Radreise durch Kanada: Die schönste Tour

Eine Radreise durch Kanada beschert Glücksmomente in der Natur. BRIGITTE-Redakteurin Nikola Haaks fand aber auch Gefallen am City-Hopping.

Das so ziemlich Erste, was ich zu mir nehme, ist Eiswein. Da hätte ich jetzt auch nicht mit gerechnet. Kann man aber machen, geht auch mittags schon ganz gut. Ich wusste nicht, dass Kanada der größte Eisweinproduzent der Welt ist, nicht weit von Toronto liegt eines der bekanntesten Anbaugebiete. Ich nehme noch einen Schluck bei der Verkostung auf dem Weingut "Inniskillin". Kann ja nicht schaden, bevor es gleich aufs Rad geht und weiter zu den berühmten Niagarafällen.

Die Strecke ist ebenerdig, die Landschaft erinnert ein bisschen an Holland, der breite Radweg auch. Da macht Radeln Spaß! Vorbei geht es an den schicken Häusern am Ufer des Niagara River, an dessen gegenüberliegendem Ufer schon die USA beginnen. Der Ort Niagara selbst sieht aus wie der kleine Bruder von Disneyland. Um die riesigen Wasserfälle hat sich eine Unterhaltungsindustrie gruppiert, die eher gewöhnungsbedürftig ist. Aber ein Abendessen mit Blick auf die lärmenden, schäumenden Massen, die sich aus 57 Meter Höhe herabwälzen, hat man auch nicht alle Tage.

Naturgewalt Aus 57 Metern Höhe donnern die Niagarafälle herunter

Radeln in Toronto? Läuft super!

Inge, Inhaberin des Reiseunternehmens, das die Radtour veranstaltet, José, ihr kanadischer Kontaktmann, BRIGITTE-Fotograf Alex Trebus und ich stoßen an: Wir werden als eine Art Spähtrupp diese Reise testen, die neu im Programm ist. Nach unserem kleinen Trip ins Niagara-Disney-Land freuen wir uns über eine echte Stadt: Toronto, Metropole der Provinz Ontario. Terence, unser Guide, war schon Lehrer und Unternehmensberater, bevor er vor zwei Jahren schließlich ins Bike-Business einstieg. Radfahren ist in Kanada eine große Nummer und selbst in Städten total angenehm - anders als in Deutschland nehmen die Autofahrer hier erstaunlich viel Rücksicht.

Wir steuern als Erstes Kensington Market an, das Kreuzberg von Toronto. Hier trifft die alternative Szene auf Yuppies und Touristen aller Art. Es wuselt und wimmelt - und ein überschaubar großes viktorianisches, aber ziemlich marodes Stadthaus in einer ruhigen Seitenstraße wäre für 1,7 Millionen Dollar zu haben, wie Terence uns erzählt.

Farbrausch In Toronto wird's in der "Graffiti Alley" ziemlich bunt

Wir kaufen uns lieber für 7 Dollar ein Nudelgericht bei "Rasta-Pasta", einem lustigen Fusion-Imbiss mit karibisch-italienischer Küche. Danach cruisen wir weiter durch die Straßen, vorbei an cool aussehenden Läden, in die ich Shoppomanin sofort rein möchte, aber ich reiße mich zusammen. An entscheidenden Spots gibt es Infos von Terence, wer zwischendurch etwas wissen will, ruft einfach. Eine sehr angenehme Art, die Stadt kennenzulernen. Unsere Tour endet im Distillery District. Ohne Alkohol, dafür mit den grandiosen Pralinen vom Schoko-Laden "Soma".

Stadt, Land, Fluss - für jeden was dabei

Am nächsten Tag, im Sommerfrische-Nest Gananoque, ist Toronto Lichtjahre weg. Gananoque - der Name kommt aus dem Indianischen - ist ein verwunschener Ort direkt am Sankt-Lorenz-Strom. Im Sommer Hotspot für Jachtbesitzer, in der Nebensaison ziemlich ruhig.

Während die anderen umherstreifen, sichere ich mir einen der Deckchairs auf dem Steg am Wasser und genieße nicht nur die Sonnenstrahlen, sondern auch die unfassbare Ruhe, die diese tiefen kanadischen Gewässer ausstrahlen. Das ist das Schöne an unserer Tour: der Wechsel von wilder Natur und urbanem Trubel, von weitem Land und quirligen Straßen.

Immerhin sind noch drei weitere Städte im Programm: Montreal, Ottawa und Quebec, wo wir - sehr besonders - in einem Klosterhotel schlafen und den dort noch lebenden Nonnen bei ihren Gesängen zuhören können. Um möglichst viel zu sehen und nicht an den Mehrere-100-Meilen-Distanzen zu verzweifeln, werden zwischendurch immer wieder Strecken mit dem Shuttlebus gefahren.

Ottawa ist ruhig, sanft und weitläufig

In Ottawa, Kanadas Hauptstadt übrigens, treffen wir die nächste Radverrückte: Maria. Sie ist Iranerin, hat in Deutschland und den USA gelebt, zog 2011 nach Kanada, um dort etwas zu tun, das im Iran für Frauen komplett verboten ist: Radfahren.

Skurril Die Spinnenskulptur vor Ottawas Kunsthalle

Maria hat nun ein Business, ähnlich wie Terence, und begleitet uns durch die Studentenstadt, die so ganz anders ist als Toronto. Ruhiger, sanfter, weitläufiger. Aber ebenfalls ein Radler-Paradies.

Wir essen einen "Beavertail" am Byward Market, das berühmte süße Schmalzgebäck, das, platt und länglich, an eine Biberkelle erinnert, bewundern die skurrile Spinnenskulptur von Louis Bourgeois am Eingang der Kunsthalle, fahren am Rideau-Kanal und am wilden Ottawa River entlang. Eine Stadt per Rad zu besichtigen hat einige Vorteile: Man sieht in kurzer Zeit sehr viel und kann sich überlegen, wo man am nächsten Tag noch mal genauer hinschauen möchte.

Val-David - das Worpswede Kanadas

Ein Platz, den ich unterwegs besonders ins Herz geschlossen habe, ist Val-David. Ein recht weitläufiges kleines Örtchen in der Provinz Quebec, 80 Kilometer nördlich von Montreal, in dem sich viele Kreative und Alternative zusammengefunden haben. Val-David ist das Worpswede Kanadas. Im "Magasin Général", dem Treffpunkt an der Hauptstraße, gibt es marokkanisches Geschirr, knallbunte Flamingo-Fußmatten und vegane Snacks. Ein paar Meter weiter hat einer der bekanntesten Zinn-Handwerker Kanadas, Bernard Chaudron, seinen Shop, gegenüber ist eine Glasbläserei, und zum Plausch oder Sundowner trifft man sich auf der Holzterrasse der urigen Brasserie "Le Baril Roulant". Kein Wunder, dass an den Wochenenden auf der Strecke von und nach Montreal immer Stau ist.

Bird-, nein Biber-Watching

Ziemlich am Ende unserer Reise gibt es ein Versprechen auf echte Biber statt frittierter "Beavertails". Die Wahrscheinlichkeit einen zu sehen sei zumindest recht groß, verspricht uns José auf dem Weg nach Lac Blanc. Der kleine See liegt sehr idyllisch zwischen Montreal und Quebec.

Unser Hotel "Pourvoirie du Lac Blanc" erinnert ein wenig an das "Kellerman’s Resort" aus "Dirty Dancing", das nicht umsonst im Original „Mountain Lake“ heißt. Drum herum ist hier Wald und sonst nichts. Doch: ein paar Deckchairs am Seeufer natürlich, von denen ich mir gleich einen sichere.

Dann holt uns Pierre ab. Er ist einer von 600 Trappern im Quebec-Gebiet, zuständig für Forstpflege und Tiere. Pierre macht den Eindruck, als ob er jeden Biber, der sich in der Nähe des Lac Blanc tummelt, namentlich kennt, und es macht sehr viel Spaß ihm zuzuhören. Wir steigen in ein Kanu und paddeln auf sein Kommando übers spiegelglatte Blau, entlang der Wasserlilien und Seerosen. Die Sonne scheint, kein Windhauch geht. Es ist unfassbar still und so archaisch-kanadisch, wie ich es mir vorgestellt habe.

Boot statt Rad Mit dem Kanu auf Bibersuche

Am Lagerfeuer gibt's Trapper-Geschichten

Dann steht Pierre plötzlich breitbeinig und knöcheltief im Wasser auf einem Biberdamm und erzählt uns, wie die Tiere es hinkriegen, mithilfe ihrer ausgetüftelten Bauwerke das gesamte Gebiet zu überfluten. Und wie er schon Dämme mit Dynamit in die Luft gesprengt hat, weil es nicht anders ging. Ob sich wohl deshalb keiner der Jungs zeigt? Auch die Bären scheinen anderen Hobbys nachzugehen, aber das ist eben Natur.

Den herrlichen Outdoor-Tag lassen wir später beim Abendessen am Lagerfeuer ausklingen, während Pierre uns noch ein paar Trapper-Geschichten erzählt. Zurück im "Kellerman’s Resort", das natürlich nicht so heißt, gehe ich noch einmal an den schwarzen, stillen See. Morgen fahren wir Richtung Montreal, ich habe viel davon gehört und bin sehr gespannt. Aber vorher atme ich ganz tief ein und sauge eine ordentliche Portion kanadische Wildnis in mich auf.

Nikolas Reisetipps für Kanada

DIE TOUR

Die geführte 14-tägige Reise "Fest der Farben im Osten Kanadas" wird im September 2019 an vier Terminen angeboten: 4095 Euro (ohne Flug) inklu­sive 13 Übernachtungen im DZ, 13 Abendessen (meist dreigängige Menüs), Leihrad mit mindestens 8 Gängen, Fahrradtaschen, sämtliche Eintrittsgelder, alle Transfers und Shuttles, Gepäcktransporte, Trinkwasser während der Touren sowie gute, lokale Guides, die meistens deutsch sprechen (oder übersetzt werden) und ein ständiger Reiseleiter. Die Strecken sind flach bis leicht hügelig, wind­-geschützt und gut ausgebaut, meist radelt man zwischen 20 und 30 Kilometer am Tag - einmal sind es 65. Zu buchen über "Die Landpartie" (Am Schulgraben , 26135 Oldenburg, Tel. 04 41/57 06 83­10, www.dielandpartie.de).

ÜBERNACHTEN

Die Hotels (und auch die meisten Restaurants) sind vorgebucht und alle liebevoll ausgesucht. Aber hier sind meine persönlichen Highlights:

Auberge du vieux foyer. Gemütliches Landhotel in Val­- David/Provinz Quebec mit Pool und Sonnen­terrasse, Wellnessbereich und Kaminzimmer. DZ ab 74 Euro (3167, 1er Rang Doncaster, Val-­David, Tel. 819/322 26 86, www.aubergeduvieuxfoyer.com).

La Pourvoirie du Lac Blanc. Schönes Resort im US­-Country­-Stil. Viel Holz, große Terrasse, Strand, direkt am See, man kann auch einzelne Chalets mieten, alle mit Seeblick. DZ ab 128 Euro (1000, Domaine Pellerin Saint­-Alexis-­des-Monts, Quebec, Tel. 819/265 42 42, www.pourvoirielacblanc.com/fr­ca).

Le Monastere des Augustines. In Quebec treffen alte Klostermauern moderne Architektur: atmosphärisch sehr besonders! Täglich Nonnengesänge in der Klosterkirche. Es gibt richtig einfache Zimmer, ange­lehnt an die ehemaligen Nonnenzellen, und etwas luxuriösere. Beim Frühstück wird kontemplativ geschwiegen. DZ/F ab 96 Euro (77, Rue des Remparts, Quebec, Tel. 418/69 41 639, www.monastere.ca).

GENIESSEN

Le Baril Roulant. Urige Brasserie in Val-­David, Holz­terrasse mit Flussblick, grob gezimmerte Bänke - hier trifft man sich auf einen Wein oder Kanadas Lieblings­ fastfood "Poutines" - Pommes mit Käsestückchen und Bratensoße (1430 Rue de l‘Académie, Val-­David, Tel. 819/322 22 80, www.barilroulant.com).

La Stazione. Das kleine Bistro liegt auf der Radstrecke zwischen Labelle und Val­-David und ist ein echter Geheimtipp. Gekocht wird französisch­-italienisch, drinnen ist es herrlich eng und gemütlich, bei Sonne sitzt man auf der Terrasse (1830 Rue Principale, Saint­-Faustin-­Lac­Carré, Tel. 819/688 58 17).

Weingut Inniskillin. Großzügig angelegt in der Nähe der Kleinstadt Niagara-­on-­the-­Lake - und berühmt für seinen wirklich tollen Eiswein. Die Kellerei ist für Verkostungen und Verkauf täglich ab 10 Uhr geöffnet (1499 Niagara Parkway, Niagara­-on­-the-­Lake, Ontario, Tel. 905/468 21 87, www.inniskillin.com).

GUT ZU WISSEN

Das Wetter kann in Kanada schnell wechseln, und sobald die Sonne weg ist, wird es kühl. Also immer eine Jacke und eine dünne Mütze dabeihaben. Auch eine Sonnenbrille sollte mit ins Gepäck - es ist tatsächlich heller als bei uns.

VORWAHL KANADA: 001

Brigitte 22/2018

Wer hier schreibt:

Nikola Haaks
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