Es war einmal in Südafrika ...

BRIGITTE-Redakteurin Claudia Münster hat Frauen in Südafrika getroffen und ihre Geschichten aufgeschrieben. Geschichten von Liebe und Hass, Hoffnung und Neuanfang. In einem Land, das verzaubert.

Weite Sicht: der Blyde River Canyon in der Nähe des Krüger-Parks. Die Felsschlucht ist bis zu 700 Meter tief.

Der Sonnenuntergang im Busch. Die Aussicht aus zwei Meter Höhe, vom breiten schaukelnden Rücken eines Elefanten. Der Wind am Kap der Guten Hoffnung. Der Geschmack von Antilopenfilet und Straußensteak, der samtige Rotwein in Stellenbosch. Das Schnurren eines zahmen Geparden, meine Finger in seinem struppigen Fell. Das Lagerfeuer und dieser weite wahnsinnige Sternenhimmel. Ich war in Südafrika. Großes Kino. Aber das ist es nicht allein. Das ist nicht der Grund, warum ich sofort wieder hinfliegen möchte. Warum mir mein Land seit meiner Rückkehr so eng und zaudernd und ratlos vorkommt. Ich war in Südafrika und habe Frauen getroffen und ihre Geschichten gehört, und wenn diese Reise wie ein Film war, dann sind es diese Nahaufnahmen, die das große Kino ausmachten.

Aussicht vom Tafelberg auf Kapstadt, Blick auf Downtown Johannesburg, Waterfront in Kapstadt

Als der Vater von Busisiwe Mahlaba, 32, vor einem Jahr starb, ließ sie im Garten seines Hauses eine Kuh schlachten, eine weiße Kuh mit schwarzen Flecken. Was ganz normal ist, wenn du eine Zulu-Frau bist, aber doch schon befremdlich, wenn das Haus in einem vorwiegend von gut situierten Weißen bewohnten Stadtteil von Johannesburg liegt. Und wenn die Tochter des Verstorbenen in einem modernen Büro als Chefredakteurin eines Frauenmagazins gerade am neuen Editorial schreibt. "Ich kann meine Wurzeln nicht aufgeben", sagt Busi. "Wer die Apartheid erlebt hat, der wirft weder seine Vergangenheit weg noch seine Traditionen."

Als Kind hat Busi eine Missionsschule besucht. Busi war das einzige schwarze Kind in ihrer Klasse, sie war sieben und sprach damals noch kein Wort Englisch. Als alle einen Ausflug ins Planetarium machten, musste sie draußen bleiben und warten. Kein Zutritt für Schwarze. 25 Jahre später geht Mrs. Mahlaba auf ein Führungskräftetreffen ihres Verlages, mehr als hundert Leute sind im Raum - und sie ist die einzige schwarze Person. "Wir haben einen weiten Weg hinter uns", sagt Busi, "aber es ist nicht genug."

Getreidefelder bei Villiersdorp, Felsenküste bei Betty's Bay im Süden, Werbetafel für mehr Liebe in Soweto, ein Berber-Löwe im Kapama-Reservat

Südafrika im neuen Jahrtausend ist atemberaubend, und schon 24 Stunden in Johannesburg genügen, um mich völlig durcheinander zu bringen. Es gibt Viertel, in die man weder bei Tag noch bei Nacht einen Fuß setzen sollte, wie Hillbrow, dessen Hochhäuser nicht mehr von weißen Reichen, sondern von schwarzen Armen bewohnt werden. Es gibt Viertel, in denen es tagsüber wieder relativ sicher ist, wie Downtown - was unter anderem daran liegt, dass 340 Überwachungskameras installiert sind. Und es gibt Viertel, in denen man jederzeit unbefangen bummeln, shoppen und essen gehen kann, wie Melrose Arch, eine kleine abgeriegelte Stadt in der Stadt, in der Wohn- und Geschäftshäuser, Schulen und Kindergärten entstehen und wo im vergangenen Jahr das hipste Hotel des afrikanischen Kontinents eröffnet wurde, ein Design-Wunder, wie man es eher in Mailand oder London vermuten würde.

Pavian am Kap der Guten Hoffnung, Elefantensafari im Kapama-Reservat, Blyde-River-Canyon, Siedlung illegaler Einwanderer in Johannesburg

Eine scheinbar wohlgeordnete heile Welt. Dann fällt mir aus der Tageszeitung das Faltblatt einer Versicherungsgesellschaft entgegen, "First for Women", denn "Frauen sind die besseren Fahrer". Darin der beiläufige Hinweis, dass im Tarif eine spezielle medizinische und psychologische Behandlung enthalten ist, sollte die Versicherte überfallen, vergewaltigt und womöglich mit HIV infiziert werden. Ein alltägliches Risiko für Frauen in Südafrika.

Es ist erst zehn Jahre her, dass die letzten Apartheidsgesetze in Südafrika fielen, dass das Land zum ersten Mal demokratisch wählte. Nach mehr als 300 Jahren Kolonialherrschaft und rund 50 Jahren Rassentrennung. Es ist ein rasantes Tempo, das überall zu spüren ist, das ganze Land wirkt wie ein riesiges Experimentierfeld des Miteinanders, des Neuanfangs, der Hoffnung.

Hundert Kilometer nordöstlich von Johannesburg, in der Region um Kwamhlanga, fühlt sich Südafrika endlich an wie - Afrika. Rote Erde, Marula-Bäume und Akazien, Felder, Dörfer. Eine Filmsequenz in Zeitlupe. Francina Nzimande, 64, bewegt sich langsam und würdevoll, sie trägt rund 25 Kilo an Hals, Beinen und Armen - dicke Perlenmanschetten sowie Messing- und Kupferringe - und außerdem die Ijogolo, die perlenbesetzte Schürze aus Ziegenleder, die nur verheiratete Frauen des Ndebele-Volkes tragen. Francina hat Tee gekocht auf dem offenen Feuer auf der Rückseite ihres Hauses, jetzt öffnet sie die Tür der Anrichte in ihrem Wohnzimmer und holt behutsam das Porzellan heraus. Eschenbach, made in Germany. Das Design dafür hat sie gemacht. Die abstrakten Muster - schwarze Linien, die Flächen dazwischen in kräftigen Farben ausgemalt - sind die Kunst der Ndebele-Frauen. Seit die bunt bemalten Häuser der Ndebele vor knapp 20 Jahren von der Fotografin Margaret Courtney-Clarke dokumentiert und berühmt gemacht wurden, ist Francina durch die ganze Welt gereist. Hat in Schottland einen Doppeldeckerbus bemalt, war in Deutschland, den USA, Neuseeland und Brasilien.

"Amagama" heißt auf Ndebele Muster und auch Wort. Die Malereien sind die Sprache und Identität der Ndebele-Frauen, die jahrzehntelang, während Kolonialzeit und Apartheid, Haus, Hof und Kinder versorgen mussten, während ihre Männer auf den Farmen der weißen Großgrundbesitzer oder in der Industrie arbeiteten. Doch jetzt sind die Farben teuer, und viele Frauen haben auch keine Zeit mehr für Malereien, weil sie selber in Pretoria oder Johannesburg Arbeit haben und nur noch am Wochenende nach Hause kommen. In Francinas Dorf gibt es deshalb eine Stiftung, in der Jugendliche das Malen und das traditionelle Weben des Perlenschmucks lernen und wo Besucher mit ihren Einkäufen dafür sorgen sollen, dass die Ndebele von ihrer Kunst auch leben können.

"Hier ist mein Platz", sagt Rianie Strydom, 34, in Stellenbosch, 40 Kilometer östlich von Kapstadt. Rianie - selbstbewusst, unkompliziert, mit kräftigen rotweinverfärbten Händen - ist seit sechs Jahren Winzerin auf dem ehrwürdigen Weingut Morgenhof. 1692 wurde es an den Hängen des Simonsberges gegründet, ein paar Jahre nachdem die ersten Hugenotten aus Frankreich ans Kap auswanderten und die Kunst des Weinmachens mitbrachten. "Vor zehn Jahren hatten viele Leute Angst, keiner wusste, was mit uns Weißen passieren würde", sagt Rianie. "Ich habe nie erwogen wegzugehen, never ever. Hier sind meine Wurzeln. Ich kenne viele, die gegangen sind und wiederkamen, weil sie es nicht ausgehalten haben vor Heimweh." Rianie interessiert sich nicht dafür, ob einer schwarz ist oder weiß. Sondern ob er ihre Weine mag oder nicht. "Und es gibt viele Schwarze, die richtig viel Geld für guten Wein ausgeben." Ihr Mann Louis ist ebenfalls Winzer, allerdings auf einem anderen Gut, "sonst wären wir nicht mehr verheiratet", und die Zeugung ihrer drei Kinder - fünf, drei und ein Jahr alt - haben die beiden perfekt getimt, so dass alle nach April geboren wurden; denn im April findet auf der Südhalbkugel die Weinlese statt, "und ich kann doch keine Lese verpassen!"

Eingang des Apartheid-Museums in Johannesburg, Kinder aller Hautfarben beim Ausflug, Kinder der Grundschule in Franschhoek

Weil man alles im Leben lernen kann, führt Portia de Smits, 43, jetzt das fröhlichste Restaurant von Kapstadt. Eigentlich hat sie Textildesign studiert, in Oregon/USA. "Das Stipendium habe ich mir erschummelt", sagt sie, "ich hatte mich für Pharmazie beworben - aber beides war langweilig.

Heute residiert das "Africa Café" in einem verwinkelten, 200 Jahre alten Warenhaus in bester Lage am Heritage Square: sechs unterschiedlich gestaltete Speisezimmer ohne folkloristische Holzmasken und Zulu-Speere an den Wänden, aber mit der Wärme und den Farben Afrikas, und von der Dachterrasse geht der Blick bei einem Mala-Mala-Cocktail (Ananas, Limone, Zucker, weißer Rum und Soda) hinüber zum Tafelberg, auf den Portia jeden Morgen wandert, eine Stunde zu Fuß, bei jedem Wetter.

Das "Africa Café" ist eine Wohltat in dieser Stadt, die an vielen Ecken wirkt wie Miami oder Sylt. Promi-Partys, Mode-Shootings, allein im vergangenen Jahr haben 37 ausländische Produktionsfirmen Filme hier gedreht. Sie drehen Schicksalsdramen und Liebesgeschichten, aber keine ist so schön wie die von Portia und Jason. Jason ist weiß, und kennen gelernt haben sie sich vor 13 Jahren in einem Yoga-Kurs in Johannesburg. "Ich habe nicht lange nachgedacht, ob das nun richtig ist oder falsch", sagt Portia. "Ich habe einfach gemacht, was mein Herz mir gesagt hat." Und was sie gesagt hat über ihre unmögliche Liebesgeschichte und über die Gründung ihres unmöglichen Restaurants, diesen Satz nehme ich mit in mein zauderndes Land und finde, wir sollten das auch öfter mal versuchen: Nicht lange nachdenken. Einfach tun.

Reise-Infos Südafrika

Individuell Wenn Sie auf eigene Faust in Südafrika reisen, hier ein paar Tipps für besondere Unterkünfte. Bed & Breakfast in den Townships: saubere, sichere Unterkünfte und Gastgeberinnen, die auch Touren durch die Townships organisieren. Bei Kapstadt: "Kopanong B&B": Besitzerin Thope Lekau ist Frauenrechtlerin und Veteranin des Anti-Apartheid-Kampfes; DZ/F ca. 50 Euro (C 329, Velani Crescent, Khayelitsha 7784, Cape Town, Tel./Fax 00 27/213 61 20 84, capetown.gopassport.com).

Vicky Ntozini

"Vicky's B&B": drei Zimmer, Vicky Ntozini war eine der ersten Bed & Breakfast-Gastgeberinnen in den Townships; Halbpension ca. 25 Euro/ Person (C-685 A, Kiyane Street, Site C, Khayelitsha 7784, Tel. 00 27/21/387 71 04), www.best4hotels.com.

Bei Johannesburg: "Basiea B&B": bei Minah Makhoro (2422 Mosala Street, Protea North, Soweto, Tel. 00 27/ 11/980 11 77, Fax 980 80 37, www.brabys.com).

Bed & Breakfast bei den Ndebele: sechs schlichte, saubere Doppelzimmer in der Stiftung, wo Jugendliche die Malerei und Perlenstickerei lernen (The Ndebele Foundation, P.O.Box 258, Mthambothini 0462, Mpumalanga Province, Tel. 00 27/ 82/687 57 99, digilander.libero.it).

Luxus

"Melrose Arch"

In Johannesburg: "Melrose Arch Hotel": Design-Hotel mit 117 Zimmern im Norden der Stadt in einem neuen abgeschlossenen Geschäftsviertel mit Piazza und guten Restaurants; im Penthouse wohnen Stars wie Enrique Iglesias; DZ ca. 285 Euro (1 Melrose Square, Melrose Arch, Johannesburg 2196, Tel. 00 27/11/ 214 66 66, Fax 214 66 00, www.africanpridehotels.com/melrosearchhotel).

Roger Clement

In Franschhoek: "La Couronne": Eigentlich wollte Erwin Schnitzler, Gastronom vom Tegernsee, mit 50 nach Südafrika gehen und "endlich anständig Golf spielen lernen". Leider kam ein Immobilienmakler dazwischen, der ihm dieses Anwesen in den Weinbergen von Franschhoek zeigte. Kleines lässiges Luxushotel, Restaurant mit frischer, leichter Küche des jungen Schweizer Chefkochs Roger Clement; 21 Zimmer, drei Suiten, Pool, traumhafte Terrasse; DZ/F ab ca. 150 Euro (Dassenberg, Franschhoek 7690, Tel. 00 27/21/876 27 70, Fax 876 37 88, www.south-africa-tourism.com/la-couronne-hotel.html).

Beim Krüger-Nationalpark: "Camp Jabulani": sechs Suiten in edlem Afrika-Dekor, jede mit eigener Terrasse und Mini-Pool, im Kapama-Reservat. Jabulani heißt der kleine Elefant, den Lente Roode selbst aufgezogen hat. DZ ca. 800 Euro, Vollpension und sämtliche Safaris inkl. (Kapama Private Game Reservce, zentrale Reservierung Tel. 00 27/12/804 48 40/1, Fax 804 39 84, www.kapama.co.za).

Buchtipps

Roman: "Wie Wind im Steppengras" von Pamela Jooste: die tragische Geschichte einer weißen Familie während der Apartheid (6 Euro, Lübbe). Bildbände: "Ndebele": das berühmte Buch der Fotografin Margaret Courtney-Clarke, die auch die Stiftung der Ndebele-Frauen in Kwamhlanga unterstützt (Frederking & Thaler, nur noch gebraucht über Amazon). "Inside Africa": zwei Bände Lifestyle, Architektur und Design aus dem ganzen Kontinent (99,99 Euro, Taschen). Afrika verstehen: "Die Geschichte Afrikas" von Lutz van Dijk: ein Jugendbuch, auch für Erwachsene wärmstens zu empfehlen, detailreich und liebevoll; der Autor lebt in Kapstadt und hat dort das Kinderhilfsprojekt Hoki-sa (www.hokisa.co.za) gegründet (19,90 Euro, Campus). "Ach Afrika" von Bartholomäus Grill: "In Afrika muss man mit Fragezeichen leben", vom langjährigen Korrespondenten der "Zeit" (24 Euro, Siedler). "Meine afrikanischen Lieblingsmärchen", herausgegeben von Nelson Mandela: von fliegenden Hasen und warum die Giraffe einen so langen Hals hat ... Schöpfungsmythen des Kontinents,(19,90 Euro, Beck).

Info

South African Tourism, Friedensstr. 6-10, 60311 Frankfurt, Tel. 018 05/72 22 55 (0,12 Euro pro Minute), Fax 069/28 09 50, www.southafrica.net

Text: Claudia Münster Fotos: Hauke Dressler
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