Zum Aufblühen an die Riviera

Warum sich die Gärten an Frankreichs und Italiens Mittelmeerküste in Pracht und Herrlichkeit ergießen? Weil sonst alle nur aufs Meer schauen würden. Eine Reise an der Riviera, bei der man sich grün und blau freuen kann.

Es grenzt an ein Wunder, dass wir überhaupt noch am Leben sind. Hinter jeder Küstenkurve lauern neue, atemberaubende Ausblicke, und alles, was duften kann, duftet bis in unser Auto hinein. Alle paar Meter eine neue Komposition aus Pinien an Steilhang, durchglitzert von goldblauem Meer. Fotografin Heike Ollertz und ich staunen so sehr, dass wir oft das Lenkrad verreißen, um nicht in den Gegenverkehr zu brettern. Mein Gott, ist das schön hier!

Riviera - wie das schon klingt: mondän, nach Orangenbäumen und Casinos, nach Grace Kelly und dem ganz großen Auftritt. Vor 150 Jahren ließen sich hier kränkliche Unternehmer und Baronessen nieder und legten rund um ihre Villen Gärten an, von denen die meisten inzwischen für Besucher zugänglich sind: romantische Gärten oder wissenschaftliche Gärten, verspielte, üppige oder fast karge Gärten, eine Woche lang haben wir jeden Tag ein neues Rendezvous mit der Botanik.

Zur "Villa Noailles" in Hyères, östlich von Toulon, geht es sehr bergauf. Die Gässchen der Altstadt sind zudem so verwinkelt, dass wir fürchten, mit dem Auto stecken zu bleiben. Ganz oben, auf dem vom Park "Saint Bernard" üppig bewachsenen Berg, liegt die 1923 erbaute Villa in feinster Bauhaus-Architektur, klar und kühl wie ein vielkantiger Eiswürfel in einem bunten, süßen Drink. Der mit seinen geometrischen Formen sehr kubistisch wirkende Garten ist überraschend klein, die Vorliebe des Architekten für akkurat bepflanzte Beete in Form von Quadraten und Dreiecken war umso größer. Wir haben die Anlage für uns, nur einmal kreuzt ein schweigendes Paar unseren Weg, vertieft in einen Architektur-Führer, der ihnen sicher einiges über den französischen Baumeister Robert MalletStevens erzählt. Dessen schlichte Beton-Kreation ist eher was für den Kopf als fürs Herz - für Marie-Laure de Noailles, Dichterin und Kunstmäzenin, aber war dieses luftige Konzept einer Künstlervilla ein Lebenstraum. Regelmäßig lud sie zum Salon, und sie schwärmte für den Maler Jean Cocteau.

Wir sitzen im sanften Mittelmeerlicht und blicken seufzend über die Postkartenlandschaft - bis der Schließer uns vergisst. Für die Kletterei über Mauern und Tore belohnen wir uns am Abend mit einem Topf "Moules frites", köstlichen Miesmuscheln mit Pommes, an der Promenade von Bandol.

Jardin Fontana Rosa & Château de Gourdon

Auf ins Gebirge! Hoch über der Parfümstadt Grasse thront Schloss Gourdon auf einem schroffen Felsen. Der Ausblick ist gigantisch, die Luft auf 800 Metern jedoch empfindlich kühl. Wir stehen fröstelnd vor einem mächtigen Eisentor, bis Mona uns öffnet; die Mittfünfzigerin trägt Wanderschuhe und dick knallpinkroten Lippenstift. Mona versorgt das festungsartige Schloss aus dem 12. Jahrhundert ganz allein, wenn die Besitzer nicht anwesend sind. Wir balancieren auf halsbrecherisch schmalen, holprigen Wegen hinter Mona her und erfahren, was am begrünten Steilhang trotzig in der Vertikalen wächst: Lavendel und Majoran, Rosmarin, Thymian, Iris. Mitten im Gebirge riecht es plötzlich nach Küchenkräutern und Sommerwiese. Wir fragen Mona, wie es sich denn so lebt im Schloss, sie zeigt auf ein vergittertes Fensterchen, das einzige ohne Panoramablick. "Da wohne ich!", sagt sie und grinst vielsagend. Ich zeige auf Monas langes Haar und versuche in wackligem Französisch und gestikulierend Rapunzel darzustellen. Mona versteht, und wir lachen immer noch, als wir in dem nostalgischen Schlossdörfchen in einem Café sitzen.

Neben dem Kirchlein entdecken Heike und ich einen Laden mit verschiedenen Honigsorten, Variationen von Senf und natürlich Lavendel in jeder Form - als wir uns auf den Weg zum Auto machen, klappern unsere Taschen vor lauter Gläsern.

Etwas außerhalb von Saint-Paul de Vence liegt die "Fondation Maeght"; das Galeristen-Ehepaar Maeght hatte den katalanischen Architekten Josep Lluís Sert 1964 mit dem Bau des rundum verglasten Museums beauftragt. Wir lugen durch die Scheiben und sehen drinnen typisch dürre Skulpturen von Giacometti schreiten.

Im Garten entdecken wir im Schatten hoher Bäume beachtliche Plastiken von Miró und ein Mosaik-Bassin von Georges Braque. Heike und ich betrachten auch die umherflanierenden Besucher und fragen uns: Wenn man an moderner Kunst interessiert ist - muss man dann auch eine exzentrische Brille tragen? Oder zumindest eine schlimme Frisur?

Villa Ephrussi de Rothschild

Am Cap Ferrat, einer Landzunge nicht weit von Nizza, liegt die "Villa Ephrussi de Rothschild". Und gegen die sieht Neuschwanstein lahm aus! Hinter dem rosa Renaissance-Prachtstück blüht eine Gartenkomposition, die pompös ist wie 100 Barock-Opern: von tropischen Gewächsen mit Blättern so groß wie Bistrotische bis hin zu Hecken, aus denen kreischrote Pfeifenputzer (Callistemon) wachsen, außerdem Bambus-Alleen, Tempelchen, Nischen - wer wie ich einen Hang zur hemmungslosen Opulenz hat, ist sofort verliebt. Von 1907 bis 1912 ließ die steinreiche Erbin Béatrice Ephrussi de Rothschild die Villa für sich (und ihre Hunde!) errichten und Gärten anlegen, einen in Form eines Schiffsdecks. Als uns der junge Mann am Einlass erzählt, dass gnä' Frau während der Gartenbauzeit allabendlich auf der Terrasse saß und sich von Gärtnern, die sich als Hecken, Zypressen und Rosen verkleideten, ein grünes Spektakel servieren ließ, bin ich vollends hingerissen.

So üppig die Panoramen an der Riviera sind, so spärlich ist die Beschilderung. Da wir kein Navi haben, fragen wir ständig nach dem Weg. Und das geht hier so: Passant 1, meist ein älterer Herr, weiß den Weg auch nicht, würde aber gern helfen. Er holt älteren Herrn Nummer 2 dazu, beide debattieren. Der Gemüsehändler von gegenüber kommt dazu. Älterer Herr 1 und 2 fachsimpeln mit dem Gemüsehändler, bis älterer Herr Nummer 3 dazustößt und behauptet, im gesuchten Ort geboren zu sein und den Weg genau zu kennen... So herzerwärmend das ist - wir kommen damit eher langsam voran.

Im "Jardin Fontana Rosa" in Menton fühlen wir uns ein bisschen wie Einbrecher. Der spanische Schriftsteller Vicente Blasco-Ibáñez ließ den Garten 1921 als Inspirationsort für erholungsbedürftige Künstler anlegen. Wir erspähen durch das Eingangstor einen halbrunden, mit bunten Fliesen gekachelten Säulenbrunnen; direkt daneben macht ihm ein mächtiger Zitronenhain den Platz streitig. Wieso ist eigentlich außer uns keiner hier? Hätten wir nicht eintreten dürfen? Das Tor war doch offen.. Heike klettert auf den bemoosten Brunnen und ist entzückt von den riesigen Seerosen. Bunt geflieste Bänke stehen zwischen rankenden Rosen, von Wildwuchs umschlungene, halb verfallene Gebäude mit Torbögen, Treppchen und Laubengängen heben sich gegen die inzwischen drum herum entstandenen Wohnklötze ab, magisch ist es hier, wie die Märchenwelt eines längst geschlossenen Vergnügungsparks.

Giardini Botanici Hanbury

Das französische Menton und das italienische Ventimiglia liegen nur ein paar Kilometer voneinander entfernt, aber die Mentoner schimpfen aufs dreckige Ventimiglia, und dort rollt man ob der Menton'schen Arroganz die Augen. Wir stellen fest: Ab der Grenze wird es schlagartig italienisch - der Kaffee kostet nur noch die Hälfte, dafür sind die Radios ein paar Dezibel lauter, und während in Menton Blumenkästen vor den Fenstern standen, hängt in Ventimiglia Wäsche.

Am Cap de la Mortola liegen die Gärten "Giardini Botanici Hanbury" am Steilhang. Inzwischen sind wir gestählt im Bergauf und Bergab. Ganz unten azurt das Meer bis zum Horizont, entlang der angelegten Wandelpfade spazieren außer uns nur ein paar britische Rentner mit riesigen Kamera-Objektiven. Säuberlich ist jedes Gewächs lateinisch beschriftet, der Garten gehört mittlerweile zur Universität von Genua, wie uns einer der gut gebräunten jungen Gärtner erklärt.

1867 kaufte der passionierte Botaniker Thomas Hanbury das Landgut aus dem 16. Jahrhundert, und schon 1912 verzeichnete sein Katalog 5800 Pflanzenarten. Im "Giardino dei Profumi" werden wir bis fast zum Kollaps beduftet - hier verströmen sich schwerblütige Rosen ebenso wie Jasmin und Pelargonien, Salbei und Lavendel in all ihrer Intensität.

Nach so viel Verwöhnprogramm für Nase und Augen gefällt uns Genua, die letzte Station unserer Riviera-Tour, zuerst nicht sonderlich - bis wir im Hafenörtchen Nervi ankommen. Eichhörnchen sind die Ersten, denen wir in den "Parchi di Nervi" begegnen. Die Nervi-Eichhörnchen sind berühmt für ihre Zutraulichkeit, sie schauen uns erwartungsvoll an, als wir in unseren Taschen nach Keksresten für sie graben. Im Gegensatz zu den anderen Gärten auf unserer Reise ist es hier mächtig belebt: Eine Pfadfindergruppe klettert mit Gejohle in einer uralten Pinie, Muttis schieben Kinderwagen, und Paare knutschen auf der Wiese. Wir möchten uns direkt dazulegen oder mitklettern, so entspannt ist das alles hier.

An der Küstenpromenade, der Längsseite des Parks, gönnen wir uns zum Abschied ein hausgemachtes Eis. Und beschließen, unsere Balkone zu Hause sofort mit allem zu bepflanzen, was zumindest ein bisschen nach Riviera duftet.

Parchi di Nervi

Über den Zaun geschaut: Hotels, Restaurants und Gärten entlang unserer Riviera-Route

Fotos: Heike Ollertz Text: Tania Kibermanis BRIGITTE 12/2014
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