Estland

Stille Wälder, schöne Städte und ein Volk, das seine wieder gewonnene Freiheit feiert.

Wenn Füße betrunken sein könnten, wären die meinen jetzt stockbesoffen. Wodkasocken, hatte Tea Lepik ziemlich überzeugend erklärt, seien das beste Mittel gegen fiebrige Erkältung. Sie muss es wissen: Erstens ist sie Ärztin, und zweitens war Wodka in Estland von jeher die beste Medizin gegen alles und jedes, vom Wundbrand bis zu Trübsinn oder Schikanen durch die russische Obrigkeit. Esten sind pragmatisch: Die Russen haben im Land nichts mehr zu sagen, aber der Wodka hilft noch immer. Grippewetter oder nicht, die Altstadt von Tallinn ist auf jeden Fall ausgedehnte Spaziergänge wert. Erst nach einer Weile fällt auf, was hier weitgehend fehlt: Autos. Die dürfen nämlich nur mit Sondergenehmigung im Stadtkern fahren und parken.

Wir schlendern über Kopfsteinpflaster zum Domberg hoch, um den Blick zu genießen, der seit Jahrhunderten gerühmt wird: Wehrtürme, Kirchen, spitzgiebelige Häuser, Stadtmauern und dahinter die Ostsee. Tea Lepik, unsere blonde Begleiterin, gehört zu den wenigen Menschen, die noch in der historischen Altstadt leben, denn die meisten Häuser, die vor dem Verfall gerettet werden konnten, sind für Normalmieter zu teuer.

Wiederaufbau im Eiltempo

Ein Land atmet auf. Selbst am Sonntag dröhnen in der Altstadt von Tallinn die Bagger und Presslufthämmer, so eilig haben es die Esten, die Spuren der jahrzehntelangen Verwahrlosung zu beseitigen und die Schönheit der historischen Gassen und Gemäuer wieder aufleuchten zu lassen. Das einstige Reval ist von der Unesco zum Weltkulturerbe ernannt worden, ein Umstand, der den Wiederaufbau sichtlich beschleunigt.

Eine Million Esten und eine halbe Million Russen leben in dem kleinen Land an der Ostsee, das vor 1991 im Lauf seiner Geschichte nur ein einziges Mal, nämlich in den zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts, nicht von einer fremden Macht besetzt war. Dass sich die Menschen trotzdem Lebenslust, Fantasie und Witz bewahrt haben, erstaunt uns immer wieder.

Die Landschaft: unauffällig flach. Über den schier endlosen Kiefern- und Birkenwäldern, türmen sich die Wolken zu Gebirgen auf. Mit dem Mietwagen sind wir von Tallinn aus schnell an der russischen Grenze, an der Ostseeküste oder an einem der vielen kleinen Seen im Süden. Das Land ist dünn besiedelt, doch die Straßen sind prima ausgebaut und gut beschildert. Mittlerweile gibt es auch in kleineren Orten passable Unterkünfte. Nur wer das Wochenende in der Hauptstadt verbringen will, sollte sich rechtzeitig um ein Hotelzimmer kümmern, denn ab Freitag rücken die finnischen "Wodkatouristen" an - Helsinki liegt per Fähre nur 80 Kilometer entfernt.

Volksfest

Wie Gespenster aus grauer Vorzeit sehen die verlassenen Kolchosen aus, an denen wir gelegentlich vorbeifahren. Durch die Felder staksen Störche auf Froschsuche, einmal sehen wir einen einsamen Elch über eine Lichtung trotten. Auf der Ostsee-Insel Saaremaa an einem sonnigen Sonntagvormittag: Vor der alten Bischofsburg von Kuressare stimmen Musikanten ihre Instrumente. Männer in bestickten Westen trödeln über Parkwege, Frauen zupfen ihre bunten Hauben und Trachtengewänder zurecht, bevor sie sich auf der Freilichtbühne aufstellen. An die hundert sind es schließlich, die zusammen tanzen und singen, wie es unter der marxistischen Knute nie erlaubt war.

Leben wie vor 150 Jahren

Natürlich macht all das Neue im Land nicht jeden nur glücklich. Vielen Russen, die nicht in ihre frühere Heimat zurück wollten, geht es sehr viel schlechter als vor zehn, fünfzehn Jahren. "Heutzutage gelten nur noch Unternehmer etwas", kritisiert Heimatdichterin Alwiine Schmuul den Zeitgeist. Sie leitet ein kleines Museum, das zu einem vielleicht in ganz Europa einzigartigen Dorf gehört. Wer in Koguva auf der Insel Muhu wohnt, wirtschaftet noch genauso wie die Menschen vor hundert oder hundertfünfzig Jahren. Nicht einmal klammheimlich gönnen sich die Einwohner so etwas wie Strom, Telefon, Zentralheizung oder fließendes Wasser. Die etwa dreißig Menschen, die in den niedrigen strohgedeckten Bauernhäusern hinter moosbewachsenen Steinmauern leben, brauchen weder einen Laden noch eine Kneipe, weil sie alles selbst herstellen. Alwiine Schmuul macht sich Sorgen um die Zukunft des Dorfes. "Ich fürchte, Koguva wird irgendwann zum Freilichtmuseum, denn Estland will in die Europäische Union, und dann gelten für die Landwirtschaft neue Maßstäbe. Junge Familien finden dann in Koguva keine Existenzgrundlage mehr. Und wenn sie erst in der Stadt sind und die Alten wegsterben, dann kaufen womöglich ausländische Investoren die alten Höfe und machen was ganz anderes daraus." Alwiine Schmuul mag Recht haben, denn geschäftstüchtige Unternehmer schlagen aus der Geschichte des Landes durchaus Kapital. In den stadtfernen Wäldern, in denen in vergangenen Jahrhunderten baltendeutsche Gutsherren auf die Jagd gingen, präsentiert sich manch ehedem heruntergekommener Landsitz heute als prachtvolle Kulisse für die Feste der Reichen und Schönen aus Tallinn.

Reiseservice

Beste Reisezeit: Juni bis Oktober Telefon: Vorwahl nach Estland 003 72

Unterkommen

Pauschal: Über Schnieder Reisen, Schillerstr. 43, 22767 Hamburg, Tel. 040/380 20 60, Fax 38 89 65. Der Baltikum-Spezialist organisiert Übernachtungen in fast allen der hier genannten Hotels und bietet auch Pauschalprogramme. Hotels Lahemaa-Nationalpark: Park Hotel Palmse, historisches Herrenhaus mit traumhaftem Park, modernes Hotel in ehemaliger Schnapsbrennerei (Tel. 322 36 26). Kolga Mois Gutshaus mit Restaurant, gemütliche Zimmer im ehemaligen Schafstall (Tel. 607 74 77, Fax 607 72 70). Pärnu: Rannahotell, elegantes Haus im Stil der dreißiger Jahre direkt am Strand (Tel. 443 89 50, Fax 443 83 18). Insel Muhu: Pädaste Mois, kleines Hotel in einem ehemaligen Gutshof an der Südküste mit Sauna und Meerblick (Tel. 454 88 00, Fax 454 88 11).

Essen und Trinken

Tallinn: Egoist: exklusives Restaurant mit internationalen Gerichten in der Altstadt (Vene 33, Tel. 646 40 52). Cathedral:, französisch-russische Küche(Lossiplatsi 2/Toomkooli1,Tel. 644 35 48).

Buchtipps

Viele Infos für Selbstfahrer: "Baltische Länder" (Michael Müller Verlag). Viel Hintergrund und politische Situation: "Estland" (Beck Verlag). Zur Einstimmung: "Baltikum" aus der DuMont-Reihe "Richtig reisen".

Info

Baltisches Informations- und Touristikbüro, Salzmannstraße 152, 48159 Münster, Tel. 02 51/215 07 42, Fax 215 07 43. Estnisches Fremdenverkehrsbüro, Woldsenstraße 36, 25813 Husum, Tel. 048 41/30 04, Fax 21 09. Vor Ort: Estonian Tourist Board, Mündi 2,Tallinn 10146, Tel. 699 04 20, Fax 699 04 32, Internet: www.visitestonia.com Tallinn Tourist Information, Raekoja Platz 10, Tel. 645 77 77, Fax 645 77 78.

Text: Angelika Gardiner Fotos: Michael Meyborg
Themen in diesem Artikel

Unsere Empfehlungen

Brigitte-Newsletter

Brigitte-Newsletter

Trends und Tipps aus den Bereichen Mode & Beauty, Reise, Liebe und Kochen - lies zum Wochenstart das Beste von Brigitte.