Bootstour auf der Rhône: Von Lyon ans Mittelmeer

Kein schwimmendes Altersheim, sondern auf entspannte Art die schönsten Regionen Südfrankreichs durchschippern: Bei der Bootstour auf einem Rhône-Flussschiff entdeckte unsere Autorin, wie beruhigend diese Art des Reisens ist.

Wenn ich meine Hand ausstrecke, kann ich vom Bett aus ins Wasser greifen. Okay, ein kleines Stückchen fehlt noch. Aber ich müsste mich nur etwas nach vorn beugen, nur ein kleines bisschen ... Wie ein lilablaues Samtband fließt die Rhône direkt vor der geöffneten Balkontür vorbei. Am Ufer tauchen Kirchen, Häuschen aus Feldsteinen und kleine Burgen auf. Wir gleiten so gemächlich dahin, dass ich meine, jeden Dachziegel, jedes Kirchenfenster genau erkennen zu können. Und liegt nicht auch schon der Duft von Rosmarin und Lavendel in der Abendluft? Schließlich nähern wir uns mit 24 Stundenkilometern der Provence. Vom Plätschern an der Bordwand fallen allmählich meine Augen zu. Als ich aufwache, ist Schluss mit Schloss-TV. Gefühlte fünf Zentimeter vor der offenen Tür ragt eine nasse, schwarze Wand auf. Um mich herum brummt und rauscht es. Eine Schleuse!

12 Stück müssen wir auf unserem Weg von Lyon bis zur Mittelmeermündung passieren. Das Schiff, die A-Rosa Stella, ist exakt auf die Rhône und ihre Schleusen zugeschnitten. "Auf der Donau zum Beispiel sind die Schleusen breiter und deswegen auch die Schiffe", erklärt mir der erste Offizier am nächsten Morgen. "Ein Donau-Schiff würde hier stecken bleiben." Die Besatzung ist eine bunte Truppe aus Deutschland, Ungarn, Bulgarien und Frankreich. Der Kapitän ist ein Franzose. Das ist Vorschrift auf französischen Flüssen.

Gleich nach dem Frühstück gehe ich aufs Sonnendeck. Dort kann ich bei einem Café au lait Ufer und Schleusen von oben beobachten. Ich schaue, trinke, lese, schaue, döse. Bis es am späten Vormittag voller wird. Keiner will den Anblick der berühmten Brücke von Avignon verpassen, an der wir gegen Mittag vorbeituckern sollen.

Eine gute Gelegenheit, einen Blick auf die anderen Gäste zu werfen. Überrascht stelle ich fest: Es ist kein schwimmendes Altersheim, auf dem ich gelandet bin. Neben rüstigen Rentnern sind auch Paare in den Vierzigern an Bord, Mutter-Tochter-Gespanne und Freundinnen, die zusammen verreisen.

Und dann kommt sie: Pont (dt.: Brücke) St. Bénézet. Darüber thront auf einem Hügel der Papstpalast aus dem 14. Jahrhundert. Der größte Feudalbau der Welt. Der Kapitän legt direkt vor der wuchtigen Stadtmauer an. Vier Minuten Fußmarsch – und schon steht man auf einem der schönsten Plätze Südfrankreichs. Am Ende des Tages weiß ich: Eva und Sabine kommen aus München und machen jedes Jahr eine gemeinsame Reise. Eine Woche ohne Männer, Kinder gibt's noch nicht. Die Route Méditerranée, so heißt diese Tour der A-Rosa Stella, haben sie sich ausgesucht, weil sie die schönsten Regionen Südfrankreichs miteinander verbindet. Burgund, Provence und Mittelmeerküste. "Avignon und Marseille entdecken, durch duftende Felder streifen und dann noch einen ganzen Tag am Strand liegen - so stellen wir uns diese Woche vor", sagt Eva. Und Sabine ergänzt: "Und dabei ganz viel Zeit haben zum Reden und Essen. Habt ihr die Provenzalische Gemüsesuppe vorhin probiert? Und gestern das Lamm mit Knoblauch und Rosmarin?"

Gisela und Claudia aus Sachsen machen eine Mutter-Tochter-Tour. "Eigentlich wollte ich mit meinem Mann diese Reise zu unserem Hochzeitstag schenken. Aber er wollte nicht aufs Wasser. Da habe ich Claudia gefragt", erzählt die Krankenschwester, als wir gemeinsam die Stufen zum Papstpalast erklimmen. "Jetzt habe ich meine Tochter mal wieder eine Woche ganz für mich."

Anders als auf einem Kreuzfahrtschiff, wo die Häfen oft etwas außerhalb liegen, legt die Stella auf der Rhône immer mitten in der Stadt an. Da traut sich jeder auch allein von Bord. Die Stadtführungen und Ausflüge werden von deutschsprachigen Reiseführern begleitet. Zum Beispiel von Jacqueline, die in Heidelberg studiert hat. Sie fährt mit uns am nächsten Tag nach Uzès, einem malerischen Städtchen, das von Touristenanstürmen bisher verschont geblieben ist. Gassen mit Geschäften, plätschernde Brunnen, Kaffeetrinken unter Platanen, und dann diese Düfte. Überall werden Seifen, Kräuter und Duftkissen angeboten. Kein Wunder, dass unser Bus auf dem Rückweg riecht wie ein Lavendelfeld.

Zu einer echten Tour de France gehört eine Rad-Etappe. Finde nicht nur ich, sondern auch die Betreiber der A-Rosa Stella. Deswegen gibt es nicht nur ein gutes Dutzend Räder an Bord, sondern auch einen Top-Trainer dazu. Und was für einen: Marko kommt aus Ostdeutschland und war zu DDR-Zeiten ein erfolgreicher Hallenradfahrer. Dass er immer noch gut in Form ist, sieht man an seinen Beinen: stramme Waden und beeindruckende Muskelpakete an den Oberschenkeln. Wir radeln von Arles, unserem nächsten Liegeplatz, in die Camargue. Zum Glück ist die Landschaft hier so eben, dass man sich nicht besonders anstrengen muss. Dafür pustet uns der Wind ganz schön entgegen.

Nach einer Stunde Fahrt durch Salzwiesen sehen wir die weißen halbwilden Camargue-Pferde. Silberreiher waten durchs Wasser und hinter einem Zaun blicken uns schwarze Kampfstiere stumm an. Weil uns unsere Rad-Etappe so gut gefallen hat, hängen wir gleich noch eine Stadtbesichtigung auf Rädern hinten dran. Das Café la Nuit, von Vincent van Gogh gemalt, will jeder von uns sehen. Gleich um die Ecke liegt auch das Hotel Dieu, wo von Gogh sich einst kurierte. Und währenddessen gleich den Garten malte.

Abends treffen sich alle auf dem Sonnendeck. Jeder erzählt von seinen Eindrücken, trinkt ein Glas, bestaunt den flieder-altrosa-orange glimmenden Himmel. "Van-Gogh-Licht", findet Kathrin, die wie ich allein unterwegs ist und eine kleine Staffelei mitgebracht hat. Unsere Fahrrad-Truppe prostet sich zu. Gisela und Claudia setzen sich auch dazu. Sie haben heute die Alternative für Faule gewählt: eine Jeeptour durch die Camargue.

Anders als auf einem Hochsee-Kreuzfahrtschiff, lernt man sich auf einem Flussschiff schnell kennen. Drei Kabinendecks, ein kleiner Wellnessbereich, ein Restaurant mit Bar plus das Sonnendeck - das war's. Auf der 125 Meter langen Stella ist gerade mal Platz für 170 Passagiere.

Als ich am nächsten Morgen erwache, kann ich das Ufer kaum noch sehen. Das Mittelmeer kann nicht mehr weit sein, so breit wie die Rhône hier schon ist. Und tatsächlich: Kurz darauf macht die Stella in Port St. Louis fest, einem verschlafenen Städtchen mit Yachthafen und Sandstrand. Plage Napoleon bietet weder Imbiss noch Toilette, dafür beeindruckende Brandung. Noch ab nach Marseille, diese Hafenstadt mit Schmuddelruf, die in Wahrheit mit ihrem Vieux Port, den aufregenden Märkten und den Jugendstilfassaden eine Perle ist.

Aber dann habe ich ihn mir verdient, den Tag im Liegestuhl. In der Hand einen Cocktail und ein Buch, die Füße im kleinen Pool auf dem Sonnendeck. Sollen die anderen doch nach Nizza und Monaco fahren. Vierzehn Stunden im Bus unterwegs. Ich bleibe lieber an Bord. Morgen geht's auf der Rhône zurück nach Norden. Zwei Tage lang dahingleiten, bis wir wieder in Lyon anlegen. Schlafen, schlemmen, schauen. Vielleicht noch mal bei der Wellness-Nacht vorbeigucken, die Marko in der Sauna veranstaltet. Mit Ölen, Salzen und Massagen. Und diese Form des Reisens wie ein natürliches Beruhigungsmittel auf mich wirken lassen.

Reise-Infos - Bootstour auf der Rhône

Termine und Preise: Die A-Rosa Stella fährt die Route Méditerranée von Mai bis Oktober. Start- und Zielhafen ist Lyon. 8 Tage inkl. Vollpension kosten ab 1019 Euro pro Person. Es gibt nur Außenkabinen auf dem Schiff.

Anreise: Privat im Pkw, per Bahn oder Flugzeug.

Buchung: Im Reisebüro oder unter www.arosa.de. Fragen Sie nach tagesaktuellen Sonderpreisen (A-Rosa Smart). Wer z.B. auf die freie Kabinenwahl verzichtet, bekommt einen Rabatt.

Text und Fotos: Bettina Laude
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