Radtour durch Yorkshire: Linksverkehr? Welcher Verkehr?

Yorkshire im Norden von England ist eine herrlich verträumte Gegend, ideal für eine große Radtour zu Schlössern, Pubs, B & Bs und liebenswerten Briten.

Was ich mir von einer Radtour im ländlichen Nordengland bestenfalls erhofft hatte, war etwa Folgendes: grüne Landschaften mit niedlichen Lämmern auf der Wiese, pittoreske Kopfsteinpflaster Dörfer mit eichenholzgetäfelten Pubs sowie entzückende kleine B & Bs, wo mir morgens eine freundliche ältere Lady Rührei nach Wunsch zubereitet. Und das alles, bitte, bitte, ohne allzu viel Regen. Daran geglaubt hatte ich jedoch nicht wirklich. Weshalb mich im Zug von Manchester nach York kurz die Panik packte, weil ich vergessen hatte, die Gummigamaschen zu kaufen. Ausgerechnet! Zu denen hatte mir ein radtourenerfahrener Freund dringend geraten: "Die brauchst du! Wenn die Schuhe nass sind, macht die ganze Tour keinen Spaß mehr." Kann sein, dass er recht hat. Konnte ich nicht herausfinden. Denn was ich bei meinen Radferien durchs ländliche Nordengland auf fast immer autofreien Radwegen bekam, war: alles - Lämmer, Pubs, B & Bs -, was ich mir erhofft hatte. Und das bei strahlend blauem Himmel und 24 Grad.

Touristenmagnet von York ist das Minster: Die gotische Kathedrale, 1472 fertiggestellt, gehört zu den größten in Europa

Aufgebrochen waren Fotograf Alex und ich in York, Zwischenzieletappe der diesjährigen Tour de France und mit ihren mittelalterlichen, engen Gässchen, der riesigen gotischen Kathedrale und den historischen Gebäuden für viele Touristen DAS Ziel in Yorkshire.

Für wie viele Touristen, merken wir schon am Bahnhof, als wir uns durch ein Gewusel von Reisegrüppchen drängen. Alex und ich sind uns schnell einig: Die Stadtbesichtigung verschieben wir auf das Ende unserer Reise, quasi als Höhepunkt. Jetzt schwingen wir uns lieber direkt auf unsere Leihräder, die schon bei unserer Ankunft am Bahnhof bereitstehen. Genauso wie Sally vom Fahrradtouren-Veranstalter, die uns unser schweres Gepäck abnimmt, um es dankenswerterweise mit dem Auto zur ersten Unterkunft zu transportieren. So hatten wir es gebucht, denn ja, ich gebe es zu: Wir mögen es auch auf Radtouren lieber etwas bequemer.

Wir brauchen keine zehn Minuten, dann sind wir weg. Weg von den Menschen, weg von der Stadt. Es geht zunächst am Ouse-Fluss entlang, Vögel zwitschern, Schmetterlinge tanzen um uns herum (ziemlich viele Mücken allerdings auch, wie ich abends an meinen heftig juckenden Knöcheln bemerke). E inen ersten Stop machen wir an der Beningbrough Hall, einem unvermittelt aus dem Nichts auftauchenden Herrenhaus aus dem 18. Jahrhundert. Heute ist es ein Museum, aber früher wohnte hier mal ein Adeliger namens John Bourchier: "Wenn Sie genau hinschauen, finden Sie seine Initialen in die Schnitzereien an der Decke eingearbeitet. Aber es ist ziemlich schwer zu sehen", erklärt uns Rosemary. Rosemary ist Rentnerin, einmal die Woche fährt sie von Harrogate nach Beningbrough, um hier unentgeltlich als "Volunteer" zu arbeiten und Besuchern wie uns immer wieder den gleichen Raum zu erklären. Und warum? Sie strahlt: "Oh, I just love this place!"

Im Pub "Durham Ox" in Crayke gibt es gutes Bier, gutes Essen und manchmal auch gute Musik

Ich liebe diesen Ort: Das denke ich auch bei unserer ersten Unterkunft in einem fast 300 Jahre alten Pub namens "Durham Ox". Ich habe ein riesiges Zimmer in einem umgebauten Farm Cottage, und im Pub selbst ist nicht nur das Bier, sondern auch die Küche so gut, dass sogar die klassische Fish & ChipsBeilage "Mushy Peas" - also nichts anderes als schnöde zerdrückte Erbsen - fast wie ein Gourmetgericht schmeckt. Perfekter Ausklang eines Tages. Nur haben wir ein bisschen wenig geradelt für meinen Geschmack. Und morgen laut Plan auch wieder nur 23 Meilen, also nicht mal 40 Kilometer. Ich sage zu Alex: "Ganz schön kurz."

"Ganz schön lang", maule ich am nächsten Tag, als Alex und ich auf einen nicht enden wollenden Hügel zwischen Kilburn und Sutton Bank hochschieben. Hier im Sattel sitzend hochzukommen haben wir längst aufgegeben, nachdem wir schon morgens durch eine Landschaft gestrampelt sind, die nicht ohne Grund "Howardian Hills" heißt. Aber, das muss man fairerweise sagen, auch völlig zu Recht als "Area of Outstanding Natural Beauty" ausgewiesen ist.

Nicht nur die Landschaft, auch die Dörfer auf dem Weg waren bezaubernd: Da war Coxwold, wo wir uns den verwunschenen, völlig touristenfreien Garten der "Shandy Hall" angesehen haben - das kleine Haus heißt so, weil hier im 18. Jahrhundert der Schriftsteller Laurence Sterne gelebt hat, Verfasser des Mammutwerks "Leben und Ansichten von Tristram Shandy, Gentleman". Das zweite große Interesse des Kurators der Shandy Hall gilt (neben dem für Laurence Sterne, offensichtlich) übrigens nachtfliegenden Kleinschmetterlingen, weswegen wir auch noch pflichtbewusst seine Ausstellung "Kaleidoskop der Motten" angeschaut hatten.

Von Kilburn aus hatten wir dann auch schon das fast 100 Meter lange, als Landschaftskunst in einen gegenüberliegenden grünen Hügel gehauene "White Horse" gesehen. Der Hügel sah sehr, sehr steil aus. Und natürlich ist es genau der Hügel, auf den wir jetzt gerade hochschieben.

Als wir nach einer gefühlten Ewigkeit oben ankommen, werden wir dafür mit einer flachen Fahrt zur Rievaulx Abbey belohnt. Und schon der erste Anblick dieser großen Klosterruine aus dem Mittelalter inmitten eines grünen Tals ist atemberaubend und entschädigt für alles: ein Bauwerk so voller Würde und Erhabenheit, dass dem auch tausend Jahre Verfall nichts anhaben können.

Unser Etappenziel für heute ist Helmsley. In Helmsley scheint die Zeit stehen geblieben zu sein, im guten Sinne: In dem Laden für "Traditional Sweets" steht tatsächlich ein Fräulein mit Schürze, das Bonbons lose aus großen Gläsern verkauft. In dem Geschäft für "Werkzeuge, Farben und Tierfutter" beraten einen ernsthafte Männer in grünen Kitteln, die aus den Tiefen ihrer Regale tatsächlich auch so etwas Neumodisches wie einen UK-Adapter für deutsche Handy-Ladekabel hervorkramen. Und dann gibt es da noch die Werkstatt von "Stick Man" Keith Pickering: handgeschnitzte Spazierstöcke, individuell auf Bestellung gefertigt, kleine Kunstwerke mit Enten( beliebt bei Jägern) oder Fischköpfen (beliebt bei Anglern) oder was immer sonst das Herz begehrt. Keith kommt mit den Aufträgen kaum nach. Wer bei ihm einen Stock bestellt, muss derzeit mit rund einem halben Jahr Wartezeit rechnen (Internetseite: www.thestickman.co.uk). Die Nachfrage nach Spazierstöcken ist in England offenbar groß.

Ja, in Yorkshire fährt man oft auf völlig autofreien Wegen. Aber sie sind nicht immer so flach wie hier...

"Kennt ihr den Film ‚Eine zauberhafte Nanny' mit Emma Thompson? Ich habe den Zauberstock der Nanny gemacht - meine berühmteste Arbeit", sagt Keith. "Danach fragen mich viele. Leider muss ich dann sagen: Ich kann den Stock machen, aber ich kann nicht die Zauberkräfte hinzufügen." Viele seien dann sehr enttäuscht.

Wir dagegen brauchen keinen Zauberstab, um den Radfahrtag magisch zu finden. Da ist diese köstliche Meerfo-relle in einem, ja, zauberhaften, reetgedeckten Gasthaus im Dörfchen Harome. Dann die Begegnung mit den Pfauen im Garten der Nunnington Hall. Und schließlich Castle Howard, ein fast etwas zu pompöses Schloss, umgeben von einem riesigen Landschaftspark inklusive Wald, Weide und See zum Bötchenfahren. Den Obelisken, der die Einfahrt markiert, können wir schon aus etlichen Kilometern Entfernung sehen. Bis wir wirklich da sind, vergeht allerdings eine gute halbe Stunde. Zu spät für eine Besichtigung des Schlosses, das heute Nachmittag für eine Hochzeit vermietet ist. Macht gar nichts. An einem sonnigen Tag wie diesem ist es ohnehin viel schöner, auf dem adeligen Rasen zu liegen und feixend zuzugucken, wie sich die Braut mit ihrer überdimensionierten Schleppe in einen Bentley quetscht, der nicht anspringt.

An unserem letzten Pedaltag gibt es auf dem Weg keine Sehenswürdigkeiten mehr - die Gegend an sich ist die Sehenswürdigkeit: In langen Abfahrten sausen wir mit wehenden Haaren durch die Yorkshire Wolds, die der Maler David Hockney in seinen Landschaftsbildern verewigt hat, vorbei an Schafen, grünwiesigen Hügeln und zotteligen Rindern. Viel zu schnell sind wir in York, am Ende unserer Rundtour.

Das ist nicht der Bahnhof von York, sondern das fabelhafte Eisenbahnmuseum, mit Waggons aus Zeiten, als Zugfahren noch Abenteuer war

Eigentlich hatte ich gedacht, dass York der Höhepunkt der Reise werden würde. Die Stadt ist tatsächlich sehr schön und hat viel zu bieten: den mittelalterlichen Stadtkern, die imposante Kathedrale, ein tolles Eisenbahnmuseum, ein tolles Wikingermuseum (mit animierten, sprechenden Wikingerpuppen in Lebensgröße!), Tea Rooms, Pubs, kleine Läden und, jedenfalls dem großen Angebot an "Ghost Walks" nach zu urteilen, jede Menge in alten Gemäuern rumspukende Geister. York ist fabelhaft, und die Touristen haben recht. Aber der Höhepunkt unserer Reise ist es nicht. Das war der Weg an sich. Auf dem Fahrrad.

Bei unserem abendlichen "Ghost Walk" in York sehe ich übrigens keinen einzigen Geist. Ich sehe nur im Spiegel meinen Sonnenbrand auf der Nase. Nach fünf Tagen Nordengland. Irgendwie auch gespenstisch.

Auf dem Rad durch Yorkshire - idyllische Dörfer, viele Schafe, nette Pubs (und ein paar Hügel ...)

Text: Sonja Niemann Fotos: Alex Masi BRIGITTE
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