Frankreich für die Sinne

Bretagne: Erst tuckerte Anja Jardine mit dem Hausboot über die Kanäle. Etwas Schöneres kann nicht mehr kommen, dachte sie. Bis sie vor den Hinkelsteinen stand. Dann ließ sie sich in Algen einpacken, aß Langusten und Crêpes und wurde fast von den Klippen gepustet. So ist das, wenn man durch Frankreichs Nordwesten reist.

Alles ist im Fluss - Argoat

Es ist Juni, noch wähnt der Bretone sich allein, die Fremden kommen erst im Juli und August und bevölkern vor allem die Küsten. Wir aber nähern uns langsam von hinten, über Flüsse und Kanäle im Binnenland der Bretagne, dem Argoat. Unser Hausboot heißt Clipper. Und es will nicht so, wie ich will. Am ersten Tag sitze ich senkrecht an Deck und umfasse mit beiden Händen krampfhaft das Steuerrad. Mit nicht gerade Schwindel erregenden acht Kilometern in der Stunde tuckern wir in Schlangenlinien über die Vilaine.

Am zweiten Tag denke ich: Na und? Zurückgelehnt, eine Hand am Steuer. Weiden und Felder, Felder und Weiden. Ab und zu gleitet ein Reiher ins Bild, ein Kirchturm, ein alter Salzspeicher. Was ist Zeit? Gar nicht lange her, da nahm das graue Salz von der Halbinsel Guérande auf diesen Wassern seinen Weg nach Rennes. Salz, Wein, Getreide. Und nun wir. Alles ist im Fluss, alles ist vergänglich. Aber das dichte Wasserstraßennetz ist ein Flickwerk; allein auf der 65 Kilometer langen Strecke Messac–Redon–Malestroit schippern wir auf Vilaine, Nantes-Brest-Kanal und Oust, die durch zahlreiche Schleusen miteinander verknüpft sind.

Es gibt gute Gründe, ab und zu anzuhalten. Nicht nur zum Schlafen oder Croissants-Einkaufen. Redon ist ein solcher Grund, die Stadt, in der sich Vilaine und Nantes-Brest-Kanal kreuzen. Malestroit an der Oust, eine der neun befestigten Baronien der Bretagne. Oder auch das Künstlernest La Gacilly an dem gewundenen schmalen Seitenfluss Aff. All diesen Orten gemeinsam ist eine gewisse Melancholie und die wahnwitzige Zahl an Blumenkästen. So viele Blumen, so wenig Menschen. An vielen Häusern hängen Schilder: À vendre. Zu verkaufen. Die extensive Landwirtschaft bietet nur noch wenigen Bauern Arbeit, und Industrie konnte hier nie im großen Stil angesiedelt werden. Wir stocken hier unsere Vorräte auf: Artischocken, bretonische Äpfel, Gänsepastete, Baguette, Ziegenkäse, Brie und Cidre. Ach ja, und Mandelkuchen. Lunch für Hausbootkönige.

Freiheit den Menhiren - Carnac

Wenn man sie so im Gegenlicht der untergehenden Sonne stehen sieht, 1099 Hinkelsteine in Reih und Glied wie eine Armee beim Abendappell, muss man sich über die Menschen doch sehr wundern. Die einen haben aus unerfindlichen Gründen hunderte von Felsbrocken angeschleppt und nach einem ebenso unergründlichen System in der Landschaft verteilt. Die anderen haben 6000 Jahre später einen mannshohen grünen Maschendrahtzaun um die Megalithfelder errichtet, als könne es den tonnenschweren Steinen plötzlich einfallen, sich aus dem Staub zu machen. Aber nein, natürlich ist es der Mensch, der ausgesperrt werden soll.

Jahrtausende zersetzenden Klimas konnten ihnen nichts anhaben, aber wir haben es mal wieder in null Komma nix geschafft, das Heidekraut zwischen den Reihen niederzutrampeln, bis die Erde erodiert, so dass die Menhire wackeln wie parodontöse Zähne. Sagen die einen. Und vielleicht haben sie Recht. Wenn man lange genau hinschaut, ist es, als wiegten sie sich im Wind. Oder liegt es daran, dass die Welt noch immer schwankt, seit wir Clipper verlassen haben? Andere sagen jedenfalls, das sei Unsinn, und fordern "Menhirs Libres", Freiheit den Menhiren.

Die Kraft der Gezeiten - Pointe de Kerpenhir

Über die Grenzen wird zweimal täglich verhandelt. Weiter als an allen anderen Küsten Europas zieht sich das Meer für sechs Stunden zurück, um dann mit gleicher Vehemenz jeden Zentimeter zurückzufordern. Die Tide hebt und senkt sich um 14 Meter. So weit das Auge reicht, erstreckt sich der feuchte Sand wie samtige Wellpappe und gibt seine Geheimnisse preis: Inseln, Sandbänke, Priele, Felsen in grünem Algenkleid. Schiffe liegen im Schlick. Darüber kreisen Möwen, Brachvögel, Seeschwalben, Grau- und Silberreiher gierig auf der Suche nach Essbarem.

Nicht anders halten es die Menschen. Wattfischer in Gummistiefeln mit Eimer, Rechen und Netz durchkämmen die kleinen Pfützen, Schlickberge und Sanddünen nach Krabben, Strandschnecken, Taschenkrebsen, Herz- und Venusmuscheln. Ungläubig steht man da und staunt, bis die Wellen mit ihren brechenden Schaumkronen die eigenen Füße umspülen. "Das Meer wäscht alle Leiden vom Menschen ab", hat Plato gesagt. Der Grieche nannte das Meer Thalassa.

Das Ende von Europa - Pointe du Raz

Wir sind willig, uns den Elementen auszusetzen, aber das Kap macht es einem nicht leicht. Wirkt wie eine Autobahnraststätte in den Dünen. Außerdem pustet es hier ordentlich. Wir lassen das Centre Commercial hinter uns, um durch eine vom Wind malträtierte Heidelandschaft auf einem Hochplateau zum Leuchtturm zu gelangen. Schon besser. Da, wo die Heide spärlich wird und der Fels nackt liegt, steht die Maria der Schiffbrüchigen. Das Jesuskind in ihren Armen streckt den Todgeweihten die kleinen dicken Arme entgegen. Langsam entfaltet der Ort seine Kraft, das Meer übertönt alles, der Pfad endet, jeder kraxelt für sich allein auf den zerfurchten Klippen weiter, bis endgültig Schluss ist mit Europa. Der Fels fällt steil ab, und da liegt sie - in 72 Meter Tiefe, die brodelnde schwarze Ursuppe, die sich an kantigen Riffen bricht, jeden Hohlraum weiter aushöhlt und spritzend zwischen den Felsbastionen aufsteigt. Der Mensch ist klein, die Welt ist groß.

Helden des Meeres - Saint Malo

Zum Abschluss einen Cocktail auf dem roten Sofa im Hotel Alba. Vor dem großen Fenster promenieren die Menschen Richtung Ville Close, der Altstadt von Saint Malo; ab und zu schwappt eine Welle über die Mole. Wir sind den ganzen Tag gelaufen - am Strand entlang, auf der Festungsmauer herum und durch die Delikatessenläden hindurch. Nun kann die Sonne ruhig untergehen. Die Silhouette der Ville Close hebt sich schwarz gegen den Himmel ab; exakt das gleiche Bild muss sich den Korsaren geboten haben, als ihre Schiffe von hier aus in See stachen.

Heute stehen ihre Nachkommen im Telefonbuch. Findige Aristokraten gründeten Aktiengesellschaften, statteten die Seeräuberschiffe aus und waren prozentual an dem Diebesgut beteiligt. Saint Malo wurde reich, unabhängig und uneinnehmbar. Eine solche Stadt ist das. Eine fantastische Stadt. Erst nach den napoleonischen Kriegen sattelten die Malouiner auf Kabeljaufang um und blieben somit Arbeiter des Meeres, wie Victor Hugo die Fischer nannte. Helden - tagtäglich im Kampf mit den Elementen. Die Tür bläst auf, der Wind wirbelt durch den Salon, so dass die Kristalle an den Leuchtern klirren. "Zum Wohl", sagt der Fotograf. "Zum Wohl", sage ich, "auf die Teufelskerle."

Reiseservice

Le Clos de Vallombreuse: stilvoll und eigenwillig eingerichtete Villa mit dem verblassten Glanz alter Aristokratie. Fantastisch der Blick, über den Pool hinweg auf die Bucht von Douarnenez (7, Rue d'Estienne-d'Orves, 29100 Douarnenez, Tel. 98926364, Fax 98928498).

Hotel Alba: charmantes Strandhotel, frisch renoviert. Vom Bett aus hört man die Wellen gegen die Mole schlagen (17, Rue des Dunes, 35400 Saint Malo, Tel. 99403718, Fax 99409640.

Restaurant/Cafés

L'Akène: traditionelle Crêperie im Hafenvier- tel von Redon, riesige Auswahl an Pfannkuchen, 4 bis 8 Euro (10, Rue du Jeu de Paume, Redon, Tel. 99712515).

Le Canotier: eines der zwei Restaurants im 2500-Einwohner-Nest Malestroit, direkt am Marktplatz, spezialisiert auf Gegrilltes. Menüs ab 20 Euro (Place du Docteur Queinnec, Malestroit, Tel. 97750869, Fax 97751303).

Hôtel de France: zehn Minuten zu Fuß von der Bootsanlegestelle in La Gacilly. Ausgezeichnete bretonische Küche, der Patron serviert persönlich; Menüs ab 15 Euro (Jean Paul Priou, La Gacilly, Tel. 99081115).

Le Cargo Sentimental: Bar/Bistro am Hafen von Sainte Catherine à Locmiquélic; eine Institution. Die Auswahl an Whisky ist legendär, die Weine sind gut, und die Snacks schaffen eine solide Basis. Wer Glück hat, erlebt hier eine Jam-Session oder ein Rock-Konzert (Porte de Sainte Catherine à Locmiquélic, Tel. 97845151).

Le Bistro de Jean: kleines Lokal in der Altstadt von Saint Malo, beliebt auch bei den Einheimischen. Hier kann man wunderbar Fisch essen, der Speiseplan ändert sich täglich. Mittagsmenüs ab 14 Euro (6, Rue de la Corne de Cerf, Saint Malo, Tel. 99409868).

Crêperie Sainte Anne: ideal, um vor dem Abflug in Rennes noch ein letztes Mal Crêpes zu essen. Zubereitung im Akkord unter den Augen der Gäste, winziges Lokal, bei gutem Wetter kann man auf dem mittelalterlichen Platz Sainte Anne sitzen (5 Place Sainte Anne, Rennes, Tel. 99792272).

Hausboote

Hausboote: Verleihstation der Crown Blue Line für Touren Richtung Dinan, Nantes oder Josselin ist Messac, oneway ist nur die Fahrt nach Dinan möglich. Ein Clipper-Boot mit zwei Kabinen für vier Personen kostet in der günstigsten Saison 1800 Euro/Woche, in der Hauptsaison 2810 Euro/Woche, zuzüglich Kosten für Treibstoff, Trinkwasser, Versicherung. Verpflegung muss mitgebracht bzw. unterwegs selbst eingekauft werden. Vorkenntnisse sind nicht nötig (Crown Blue Line, Marktplatz 4, 61118 Bad Vilbel, Tel. 06101/501033, Fax 501066, www.leboat.de).

Sehenswert

Museumshafen: Im Port Rhu von Douarnenez liegen etwa 40 Langustenschoner, Themse-Segler, Loggerschiffe und Fischkutter aus mehreren Jahrhunderten. Fünf davon können besichtigt werden. Im Musée du Bâteau dreht sich alles um das Holzboot, seine Konstruktion, Geschichte und Verwendung (Musée du Bâteau, Place de l'Enfer, Tel. 98926520).

Das Schloss La Roche-Jagu aus dem 15. Jahrhundert liegt an einer großen Schleife des Flusses Trieux nahe Tréguier. Wohn- und Wehrbau mit mittelalterlicher Einrichtung und wechselnden Ausstellungen zeitgenössischer Künstler (Domaine de la Roche-Jagu, 22260 Ploëzal, Tel. 96956235).

Pardon bedeutet wörtlich übersetzt Vergebung. Einmal im Jahr, zum Ehrentag eines der zahlreichen Heiligen, machen sich die Gläubigen auf den Weg, um die Vergebung ihrer Sünden zu erbeten. Vormittags findet ein Prunkgottesdienst statt, Höhepunkt aber ist die Prozession am Nachmittag: In Trachten gekleidete Pilger folgen den Bannerträgern mit den jeweiligen Reliquien und Statuen, vorneweg geht der Priester. Als besonders sehenswert gelten u.a. das Pardon de la Petite Troménie am zweiten Sonntag im Juli in Locronan, das Pardon de Ste-Anne in Ste-Anne-d'Auray am 25./26. Juli. Entsprechend groß ist der Andrang der Touristen.

Thalasso

Kombination von warmem und kaltem Meerwasser (maximal 24 Stunden vor der Anwendung dem Meer entnommen), Meerschaumpackungen und Algen, Gymnastik und Massagen. Wirksam u.a. gegen Stress, Zigarettensucht, Rückenschmerzen und Störungen des vegetativen Nervensystems. Thalasso stammt aus der Bretagne, Zentren finden sich inzwischen überall an der Küste von Quiberon bis Saint Malo, Infos über das Maison de la France (siehe Info). Eine sehr schöne Anlage ist die Domaine de Rochevilaine - dort gibt es u.A. eine Thalasso-Kur mit je sechs Hydromassagen, Algenpackungen und Massageduschen. (Pointe de Pen-Lan, 56190 Billiers, Tel. 97416161, Fax 97414485, www.domainerochevilaine.com).

Infos

Telefon: Vorwahl von Deutschland: 0033/2. Internet: Maison de la France, Westendstr. 47, 60325 Frankfurt, Tel. 0190/570025 (0,62 Euro/Minute), www.franceguide.com und www.bretagne-reisen.de.

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