Die Stars von Flandern: Antwerpen, Brügge, Gent

Nirgendwo sonst gibt es so eine tolle Mischung aus Alt und Neu, so viele Modedesigner, so aufregende Architektur und hübsche Cafés an jeder Ecke.

Antwerpen: Wo Stil zuhause ist

Wenn Antwerpener von ihrer Stadt sprechen, dann hört sich das an, als schwärmten sie von einer schönen Frau. Einer sehr schönen Frau. Die rund eine halbe Million Einwohner, ein aus 160 Nationen bestehender Mix meist zurückhaltend-freundlicher Menschen, sind der größte Reichtum der belgischen Stadt. Man sieht sie viel draußen sitzen, dicke Pommes und Pralinen essen - und in der Regel sehen sie, egal, was sie gerade tun, umwerfend aus.

Überhaupt ist Antwerpen reich. Die Stadt setzt mehr Diamanten um als jede andere, hat einen der größten Häfen Europas, einige der besten Restaurants, ganze Straßenzüge aus Barock und Jugendstil, Rubensbilder ohne Ende, eine berühmte Modeschule und mehrere Shoppingmeilen. Und Antwerpen ist nicht einfach nur schön, an manchen Ecken zelebriert es auch den Reiz des Unfertigen und Unspektakulären. Wobei auch das hier immer irgendwie gut aussieht. Was die Stadt so besonders macht, sind die vielen hübschen Ecken, die Details, die man überall entdecken kann: Hinterhöfe in der Altstadt, kleine Galerien, umfunktionierte Lagerhäuser im Hafenviertel Het Eilandje, wo immer mehr Bars und Klubs aufmachen.

Sogar die Tiere im Zoo leben hier in Jugendstilställen, und eine Madonna trägt Designerklamotten: Ganz hinten in der Kirche Sint-Andries steht diese kleine Figur, in einem Kleid mit Federkragen, entworfen von Ann Demeulemeester. Die gehört zu den legendären "Antwerp Six", einer Gruppe von sechs Designern, die Anfang der 80er Jahre hier ihren Abschluss machte, mit einem gemieteten Lkw nach London fuhr und Mode aus Antwerpen weltberühmt machte. Und dann hat diese reizvolle Stadt noch einen seltenen Reichtum: Platz. Drängelig wird es allenfalls im Rubenshaus, der Liebfrauenkathedrale, auf dem Grote Markt. Auf den unzähligen anderen Plätzen kann man in Ruhe einen Kaffee trinken. Und dann durch Straßen spazieren, wo einfach gewohnt wird - nur eben besonders stilvoll.

Reise-Tipps Antwerpen

Hotel Julien

Übernachten:

Hotel Julien: Sehr gelungene Kombination aus minimalistischem Design und Elemente eines alten Gebäudes: schlicht-schöne Oase in einem Haus aus dem 16. Jahrhundert mitten in der Altstadt. Elf Zimmer auf verschiedenen Ebenen, ruhiger Innenhof, fürstlicher Essensraum (DZ/F ab 165 Euro, Korte Nieuwstraar 24, 2000 Antwerpen, Tel. 229 06 00, www.hotel-julien.com.

m08S1: Perfekte, zentrale Unterkunft für alle, die sich autark durch die Stadt bewegen wollen. Den Schlüssel bekommt man im gleichnamigen Laden im Erdgeschoss (und dazu Rabatt auf die wunderschönen Ledertaschen in tollen Farben). Frühstück - auch ein spätes - gibt es bei "Le Pain Cotidien" um die Ecke. Die drei Zimmer sind hell, geräumig und dabei sehr gemütlich (DZ ab 120 Euro, Narionalestraat 19, Antwerpen, Tel. 297 60 66, www.m0851.be).

Hotel The Black: Hinter einer Schnörkelfassade an der trubeligen Amerikalei eröffnete 2009 dieses Hotel mit vier Zimmern - alle mit Badewanne und komplett in Schwarz-Weiß gestaltet. Das Frühstück gibt es in der Nähe im "Nero" oder im "Momade", beides beliebte Frühstückscafés (DZ/F ab 135 Euro, Amerikalei 113, 2018 Antwerpen, Tel. 29842 98, www.hoteltheblack.be.

Anschauen:

Museum van Hedendaagse Kunst: Die Kunstwerke sind nicht älter als 40 Jahre und teils sehr experimentell. Der Bau: ein ehemaliger Getreidespeicher. Café mit schönem Blick in der obersten Etage. Di-Mi und Fr-So 11-18 Uhr, Do 11-21 Uhr (Leuvenstraat 32, Antwerpen, Tel. 260 99 99, www.muhka.be.

ModeNatie: Dreh- und Angelpunkt der Modeszene mit dem "Flanders Fashion Institute" und dem Modemuseum. Wer Kunst-, Design- und Architekturbücher mag, wird hier im "Copyright Bookshop" Stunden verbringen (Nationalestraat 28, Antwerpen, Tel. 03 - 232 94 16, www.modenatie.com

Shoppen:

Designcenter De Winkelhaak: Ausgefallene Mitbringsel und lustige Design-Ideen: In dem Laden am Eingang gibt es lustigen Designerkram. Und zweimal im Jahr, im Januar und am letzten Samstag im Juni, findet hier der Flohmarkt "Dubieus Design" statt, mit hunderten Designklassikern (Lange Winkelhaakstraat 26, 2060 Antwerpen, Tel. 727 10 30, www.winkelhaak.be.

Genießen:

Zoro: Schönes Restaurant an einem schönen Platz im schönen Viertel Het Zuid. Und das Allerschönste: die Kunstwerke auf den Tellern. In der Küche lässt man sich aus aller Welt inspirieren, es gibt z. B. Salat mit Tandoori-Hühnchen oder Tunfischsteak mit Roter Bete und Ziegenkäse (Hauptgerichte um 20 Euro, Leopoldplaats 5, 2018 Antwerpen, Tel. 232 3 1 00, www.zoroandapony.be

Dome sur Mer: Eines der besten Restaurants der Stadt im architektonisch herausragenden Viertel Zurenborg. Gleich nebenan gibt es Delikatessen zum Mitnehmen, im dazugehörigen Laden "Domesric": Gourmetsoßen, Crissini und unwiderstehliche Törtchen (Arendstraat 1, 2081 Antwerpen, Tel. 03 - 281 74 33, www.domeweb.be.

Fiskebar: Fisch, Schalentiere und Muscheln vom Feinsten und in allen Varianten in schlicht-schönem Ambiente an einem der netten Plätze des Viertels Het Zuid (Marnixp laats 12/13, Antwerpen, Tel. 257 13 57, www.fiskebar.be.

Lombardia: Selten, dass ein richtig nettes Cafe mitten im Shoppinggebiet liegt, so wie dieses. Es gibt frisch gepresste Säfte und mit viel Grün belegte Sandwiches. Und man sitzt sehr gemütlich. Wer dann wieder genug Energie hat: Der nächste Schuhladen ist gleich vor der Tür (Lombardenvest 78, 2000 Antwerpen, www.lombardia.be.

Brügge: Schönes Dornröschen

Auf meiner Reise durch Flandern hatte ich mich so gut vorbereitet! Mit melancholischen Chansons, in denen Jacques Brel von verregneten Horizonten des flachen Landes singt. Mit der berühmten Novelle "Bruges-la-morte" (Das tote Brügge), in der Georges Rodenbach der Stadt Brügge schaurige Schwermut andichtet. Schließlich auch mit gastronomischen Gerüchten, wonach die Belgier vor allem Pommes frites zum Fressen gern haben. So fuhr ich los.

Bis Brüssel sah ich Flandern nur flach und ziemlich x-beliebig. Dann wurde die Landschaft zunehmend üppiger, wie ein gut gedeckter Tisch.

Brügge - die Stadt leuchtet geradezu. Von Schwermut, gar schauriger, keine Spur. Wer in Brügge mal nach Herzenslust melancholisch sein will, der wird es höchstens angesichts der hohen Preise, die in den Restaurants auf den Speisekarten stehen.

Das Stadtbild hat sich seit dem späten Mittelalter kaum verändert. Brügge ist ein Dornröschen, das vor mehreren Jahrhunderten in den Schlaf gefallen ist. Und obwohl es jeden Morgen von den Touristen wachgeküsst wird, träumt es, gleichsam mit offenen Augen, weiter von zierlichen Stufengiebeln, Türmchen und Winkelgässchen.

Eine kleine, überschaubare Stadt. Knapp 120 000 Einwohner. Kein einziges Hochhaus. 1992 wollte ein amerikanischer Hotelkonzern im Stadtkern ein 20stöckiges Betten-Babel hochziehen. Die US-Manager powerten, doch die Brügger winkten ab. Keine Donuts für Dornröschen! Jedes Gebäude, das nicht älter als 200 Jahre ist, gilt hier als Neubau.

Auf geht's. Vorbei an einer langgestreckten gotischen Fassade. Das Rathaus. Als es gebaut wurde, im 14. Jahrhundert, war Brügge eine der reichsten und am dichtesten bevölkerten Städte des Kontinents. In den Lagerhäusern am Binnenhafen stapelten sich kostbare Stoffballen und Säcke mit teuren Gewürzen. Berühmte Künstler kamen und blieben; und eine polyglotte Bande von Bankiers fuhr in vergoldeten Kutschen von Profit zu Profit.

Brotzeit in der Liebfrauenkirche

"Brügge ist ein goldenes Geschmeide, darin die Liebfrauenkirche als kostbarster Edelstein strahlt", schrieb der große Maler Hans Memling, der im 15. Jahrhundert als Zugereister am Rozenhoedkaai lebte und arbeitete. Ich kann dem Meister nicht widersprechen. Im Kölner Dom oder in der Pariser Notre-Dame hat man immer ein schlechtes Gewissen, weil man nicht auf Zehenspitzen geht. In der Brügger Liebfrauenkirche aber fühlt sich jeder sogleich wie ein gerngesehener Gast. Keiner stört sich beispielsweise an dem älteren Mann, der in der ersten Reihe vor dem Altar sitzt und andächtig Brotzeit macht. Auf dem blau-weiß-karierten Tuch, das er neben sich ausgebreitet hat, liegen Wurst, Käse und eine halbe Baguette, und aus einer Thermosflasche dampft es verheißungsvoll.

Vor der hüfthohen Absperrung einer Seitenkapelle drängt sich eine japanische Reisegruppe und bestaunt eine Skulptur, die etwa 15 Meter von den gezückten Fotoapparaten entfernt hinter einer kugelsicheren Glasscheibe steht. An der Decke sind mehrere Überwachungskameras installiert. Es heißt, der amerikanische Pop-art-Master Andy Warhol sei kurz vor seinem Tod nur aus einem einzigen Grund nach Europa gejettet - er wollte in der Brügger Liebfrauenkirche dieses eine Kunstwerk aus weißem Marmor sehen: "Madonna mit Kind" (1503-1504) von Michelangelo Buonarroti.

Die Museen sind selbst museumsreif

Rund um die Liebfrauenkirche liegen die wichtigsten Museen der Stadt. Keine modernen Vitrinenbauten; die Schatzkammern von Brügge sind selber museumsreif. Etliche Meisterwerke von Hans Memling hängen in einem ehemaligen Krankensaal des im 12. Jahrhundert erbauten Sankt-Janshospitals. Im benachbarten Groeningemuseum, das weltberühmte Gemälde von Hieronymus Bosch, Jan van Eyck, Pieter Bruegel d. J. ("Höllenbruegel") und Rogier van der Weyden besitzt, lebten einst Nonnen in klösterlicher Ruhe.Im Brangwyn-Museum will ich mir nur rasch eine hochgelobte Kollektion von Spitzen anschauen - und lande unversehens in der Mitte des vergangenen Jahrhunderts. Damals war das einst so glanzvolle Handelszentrum völlig verarmt, die Hälfte der Bevölkerung lebte von Almosen. In jener Zeit klöppelten hier mehr als 10 000 Frauen Spitze. Für einen Hungerlohn.

Rund um die Liebfrauenkirche liegen die wichtigsten Museen der Stadt. Keine modernen Vitrinenbauten; die Schatzkammern von Brügge sind selber museumsreif. Etliche Meisterwerke von Hans Memling hängen in einem ehemaligen Krankensaal des im 12. Jahrhundert erbauten Sankt-Janshospitals. Im benachbarten Groeningemuseum, das weltberühmte Gemälde von Hieronymus Bosch, Jan van Eyck, Pieter Bruegel d. J. ("Höllenbruegel") und Rogier van der Weyden besitzt, lebten einst Nonnen in klösterlicher Ruhe.Im Brangwyn-Museum will ich mir nur rasch eine hochgelobte Kollektion von Spitzen anschauen - und lande unversehens in der Mitte des vergangenen Jahrhunderts. Damals war das einst so glanzvolle Handelszentrum völlig verarmt, die Hälfte der Bevölkerung lebte von Almosen. In jener Zeit klöppelten hier mehr als 10 000 Frauen Spitze. Für einen Hungerlohn.

Reise-Infos Brügge

Hotel Egmond

Übernachten:

"Hotel Egmond": kleines, neogotisches Hotel mit nur acht Zimmern am idyllischen Minnewaterpark (DZ/F ab 89 Euro, Minnewater 15, Brügge, Tel. 34 14 45, www.egmond.be).

"Europ" liegt an einem der typischen Kanäle, 28 Zimmer (DZ ab 63 Euro, Augustijnenrei 18, Brügge, Tel. 33 79 75, www.hoteleurop.com).

"De Pauw": Kleines Familienhotel mit acht Doppelzimmern mit Blick auf die St. Gilliskerk, Grabkirche des berühmten Malers Hans Memling (gestorben 1494) (DZ/F ab 80 Euro, St. Gilliskerkhof 8, 8000 Brugge, Tel. 33 71 18/33 41 11, www.hoteldepauw.be).

Genießen:

"Den Gouden Harynck", kleines exquisites Restaurant. Spezialitäten: gewürfelte Jakobsmuscheln und geräucherter Hummer auf Feigenchutney. (Groeninge 25, 8000 Brügge, Tel. 33 76 37, www.goudenharynck.be; 12-14 und 19-22 Uhr, So/Mo geschlossen, unbedingt für abends reservieren!).

Wer sich mittwochs im "Hobbit" gegrillte Rippchen bestellt, wird live mit französischen Chansons, Bossa Nova und Zigeunerklängen unterhalten (Kemelstraat 8, Brügge, Tel. 33 55 20, www.hobbitgrill.be, Mo-Fr 18-1, Sa/So 12-1 Uhr).

Nach Großmutters flämischen Bierrezepten wird in "Den Dyver" u.a. die Rotbarschterrine mit Weißbier zubereitet (Dyver 5, Brügge, Tel. 33 60 69, www.dijver.be, außer Mi 12-14, 18-22.30 Uhr).

Gent: Stadt zwischen Prunk und Pommes

Ein Ausflug nach Gent, etwa eine Autostunde von Brügge entfernt. Hier gibt es tatsächlich Frittenbuden. Auch der Schwermut könnte ich hier anheimfallen. Gent funkelt nicht. Brügge lebt seine Vergangenheit, Gent aber kokettiert nur mit ihr. All die uralten Häuser, Handelskontore, Kirchen, Paläste, Kanäle, Brücken und Museen wirken wie Dauerleihgaben der Tourismusindustrie. Eine Stadt zwischen Prunk und Pommes. So scheint es mir.

Sogenannte "Sehenswürdigkeiten" (ein liebloser Begriff, der mir in Brügge nie in den Sinn käme) hat Gent auch zu bieten. So wird an der Graslei und am Koremarkt angeblich emsiger fotografiert als an jedem anderen Ort im Königreich Belgien. Die beiden Altstadtstraßen, die am Ufer der Leie entlangführen, sind ein Freilichtmuseum historischer Baustile: Restaurierte Fassaden alter Gilde- und Speicherhäuser erzählen mit der Strenge der Brabanter Gotik und mit der bürgerlichen Pracht der Genter Renaissance vom Handel und Wandel vergangener Epochen. Gegen Mittag gehe ich in die dreischiffige Kathedrale Sint Baafs, auch St. Bavo genannt.

Eine halbe Stunde, mehr Zeit will ich hier nicht verbringen. Aber ich bleibe bis zum späten Abend. Es ist der "Genter Altar", der mich nicht loslässt. Auf den zwölf Bildtafeln des anno 1432 vollendeten Meisterwerks schufen die Brüder Hubert und Jan van Eyck einen wahrhaft "bildschönen" Kanon mittelalterlicher Frömmigkeit. Die flämischen Meister erzählen und deuten weniger mit ihren Figuren als mit den Farben. So entdecke ich, dass ein ganz bestimmtes Rot der Paradiesszene auch auf dem Gewand der Mutter Gottes leuchtet. Zum Niederknien schön.

Reise-Infos Gent

Übernachten:

"Pakhuis", der Geheimtipp für Austernliebhaber. Wöchentlich wechselnde Menüs (Schuurkenstraat 4, Gent, Tel. 2 23 55 55, www.pakhuis.be, Mo-Fr 12-14.30, 19-24 Uhr; Sa 19-24, So 18-23 Uhr).

"Erasmus Hotel" - schöner Renaissancebau (16. Jh.) mit stilvollen Doppelzimmern; vier Zimmer zum liebevoll restaurierten Garten hin gelegen (DZ/F ab 9 Euro, Poel 25, Gent, Tel. 2 24 21 95/2 25 75 91, www.erasmushotel.be).

"Gravensteen": Gegenüber dem "Haus der gekrönten Häupter" ein Empire-Hotel mit 27 Zimmern (DZ/F ab 75 Euro, Jan Breydelstraat 35, 9000 Gent, Tel. 2 25 11 50, www.gravensteen.be ).

"IBIS Centrum Kathedraal": Ideale Lage im historischen Stadtkern gegenüber der St. Baafskathedraal; 120 Zimmer (DZ ab 75 Euro, Limburgstraat 2, 9000 Gent, Tel. 2 33 00 00, www.ibishotel.com).

Genießen:

Im "Macondo" wird "Taushe", ein afrikanischer Eintopf mit Tomaten, Erdnüssen und "saka-saka", Maniokblättern mit Chinakohl und Koriander serviert (Steendam 66, Gent, Tel. 2 25 31 95, außer Di 17.30-22.30 Uhr).

Für belgische Pralinen - weltberühmt - mit Walnuss, Orangen-Buttercreme und Mandelnougat, auch für Diabetiker, ist "Daskalides" d i e Adresse in Gent (Skaldenstraat 11, www.daskalides.be, tgl. 9.30-18 Uhr).

Fotos: Mark Seelen
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