Abenteuer-Urlaub in Venezuela

Canyoning in den Anden, Baden auf einsamen Inseln: BRIGITTE-Redakteurin Melanie Grimsehl suchte das Abenteuer und reiste auf eigene Faust nach Venezuela.

Der warme Sprühregen fühlt sich an, als hätte ich den Duschkopf auf „Tropischen Nebel“ gestellt. Mein verkrampfter Körper saugt die Hitze auf wie etwas, auf das er viel zu lange verzichtet hat. Ich stehe mitten im Regen auf dem Rollfeld des Flughafens in Mérida, meinem ersten Zielort im Landesinneren – und fühle mich so entspannt wie lange nicht mehr. Dabei fanden es meine Freunde viel zu gefährlich, alleine nach Venezuela zu reisen, gerade als Frau. Aber ich wollte unbedingt in dieses Land, das so viel Abwechslung und Abenteuer bietet.

Mérida liegt im Nordwesten Venezuelas, auf einer Höhe von 1630 Metern am Fuße der Anden – und ist der perfekte Ausgangspunkt für alle, die in die Berge wollen. Trekking, Paragliding, Canyoning: Jeden Tag kann man hier ein neues Abenteuer erleben.

Ich starte mit Paragliding. Kann ja wohl nichts passieren bei einem Tandemflug mit einem erfahrenen Flieger! Auf der Fahrt zu unserem Startpunkt sehe ich immer wieder rote "Si"- und "No"-Bekundungen auf Hauswänden, Autos und Plakaten. Vor einer Woche wurde per Volksentscheid beschlossen, den Präsidenten unbeschränkt wiederwählen zu können. Und egal, ob die Menschen dafür oder dagegen sind – hier gibt es offenbar niemanden, der keine politische Meinung hat. Viele stört, dass der Staat den Sprit subventioniert, statt mehr Geld in soziale Programme zu stecken. Eine Tankfüllung ist billiger als Mineralwasser, ein Liter kostet umgerechnet gerade mal drei Cent.

Durch die Lüfte schweben

Als wir ankommen, ist der Wind noch zu stark zum Fliegen. Vorsichtig nähere ich mich der Klippe, von der wir später abspringen werden und bin nun doch nervös. Erst recht als ich beobachte, wie konzentriert ein Flieger seinen Schirm auf dem Boden ausbreitet: Alles muss richtig liegen, damit später nichts schief geht. Was, wenn sich die vielen Strippen verheddern? Dann geht's los und ich bekomme eine knappe, aber immerhin englische Einweisung: "I count to three, then you run!"

Ich bin die Erste und steige in eine Art riesige Windel, an der alle Seile befestigt sind, mein Tandemlehrer einige Meter hinter mir. Drei Männer halten mich fest, damit ich nicht zu früh vom Wind erfasst werde. Ich habe ein flaues Gefühl im Magen. Dann geht alles schnell. Kaum kommt das Signal zum Loslaufen, zack, werde ich schon nach oben gezogen. Die ersten Minuten bin ich unsicher, aber dann fühle ich mich wie in einer Gondel. Dass mein Leben nur an einer dünnen Schicht Kunststoff hängt, habe ich schnell vergessen und genieße die Aussicht auf die Berglandschaft.

Das Licht der untergehenden Sonne besitzt hier oben einen besonderen Zauber: Ein golden schimmernder Fluss schlängelt sich im Tal zwischen den Bergen hindurch, die Erde leuchtet in einem satten Rot, in einiger Entfernung fliegt ein Adler. Ich schaffe es, ein Foto von ihm machen. Als ich es mir später anschaue, bin ich enttäuscht. So einen Moment kann man nicht einfangen.

Ab in die Fluten

Am nächsten Tag steht Canyoning auf dem Programm: Im Neoprenanzug klettern, rutschen und springen wir durch reißende Stromschnellen, die sich einen steilen Berg hinabschlängeln. Als das Wasser durch meine Turnschuhe dringt, halte ich kurz inne – schnell habe ich mich aber an die Nässe gewöhnt. Die Tour macht Riesenspaß! Anfangs muss ich mich wahnsinnig konzentrieren, wohin ich meine Füße setze. Alles ist glitschig. Gerät man in den Wasserstrom, reißt er einen einfach mit. Aber nach einer Weile läuft alles wie von allein: Mit einer Hand an der Liane festhalten, mit der anderen an einem Fels absichern, nicht auf die Wurzeln treten, die sind besonders rutschig, in die Hocke gehen, einen Stein hinunter gleiten. Ich werde schneller, denke aber trotzdem nur an den nächsten Schritt. Das ist besser als jede Meditation!

Der erste Wasserfall: Hier geht es 26 Meter in die Tiefe

Dann kommt der erste Wasserfall. Anfangs mache ich nur kleine Schritte, aber nach ein paar Metern werde ich mutiger. Nur nach unten schauen geht nicht. In 36 Meter Höhe fühlen sich meine Beine plötzlich merkwürdig taub an, wie gelähmt. Was mache ich, wenn ich sie während des Abstiegs nicht mehr bewegen kann? So muss es sein, wenn man an seine Grenzen stößt. Der Guide lacht und macht ein Foto von mir. Das kann er sich jetzt auch sparen. Ich gebe ihm zu verstehen, dass ich mich nicht überwinden kann. Wenig später hänge ich zwischen seinen Armen an einem Sicherheitsseil baumelnd in der Luft. Richtig gut fühlt sich das auch nicht an. Abgesehen davon, dass ich immer noch keinen festen Boden unter den Füßen habe, ist mir die Lage ziemlich unangenehm. Immerhin kann ich meine Augen schließen. Der Rest ist mir jetzt egal.

Zurück im wärmenden Sonnenlicht spüre ich, wie durchgefroren und erschöpft ich bin. Trotz Kälte und unbesiegter Höhenangst bin ich zufrieden und stolz auf mich. Dieses Gefühl ist jeden blauen Fleck wert.

Über Stock und Stein

Der nächste Ausflug führt mich auf eine 3-tägige Trekkingtour in die Sierra La Culata. Von den schwierigen Pisten soll es vor allem die letzte in sich haben. Erst nach mehreren Stunden Autofahrt wird mir klar, dass die Wanderung eine Jeeptour ist. Überhaupt ist alles ein Missverständnis, entstanden durch mein schlechtes Spanisch.

Normalerweise wäre ich jetzt richtig genervt. Aber die Bilder, die ich vom Auto aus sehe, sind so wunderbar, dass ich nirgendwo anders sein möchte: Dichter Regenwald, dann wieder Berglandschaft und weite Ausblicke. Nach vielen kleinen Zwischenstopps halten wir abends in einem winzigen Bergdorf und übernachten bei einer Familie. Zum Essen gibt’s "Pabellon criollo", das Nationalgericht Venezuelas aus gekochtem Rindfleisch, gedünsteten schwarzen Bohnen, Reis, knusprig gebratenen Bananenscheiben und Maisfladen. Wie die meisten Speisen der venezolanischen Küche ist auch diese sehr reichhaltig – und unheimlich lecker.

Im Paradies

Der Flugplatz von Los Roques liegt direkt am Strand

Nach so viel Abenteuer möchte ich entspannen. Ich buche einen Flug nach Los Roques, einer Gruppe von 43 Inseln im Karibischen Meer. Wirklich bewohnt ist nur die größte von ihnen, Gran Roques. Ungefähr hundert Fischer leben dort, es gibt etwa vierzig Posadas – und jede ist vom Flugplatz aus fußläufig zu erreichen. Es ist der kleinste, den ich je gesehen habe: Genau vier Propellermaschinen starten hier täglich, eine Ankunfts- oder Abflugshalle gibt es nicht – und gleich hinter dem Rollfeld beginnt der Sandstrand.

Weiße Yachten säumen den Horizont

Das karibische Lebensgefühl erfasst mich sofort: Die Menschen lächeln, Stress scheint man hier nicht zu kennen. Das einzige was ich tun muss, ist zu entscheiden, wo ich den Tag verbringen möchte.

Gegen zehn Uhr düsen etwa zwanzig Schnellboote zu den Inseln, die uns mit Stühlen, Sonnenschirmen und gekühlter Lunchbox ins Paradies entlassen: Der Sand ist ganz weich, das Wasser funkelt im Sonnenlicht wie tausend kleine Diamanten, weiter draußen liegen ein paar Yachten, auf denen sich Menschen faul in der Sonne räkeln. A b und zu sieht man einen Pelikan. Gegen fünf werden wir zum Essen abgeholt, es gibt frisch gefangenen Fisch.

Die Zeit vergeht viel zu schnell. Am Morgen meiner Abreise gehe ich zum Flugplatz – meine Reisetasche in der einen, meine Schuhe in der anderen Hand. "Wir müssen los", sagt einer der anderen Fluggäste. "Einen Moment noch", antworte ich, und streiche den Sand von meinen Füßen. Diesen Urlaub möchte ich bis zum Schluss genießen.

Reise-Infos Venezuela

Anreise Mit dem Flugzeug von Frankfurt oder Paris nach Caracas, z. B. mit Air France ab ca. 450 Euro. Günstige Flugangebote gibt es unter www.venezuelafluege.de. Für die Einreise genügt ein Reisepass, der mindestens sechs Monate über die Aufenthaltsdauer hinaus gültig ist. Auf dem Heimflug wird eine Ausreisesteuer von 137,50 Bolivares (ca. 64 US-Dollar) verlangt.

Reisezeit In der Trockenzeit von Oktober bis Mai.

Unterkommen Posada Alemania: Freundliches, schlichtes und preiswertes Bed & Breakfast mit deutschsprachiger Leitung und integriertem Reisebüro (DZ ab ca. 25 Euro). Avenue 2 Lora, Calle 18, Mérida. Tel: 0058-2742 5240 67, www.posadaalemania.com.

Posada La Gotera: Hübsches Gasthaus mit Meerblick-Terrasse direkt am Strand (DZ ab 80 Euro). Calle La Playa 6/7, Parque Nacional Archipiélago, Los Roques, Tel. 0058- 2372 211369, www.posadalagotera.com

Genießen La Abadia Restaurant: In dem ehemaligen Kloster gibt es köstliches Essen und eine urige Atmosphäre. Av.3 entre calles 17/ 18, Mérida. www.grupoabadia.com

Heladeria Coromoto: Die Eisdiele bietet über 800 Sorten und steht dafür sogar im Guiness-Buch der Rekorde. Es gibt zwar nie alle gleichzeitig, sie ist aber trotzdem einen Besuch wert. Avenue Independencia No. 28/ Calle 29, Mérida.

Aktiv sein Alle Aktivitäten, wie Canyoning, Paragliding und die Jeeptour wurden in der Posada Alemania in Mérida gebucht. Avenue 2 Lora, Calle 18, Mérida, Tel. 0058-2742 5240 67, www.posadaalemania.com.

Text: Melanie Grimsehl

Wer hier schreibt:

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