Gran Canaria in aller Ruhe

Die Kanarische Insel ist bekannt für quirliges Strandleben und Bettenburgen an der Küste. Aber es gibt auch die schöne Kehrseite: stille Dörfer und Landhäuser mit Traumblick.

Es ist so still, dass der Schuss mich aufschreckt. Die samtenen Bergwände geben ihn hin und her und wieder hin und her. Dann bellt links im Tal ein Köter und antwortet sich selbst von rechts. Kein Mensch weit und breit. Die Cumbre, Gran Canarias bergiger Kern, liegt in ewiger Schönheit vor uns. Wir haben Adressen von Fincas, Haciendas und Hotels, ein Auto und eine Karte. Das genügt, um die Insel mit ihren 54 Kilometern Durchmesser zu durchstreifen.

Wir finden einsame Schluchten, die tief in die Gipfellandschaft einschneiden, bis sie unten auf die Strände treffen. Wir gehen über verlassene Caminos reales, so genannte Königswege, von Hirten vor tausenden Jahren angelegt. Sie überziehen die Insel wie ein Netz, erreichen jeden Winkel, überwinden jede Höhe. Uns begegnen Steinriesen in Märchenwäldern und lichten Pinienhainen.

Wir klettern der sinkenden Abendsonne hinterher. Atmen den Duft von Heiligenkraut und Thymian, Salbei und Rosmarin ein. Dieses Gran Canaria braucht keinen Strand, kennt keine Hotelkästen.

Trend: Herbergen weit ab vom Meer

Die Hacienda de Buen Suceso liegt nordwestlich von der Hauptstadt Las Palmas bei Arucas. Das zweistöckige Herrenhaus in leuchtendem Terrakotta ist umzingelt von hohen Bananenstauden. Um den Pool herum gepflasterte Höfe, Balkone, Dachterrassen, versteckte Winkel mit einsamen Liegen und weit entfernt ein Meeresglitzern. Die Hacienda wurde erst vor knapp einem Jahr eröffnet. Herbergen weit ab vom Meer, ein neuer Inseltrend. Gran Canarias zweite Pionierzeit. In Tejeda, im Zentrum der Cumbre, wohnen Gäste mitten im Dorf. Pedro Cruz Cabreras Agentur vermietet Bungalows in Playa del Inglés. Aber vor drei Jahren hat er sein altes Haus in Tejeda ausgebaut, ein Erbe seines Großvaters. Pedro war der Erste, der an Fremde vermietet und dem Dorf gezeigt hat, wie Turismo rural funktioniert. Jetzt bietet er 19 aufgemöbelte Häuser an.

Pedro weiß, was Gäste mögen: Alte Möbel, alte Gemäuer, neuzeitlichen Komfort. Unser Haus hat Hanglage. Vom steingefliesten Flur geht ein kleines Bad ab und eine Schlafkammer mit hohen hölzernen Betten, die Treppe hinab führt zum Wohnzimmer mit schönen alten Fensterläden und Terrasse. Wir schauen auf das Schwimmbad, dessen Wasser in der kalten Jahreszeit zum Gießen der Kartoffelfelder genutzt wird. Kalt ist übertrieben. Der Passat umfächelt die Insel zwar stets erfrischend, aber es wird tagsüber selten kälter als 20 Grad. Sonntagmorgen, und der Kühlschrank ist leer. Also suchen wir Frühstück an der Dorfstraße. Es ist aber erst kurz nach acht. Die Fenster eines Restaurants sind geöffnet, es dringen Latino-Rhythmen heraus, und wir fragen die Putzfrau nach einem Glas Tee. In fünf Minuten, sagt sie und wischt den Terrazzo-Boden weiter. Wir drehen eine Runde.

Die Sonne hat das Tal schon zur Hälfte erfasst und lässt die sorgfältig geweißten Häuser leuchten. Zitrusbäume und Palmen, Wein und Agaven schmeicheln der einfachen Architektur. Die einst wegzogen, Haus und Hof verließen, um Geld zu machen, bringen es jetzt zurück und pflegen das Idyll.

Artenara: Wohnhöhlen aus Felsgestein

Tejeda liegt zwischen 400 und 1950 Metern über dem Meer. Wenn unten das Gemüse reif ist, sind die Tomaten oben noch grün.

Als wir vom Rundgang zurück sind, stellt unsere Gastgeberin den Schrubber in die Ecke, presst uns Orangen aus, bringt Tee und Käse-Boccadillos. Fünf Männer überqueren den Parkplatz am Fuße Bentaygas, an ihren Gürteln hängen kleine Hasen. Ihre Sonntagsbraten. In Artenara, dem Höhlendorf in Tejedas Nachbarschaft, duftet es mittags dann auch tatsächlich nach Gegrilltem.

Die Wohnhöhlen stoßen aneinander wie Reihenhäuser. Die Eingänge sind umbaut wie Veranden, meist ist hier das Bad untergebracht, die Cuevas aber, die Wohnräume, sind aus porösem Felsgestein herausgekratzt. Wenn draußen 2900 Stunden im Jahr die Sonne gleißt, ist Kühle ein Luxus. Abends in Tejeda: Auszug der Gladiatoren. Mopeds und dicke Maschinen, Jeeps und Pick-ups ziehen ab, Hupen und Winken und Johlen. Familien und Jugendliche verabschieden sich, sie haben am Wochenende in den Bergen Ruhe gefunden. Jetzt ziehen sie wieder an die Küste, wo sie Lohn und Brot haben. Zurück bleiben wir mit den tapferen Hasenjägern, die verwegene Mützen und Schnauzbärte tragen.

Ein Pfarrer als Fremdenführer

Unsere nächste Verabredung ist mit dem deutschen Inselpfarrer Steffen Metzger. Er kommt mit drei Dutzend Leuten in zwei Bussen aus Playa del Inglés, das er 'Wahnsinn in Beton' nennt, herauf in die Berge. Mit Strandtouristen zum Risco Blanco, einem schönen weißen Felsen, zu wandern ist ihm so heilig wie seine Predigten - und von denen sollen Reisende gesagt haben, dass sie ihr schönstes Urlaubserlebnis waren. Der Pfarrer verbreitet Basiswissen: Etwa 14 Millionen Jahre ist die Insel alt, wir stehen hier bei San Bartolomé de Tirajana auf dem Grund eines Vulkankraters mit einem Durchmesser von 20 Kilometern.

Wir sitzen mit einer Tasse Tee auf der Terrasse des Hotels 'Las Tirajanas' in San Bartolomé. Eine Nebelwand rast wie ein bedrohliches Wesen auf uns zu. Sie hüllt uns in nasse Kälte. Also machen wir uns auf den Weg zur Sonne. Unten, bei den Touristenburgen von Playa del Inglés, lebt Pepe Caballero. Er hat das nagelneue Berghotel mit Keramik ausgestattet. Pepe führt uns zu seinem Hof, vor einer Baracke ein Haufen Lehm, ein selbst gebauter Brennofen. Drinnen Halbdunkel, Reihen von Krügen und Schalen, große bauchige Formen, glatt wie Porzellan, aber mit einer Patina aus Salz und Meer.

Ein Weinkrug kommt dick verpackt in meine Tasche, und dann schnell wieder in die Berge. Dort wartet heute eine Luxus-Finca mit italienischem Koch und Pool im Blumenmeer und morgen ein Sporthotel, einsam im Barranco Los Palmitos, wo das Ploppen der Tennisbälle dem Kreischen der Papageien antwortet. Jeder Ort mit eigenen Gipfeln und Tälern, nie weiter als 25 Kilometer Luftlinie von der Küste entfernt. Aber den Strand vermissen wir kein einziges Mal.

Reiseservice

Buchen: Die großen Veranstalter haben immer mehr Fincas und Landhotels auf Gran Canaria im Programm. Kleine Anbieter: z.B. Pedro Cruz Cabrera, Homberg Rural, Avenida de Madrid, 22, 35100 Playa del Inglés, Tel. 0034/928762367, Fax 928766772. Villa del Monte: In der 100-jährigen Hacienda im Kolonialstil erwartet den Gast eine Mischung aus Bed & Breakfast, 5-Sterne-Jugendherberge und Finca-Hotel mit sechs Zimmern. Adresse: Castano Bajo no 9, 35300 St. Brigida, Gran Canaria; Tel.: 0034/928 644389; Fax: 0034/ 928 641588; . Agentur Gran Canaria Rural, Las Canteras 7, Las Palmas, Tel. 0034/ 928462547, Fax 928460889. Ferienhäuser werden auch über das Internet vermittelt. Wanderungen: mit dem deutschen Inselpfarrer jeden Dienstag ab acht Uhr von der Kirche in Playa del Inglés. Buchtipps: Der Reiseführer 'Gran Canaria' zeigt schöne Sandstrände und einsame Dörfer, erzählt von der Mandelblüte und dem kanarischen Ringkampf (DuMont). Ein idealer Begleiter für Wanderer ist 'Gran Canaria' mit Touren zu Palmenoasen, durch Schluchten und Kiefernwälder (Rother-Verlag). Info: Spanisches Fremdenverkehrsamt, Myliusstraße 14, 60323 Frankfurt, Tel. 069/725033 oder 38, Fax 725313. Tipps im Internet unter www.gran-canaria-info.com

Themen in diesem Artikel

Unsere Empfehlungen

Guten Morgen, Welt!

Guten Morgen, Welt!

Wir servieren euch täglich Trends, Top-Stories und kuriose Netzfundstücke zum Frühstück!

Brigitte-Newsletter

Brigitte-Newsletter

Trends und Tipps aus den Bereichen Mode & Beauty, Reise, Liebe und Kochen - lies zum Wochenstart das Beste von Brigitte.