Die Drôme

Schon merkwürdig: Alle lieben die Provence, aber kaum einer kennt die Drôme. Doch wer auf der Fahrt in den Süden Frankreichs rechtzeitig abbiegt, kommt aus dem Staunen und Schwelgen nicht mehr heraus.

Drôme? Dieses Département kennt kaum jemand, es ist selbst in Frankreich so unbekannt wie Marsanne oder etwa Oberaula. "Oberaula, 975 km" steht auf einem gelben Verkehrsschild an der einzigen großen Kreuzung in Marsanne. Deutsche Korrektheit mitten in der Drôme, wo die Einheimischen doch alle Entfernungen in Stunden angeben - und seelenruhig mitten auf der Straße anhalten, um uns den Weg zu weisen. Die Partnergemeinde läge demnach einen ganzen Tag weitentfernt, auf der Autobahn.

Um die Drôme zu bereisen, auf ihren kleinen Straßen und Wegen, braucht man länger. Viel länger. Die Zeit dafür aber nehmen sich bisher nur wenige. Die meisten fahren schnurstracks die Rhône entlang, um auf der "Route du Soleil" von Lyon nach Marseille und zum Meer zu gelangen. Dabei könnten sie hundert Kilometer südlich von Lyon abfahren bei Tain l'Hermitage, wo auf Kalkboden alte, kraftvolle Weine reifen, bei Valence, der größten Stadt der Drôme. Oder bei Montélimar, wo Zuckerbäcker seit Generationen Mandeln, Pistazien, Eiweiß, Lavendelhonig und Zucker zu weißem Nougat verschmelzen, in manchen Backstuben mit einem Hauch Orangenaroma verfeinert und mit Schokolade ummantelt.

Alte Dörfer mit Charme

Was für ein Land: ein wenig rau und spröde im Norden, flach und fruchtbar im Tal der Rhône im Westen, lieblich hügelig in der Mitte, wo sich das Flüsschen Drôme durch das Département schlängelt. Zerklüftet, mehr als 2000 tannen- und schneebedeckte Meter hoch in den Gebirgszügen des Vercors im Osten. Und schließlich weich und lavendeltrunken und marktbunt im Süden.

Die Drôme ist seit dem Mittelalter getupft mit solchen Dörfern: trutzige Steinhäuschen um ein Steinschloss und eine Steinkirche, umringt von einem trutzigen Wall auf einer Anhöhe. Viele der Villages perchés, der "befestigten Dörfer", wurden in (Nachbarschafts-)Kriegen zerstört, andere zerbröselte die Zeit. Einige der alten Dörfer sind nur noch ein Haufen Steine, andere wurden seit den 60er Jahren liebevoll restauriert. Es war der Beginn eines neuen Selbstwertgefühls in der Drôme, die sich immer grämte, keine Schlösser wie die an der Loire zu besitzen.

Die Berte Bleu

Abgeschiedener ist es wirklich nur noch in Auriples, und das sogar im Sommer. Wir sind von Marsanne herübergewandert. Stunde um Stunde, zuerst vorbei an dem Schild nach Oberaula, hinauf ins alte Dorf von Marsanne. Lange auf dem Kamm entlang, mit dem Tal zu unseren Füßen, ausgebreitet wie ein Flickenteppich, den der Wind kämmt. Eine Bäuerin fragen wir nach dem Weg. "Nach Auriples, was wollen Sie denn da", antwortet sie, "da gibt es doch nichts." Sie irrt. Außer einer Hauptstraße, einer Telefonzelle, einem Briefkasten, der Sprechstunde bei der Bürgermeisterin (freitags) und 270 Einwohnern - vor zwanzig Jahren waren es nur 90 - ist da das kleine Chambre d'hôtes, eine Art Bed & Breakfast, von Yves und Gilles. Die "Berte Bleue": ein Haus in den Farben des Südens; am Aufgang zu den Zimmern wachsen handgemalte Blüten, die Tapeten strahlen sonnig gelb. Auf dem Holztisch im Hauptraum steht eine große Schale, gefüllt mit grünen Blättern. Salat, denken wir beim flüchtigen Hinsehen. Es sind Lindenblüten - in Buis-les-Baronnies, ganz im Süden der Drôme, findet jeden ersten Mittwoch im Juli Europas größte Lindenblütenmesse statt, wo ganze Ballen für Tee verkauft werden. Zum Hinterausgang hinaus liegt der Swimming-Pool mit Blick über ein tiefes Tal auf den Vercors. In der Drôme hat man noch seine Ruhe und kann das Leben genießen.

Reiseservice

Telefon Vorwahl von Deutschland: 0033/4. Übernachten In der Drôme gibt es keine großen, unpersönlichen Hotels. Stattdessen liebenswerte kleine Häuser und Chambres d'hôtels/Maisons de Charme, die französische Variante von Bed & Breakfast, auf Wunsch oft auch mit Abendessen.

Le Sagnac: Bewirtschafteter Bauernhof in den Feldern hinter Marsanne; stilles Idyll und exquisite Küche; DZ/ Frühstück ab 50 Euro (Jean und Françoise Faugier, 26740 Sauzet, Tel. 75 46 71 78). La Maison Forte de Clérivaux: Wohnhaus aus dem 16. Jahrhundert, dezent mit alten Möbeln und orientalischen Badfliesen neu eingerichtet; Frühstück unter Zitronenbäumen, die Früchte aus dem Vorjahr stecken in der Marmelade; DZ/Frühstück ab 53 Euro, eine Ferienwohnung ab 460 Euro/Woche (Anne und Pierre Josquin, "Clérivaux", 26750 Châtillon-St. Jean, Tel. 75 45 32 53, Fax 75 71 45 43). Une autre maison: (Hotel/Restaurant): Oase mit zauberhaftem Garten (und Tischen) mitten in der Stadt Nyons, maurisch-mediterran ausstaffiert von einem Modefotografen. Sein Bruder Pascal Ruiz, ein ehemaliger Arzt, kümmert sich mit köstlichen Gerichten um Leib und Seele seiner Gäste; die sechs Zimmer sind blau, blassgrün oder auch rot gehalten; DZ/Frühstück ab 100 Euro (Place de la République, 26110 Nyons, Tel. 75 26 43 09, Fax 75 26 93 69).

Restaurants/Cafes

La Charrette: Lebendiges Café/Restaurant im Herzen von Romans mit einem Hauch von Montmartre, "Animation" am Wochenende. Gute Adresse für die traditionellen Ravioles, Teigtäschchen mit Frischkäse, Petersilie und Basilikum; Menüs ab 15 Euro (15, Place de l'Horloge, 26100 Romans, Tel. 75 02 04 25). Chez Margot: In dem Café/Restaurant trifft sich tout Mirmande und Umgebung; alte Schwarzweiß-Fotografien und Postkarten an den Wänden belegen, dass in dem Dorf viel los war, bevor es für Jahre verfiel; Kleinigkeiten, Menüs ab 13 Euro (26270 Mirmande, Tel. 75 63 08 05). La Treille Muscate: In dem Hotel/Restaurant in dem winzigen Töpferdorf Cliousclat isst man nordafrikanisches Couscous und gegrillte Ravioles, wer gar nicht mehr gehen will, mietet sich in einem der entzückenden Zimmer obendrüber ein; Zimmer ab 60 Euro (26270 Cliousclat, Tel. 75 63 13 10, Fax 75 63 10 79, www.latreillemuscate.com).

Sehenswert

Palais idéal du Facteur Cheval: In 33 Jahren baute der Landbriefträger Cheval vor hundert Jahren aus abertausenden von Kieseln sein "Schloss", eine Kreuzung aus hinduistischem Tempel, Moschee, Schweizer Chalet und Sandburg. Man kann nicht hineingehen, dazu ist es zu klein, aber man kann hinaufsteigen. Ein weltweit einmaliges Fantasiegebilde, dessen Bauherr verlacht, von Pablo Picasso aber als Schöpfer der dreidimensionalen surrealistischen Kunst angesehen wurde(26390 Hauterives, der Weg ist ausgeschildert, Tel. 75 68 81 19, Fax 75 68 88 15, www.facteurcheval.com). Tour de Crest: Frankreichs höchster Bergfried (52 Meter) diente früher als Gefängnis für Protestanten; von oben hat man auf Vogelflughöhe einen Panoramablick über das Städtchen Crest, Hügel und Berge und das Flüsschen Drôme(26400 Crest, der Weg ist ausgeschildert, Information beim Fremdenverkehrsbüro, Tel. 75 25 11 38). Schloss Grignan: Zeitreise für Kultururlauber. Das stattlichste Renaissance-Schloss in Südostfrankreich ist auch deshalb so berühmt, weil hier die Tochter von Madame de Sévigné gelebt hat. Dreimal hat die Marquise ihre Françoise-Marguerite besucht, im übrigen schickte sie ihre nicht minder berühmten rund 1500 Briefe, auf Grignan ist sie auch 1696 gestorben und begraben worden. (26230 Grignan, Tel. 75 46 51 56, Fax 75 46 94 05). Mémorial de la Résistance en Vercors: Eine Fahrt in den alpinen Teil der Drôme lohnt schon wegen der spektakulären Aussichten auf die Berge im Vercors und wegen der seitlich in den Fels gehauenen (sicheren) Straßen. In mehr als tausend Meter Höhe liegt das Museum zum Gedenken der Résistance-Bewegung, multimediale Ausstellung über die Zeit des Widerstands und seiner Niederschlagung. Die wenigsten Besucher kommen bisher übrigens aus Deutschland (Col de La Chau, 26420 Vassieux-en-Vercors, Tel. 75 48 26 00, Fax 75 48 28 67, www.memorial-vercors.fr). Markt in Nyons: Die Drôme ist gewissermaßen ein einziger Marktplatz, mit bunten Märkten in verschiedenen Dörfern und Städten an verschiedenen Tagen. Einer der schönsten ist donnerstags in Nyons, wo auch die Einheimischen ihre Körbe füllen: Früchte, Oliven (aus Nyons), Gemüse, Pflanzen, bunte Bast- und Stofftaschen, hübsche Kleider, kaum Tand. Internationales Schuhmuseum: Was über die Jahrtausende modisch war am Fuß, sieht man in den gut bestückten Ausstellungsräumen. Die Exponate, von der ägyptischen Papyrussandale bis zum zebragestreiften Designerschuh, machen eines deutlich: alles war schon mal da (Musée internationalde la chaussure, 2, rue Ste Marie, 26100 Romans-sur-Isère, Tel. 75 05 51 81, Fax 75 02 97 26, www.ville-romans.com).

Wandern und mehr

Die Drôme lässt sich wunderbar auf einer Auto-Rundreise erkunden. Einmal ausgestiegen, kann man aber auch (Eselwander-)reiten, Kanu- und Fahrrad fahren, klettern und wandern. Besonders schön, weil abwechslungsreich, ist für eine Tagestour die Strecke von Auriples nach Francillon-sur-Roubion. An Feldern, gelb blühenden Büschen und Kirschbäumen vorbei führt der Weg durch einen Weiler, über einen Fluss mit grauweißem Kieselbett, steil hinein in einen Buchenwald mit fantastischer Aussicht auf die Kirche von Soyans auf dem Felsbrocken gegenüber, durch Weinberge ins Tal von Saou.

Pauschal: WikingerIndividuell bietet eine Wanderreise zu den Bergdörfern zwischen Mirmande und Bourdeaux, von Unterkunft zu Unterkunft (auch einige der hier genannten), mit Gepäcktransport. Tagesetappen neun bis 18 km. Sieben Übernachtungen und Halbpension ab 560 Euro (Wikinger Individuell, Kölner Str. 20, 58135 Hagen, Tel. 023 31/90 48 04, Fax 90 48 91, www.wikinger.de).

Info

Material, auch über Festivals und spezielle Routen, versendet das Fremdenverkehrsamt/Comité Départemental du Tourisme de la Drôme (8, rue Baudin, 26000 Valence, Frankreich, Tel. 75 82 19 26, Fax 75 56 01 65, www.drometourisme.com) In Deutschland: Französisches Fremdenverkehrsamt Maison de la France, Westendstr. 47, 60325 Frankfurt, Tel. 01 90/57 00 25 (0,62 Euro/Minute), Fax 01 90/59 90 61, www.Franceguide.com.

Text Andrea Freund; Fotos: Bethel Fath
Themen in diesem Artikel

Unsere Empfehlungen

Brigitte-Newsletter

Brigitte-Newsletter

Trends und Tipps aus den Bereichen Mode & Beauty, Reise, Liebe und Kochen - lies zum Wochenstart das Beste von Brigitte.