gäste empfangen. Gegen Kost und Logis arbeiten Wwoofer:innen etwa die Hälfte des Tages mit. Zunächst aber muss man sich online registrieren und einen Mitgliedsbeitrag von 25 Euro (für ein Jahr) bezahlen. Auf der "Ferme de l’Oiselet" von Rose Combe werden nicht nur während der Weinernte Wwoofer:innen gebraucht, man kann sich zum Beispiel auch um die Tiere kümmern und im großen Gewächshaus oder in der Küche arbeiten (Sarrians, 1234 Route de la Garrigue de l‘Etang; Kontakt über wwoof.fr).

Hinkommen und rumkommen

Für die Provence ist der nächste größere Flughafen Marseille. Alternativ: Anreise mit dem Zug, zum Beispiel von Frankfurt nach Marseille in circa neun Stunden. Vor Ort ist ein Leihauto leider beinahe unumgänglich, da der öffentliche Nahverkehr nicht gut ausgebaut ist. In größeren Orten findet man Fahrradverleiher.

Übernachten in der Provence

Le Clos Saint Saourde. Die luxuriösen Gästezimmer sind in einen Felsen hineingebaut, was sie sehr urig macht. Pool und offene Küche zur Nutzung für die Gäste. DZ/F ab 190 Euro (Beaumes-de-Venise, 1769 Route de St. Véran, Tel. 04 90 37 35 20, leclossaintsaourde.com).

Franziska Wolffheim: Hotelzimmer
Das "Le Prieuré La Madelène" ist ein ehemaliges Benediktinerkloster mit fünf stilvoll eingerichteten Zimmern, Pool und schönem Garten. DZ/F ab 120 Euro (prieurelamadelene.com)
© Maxim Schulz

Hotel Les Florets. Tolle Lage am Fuß der Dentelles de Montmirail und guter Ausgangspunkt für Wanderungen! Zum Relaxen gibt’s eine große Terrasse, einen Pool und gemütliche Zimmer. DZ/F ab 114 Euro (Gigondas, 1243 Route des Florêts, Tel. 04 90 65 85 01, hotel-lesflorets.com).

Genießen in der Provence

L’Atelier de la Ferme. Leckere Gerichte aus lokalen Produkten, große Portionen, gutes Preis-Leistungs-Verhältnis, z. B. Blätterteig mit Avocado, Oktopus, Flusskrebs und Kräuterkäse für 15 Euro (Malaucène, 2 Place Louis Cornillac, Tel. 06 02 66 47 30).

Côté vignes by Coco. Großes Pizza-Angebot und gehobene Bistro-Küche inmitten der Weinberge. Spezialität: Camembert aus dem Holzkohleofen ab 22 Euro (Beaumes-de-Venise, 1515 Route de Lafare, Tel. 04 90 65 07 16, cotevignes-84.fr).

La Maison Eglantine. Charmanter Salon de thé mit hausgemachtem Kuchen (ca. 4 Euro), herzhaften Tartes (ca. 6 Euro), frischen Säften und selbst gemachtem Eis (Séguret, Rue des Poternes).

Einkaufen in der Provence

La Cour aux Saveurs. Ma-dame steht im Laden, Mon-sieur fabriziert nebenan seine riesige Auswahl an Schokoladen und Pralinen. Besonders apart: süß-salzige Kreationen wie die weiße Schokolade mit Oliven (L’Isle-sur-la-Sorgue, 4 Rue Louis Lopez, lacourauxsaveurs.fr).

Savonnerie des Dentelles. Olivenholz, Lavendel, Feige oder Muskat: Hier werden Seifen, Körperlotionen oder Duftsprays aus verschiedensten Ingredienzen hergestellt. Zum Teil sind die Produkte bio (Beaumes-de-Venise, 42 ZA la Barcillonne, savonneriedesdentelles.com).

Erleben in der Provence

Wanderung zum Plateau des Courens. Die relativ leichte, ca. fünf Kilometer lange Wanderung startet in Beaumes-de-Venise und führt zu einem Hochplateau, wo man inmitten von Blumen-rabatten und Weinreben die alte Kapelle Saint Hilaire bewundern kann.

Kunsthandwerk-Ateliers. In Pernes-les-Fontaines, der Stadt der 40 Quellen, schlendert man von einer Werkstatt zur nächsten: Holzskulpturen, Seidenmalerei, Schmuck u. v. m. Kleine Sonnen, die auf die Straßen gemalt sind, weisen den Weg (Porte Villeneuve bis Place du Portalet).

Telefon

Frankreich hat die Vorwahl 00 33.

Hätte ich das gewusst …

Gut, ich hätte es mir denken können: Im Hühnerstall oder beim Unkrautjäten wird man dreckig und schwitzt. Genug Arbeitsklamotten mitzunehmen lohnt sich!

Brigitte

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