Den Dichtern auf der Spur

Lesen und lesen lassen: Auf Literaturreisen lernen Sie die Schauplätze der Weltliteratur kennen, berühmte Drehorte, Lieblingsplätze oder die Heimat großer Autoren.

Thomas Mann: Das Sommerhaus in Nida

Blick von den Dünen der Kurischen Nehrung aufs Haff.

Azurblaues Wasser, endlose Dünen und dazu der harzige Geruch der Kiefern - so muss sie gewesen sein, die vielzitierte "italienische Aussicht", die Thomas Mann in dem kleinen Fischerdorf Nida, dem frühren Nidden, auf der Kurischen Nehrung so geliebt hat. "Wir ... waren so erfüllt von der unbeschreiblichen Eigenartigkeit und Schönheit dieser Landschaft, daß wir beschlossen, in dieser fernen Gegend ein Sommerhaus errichten zu lassen", schrieb der frischgebackene Nobelpreisträger später in "Mein Sommerhaus", noch nicht ahnend, dass er überhaupt nur drei Sommer (1930-1932) in dem Haus auf dem Schwiegermutterberg verbringen würde. Im folgenden Jahr verließen die Manns Deutschland, und nach der Ausbürgerung emigrierten sie 1939 in die USA.

Das Thomas-Mann-Haus in Nida

70 Jahre später steht das im traditionellen Kurenstil erbaute Holzhaus scheinbar unversehrt immer noch auf dem Berg und wirkt frisch herausgeputzt: die Fensterläden leuchten in kräftigem Blau, das Reetdach ist neu eingedeckt, der Garten gepflegt und der Rasen gemäht. Der Initiative eines litauischen Literaten ist es zu verdanken, dass das während der 2. Weltkriegs von Hermann Göring als Jagdhaus vereinnahmte und nach dem Krieg völlig verwahrloste Haus nicht abgerissen, sondern restauriert und 1967 als Thomas-Mann-Gedenkstätte eröffnet werden konnte. Seit die Touristenströme aus dem Westen wieder ungehindert fließen, zählt das Haus zu den meistbesuchten Museen Litauens, und seit einigen Jahren findet hier im Juli regelmäßig das Thomas-Mann-Festival mit Konzerten, Lesungen und Buchbesprechungen statt.

Weil vom Originalmobiliar so gut wie nichts erhalten geblieben ist, hat man die meisten Zimmer leer gelassen. Dafür zeugen Zeitungsausschnitte, Bücher und Briefe vom Leben und Wirken der Manns im damaligen Nidden, Fotos zeigen die Familie am Strand, Thomas Mann in Dichterpose lässig am Kamin lehnend oder zusammen mit seiner Lieblingstocher Elisabeth.

Postkarte vom Thomas-Mann-Haus

Als 80jährige, knapp vier Jahre vor ihrem Tod, ist Elisabeth Mann-Borgese 1998 noch einmal in das Haus in Nida zurückgekehrt - es waren die Dreharbeiten zum Fernsehfilm "Die Manns" von Heinrich Breloer, die sie am Ende ihres Lebens zu den Stätten ihrer Kindheit zurückgeführt haben. Verewigt hat sie sich hier mit nur einem Satz: "Ebenso bedroht wie die Meere ist die Menschheit" - Mahnung, Warnung oder resigniertes Resümee der großen, engangierten Meeresschützerin? Darüber darf man spekulieren.

Ostseebrandung

Der berühmte "Italienblick" ist heute nicht mehr so leicht ausmachen - die Aussicht vom Haus aufs glitzernde Haff ist von Bäumen versperrt und zugewachsen. Nur das Wort geistert überall als gerauntes Zitat durch die Reihen der Besucher, die sich gern weiter von den Beschreibungen des Dichters leiten lassen und zustimmend nicken: "Der Eindruck war tief. Man findet einen erstaunlich südlichen Einschlag. Das Wasser des Haffs ist im Sommer bei blauem Himmel tiefblau. Es wirkt wie das Mittelmeer. Es gibt dort eine Kiefernart, Pinien ähnlich. Die weiße Küste ist schön geschwungen, man könnte glauben in Nordafrika zu sein..." - so ähnlich ist es ja immer noch. Und nicht zu vergessen die Dünen. Gleich hinter dem Örtchen türmen sich die riesigen, sagenhaften und Dörfer verschluckenden Sandberge zu einem alles überragenden Gebirge, dort beginnt die stille, einsame Wüstenlandschaft. Auch wenn ein Stückchen weiter der Grenzstreifen quer durch die Dünen führt: der Zauber der Nehrung scheint immer noch da.

Info

Die Kurische Nehrung ist ein knapp 100 Kilometer langer und an seiner schmalsten Stelle nur knapp 500 Meter breiter Landstreifen vor der Küste Litauens, der das Kurische Haff beinahe wie ein Binnenmeer von der Ostsee trennt. Politisch ging es hier immer hin und her: Lange ostpreußisch, wurde die Nehrung nach dem Ersten Weltkrieg zusammen mit dem Memelgebiet litauisch, dann im Zweiten Weltkrieg erst von den Deutschen und später von der Sowjetunion besetzt. Als Teil der Sowjetrepublik Litauen war die Kurische Nehrung Sperrgebiet und über 40 Jahre lang für Westtouristen tabu. Erst seit der Unabhängigkeit Litauens 1990 sind wieder Reisen möglich. Seitdem trennt eine Grenze die Nehrung in einen litauischen und einen russischen Teil.

Thomas-Mann-Haus: Skruzdynes 17, Öffnungszeiten: Juni- August 10-18 Uhr, montags geschlossen, September bis 31. Mai: 11-17 Uhr sonntags und montags geschlossen. Infos unter Thomas Mann Kulturzentrum und www.thomas-mann-haus.de.

Reisen zur Kurischen Nehrung und zum Thomas-Mann-Festival veranstalten unter anderem www.schniederreisen.de, Nehrung Reisen, Mare Baltikum Reisen und Litauen-Reisen.

Lesen und Laufen in Tschechien

Ob Franz Kafka, Johann Wolfgang von Goethe oder Milan Kundera, ob in Böhmen, Mähren oder Prag - überall finden sich Spuren großer Literaten von einst und heute. Und wer gut zu Fuß ist, der kann sich auf die LiteraTouren von "Begegnungen mit Böhmen" freuen. Unter dem Motto 'Lesen und Laufen' gilt es auf den Wanderreisen im Riesengebirge und im Böhmerwald Landschaft und Literatur zu verbinden, Natur und Kultur zu erfahren und Menschen zu treffen. Auch durch Prag geht es zu Fuß: Auf der Reise Prag und seine Dichter werden Bierstuben und Paläste besucht, Hinterhöfe und Vorstädte und man lernt Originalschauplätze von Autoren wie Franz Kafka, Franz Werfel, Egon Erwin Kisch, Rainer Maria Rilke oder Vaclav Havel kennen. Auf den Spuren des Golem geht es durch die Josefstadt oder aber durch die Prager Neustadt, um auf den krummen Spuren von Jaroslav Hasek und Josef Svejk zu wandeln. LiteraTouren mit Lesungen an Original-Schauplätzen veranstaltet "Begegnungen mit Böhmen" www.boehmenreisen.de.

Das Cornwall der Rosamunde Pilcher

Das Künstlerstädtchen St. Ives in Cornwall alias Portkerry im Pilcher-Roman.

Bei einer Reise ins Land der Rosamunde Pilcher, also nach Devon und Cornwall in Südengland, gibt es nicht nur die Blütenpracht verwunschener Gärten, den Charme alter Herrenhäuser und die Schönheit der zerklüftete Küste zu bewundern, sondern es gibt auch reichlich Gelegenheit, die Schauplätze berühmter Pilcher-Verfilmungen zu besuchen. Die wild-romantische Landschaft hat so gut wie immer als prächtige Kulisse gedient. Mount Edgcumbe etwa, der prächtige Landsitz war Drehort des Films "Eine besondere Liebe". Oder das keltische Mönchskloster St. Michael's Mount, es war Schauplatz für "Heimkehr" und "Wolken am Horizont". In Penzance und Umgebung wurden sogar gleich mehrere Filme gedreht und dann geht's weiter nach Land's End, dem westlichsten Punkt auf dem britischen Kontinent. Die sturmumtosten Klippen kommen im Film "Stürmische Begegnungen" so richtig zur Geltung. Eine 10-tägige Tour kann bei Dertour wahlweise mit Hotelunterkunft oder Bed & Breakfast gebucht werden. Mehr Infos im Dertour-Katalog oder im Reisebüro Das Britische Fremdenverkehrsamt verschickt auf Anfrage eine deutschsprachige Broschüre über Drehorte einer großen Zahl in Großbritannien gedrehter Filme.

Mit Fontane durch die Mark Brandenburg

Schloss Rheinsberg

Mit 30 Jahren machte der gelernte Apotheker Theodor Fontane (1819 -1898) das Schreiben zum Beruf, wurde Journalist, Theaterkritiker und später Romanautor von "Effi Briest" oder "Der Stechlin". Zwischen 1859 und 1889 entstanden die fünf Bände seiner "Wanderungen durch die Mark Brandenburg" - ausgiebige, liebevolle Beschreibungen eines Landstrichs, der wegen seiner kargen, sandigen Böden bloß immer als "Streusandbüchse der Nation" verspottet worden ist. Aber das Gute liegt so nah - zum Beispiel das Havelland mit seiner wunderschönen Seen-, Park- und Schlösserlandschaft, oder der einzigartige Spreewald. Und wenn Sie sich auf die Socken machen, dann können Sie vielleicht auch mit Fontane sagen: "Ich bin die Mark durchzogen und habe sie reicher gefunden, als ich zu hoffen gewagt hatte." Literaturreisen: "Auf den Spuren Theodor Fontanes", eine Woche (1. Juli - 7. August 2004) Sommerurlaub in der märkischen Heide bei Berlin veranstaltet das Nordelbische Frauenwerk, der Reisepreis pro Person im Einzelzimmer beträgt 795 Euro. Einwöchige "Wanderungen mit Fontane in der Mark Brandenburg" veranstaltet auch www.boehmen-reisen.de, Preis: ab 680 Euro pro Person.

Wales: Auf der Suche nach Dylan Thomas

"Ein paar Gedenkstätten, ein merkwürdiges Denkmal, ein paar vergilbte Fotos in verrotteten Kneipen, ein weißes Holzkreuz auf einem Friedhof - mehr haben wir eigentlich nicht gesehen, und doch war er überall...in der Melancholie der Landschaft und in den langen stillen Abenden am Meer, er war in den tristen Pubs und im Kreischen der Möwen..." Elke Heidenreich ist nach Wales gereist, um sich auf die Spuren des legendären Dichters Dylan Thomas zu heften, jenes "weltberühmten Unbekannten", dessen Todestag sich am 9. November zum 50. Mal jährt. Mehr...

Für Leser und literarische Laien

Gespräche, Seminare und Kurse zur Kunst-, Literatur- und Kulturgeschichte bietet der kleine Veranstalter Hamburger Literaturreisen seit fünf Jahren in der Hansestadt an. Bei dem Reiseangeboten geht es allerdings auch über die Landesgrenzen hinaus: Ins Wörlitzer Gartenreich zum Beispiel, wo sich die Teilnehmer mit Dichtung und Gartenkunst des 18. Jahrhunderts beschäftigen werden (4 Tage ab 434 Euro). Oder nach Berlin, wo sich Theaterfreunde von der 'Berliner Wundertüte' überraschen lassen dürfen - das Programm wird erst bei Ankunft in der Hauptstadt verraten (4 Tage kosten 419 Euro). Hamburger Literaturreisen, Flemingstr. 16, 22266 Hamburg, Tel. 040 / 46 88 23 87, www.hamburgerliteraturreisen.de.

Uta Bangert
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