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Anafi


Der Felsen in der Stille - Anafi ist eine kleine Insel im Meer der Kykladen.

Kurz vorm Anlegen, um halb vier in der Nacht, sprach Bobby uns an: "Rooms? Nice view?" Ja, das suchen wir. Es ist die Stille, die uns ein paar Stunden später weckt. Wir hören, was wir nun jeden Morgen sehen werden: Wie sich die Bienen, von den ersten Sonnenstrahlen geweckt, brummend kopfüber in den wilden Mohn stürzen. Eine Möwe kreischt, ein Hahn kräht. Und wir hören den Wind, der leise durch das Dorf schleicht. Es sind die Geräusche, die uns aus dem Bett treiben. Das Meer ist blau, die Berge braun und karg. Der Mohn, der dort wächst, wo die letzten Häuser stehen, leuchtet in der Sonne, als steckte in jeder Blüte ein Licht.

ist weiß. Ein Haufen weißer Quader, weißer Treppen und Terrassen. Kleine Höfe zwischen weißen Mauern, in deren Schatten Hunde schlafen und Hühner scharren.

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Unsere Insel ist friedlich. Die Menschen sind freundlich zu Fremden, denn die Fremden bringen das Geld, mit dem das Leben auf der Insel weitergehen kann. Auf einer Insel kann die Zeit nicht rasen. Was getan werden muss, wird getan. Alles zu seiner Zeit. Große Überraschungen sind selten. Nach fünf Tagen gehen unsere Uhren langsamer und die Dialoge von Terrasse zu Terrasse werden träger: "Was tust du?" "Schau der Spinne zu." "Was macht die?" "Saugt kleine Fliegen aus" Frage nach zehn Minuten: "Was macht sie jetzt?" "Dasselbe." Wenn wenig geschieht, muss man das wenige, was geschieht, länger betrachten.

Richtig umtriebig werden wir erst wieder, als es um die Frage geht: Wann fährt das Schiff zurück nach Santorin? Der Wirt sagt: "Freitag." Wirklich Freitag? Nein, sagt die Frau aus dem Supermarkt: "Dienstag." Wirklich? Maria sagt: "Fähren gehen immer samstags." Samstag ist zu spät, dann kriegen wir unseren Flieger nicht mehr. "Dann nehmt ihr den nächsten", sagt Agàpia, "dann bleibt ihr hier. Kein Schiff, kein Entkommen." Der Gedanke gefällt ihr.

Der Lehrer weiß es genau: Die Fähre geht um fünf Uhr früh von Donnerstag auf Freitag. Unser neues Ziel heißt Santorin. Wir drehen ihm den Rücken zu, weil wir Abschied nehmen von Anafi. Die Schiffe im Hafen schrumpfen. Chòra, der Ort auf dem Berg, hat schon bald keine Häuser mehr, nur kleine Lichter. Was bleibt von Anafi? Die Erinnerung daran, dass es viel Zeit gab, sich auf wenige Dinge zu konzentrieren.

Reiseservice

Telefon Vorwahl für Anafi: 0030/2286, danach die Null vor der Rufnummer mitwählen.

Anreise Die Fähren von Santorin nach Anafi brauchen ca. eineinhalb Stunden, mehrmals täglich. Unbedingt nach der Häufigkeit der Verbindung und den genauen Abfahrtzeiten erkundigen – und dieses Auskünfte so oft wie möglich gegenchecken. Da außerdem manche Schiffe in den frühen Morgenstunden fahren, sollte man zur Sicherheit mindestens eine Nacht auf Santorin einplanen. Infos über Fährzeiten unter www.gtp.gr.

Übernachten To Akrogiali: In der Hafentaverne gibt es gleich nach der Ankunft einfache Zimmer, Tel. (0030) 27330-54204. In Chòra auch komfortablere Appartements, zum Beispiel im Pelagos bei Kalliopi (Bobby) Roussou. Schlichte Zimmer mit Duschbad, Kühlschrank und wunderbarem Blick auf Berge und Meer. Zimmerpreise vorher aushandeln (Tel. 061240, Fax 061238). Margaritas: In der Abgeschiedenheit einer kleinen Bucht, Strand und Meer beginnen vor der Terrasse. Einsam ist es dort aber nur außerhalb der Hauptreisezeit. Sonst: Viele Strandschläfer. Einfache Zimmer, gute Küche; angemeldete Gäste werden vom Hausherren mit dem Auto von der Fähre abgeholt (Ormos Klissidi, Tel. 061237).

Essen und Trinken Auf Anafi isst und trinkt man in kleinen Tavernen, in der Vor- und Nachsaison umgeben von den männlichen Dauergästen des Ortes. In der Saison, wenn viele Tagestouristen kommen, kann es schon mal Engpässe bei der Verpflegung geben. Für Bewohner von Appartements: Chòra hat mehrere kleine Supermärkte.

Ausflüge Anafi hat vier Straßen und unzählige einsame Wanderwege auf Eselspfaden. Wasser und Verpflegung mitnehmen, es gibt unterwegs keine Tavernen und keine Dörfer, nur kleine Kapellen. Strände: Zwischen Juni und September fährt ein Boot die Touristen zu allen Badeplätzen an der Steilküste. Wer laufen mag: Zum schönsten Strand Ormos Katalimàtsa geht man vom Hafen aus neunzig Minuten. In der Hauptsaison sind die Strände voller Rucksacktouristen.

Buchtipps "Kykladen": Allgemeiner Reiseführer über die ganze Inselgruppe (Michael Müller Verlag, August 2003, 22,90 Euro). "Bis er wieder tanzt", die Lebenserinnerungen von Mikis Theodorakis (Insel, 19,80 Euro). Info Griechische Zentrale für Fremdenverkehr, Neue Mainzer Str. 22, 60311 Frankfurt, Tel.069/ 2578270.

Text: Monika Held/ Dezember 2002 Fotos: Kristina Jentzsch Aktualisiert: März 2006

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