Aus einem Land vor unserer Zeit

Hawaii, das ist eine Welt, in der die Menschen an Symbole, Träume, Visionen und Zauber glauben. Es ist ein Ort, an dem man nichts von sich erzählen muss, weil seine Bewohner alles in deinem Gesicht und deinem Körper lesen können.

Loslassen

Fotograf Jörg Gläscher und Beatrix Gerstberger

Sie sagen dieses Wort immer wieder. Sie streichen mir die geballten Hände gerade, sie deuten auf den Regen, für den sie hunderte unterschiedliche Namen wie "ua hanai" - Regen, der die Erde nährt - oder "ua awa" - kalter Nieselregen - haben, und der die Tage durchzieht und durch die Nächte peitscht und den Morgen klar wäscht. Sie zeigen auf die Blüten der Orchideen, die zu Boden fallen, und auf die Lava, deren Rot in der Nacht glühend über die schwarzen Berge ins Meer hinunterrollt. Aloha, sagen sie und nehmen mich fest in ihre Arme, und es fühlt sich nicht fremd an, nicht unangenehm, denn da ist etwas, was wirklich das Herz berühren will. Was suchst du? Das fragen sie auch, aber das ist später, als wir schon inmitten einer Herde wilder Delfine geschwommen sind, auf einem Viertausender über den Wolken gestanden haben, und der Wind kam und fegte Vernunft und Zweifel hinweg. Als wir mit einem Hubschrauber durch dunkelgrüne Regenwald-Schluchten geflogen sind, die kein Mensch je betreten hat, und umkreist von Regenbogen in einem Wasserfall gebadet haben.

Spürst du es?, fragen auch immer wieder die, die nach Hawaii kamen, um sich selbst zu finden, oder weil sie glaubten, dass das Leben einem hier mit einer größeren Leichtigkeit zufällt. Sie flohen aus dem Grau Nordamerikas, Nordeuropas, aus ihren Familien, Berufen, ihrem Alltag, und wollten da leben, wo die Luft lau ist und die Fische freiwillig in die Netze zu schwimmen scheinen. Fliegt man nach Hawaii, auf diesen Fliegenschiss inmitten grenzenlosen Blaus auf dem Globus, der 3858 Kilometer vom nächsten Festland entfernt ist und aus insgesamt 137 Inseln und Atollen besteht, dann fliegt man auch in ein Klischee. Trägt dieses Bild in sich von Blumenkränzen, die einem um den Hals gelegt werden, von Hula, Surfern und von Elvis Presley, der im Coco-Palms-Hotel auf Kauai die Mädels in Ekstase versetzte. Es sind Bilder, die jedes Jahr 6,5 Millionen Menschen nach Hawaii locken. Sie besuchen meist nur eine oder zwei der acht Hauptinseln, sind auf Oahu oder auf Maui.

Maui

Maui, das ist die liebliche Insel, die Schöne. Alles ist etwas sanfter hier, und einmal liegen wir stundenlang allein an einem Strand, der aussieht wie aus einem Prospekt ausgeschnitten, sogar die Palmen stehen im richtigen Winkel zum Meeressaum. Nach Maui kommen die Menschen, um zu heiraten, an einem der 81 Strände, in einem Hubschrauber oder unter Wasser in einem Korallenriff, und am Abend gehen sie dann zu einem Luau, einem Festessen mit Hula-Vorführung. Sie essen frischen Tunfisch, Mangos, Avocados, Passions- und Brotfrüchte, Shrimps, Nudelsuppen und Wildschweinlenden. Sie lassen sich fotografieren zwischen Mädchen in Baströcken und Kokosnussschalen-BHs und fahren am nächsten Morgen um vier zum Haleakala, einem riesigen ruhenden Vulkan.

Alles hier auf Maui ist Geschwindigkeit, das Hetzen von einem Erlebnis zum anderen. "Nana i ke kumu, schau auf die Quelle, den Ursprung", sagen die alten Weisen der Hawaiianer zu den Jungen. "Und lerne zu atmen und innezuhalten." Wie soll ich das machen? Es fällt schwer auf Maui - bis wir durch den menschenverlassenen Osten der Insel fahren, über 56 einspurige Brücken und 617 Kurven. Über Berge, durch Regenwälder und tropisches Flachland. Wir schauen von oben auf die Lava-Klippen, an denen das Meer brüllend hochspringt. Auf Orte, die wie hingeworfen daliegen, kleine Ansammlungen von Holzhäusern in klippengerahmten Buchten inmitten grüner Wiesen, die sanft in das Meer hinabfallen. Im Hintergrund stürzt ein Wasserfall ins Tal, und sogar die Rinder grasen hier mit Aussicht. Wir stehen an einem Strand, sehen einen Kreis von Steinen, dunkle Spuren eines Feuers und aufgeschichtete Knochen. Es ist ein schwer zugänglicher Ort. Was passiert an diesen Plätzen? Sind dies die Orte, an denen man lernt, an Symbole, Träume, Visionen und Zauber zu glauben?

Big Island

Die Frage wird erst auf Big Island beantwortet. "Die sich dort treffen, öffnen schwarze Löcher und rufen Geister, die wir nicht kennen, und das ist gefährlich für sie", sagt Kahuna Ikaika aus Hilo. "Es sind die geheimen Zeremonien jener, die nur glauben, das alte Wissen zu besitzen." Ein Kahuna ist ein Experte, ein Priester, ein Weiser, der Beste in einem der Bereiche, die früher das Leben der Hawaiianer bestimmten. "Ich bin der, der das Wissen bewahrt",sagt Ikaika. Das Wissen seines Volkes, das sich selbst die Verlorenen nennt, gekommen aus einer anderen Welt, auf den Flügeln des Lichts, isoliert vom Rest dieser Welt. Ein Volk, das mit den Steinen verschmelzen konnte, mit den Bäumen, und das allein über Gedanken kommunizierte. Sie nennen sich "keiki o ka àina", Kinder des Landes, und das Land, "àina", das ist, was dich ernährt und dessen Teil du bist. Und so hat jeder Hügel einen Namen, jedes Tal, jeder Wasserfall. Götter, Natur und Menschen waren für sie alle Teil der gleichen Lebensenergie.

Wir stehen mit Ikaika auf einem Meer aus erstarrter Lava auf Big Island. Vor 15 Jahren hat der Vulkan Kilauea hier ein Küstendorf weggerissen. Es ist dunkel, die Milchstraße ist am Himmel zu sehen, Frösche singen, und Gischt legt sich auf unsere Gesichter. Ikaika fasst uns an den Händen und beginnt einen Sprachgesang, einen Chant. Chants erzählen die Chronologie des hawaiianischen Volkes, ihrer Geburten, ihrer Tode, ihrer Geschichte, ihrer Lieben, ihrer gebrochenen Herzen. Es ist ein Moment, den man inszeniert nennen oder den man einfach annehmen kann. Ich bin unsicher. Bevor wir gehen, will ich einen Stein mitnehmen. Einen der kleinen runden, in deren Poren es blausilbern schimmert und die sie auf Big Island Peles Tränen nennen. "Mach das nicht", sagt Ikaika, "die Steine bringen Unglück, sie sind Peles Kinder, und keine Mutter will, dass ihr ihre Kinder entrissen werden." Später erfahren wir, dass die Verwaltung des Volcanoes National Park jeden Tag Pakete mit Lavasteinen aus aller Welt zurückgeschickt bekommt. Die beiliegenden Briefe erzählen von plötzlichen Krankheiten, von Unfällen und Tod. Und von Menschen, die den Zauber von Big Island fürchten. Big Island Hawaii, das ist die Insel, die Hawaii ihren Namen gab, das sind fünf Vulkane, von denen zwei immer noch spucken, und das sind erkaltete Lavaströme, endlose Flächen schwarzer Steinwüsten und gelbgrüner Gräser und dieses Gefühl, immerzu durch riesige Panoramabilder zu fahren. Big Island, das ist Sand, der weiß, schwarz und manchmal sogar grün glitzert, und das sind die kochende See, in die sich die Lava unaufhörlich stürzt, und beißende Schwefelgase am Kraterrand und die völlige Einsamkeit in einer von Regenwolken verhangenen Lavalandschaft. Schwefeldämpfe steigen aus den Spalten und verschlucken alles, es ist ein fremder Planet, und nichts ist zu sehen außer einer kleinen Opferstätte mit grünen fleischigen Ti-Blättern und Blumenkränzen. Es ist ein Planet, der dich glauben lässt, dass nur noch du existierst, und der dir die Luft nimmt und dich hustend vertreibt. Big Island ist auch die Insel, auf der das alte Hawaii begann zu sterben.

Captain Cook landete 1778 in der Bucht von Kealakekua, und mit ihm kamen Cholera, Windpocken, Masern. Von 300 000 Hawaiianern starben innerhalb von ein paar Jahrzehnten 80 bis 90 Prozent. Und dann kamen 1820 die Missionare und sagten den Überlebenden, dass Nacktheit falsch und der Hula, den sie tanzten aus Freude, aus Dankbarkeit den Göttern gegenüber, aus Respekt vor dem Leben, die Sünde sei. Scham und Sünde waren Wörter, die ihre Sprache nicht kannte. Sie wurden in die Kleider ihrer Eroberer gesteckt, ihre Sprache wurde verboten, und 1959 wurde Hawaii zum 50. Bundesstaat der Vereinigten Staaten. Ein Viertel der 1,2 Millionen Hawaiianer bezeichnet sich heute als "eingeboren", aber da sie früher alles mündlich überliefert hatten, sind auch viele ihrer alten Rituale und ihr altes Wissen gestorben. So gingen sie zwar auf hawaiianische Schulen, doch es war ihnen nicht erlaubt, Hawaiianer zu sein.

Erst in den 70ern entstand eine Bürgerrechtsbewegung. Die Menschen nahmen Hula-Unterricht, lernten die Chants, sprachen wieder Hawaiianisch und bestanden darauf, dass hawaiianische Geschichte und Traditionen in den Schulen gelehrt und ihre heiligen Plätze geschützt werden. Sie wehrten sich dagegen, dass Hotels da gebaut werden, wo ihre Vorfahren begraben liegen, denn sie glauben, dass die Seele eines Menschen in seinen Knochen weiterexistiert. "Geh nicht zurück in die Vergangenheit, aber ehre die Vergangenheit, bewahre sie, aber verbessere dich selbst."

Der Hula ist die Geschichte dieses Landes und der Herzschlag seiner Menschen, und eine der besten "kumu hula", Hula-Lehrer, ist Puna Dawson, 47, aus Kauai. "Komm, bring deine Wurzeln, dein Erbe, deine Familie, lerne Aloha", sagt sie. Aloha, das heißt für sie "alo" und "ha", Raum und Atem: Teile meinen Raum, teile meinen Atem. In Punas Haus in Lihue sitzen jede Woche Hula-Schüler aus Deutschland, Japan, Österreich, Nordamerika. "Sie sind Vampire, sie saugen das Wissen meiner Frau aus", sagt ihr Mann. Den Hula wirklich zu lernen dauert Jahre, vielleicht ein Leben lang, denn Hula ist auch Gesang, Lieder, Texte, Gebete und Meditation. "Hula und das Leben", sagt Puna, "das musst du draußen machen unter dem Mond und unter den Sternen. Du musst schauen, was die Sternenkonstellationen dir sagen, die Vögel, die Delfine, sie waren der Rhythmus unseres Lebens. Alles, was passiert, hat einen Grund, nichts im Leben geschieht willkürlich."

Kauai

Kauai, sagt sie, ist alt und weise. Diese Insel gilt den Hawaiianern als das separate Königreich, unbeugsam, anders als die anderen. Kauai ist die grünste der Inseln, ein Dschungel, eingehüllt vom blauen Ozean, auf einer Seite geschützt von hohen Bergen, die Wellen werfen, der Napali-Küste. Durchschnitten von einem Canyon, in dem Steven Spielberg "Jurassic Park" drehte, umkränzt von 43 weißen Sandstränden. Kauai ist ein Rausch aus Grün und Weiß und Blau, aus Wolken und Gischt und Meer. Wir reiten auf einem Katamaran, schwimmen in den Wasserfällen, die die Badezimmer der alten Könige und Königinnen waren. Auf Kauai überfällt uns diese innere Unruhe, wenn man Schönheit nicht beschreiben kann, wenn sie dich anfüllt und auch demütig macht. Bin ich also deshalb nach Hawaii gefahren? Weil einem im Leben die Dinge davonlaufen, man vor sich selbst davonläuft und man einen Ort sucht, der zum Halten zwingt? Einen Ort, der einen wieder weich macht, da, wo man schon zu Stein geworden ist, ohne es zu merken. Kauai, sagt Puna, der Name bedeutet auch: Insel, die dich annimmt und hält, aber auch Insel, die dich wieder ausspuckt. Beides ist möglich. Aber die Entscheidung liegt nicht bei dir.

Reise-Info Hawaii

Reisezeit: Das ganze Jahr, angenehmste Temperaturen von April bis Oktober.

Telefon: Die Vorwahl für Hawaii ist 001.

Hotels: Kauai: Mohala Ke Ola Bed & Breakfast:großzügige Räume, ein tropischer Garten, Pool, und auf Wunsch eine Lomilomi-Massage. DZ ab 75 Euro (5663 Ohelo Rd., Kapaa, Tel. 808/8236398, www.waterfallbnb.com). Princeville Resort: teuer, hat aber einen atemberaubenden Blick auf Buchten und Klippen, einen Pool, erstklassige Restaurants und Golfplätze. (5520 Ka Haku Rd., Princeville, Tel. 808/8269644, www. princeville.com). Hawaii/Big Island: Nai'a Aloha Lodge: herzliche Gastgeber und ein schönes Haus mit Pool in den Hügeln. Super Frühstück. Zimmer ab 55 Euro (835410 Middle Ke'ei Rd, Captain Cook, Tel. 808/3288053, www.naiaaloha.com). Kilauea Lodge: rustikales Hotel direkt am Volcanoes National Park. In den Zimmern knistern Feuer, das Restaurant ist hervorragend. DZ ab 119 Euro (Volcano Village, Tel. 808/9677366, www.kilauealodge. com). Maui: Hale Ho'okipa B&B: ein altes historisches Haus mitten in dem kleinen Städtchen Makawao. Gastgeberin Cherie Attix hat unendlich viele Geheimtipps für ihre Gäste. DZ ab 90 Euro (32 Pakani Place, Makawao, Tel. 808/5726698, www.maui-bed-and-breakfast. com). Garden Gate B&B: ein schönes Haus im alten Walfängerstädtchen Lahaina. Elegante Zimmer, wunderbarer Blick aufs Meer, Läden und Restaurants in der Nähe. DZ ab 100 Euro (67 Kaniau Rd, Lahaina, Tel. 808/6618800, www.gardengatebb.com).

Aktion: Mit einem Katamaran die Napali-Küste entlangsegeln: Die Crews von HoloHoloCharters sorgen für einen perfekten Tag an Bord mit Schnorcheln und Lunch. Fünf-Stunden-Tour für 137 Euro (HoloHoloCharters, Kauai, Tel. 808/3350815, www.holoholoCharters. com). Helikopterfliegen ohne Türen: Direkt über der Napali-Küste kann man in Schluchten fliegen, die niemand je betreten hat - atemberaubend. Rundflug 148 Euro (Inter-Island Helicopters, Hanapepe, Kauai, Tel. 808/3355009, www.interislandhelicopters.com). Begegnungen mit Kahunas, Besuche heiliger Stätten: Individuelle Tagesprogramme und auch Gruppenreisen bietet der deutsche Reiseveranstalter Earth Oasis an (Brüsseler Str. 75, 50672 Köln, Tel. 0221/9128888, www.earth-oasis-travel.de).

Bücher: Viele Infos: "Polyglott Apa Guide Hawaii" (Euro 19,95). Gute Karten, Tipps für Touren: "National Geographic Traveler Hawaii" (Euro 21,50). Mystisches Hawaii: "Voices of Wisdom, Hawaiian Elders Speak" von M.J. Harden (Booklines Hawaii Ltd., 25,50 Euro).

Text: Beatrix Gerstberger Fotos: Jörg Gläscher BRIGITTE 26/2005
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