Die Schönheit der Provence

Immer der Nase nach durch den Luberon, das heißt von Dorf zu Dorf die Farben der Provence entdecken.

Wer über den Luberon schreiben will, sagen die Provenzalen auf den Märkten und in den Dörfern, die wir durchfahren haben, der muss Morenas kennenlernen. Also sind wir mit unserem Auto die Berge hinter Apt hinauf geklettert, vorbei am Dörfchen Saignon, bis uns ein unscheinbarer Pfeil den Weg in die Wildnis wies: zur Jugendherberge Regain, deren Herbergsvater François Morenas ist, seit er nicht mehr wie nach dem Krieg mit einem Wanderkino und seinen Lieblingsfilmen durch die Orte seiner Heimat zieht.

Wer hier lebt, der hat es gut

Das alte Farmhaus klammert sich an den Berg, der schroffe Fels ragt vorwitzig ins Innere des Gebäudes. Seit dreißig Jahren teilt das Ehepaar Morenas seine Spitzenwohnlage mit Reisenden aus aller Welt. "Privatleben? Nein, wir haben immer im Kollektiv gelebt", sagt Morenas Frau Claude. "Sehen Sie die Schönheit der Natur. Die Berge, die Wiesen, die Kräuter, den Wald. Im Luberon zu wohnen, ist ein Luxus für reiche Pariser geworden. Bei mir bekommen Sie das Privileg für 145 Franc die Nacht.

Tagsüber sind die wahren Reichtümer der Region noch demokratisch verteilt: Wir schaukeln mit dem Auto durch die Talsenken und Bergdörfer zwischen Montagne du Luberon und dem Plateau de Vaucluse, und ich fühle mich fast ein bisschen erhaben. Die grün bewachsenen Berge räkeln sich wie Riesenpelztiere am Horizont, der Lavendel blüht protzig blau, Weinreben stehen in Reih und Glied, Kirschbäume tragen schwere, tiefrote Früchte, mittelalterliche Dörfer dösen unterm klaren Himmel, und über allem schwebt mein touristischer Seufzer: Wer hier lebt, der hat es gut.

Normale Touristen werden private Gäste

Wir wohnen bei Pascal und seiner Frau, die alle nach ihrem Lieblingsgetränk nur Marie "Champagner" nennen. Wir streichen zum Frühstück im Garten fingerdick seine selbst gekochte Marmelade aufs Brot und hängen unsere Füße in seinen Pool. Pascal ist Modefotograf aus Paris, seine Frau war früher PR-Beraterin. Fast sieht es aus, als seien wir gute Bekannte, so selbstverständlich genießen wir die reichen Freuden seines ockerfarbenen Refugiums. Ein kleines Schild am überwachsenen Holztor des Anwesens erklärt, warum wir das dürfen: "Chambres d ?hôtes" heißt das Zauberwort, das aus ganz normalen Touristen private Gäste macht. Alteingesessene Provenzalen und neureiche Gutsbesitzer teilen auf individuelle Weise den begehrten Wohnsitz, vermieten Gästezimmer im eigenen Haus, servieren Mahlzeiten am eigenen Esstisch.

Wir haben als Hausgäste auf unserer Reise schon viele imaginäre Bekannte gefunden, die es gegen Bezahlung sehr gut mit uns meinten. Bei Avignon saßen wir - kaum angekommen - am runden Dreh-Esstisch von Olga Manguin, der einst beliebtesten Restaurantbesitzerin der Stadt: den Kopf ganz schwindelig vor Glück über eisgekühltem Roséwein und frischen Austern, die vor uns Karussell fuhren, bis der Eiweißschock drohte.

Eine seltsam verwandte Sippschaft

Jenseits der Höhen im südlichen Lourmarin jagten wir mit Madame Lassallette ihren exotischen Hahn im ebenso wilden Garten und begutachteten auf ihrem Balkon die verkorksten Produkte der amerikanischen Malklasse, die bei ihr wohnte. Wir waren, wie Olga Manguin das Prinzip knapp und treffend erklärte: "toujours en famille." Ein trautes Gefühl, das uns bei unserer Fahrt durch den Luberon von Avignon nach Aix-en-Provence nie ganz verlassen hat. Fast so als sei die dünn gestreute Bevölkerung, die sich in festungsartigen Dörfern wie Menérbes, Roussillon, Goult oder Bonnieux um kleine Bergspitzen drängt oder in den Talsenken einsame Höfe pflegt, eine seltsam verwandte Sippschaft.

Das Prinzip des puren Genusses

Täglich zur Mittagszeit ist die kleine Welt zwischen den Bergen auf jeden Fall in Ordnung. Dann trifft man sich, egal wie lange man schon in der Gegend weilt, zum Essen, etwa im Café de la Poste auf dem kleinen Dorfplatz von Goult. Nach jedem üppigen Mahl ist das Gefühl besonders stark, das einen in diesem Landstrich, der so betörend nach Lavendel und Knoblauch duftet, beschleicht: Ich gehe hier keinen Meter mehr weg.

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Text: Martina Wimmer
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