Das Venedig von Petra Reski

Gondelserenaden und Taubenplage: Es gibt vieles, was Schriftstellerin Petra Reski in ihrer Wahlheimat Venedig zur Verzweiflung bringt. Aber noch viel mehr, was immer wieder ihre Liebe entflammt. Hier stellt sie ihre Lieblingsplätze vor.

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Hotels

Die venezianischen Hotels sind vermutlich die teuersten der Welt. Schon einfachste Zimmer kosten um 100 Euro. Wer das weiß, wundert sich nicht mehr, wenn die schöneren Hotels den Gästen tief und tiefer in die Tasche greifen.

"Le Garzette": Ein Gasthaus am Lido. Salvatore ist ein wortkarger Neapolitaner, also so etwas wie süßes Salz oder trockenes Wasser. Sein Reich liegt am Lido gleich hinter dem Deich, versteckt inmitten von Artischockenfeldern, Weinreben und Tomatenpflanzen. Am liebsten würde Salvatore den ganzen Tag lang nur auf seinen Feldern stehen, hier schneiden, da umgraben. Aber schließlich sind da noch die Gäste, die essen wollen, und nicht irgendwas, sondern seine hausgemachte Pasta. "Le Garzette" ist ein Gasthaus im besten Sinne, mit zehn Zimmern für diejenigen, die in Venedig ruhig auf dem Land wohnen wollen. Das Restaurant ist allerdings nur am Wochenende geöffnet. (Lungomare Alberoni 32, Malamocco, Tel./Fax 041/ 73 10 78; Restaurant geöffnet von Freitag- bis Sonntagabend.)Le Garzette Giorgione: Dieses Hotel ist hübsch und seit mehreren Generationen im Besitz der Familie Pasotto. 71 Zimmer in einem Palazzo aus dem 15. Jahrhundert. Ein venezianisches Schmuckkästchen, in dem Muranoglas funkelt - als pastelliger Archimede-Seguso-Kronleuchter der 50er Jahre, als Steinchen eingelassen in den Terrazzoboden, als Meerestierchen im Brunnen des Innenhofs. (Hotel Giorgione, SS. Apostoli 4587, 30131 Venezia, Tel. 041/522 58 10, Fax 523 90 92) Hotel Giorgione.

De L'Alboro, (San Marco 3894 b, Tel. 522 94 54, Fax 522 84 04): Hübsches kleines Hotel zwischen Campo Sant'Angelo und Canal Grande, an einem stillen Platz, wo man nur das Plätschern eines Brunnens hört. De L'Alboro Bel Sito & Berlino, (San Marco 2517, Tel. 5223365, Fax 520 4083): Am Campo Santa Maria del Giglio gelegenes, venezianisch-plüschiges Hotel. Eine Rarität in Venedig: Hier gibt es Zimmer mit kleiner Terrasse!Hotel Bel Sito Do Pozzi (Calle Larga XXII Marzo, San Marco 2373, Tel. 520 78 55, Fax 522 94 13:): In einer Seitengasse - ruhig und dennoch zentral. Das kann in Venedig, wo es auf den Kanälen oft schon um 6 Uhr morgens lärmt, gar nicht genug gepriesen werden. (Achtung: im November geschlossen.) Do Pozzi

Essen und Trinken

Osteria Santa Marina: Draußen essen und gut essen bedeutet in Venedig die Quadratur des Kreises. Meist muss man sich für das eine oder andere entscheiden. Um so mehr beglückte es mich, die zu entdecken, wo es nicht nur eine wunderschöne Terrasse mit Blick auf den Campo und richtigen Rohrstühlen gibt, sondern auch eine gute Küche. Die beiden Besitzer Agostino Doria und Danilo Baldan bemühen sich um ihre Gäste mit Krebsfleisch mit Rucola und rohen Steinpilzen, mit wunderbaren Fischcarpaccio aus Lachs und Schwerfisch, Fischspießen mit geräuchertem Speck, Zitronencreme mit Lakritzsauce, mit Sorbets aus frischem Obst. Und das Schöne ist, dass jede Speise liebevoll bis in die letzte Curryprise erläutert wird. (Osteria Santa Marina, Castello 5911, Tel: 041 528 52 39; sonntags und montags mittags geschlossen) Enoteca Schiavi: Eine Kneipentour heißt in Venedig giro d'ombra, wörtlich Schattenrunde. Ein Schatten, un ombra, ist Synonym für ein Glas Wein - der vorzugsweise in einem bàcaro zu sich genommen wird, wie die venezianische Kneipe genannt wird. Die Enoteca Schiavi am Rio San Trovaso ist so ein bàcaro, wo sich Venezianer nach der Arbeit zur Apéritif-Zeit einfinden, trinken und kleine Häppchen zu sich nehmen. (Enoteca Cantinone Già Schiavi, Dorsoduro 992, Tel: 041/523 00 34 (täglich bis 21.30 Uhr geöffnet, sonntags nur vormittags)

Casa del Parmigiano Andacht für den Käse: Es ist die weihevolle Art, mit der Daniele Conte den Käse aus dem Regal hebt. Diese hohepriesterliche Bewegung, mit der er eine Scheibe vom reifen Asiago abschneidet. Nur gottlose Seelen glauben, dass wir es hier mit dem Kauf von Käse zu tun haben, tatsächlich zelebriert der Mann hier jeden Tag eine Messe, er huldigt dem Parmigiano, er preist den Pecorino, er liest dem Mozzarella di bufala ein Hochamt. (Erberia Rialto 214/215, Tel. 041/520 65 25, täglich außer sonntags von 9 - 13.30 Uhr, freitags und samstags auch von 15.30 - 19.30 Uhr). Kleine feine Fischerinsel: Die Insel Pellestrina ist so schmal, dass man, wenn man die Arme ausbreitet, fast mit der einen Hand die Adria berührt und mit der anderen die Lagune. Zwei kleine Strände, Häuser in Hortensienrosa, Kardinalspurpur und Scharlachrot. Pellestrina ist bunt wie die berühmte Fischerinsel Burano, nur echter. So echt, dass man hier den illegalen Muschelfischern beim Essen zuschauen kann, die ihre Schnellboote unter der Terrasse des Restaurants "Celeste" vertäut haben - Boote, mit denen sie immer schneller sind als die Polizei, die sie beim Fischen im giftigen Kanal von Porto Marghera erwischen will. Sie verkaufen die Muscheln an Billigrestaurants, die es nicht so genau nehmen, wenn der Fang nicht das erforderliche Etikett des Gesundheitsamtes trägt. Die Muschelfischer selbst würden in solchen Lokalen nie essen. Sie fahren mittags zu "Celeste", einem der beiden Restaurants von Pellestrina, dessen himmelblaue Terrasse über dem Wasser schwebt und das allerbeste, frischeste Meeresfrüchte bietet. (Celeste, Sestier Vianelli 625, Tel. 041/96 73 55, mittwochs geschlossen).

Gemüse-Genüsse (Campo San Giacomo dell'Orio, Santa Croce 1762, Tel. 041/524 15 70. Sonntags geschlossen. Ferien in der Woche um Ferragosto = 15. August). La Zucca heißt Kürbis - Nomen est Omen, denn hier wird dem Gemüse gehuldigt. Eines der wenigen Restaurants in Venedig, das auch vegetarische Gerichte bereitet: Gemüsecouscous, Kürbislasagne mit Mandeln und Provolone oder Käsepasta mit Gorgonzola und Pinienkernen... Dazu kommt eine große Auswahl an Weinen. Feiner Imbiss am Canal Grande: Dieses erst kürzlich eröffnete Lokal unter den Arkaden am Rialtomarkt knüpft an die Tradition des "bàcaro", der typischen venezianischen Kneipe, an: Mittags nimmt man hier einen Bissen im Stehen und trinkt dazu ein Glas Wein. Abends wird am Tisch unter dem Gewölbe im ersten Stock gegessen, von dem man einen schönen Blick auf den Canal Grande hat. Und preiswert ist es auch noch. (Bancogiro, San Polo 122, Campo San Giacometto, Tel. 041/523 20 61. Sonntagabends und montags geschlossen. Alle Testiere (Castello 5801, Tel. 522 72 20, So. und Mo. geschlossen): Ein Kleinod unter den venezianischen Restaurants. Jeden Abend wird hier ein Zwei-Personen-Stück inszeniert: In der winzigen Küche kocht Bruno, und im winzigen Saal berät Luca die Gäste. Innovative Fischküche, von Schwertfisch mit Oliven bis Steinbutt mit Radicchio. Reservierung unerlässlich. Acqua Pazza (San Marco 3808/10, Campo Sant'Angelo, Tel. 277 06 88): das einzige neapolitanische Restaurant in Venedig - mit bester Pizza und Fisch. Caffè Florian (Piazza San Marco): Kaffeehaus von 1720, eine Institution - und ein teures Vergnügen. Antiche Carampane (San Polo 1911, Rio terà de le Carampane, Tel. 524 01 65, So. abend und Mo. geschlossen): Krabben mit Polenta, Muschelsuppe - beste venezianische Küche in einer Gasse hinter dem Campo San Solo. Antico Dolo (San Polo 778, Tel. 522 65 46, Sonntags geschl.): Wenige Schritte vom Rialtomarkt, ein bacaro, die venezianische Entsprechung des Bistros. Mit ochsenblutfarbenenen Wänden und einem Wirt, der sich gegen Reservierungen und sonstigen neumodischen Kram sperrt. Die Küche: einfache venezianische Gerichte wie Kutteln in etlichen Varianten oder marinierte Krebse, die ganz gegessen werden.

Terrazza Sommariva (San Polo 731, Tel. 523 11 64): In einem Restaurant, das so dekorativ zu Füßen der Rialtobrücke liegt, vermutet man alles, nur kein gutes Essen. Zu Unrecht: Hier gibt es besten Service, ausgezeichnetes Essen und dazu den Blick auf den Canal Grande. Die Köchin Maria bereitet exzellenten Fisch zu und die besten Spaghetti Carbonara der Stadt. Rarität in Venedig: Die Küche ist bis 24 Uhr geöffnet. Vini Da Gigio (Cannaregio 3628a, Fondamenta San Felice, Tel. 528 51 40, Mo. geschlossen): Das Restaurant entstand aus einer ehemaligen Weinhandlung, was sich in einer umfangreichen Weinkarte niederschlägt. Wer den allgegenwärtigen Fisch leid ist, ist hier bei Ente oder Leberpastete gut aufgehoben. L'Incontro (Dorsoduro 3062a, Campo Santa Margherita, Tel. 522 24 04, Mo. geschlossen): Sardisch-hemdsärmelige Küche für Fleisch-Liebhaber. Spezialitäten sind die Culingiones (Ravioloni mit Safran, Quark und Pecorino), aber auch Wildschweinschinken und Stubenküken. Um die Ecke liegt der Campo Santa Margherita, wo man, anders als in San Marco, auch noch nach 22 Uhr eine geöffnete Kneipe finden kann.

Shopping

Der Schmuckladen Manu' hat etwas angenehm Verstaubtes. Le bonheur des dames, ein nach Lavendel duftendes Angebot von Einzigartigkeit: Venezianische Perlen aller Art, die man sich zu Ketten oder Armbändern auffädeln lassen kann, passend zum Kleid, bijoux aus verschiedenen Epochen, malachitbedeckte Eidechsen des Jugendstils, leicht verbeulte Medaillons. Manu's Meisterwerk ist ein Armband, das aussieht wie ein Perlenfeuerwerk. Und das in dem Augenblick eine Rettung sein kann, wenn man sich auf die Suche nach einem "echt venezianischen Mitbringsel" gemacht hat und vor lauter Karnevalsmasken, lustigen Marionettchen und Marmorpapier Erstickungsanfälle bekommen hat. (Manu', San Marco 1228, Bacino Orseolo, Tel. 041/522 92 94). Accessoires aus dem Obstladen: Das Angebot richtet sich nach den Jahreszeiten. Tomatenrot, Bananengelb, Apfelgrün - federleichte Gespinste: Stolas, Tops, Pareos, Schals, Colliers. "Frutta e verdura" heißt der Laden, der solche Accessoires verkauft und auch herstellt, weil hier zweihundert Jahre lang Obst und Gemüse feilgeboten wurden. Das halb über dem Kanal schwebende Geschäft wurde bereits von Canaletto auf einer Ansicht des Campo SS. Apostoli verewigt. Auch das kleinste Seidentuch ist hier in Venedig gewachsen, handgefärbt und handgenäht. (Frutta e verdura, Cannaregio 4415-2, Campo SS. Apostoli, Tel./Fax 041/241 15 72). Muranoglas: Bei "Muranoglas" denkt man leider zuerst an die orangefarbenen Delfine und krampfgeschüttelten Rösser, die in den Schaufenstern rund um den Markusplatz so lange ihr Unwesen treiben, bis sie eine Heimstatt in einem Schleiflackschlafzimmer in Ohio finden. Das ist so, als fiele einem bei dem Wort "Buch" immer nur Rosamunde Pilcher ein und nie Thomas Mann. Die Galeristin Rossella Junck verkauft die Literaten der Glaskunst. Sammlerstücke aus verschiedenen Epochen und Werke der besten zeitgenössischen Muranoglaskünstler: die Französin Isabelle Poilprez mit ihren Wesen, die so leicht und zart aussehen, als könnten sie fliegen; der Venezianer Michele Burato mit seinen Farbexplosionen oder der Schwede Erik Dietman, der mit seinen avantgardistischen Glasskulpturen in den wichtigsten Museen der Welt vertreten ist. Galleria Rossella Junck, San Marco 3463 (am Ende der Via 22 marzo), Tel./Fax 041/520 77 47. Ausstellungen auch in San Marco 1997 (Campo San Fantin, gegenüber der Oper La Fenice), Tel. 041/521 07 59, und in San Marco 2360 (unweit des Campo Santo Stefano), Tel. 041/528 65 37.

Der tapfere Signor de Franceschi: Der Laden sieht aus, als sei er heimlich eines Nachts in das Haus gegraben worden: eine Grotte, vor deren Eingang bunte Staubwedel, Gummiringe und Wäscheleinen für 2500 Lire locken. Im Schaufenster ein Eimer, darauf ein Schild, auf dem in Filzstift in Großbuchstaben "Sägemehl aus den Dolomiten!" steht. Ich wage nicht, Signor de Franceschi zu fragen, worin denn die Besonderheit des Dolomiten-Sägemehls bestehe. Schließlich möchte ich seine Autorität nicht untergraben. Eine Autorität, mit der er und sein Bruder einen Laden für Putzmittel jeder Art, für Hundeleinen, Klobürsten, Waschmittel, Fliegenklatschen und Ähnliches betreiben - im Hinterzimmer reparieren sie Schuhe -, all das nur zwei Schritte vom Markusplatz entfernt. (Armando und Paolo de Franceschi, Calle dei Fabbri, San Marco 931, täglich von 9 bis 19.30 Uhr geöffnet). Die Adresse für Antikes: Jeden Tag wird hier ein Stück Venedig wiederbelebt, ein Möbelstück, eine Münze, ein antiker Stich. Im Laden des Restaurators und Antiquitätenhändlers Luciano Nardin am Campo Santa Margherita steht eine Sänfte (Mitte 18. Jahrhundert), die einen Käufer sucht. Aber leider wird sie selten als solche identifiziert. Amerikanische Touristen vermuten in ihr eine antike Telefonzelle, andere halten sie für ein Wächterhäuschen. Luciano lächelt dann immer etwas nachsichtig. Und widmet sich weiter seiner Arbeit. (Luciano Zardin, Antichità - Restauro, gegenüber der Scuola Grande dei Carmini, Dorsoduro 2899, Tel. 041/523 43 07.) Perle E Dintorni (San Marco 7740, Calle della Mandola): Venezianische Perlen in Hülle und Fülle, mit denen man sich die Ketten selbst zusammenstellen kann. Rolando Segalin (Calle dei Fuseria, San Marco 4365): schön verstaubtes, altertümliches Maßschuhgeschäft, das jeden Wunsch erfüllt, sei es nach dem handschuhweichen Mokassin oder dem Rokoko-Schnallenschuh. Paolo Olbi (San Marco 3653, Calle della Mandola, Werkstatt: Cannaregio 5478): Buchbinder Olbi fertigt ledergebundene Notizbücher an, die so schön sind, dass man es kaum übers Herz bringt, sie mit profanen Kritzeleien zu entweihen. olbi.atspace.com.

Kultur

Palazzo Rezzonico: Das 18. Jahrhundert, Venedigs Höhepunkt und Fall, ist mein Lieblingsjahrhundert. Der Palazzo Rezzonico lässt die Besucher etwas am Glanz jener Zeit teilhaben. Hier wurden die Möbel, Fresken und Gemälde zusammengetragen, die dieses Jahrhundert wieder lebendig machen sollen: der Ballsaal, der Alkoven und das kleine Stuck-Boudoir im zweiten Stock. Pietro Longhis berühmtes Rhinozeros und der venezianische Mohr. Zwanzig Jahre lang wurde Ca' Rezzonico mitsamt der Meisterwerke von Guardi, Canaletto, Tiepolo und Longhi renoviert, zwei Jahre lang blieb er geschlossen, jetzt kann er wieder besucht werden. (Museo del Settecento Veneziano di Ca' Rezzonico - direkt an der Vaporetto-Haltestelle Ca' Rezzonico - Campo San Barnaba, Dorsoduro 3136, Tel. 041/241 01 00. Täglich außer dienstags 10 bis 18 Uhr). Meisterwerk mit Hund: Carpaccio ist nicht erstens, sondern zweitens eine Vorspeise. Erstens ist Carpaccio der wichtigste venezianische Maler der Renaissance - den fast jeder beflissene Venedig-Tourist aus der Accademia kennt. Wenige aber wissen, dass sich in der Scuola degli Schiavoni, unweit der Ponte dei Greci, der wohl bedeutendste Carpaccio-Zyklus verbirgt: Am schönsten ist das Gemälde "Sant'Agostino in seiner Studierstube", das den gelehrten Geistlichen inmitten der minutiös gemalten Instrumente seiner Weltkenntnis zeigt. Der berühmte kleine Carpaccio-Spitz fehlt auch nicht. Allein für ihn lohnt der Weg. (Scuola San Giorgio degli Schiavoni, Calle dei Furlani, Castello 3259a, Tel: 041 5228828. Täglich von 9 bis 12 Uhr und von 15 bis 18 Uhr geöffnet. Montags geschlossen).

Ausflüge

Ein Platz wie eine Bühne: Der Campo Santa Margherita ist mein Lieblingsplatz. Hier stellt sich einem das venezianische Leben in den Weg und weigert sich, übersehen zu werden. Morgens beginnt der erste Akt mit den Signore, die blumenkleidumwölkt und im Dreiachteltakt mit einem der beiden Fischhändler um die Qualität des Seeteufels streiten. Mittags der zweite Akt. Es tritt auf: die Jugend nach Schulschluss. Eine Armee aus gepiercten, verkabelten Wesen, die als Erkennungszeichen einen Rucksack von Invicta tragen. Nachmittags: Kinder auf Rollen (Rollschuhe, Roller, Dreirad). Nach Büroschluss die Männer auf dem Weg zu "Il Caffè" oder "Il bar verde". Bei Sonnenuntergang wird die Bühne umgebaut, die Cafés stellen die Stuhlreihen auf, die das Gewerbeaufsichtsamt eigentlich verboten hat. Es folgt das große Finale, und alles plätschert, kling-kling, gegen zwei Uhr morgens aus. Nächste Vaporetto-Haltestelle Ca' Rezzonico. Ein verwunschener Friedhof: "Worte des Toten: Vier Ellen Erde in dieser Einfriedung wurden als Besitz für die Ewigkeit von oben gekauft für Giuda Leone da Modena. Sei ihm gnädig, o Herr, und gib ihm Frieden". Das steht auf dem Grabstein des berühmten Rabbis und Literaten Leone da Modena, der auf dem jüdischen Friedhof am Lido begraben ist. Zwischen Grabplatten wuchert Gras, Vögel zwitschern, Eidechsen baden im Sonnenstrahl. Dichter liebten diesen Ort, Goethe, Byron, Shelley, Keats, kaum einer ließ ihn bei seinem Venedig-Besuch aus. Die ältesten Gräber sind 600 Jahre alt. Es gibt fast nur hebräische Inschriften, hier und da etwas Latein, auf den wenig koscheren Gräbern. Ein paar Schritte weiter der neue jüdische Friedhof. Fast alle Inschriften sind italienisch. (Jüdischer Friedhof: Strada di San Nicolò, Lido. Führungen (auf Englisch): freitags um 10.30 Uhr und sonntags um 14.30 Uhr. Genaue Auskünfte bei der jüdischen Gemeinde von Venedig, Tel. 041/71 53 59). Immer am Strand entlang: Sie wundern sich, wie die Venezianer den schwülen Sommer aushalten? Dann fahren Sie auf den Lido. Von Juni bis September findet hier das Leben statt, meist in den Badekabinen des Hotels "Des Bains"oder des "Excelsior" - wobei eine solche Kabine so teuer ist wie ein Flugticket nach Honolulu. Am schönsten ist es, sich statt dessen ein Fahrrad zu leihen und damit über die "murazzi", das befestigte Ufer, bis ans Ende der Insel zu einem kleinen Privatstrand zu fahren. Dazu mietet man sich ein Fahrrad unweit des Anlegers der Vaporetti am Lido (direkt neben dem Kiosk am Anfang der Gran Viale) und fährt bis zum Hotel "Excelsior". Kurz danach macht die Straße eine Kurve, dort steigt man ein paar Stufen hoch. Diesen wunderbaren Weg kann man eine Stunde lang radeln, das letzte Stück fährt man noch mal die Straße entlang, folgt dem gelben Schild zu den "Bagni Alberoni" und steht plötzlich mitten in den 50er Jahren: ein Strand mit türkisblau gestreiften, hölzernen Badekabinen. (Lido: Bagni Alberoni. Strada Nuova dei bagni. Fahrradverleih: Gardin, Piazza Santa Maria Elisabetta 2a, Lido, Tel. 041/276 00 05). Ausflug zur Gemüseinsel: Von der Anlegestelle der Insel Sant'Erasmo aus sind im Dunst die Türme Venedigs zu sehen. Bauern arbeiten auf Artischockenfeldern neben den Kanälen, junge Frauen schieben Kinderwagen über schilfbewachsene Alleen. Durch seinen fruchtbaren Boden wurde Sant'Erasmo schon zur Zeit der Dogen zur "Gemüseinsel" Venedigs. Jede der größeren von den insgesamt 117 Laguneninseln hat im Lauf der Jahrhunderte ihre besondere Bestimmung erhalten.

Exkursionen in die Lagune: Mit Margherita Fusco von der "Cooperative Limosa" sind wir im Boot, zu Fuß und auf dem Fahrrad im Norden der Lagune unterwegs. In der Kooperative haben sich sechs Frauen mit einem ungewöhnlichen Tourismus-Konzept zusammengeschlossen. Auf ein- bis dreitägigen Exkursionen zeigen fünf Venezianerinnen und eine Deutsche das ganze Jahr über den Alltag und auch die Umweltprobleme der Lagune. "Limosa" bietet Dünenwanderungen auf dem Lido oder Bootsfahrten zu unbekannten Inseln wie Sant'Erasmo, Pelestrina, Santo Spirito oder Poveglia an. Auch Treffen mit den Bewohnern und den Mitgliedern einer Fischkooperative sind möglich. Informationen: Coop. Limosa, Via Seismit Doda, 25; I-30175 Venezia-Marghera, Tel. (vormittags) 93 20 03, Fax 538 12 25. Bei schriftlicher Anfrage wird das Programm auf deutsch zugeschickt.

Text: Petra Reski; Foto: iStockphoto

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