Brighton - die Coole

Hip, edel, schräg und immer in Partylaune - in Englands neuer Boomtown dreht sich der Kult im Kreis. Werden Sie bloß nicht schwindelig.

Wieso zieht ein Mensch bloß nach Brighton? Ist das nicht eines dieser typisch englischen Seaside-Resorts mit ramschigen Andenkenläden an jeder Ecke und bunten, zur Hälfte durchgebrannten Glühbirnenketten, die über der nasskalten Promenade schaukeln? Ja, aber trotz zweifelhaften Retro-Kitsches ist Brighton auch die neue Boomtown Englands, in die derzeit tausende von Londonern abwandern, die von Mega-Mieten und U-Bahn-Streiks die Nase voll haben.

Und je mehr Szenevolk aus der Metropole sich hier einnistet, desto mehr verwandelt sich Brighton in "Soho by the Sea". Hip, schräg und ein bisschen schmuddelig, immer in Partystimmung und wegen der guten Luft selten verkatert. Englands bekanntester DJ Norman Cook alias Fatboy Slim lebt hier, und Londons Bürgermeister Ken Livingstone hat ebenfalls ein Haus gekauft.

Einige Läden sind noch gut erhaltene Relikte des alten Brighton, als sich auf dem Kiesstrand gegenüber noch krebsrote Feriengäste tummelten, deren einziger Sonnenschutz aus dem Herrentaschentuch auf dem Kopf mit Knoten an allen vier Zipfeln bestand. Die sind heute in der Minderzahl, verdrängt von Ibiza-vorgebräunten Clubbern, Surfern und Kanuten, die von Victoria Station aus in einer Dreiviertelstunde fürs Wochenende aus der Hauptstadt anreisen. Die früher allgegenwärtigen resopalmöblierten Fish-& Chips-Buden sind mittlerweile eingekeilt von vegetarischen, biodynamischen, internationalen Cafés und Sushi-Bars, die bröckelnden, cremefarbenen Fassaden der viktorianischen Townhouses zur Hälfte in Baugerüste gehüllt.

Einzig auf dem Palace Pier, Brightons Ganzjahreskirmes auf Stelzen, schieben sich wie eh und je Massen schwitzender Besucher zwischen Achterbahn und Wilder Maus, Helter Skelter und Bierzelt, während die Discos am Strand mit ihren mannshohen Boxen die Schaumkronen von den Wellen blasen.

Dieselbe Stadt, ganz andere Stimmung: Samstagmorgen in der North Laine, dem ehemaligen Kleinbürger-Wohnviertel am Bahnhof, mit seinen bonbonfarben gestrichenen Studentenhäusern, schrägen Boutiquen, futuristischen Friseuren und New-Age-Läden. Bei Snooper's Paradise in Kensington Gardens hängen heute wieder scharfe Latex-Nummern in Pink und Neongrün im Schaufenster. Daneben alte Bakelit-Telefone und brandneue Lama-Mützen, garantiert mit Gemüsesaft gefärbt. Snooper's Paradise hält, was sein Name verspricht: Es ist ein Paradies für Schnüffler, die schrägen Novitäten und britischen Antiquitäten der alltäglichen Sorte auf der Spur sind.

Seinen Ruf als Jugendzentrum der Nation hat Brighton seit dem Kultfilm "Quadrophenia", der eine ganze Generation auf den Motorroller setzte. Und die beiden renommierten Unis der Stadt sorgen für Nachschub.

Die Flohmarkt-Stimmung der North Laine endet abrupt an der North Street, der gesichtslosen Highstreet, auf deren anderer Straßenseite jedoch ein kleines Holzschild den Weg in die "Lanes" weist. Im halbdunklen Wirrwarr der alten Gassen und Plätze ließen sich erst Antiquitätenhändler und Juweliere nieder. Dann kamen die Pubs und schicken Restaurants, dann die Designerboutiquen. Wer jedoch eine Quadratmeile schnöseliger Langeweile erwartet, wird überrascht: Die strenge Kirche an der Ecke Ship Street ist heute "Fabrica", die wichtigste Galerie der Stadt für zeitgenössische Kunst und mir während der Saison (nur April bis Dezember, wegen fehlender Heizung) jede Woche einen kurzen Abstecher wert. Die winzige, kanariengelb gestrichene Blind Lemon Alley führt zum gleichnamigen, ebenso winzigen Restaurant, das am Wochenende als Jazzclub herhält und wegen der guten Stimmung auch Raver und Reggae-Fans anzieht.

Früher flickten in den feuchten Gewölben unter der Promenade Fischer ihre Netze. Heute befinden sich in den renovierten "Arches" brandneue Cafés, Bars, Clubs, Surfshops und Ateliers wie das von Kathryn, Katty und ihrem Kollegen John Marshall, der sich auf Kuh-Porträts spezialisiert und so dem Atelier seinen Namen gegeben hat. The Artists' Quarters, wie die Arches heute heißen, sorgen für mediterranes Flair.

Reise-Infos Brighton

Übernachten:Pelirocco: schräge, aber stilvolle "Themen-Kinderzimmer" mit Meerblick und Gameboys. DZ/F ab ca. 75 Euro (10, Regency Square, Tel. 327055, Fax 733845, www.hotelpelirocco.co.uk).Hotel du Vin: gut verstecktes Hotel gleich am Meer. Die Zimmer sind schlichter Luxus, die Weinkarte reiner Luxus. DZ/F ab ca. 200 Euro (Ship Street, Tel. 718588, Fax 718599, www.hotelduvin.com).Grand Hotel: Fünf-Sterne-Haus an der Promenade. Viel schneeweißer Jahrhundertwende-Pomp und ein sagenhaftes Treppenhaus sind auch für weniger Geld beim Fünf-Uhr-Tee zu bewundern. Angebote ab 130 Euro (King’s Road, Tel. 224300, Fax 224321, www.grandbrighton.co.uk).Twenty One Hotel: Plüsch, Blümchengardinen und Himmelbetten in den gelb, grün und golden gestrichenen Zimmern - eben sehr englisch. DZ/F ab ca. 80 Euro (21, Charlotte Street, Tel. 686450, Fax 695560).Aquarium: grellgelber Altbau mit Doppelzimmern ab 60 Euro. Vor allem für junge Budget-Reisende (13, Madeira Place, Tel. 605761).

Essen und Trinken:Food for Friends: nettes, helles Vegetarier-Café mit leckeren Aufläufen, Currys, Quiches und Stir-Frys; wer abends kommt, bringt dazu seine eigene Flasche Wein mit (18, Prince Albert Street, Tel. 202310).Blind Lemon Alley: uriges Lokal. Die Spezialität: hausgemachte Hamburger vom Grill (41, Middle Street, Tel. 205151). Wai Kika Moo Kau: ein Öko-Café der gemütlichen Sorte mit lokaler Kunst an den Wänden (11a, Kensington Gardens, Tel. 671117).Moshi Moshi: Brightons beste Sushi-Bar in einem futuristischen Glaswürfel gleich hinterm Standesamt. Minimalistische Rattanbänke unter knallroter Restaurantdecke, fantastische Fließband-Sushi und der legendäre Mr. Moshi Punch machen aus dem Kurz-Imbiss meist eine längere Sitzung (Bartholomew Square, Tel. 719195).Nia Café: winziges, gemütliches Café-Restaurant am oberen Ende der North Laine. Ein Nia-Frühstück ist der beste Start für eine ausgedehnte Shop- und Schnüffel-Tour. Von den Ahornsirup-Pfannkuchen über die Würstchen mit Stampfkartoffeln bis zur Ziegenkäse-Torte alles vom Feinsten (88, Trafalgar Street, Tel. 671371).Alfresco: großartige italienische Küche im Glaspavillon mit Panorama-Seeblick – besonders zu empfehlen die Pasta mit frischem Meeresgetier (The Milkmaid Pavilion, Kings Road Arches, Tel. 206523).

Einkaufen:D&K Rosen Clothier: gut erhaltene Secondhand-Mode für den Gentleman oder dessen hippen Bruder (36, Church Street).Snooper's Paradise: Trödelkaufhaus auf zwei Etagen mit Clubwear, Wackeldackeln, alten "Sherlock Holmes"- Ausgaben, Charleston-Kleidern und Marmorlöwen (7/8, Kensington Gardens).Vegetarian Shoes: kein Gramm Leder im ganzen Laden, dafür Bilder von lachenden Kühen neben Kunststoffsandalen, -stiefeln und PVC-Jacken (12, Gardener Street).Hat Heaven: vom kleinen Federputz bis zum schleifengeschmückten Wagenrad aus Stroh darf alles aufprobiert werden, während die Ladenbesitzerinnen gern bestätigen, man habe tatsächlich das "absolute Hutgesicht" (38, Meeting House Lane).Tickled: Der erste Sex-Shop Brightons für die Dame. Kein Schmuddelladen, sondern sehr gestylt, diskret und angenehm ironisch. (15, Gardner Street).

Nicht versäumen:Brighton Museum & Art Gallery gleich gegenüber dem Royal Pavilion. Ein sehr helles, schönes Museum für Möbel, Textilien, Kolonialwaren und Lokales mit großartigem Café auf der Galerie. Eintritt frei.Fabrica: Die interessanteste Kunstgalerie der Stadt befindet sich in einer umgebauten Kirche. Eintritt frei, geöffnet April bis Dezember, Mi. bis Sa. 11.30 Uhr bis 17 Uhr, So. 14 bis 17 Uhr (40, Duke Street, Tel. 778646.)Picknick auf einem der drei legendären Squares von Hove (Regency, Brunswick und der piekfeine Palmeira Square). Hove ist der schicke Teil Brightons. Fronten von cremeweißen Gründerzeit-Häusern, die man nicht schöner am Londoner Eaton Place findet.Whitecliff Walk Spaziergang unterhalb der Kreidefelsen von Rottingdean, einem winzigen, malerischen Dorf sechs Kilometer östlich von Brighton. Man flaniert, zwar auf Beton, zwischen Kreide und Gischt. Zur Belohnung wartet am Ende des Weges das sehr rudimentäre "Whitecliff Café".

Info:Brighton Tourist Information, 10, Bartholomew Square, Brighton BN1 1JS, Tel. 906711/2255, www.tourism.brighton.co.uk.

Telefon:Vorwahl für England 0044, danach die 1273 für Brighton.

Extra-Tipps:Brighton Festival: mit über 700 Musik-, Theater-, Tanz- und Comedy-Veranstaltungen. Großbritanniens größtes Künstlerfestival findet jedes Jahr im Mai für drei Wochen statt.Komedia: Brightons bekanntes Off-Theater mit ständig neuen Stücken, Live-Musik, Cabaret und Comedy – oder einfach nur einer besonders lebhaften Bar mitten in der North Laine (Gardner Street, Tel. 647100).

Nadja Bossmann
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