Etappe 2: Schattige Alleen, weite Felder

Von Wismar bis Magdeburg geht es am Schweriner See entlang, an der Elbe und durch die Dörfer der Altmark.

"Ich fühle mich wie am ersten Tag der großen Ferien"

Ab Hohen Viecheln führt der Weg direkt am blau glitzernden Schweriner See entlang. Ich fahre an Kindern vorbei, die sich juchzend mit Wasser bespritzen, an alten Ehepaaren, die Händchen halten und auf den See schauen, an Jugendlichen, die auf der grünen Wiese liegen und zu Hiphop-Musik knutschen.

Sonja Niemann radelte von Wismar nach Magdeburg

Im Auto würde mir das alles entgehen. Ich würde auch nicht die Mecklenburgischen und Altmärkischen Schlösser mitten im kleinsten Dorf entdecken. Ich würde unterwegs nicht so viele Störche und Kraniche sehen. Und nie so viele nette Menschen kennen lernen, mit ihnen spontan unter Obstbäumen zu Abend essen oder das Nachtleben von Tangermünde erkunden. Auf dem Fahrrad bin ich mitten drin im Geschehen und kann mich entspannt nach allen Seiten umsehen. Zwischen Wismar und Magdeburg ist nur plattes Land. Genau richtig für alle, die diese Tour mehr als Ausflug und weniger als sportliches Projekt sehen.

Am ersten Tag wollte ich es wenigstens bis Schwerin schaffen. Aber dann entdecke ich Wiligrad, und auf einmal ist aller Ehrgeiz vergessen. In der Wiligrader Schlossgärtnerei duften Kräuter und Blumen, eine Hängematte hängt unter Apfelbäumen, nebenan blöken ein paar Schafe. "Bleib doch zum Abendessen", sagt Paul, der im Freiluftcafé arbeitet. Eigentlich hat das Café abends geschlossen. Aber Paul erzählt mir von ein paar Künstlern aus Berlin, die gestern im Schloss eine Vernissage hatten und jetzt zusammen kochen wollen. So kommt es, dass ich an diesem Abend unter freiem Himmel hervorragende Künstler-Spaghetti esse und Lübzer Pils trinke. Als ich müde bin, schlüpfe ich einfach in eins der Gruppenzelte, die am Rand der Wiese stehen. Und als ich frühmorgens zu den Duschräumen gehe, spüre ich Tau unter meinen Füßen.

Bei einem kühlen Getränk die Aussicht genießen: Terrasse der "Bergquelle" in Derben

Ich werde in den folgenden Tagen noch an vielen Schlössern vorbeiradeln. Nirgendwo in Deutschland gibt es so viele herrschaftliche Häuser wie in Mecklenburg-Vorpommern, zwei der berühmtesten stehen in Schwerin und Ludwigslust. Das Schweriner Schloss spiegelt sich im See und sieht aus wie im Märchen. Ich stelle mein Rad am Rand der Altstadt ab und schlendere durch die historischen Gassen. Dann geht es ganz entspannt durch die Lewitz Richtung Ludwigslust. Die Lewitz besteht fast nur aus Naturschutzgebieten. Wohin man blickt: Kühe, Pferde, weite Felder, Wald, Karpfenteiche. Und die Müritz-Elde-Wasserstraße, in der ich einige Leute baden sehe. Ludwigslust wirkt nicht wie eine Kreisstadt mit Schloss, sondern eher wie ein Schlosspark mit ein bisschen Kreisstadt drum herum: ein Wäldchen mit seltenen Bäumen, weite Wiesen, spiegelnde Wasserflächen und Denkmäler für den Herzog, die Herzogin und ihr Lieblingspferd.

Ab Ludwigslust Richtung Elbe haben mein Fahrrad und ich die Landstraßen fast ganz für uns allein. Fast bedauere ich, dass kein anderer Radfahrer unterwegs ist, mit dem ich meine Begeisterung teilen kann über die bezaubernden kleinen Dörfer mit alten Bauernhäusern, wo gackernde Hühner auf die Straße laufen. Doch andere Radler treffe ich erst wieder an der Elbe, im Fachwerkstädtchen Dömitz. In Radlerhosen laufen sie um die eindrucksvolle Festung und fragen sich dann durch zu "Hoffmann’s Scheunenhof". Noch stehen sie dort allerdings vor verschlossenen Türen. "Wir machen erst nachmittags auf. Die Leute, die nur bei uns Mittag essen wollen, haben es immer so eilig", sagt Herr Hoffmann. Er und seine "singende Wirtin" wünschen sich aber Gäste, die nicht nur kommen, weil sie Hunger haben, sondern auch Muße, um den selbst geschriebenen Schlagern zuzuhören.

Schloss Wiligrad war vor der Wende eine Schule der Volkspolizei, heute ist es wieder ein perfekter Ort zum Erholen

Nach Wittenberge geht es immer auf dem Deich entlang. Für mich ist das der schönste Streckenabschnitt: Rechts die tiefgrüne Elbtalaue mit dem Fluss - jahrelang habe ich in Hamburg gewohnt und wusste nicht, wie blau diese Elbe sein kann. Links reetgedeckte Bauernhäuser, von denen sich manches zu meinem Glück als netter Gasthof entpuppt. Und auf dem Weg: Störche. Sie stehen in Gruppen am Wasser, und manche stolzieren seelenruhig über den Radweg.

In der Altmark ist es traumhaft verschlafen. Die winzigen Dörfer haben Namen wie Rosenhof und Schwarzholz und sehen genauso romantisch aus, wie sie heißen. Abends, in Tangermünde, habe ich zur Abwechslung mal wieder Lust auf was Bodenständiges. Im „Exempel“ trinke ich ein Tangermünder "Kuhschwanz"-Bier und höre den Störchen auf dem Schornstein beim Klappern zu. Warum klappern die wohl so? Die drei Jungs am Tisch neben mir wissen es auch nicht, haben aber ein paar Theorien. Um das zu erörtern, brauchen wir allerdings ein bisschen länger. Und auch ein paar "Kuhschwanz"-Bier mehr.

Am letzten Tag meiner Radtour stehe ich morgens mit schwerem Kopf vor der schweren Entscheidung, ob ich die letzten Kilometer bis Magdeburg links- oder rechtselbisch zurücklegen soll. Ich beschließe, das mehr als 800 Jahre alte Kloster Jerichow anzuschauen und mit der Fähre überzusetzen. Die Elbgegend hier ist dünn besiedelt, die Landschaft ist weit und leer, und meine Kopfschmerzen sind schnell verflogen. Abends bin ich in Magdeburg. Ich setze mich in den Zug und fahre nach Hause. Und fühle mich wie ein Kind, dessen wunderbare Sommerferien viel zu schnell vorbeigegangen sind.

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Text: Sonja NiemannFotos: Knut Gärtner (privat)
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