Orkney-Inseln: Schottland, umwerfend anders

Für alle, die mehr wollen als eine frische Brise: Die Orkney-Inseln haben Wetter. Sehr viel Wetter! Stürme können einen hier fast umhauen - und alles andere auch.

140 Meter hoch ist das Wahrzeichen der Insel Hoy, der "Old Man" - und von keinem Sturm zu erschüttern

Es stürmt, sechs Windstärken mindestens. Die Schotten an Bord unserer Propellermaschine vom Festland hinüber zur Hauptinsel der Orkneys lesen entspannt Zeitung; ich versuche, jede Augenbewegung zu vermeiden. Auf der Fähre, mit der wir später am Tag zur Insel Sanday übersetzen, spüre ich dann meinen Magen. Erst denke ich noch, ich kriege die Übelkeit mit Essigchips vom Bordkiosk in den Griff. Aber die helfen nur, als ich kurz danach dringend eine Tüte brauche.

Es dauert einen Tag, bis sich Magen und Sinne auf den Groove dieser Welt zwischen Atlantik und Nordsee eingestellt haben. Die Orkneys sind ein Verbund aus mehr als 70 Inseln, und Sanday im Nordosten ist ihre Königin. Eine exotische Schönheit, in ihren Buchten schimmert smaragdfarbenes Wasser, und ihre Ränder sind mit feinem, hellem Dünensand gepudert. Man möchte sofort das Strandlaken auspacken, aber dafür ist Sanday nicht gemacht. Keine Shops, keine Liegen, kein Eis in der Sonne. Nach Sanday kommt man nicht zum Baden, sondern um Blumen, Vögel und Seehunde zu beobachten.

Deshalb ist Ranger Rod Thorne hier. Vor 27 Jahren hängte er seinen Lehrer-Job an den Nagel und zog nach Sanday; für ihn ist jeder Papageientaucher eine Attraktion und Sanday der schönste Ort auf Erden. Rod sagt, dass er diese Langsamkeit, die Langmut der Menschen mag. Die knapp 600 Bewohner der Insel sind wie eine große Familie, niemand schließt sein Haus ab, man winkt sich zu, wenn man sich begegnet, auf der Straße oder in Kettletoft, dem kleinen Hauptort am Hafen, an dessen wenigen Läden nur "Store" steht und nicht, was es dort gibt. Man plauscht beim Tee im "Belsair" und futtert nebenbei eine Portion Pommes. Es gibt eine alte, demente Dame auf der Insel, die noch Auto fährt, und jeder hält an, wenn er sie in ihrem kleinen roten Wagen kommen sieht, und lässt sie vorbei.

Strandvergnügen auf Schottisch

Rods Truck hat keine Bremsen, normalerweise fährt er trotzdem damit, aber heute steigt er lieber zu Fotografin Anika Büssemeier und mir ins Auto. Er will mit uns Sturmschwalben beobachten und führt uns nach Doun Helzie, einem der schönsten Strände der Insel, weil es hier höhlenartige Felsbögen gibt, durch die bei Flut das Meer rauscht, und Muscheln, die aussehen wie Augen im Sand. Ganz besondere Muscheln, die die extremen Gezeiten an den Strand spülen.

Gischt und Sand spritzen uns ins Gesicht, manchmal bildet sich darüber ein Regenbogen. Es weht so stark, dass wir uns wie Kinder gegen den Wind lehnen und uns kaputtlachen, weil wir nicht umfallen. Wir sehen kaum Vögel, aber dafür wird der Sturm selbst zur Attraktion, wie er am Himmel sein Stück mit Donner und Lichteffekten aufführt. Er schiebt Regenschleier wie Kulissen ineinander, die Konturen leuchtet die Sonne in Rot und Gelb aus, sie sehen wie große Risse im Himmel aus.

Darunter verlangsamt sich das Leben, auch das unsere, einen halben Tag warten wir am Hafen, bis unsere Fähre ablegen kann. Einige Inseln der Orkneys sind über Brücken, die meisten mit Fähren zu erreichen. Die Hauptinsel, die einfach Mainland heißt, ist die größte, nur weitere 17 Inseln sind überhaupt bewohnt, und das heißt: 20 bis höchstens 2000 Einwohner. Obwohl hinter den Orkneys nur noch die Shetlands kommen und dann irgendwann die Arktis, ist die Landschaft der meisten Inseln überraschend sanft.

Auf den Orkneys leben auch viele rustikale Ponys

Deshalb sind wir hierhergekommen: Weil wir die wilde, aber zugängliche Natur wollen, zum Wandern und zum Tiere beobachten. Und weil Schottland hier am schottischsten ist; seine liebenswert-schrulligen Bewohner inklusive.

Wir setzen über zur Hauptinsel, diesmal aufrecht. Mainland, das ist ein mystischer Ort mit Höhlengräbern, Wikinger-Relikten und wundersamen Steinkreisen, die älter sind als das legendäre Stonehenge in Südengland, aber weit weniger bekannt. Hier gibt es keine spirituellen Sucher und kein Spektakel, nur Touristen in Outdoor-Jacken und Orkadianer, die ihre Hunde bei den Steinen spazieren führen.

Niemand kann genau sagen, warum die Kreise vor rund 5000 Jahren gebaut wurden, ob sie zur Würdigung eines Herrschers dienten, eine Art Tempel waren oder einfach ein Ort, an dem das Volk zusammenkam. Nur noch vier Steine sind von den Stones of Stenness erhalten, Monolithen, der höchste fast sechs Meter hoch und zwei Meter tief in der Erde verankert. 27 gehören zu dem weitaus imposanteren Ring of Brodgar, beide Plätze stehen in einer Art energetischer Verbindung, Stenness, so viel weiß man, ist nach dem Mond ausgerichtet, der Ring of Brodgar nach der Sonne.

Brodgar liegt auf einer Anhöhe, und seine ganze Mystik entfaltet der Ring abends, wenn das Licht die Steine in schwarze Wesen verwandelt, manche leicht gebückt, manche aufrecht und mächtig; und sie die Bühne säumen für ein Stück der eigenen Fantasie, wenn man mit den Rücken an ihnen lehnt und über ihre kalte, schroffe Oberfläche streicht. Leila Thomson hat aus diesen Fantasien Kunst gemacht. Ihre Steinblöcke haben Frauengesichter, oder die Steine tanzen wie Riesen. Die 54-Jährige webt Wandteppiche, in denen es um die Verbindung zwischen dem Gestern und dem Heute geht. Ihre Galerie liegt in Hoxa am westlichsten Rand des Mainlands, und sie ist so populär, dass ihre Kunden bis zu fünf Jahre auf ein bestelltes Werk warten. Die Teppichweberei hat eine lange Tradition auf Orkney, und gerade ist sie wieder modern, Wollläden und Galerien bieten Kurse an. Leilas ruhiger Art ist die Geduld, die dieses Handwerk braucht, anzumerken. "Kunst lebt in Zyklen, jeder kann sie weiterentwickeln", sagt sie. "Aber man muss dafür hier geboren sein, man muss die Farben kennen, die Schatten, Blumen, den Mond."

Nur 20 Minuten sind es mit der Fähre von Mainland nach Hoy, aber wir setzen über mit einem seltsam mulmigen Gefühl. Jeder, dem wir erzählt haben, dass wir für zwei Tage nach Hoy fahren, hatte die Augenbrauen hochgezogen und ein vieldeutiges "Hoy is wild" gemurmelt, ganz so, als wäre der Rest der Orkneys so aufgeräumt wie Norderney.

Vom Hafen in Kirkwall, dem Hauptort der Insel Mainland, führen die meisten Fährverbindungen Richtung Norden.

Es ist Abend, der Himmel wolkenverhangen, wir sind die einzigen Touristen, die in Hoy von Bord fahren. Wir wissen, dass unser Bed & Breakfast in der Nähe des Hafens ist, aber wir finden nur Häuser mit blinden Fenstern, ausgebrannte Viehställe, kein Mensch auf der Straße, kein Laden, kein Ortsschild.

Das Grau des Himmels und der Mauern, das so typisch schottisch ist, wirkt plötzlich gespenstisch. Wir halten an einer Art Neubaugebiet, an der dritten Tür öffnet endlich jemand, eine junge Frau mit roten Haaren, Kinderjacken hängen an der Garderobe hinter ihr. Eine ganz normale Familie. Plötzlich weicht das Surreale, sie erklärt uns den Weg zur alten Mühle, die das Ehepaar Hiscoke zum Wohnhaus umgebaut hat.

Helen und Derek Hiscoke betreiben ein B&B auf der Insel Hoy; der Glaube führte das Londoner Paar hierher.

Helen Hiscoke, 54, kommt uns auf der Auffahrt entgegen, sie hat eine weiße Schürze umgebunden, Lachs für uns gekocht, zum Nachtisch gibt es Apfelkuchen. Ihr Tisch ist mit feinem Porzellan gedeckt, über dem Sahnekännchen liegt zum Schutz vor den Fliegen ein Gardinendeckchen mit perlengesäumter Borte. Ihr Haus ist ein liebevoller Ort, in dem es neben dem guten Essen auch um Bekehrung geht. Von Gott spricht sie mit dem Strahlen der spät Erweckten und in einer Weise, die andeutet, dass sie die Bibel wörtlich nimmt. Sie war Juristin in London, bis für sie und ihren Mann Derek der Glaube wichtiger wurde und sie in die alte Mühle an der Mill Bay zogen. Bei Flut ist das Wasser nur ein paar Meter von ihrer Veranda entfernt, oft liegen Robben am Ufer, Helen schwimmt manchmal mit ihnen hinaus.

Nach dem Essen erzählt sie vom Leben auf Hoy, sie ist Stadträtin, zweimal in der Woche fährt sie in den Norden, zu den Alten, die viel allein sind. "Gerade im Winter ist das wichtig", sagt sie, "die Depressionen, der Alkohol."

Hoy ist wie ein schlafender Riese, groß und erhaben, es gibt hier kaum kultische Plätze, die Präsenz der Insel selbst strahlt aus. Man muss Hoy wollen, die Insel bietet sich nicht an. Es gibt keine Straßennamen, kaum Hotels, im Süden ein paar Ferienhäuser. Sanday, das war der Strand, der Flirt mit dem Meer; Mainland ist Mystik pur. Aber Hoy ist ein anderes Kaliber, seine Macht sind die Klippen, die Steilküste; die Felsen des St. John's Head sind die zweithöchste Erhebung Großbritanniens.

Sehenswert ist auf Hoy, was das Meer und die salzige Luft aus der Küste geschält haben. Wie ein Pfeiler ragt der Old Man of Hoy aus der Brandung, fast 140 Meter hoch, ein roter Wächter der Insel. Seinetwegen kommen die Tagestouristen hierher.

Wir gehen durch lila Heide, der Wind kämmt die Blüten; vorbei an Wasserfällen, die in einem dicken Strahl ins Meer fallen. Dann taucht der Old Man vor uns auf, wie ein Jenga-Turm aus hunderten sauber geschichteten Steinplatten. Möwen nisten an seinen Rändern, wenn man sich traut, ganz an die nicht gesicherte Kante der Klippen zu kriechen, kann man zum Grund blicken, an dem sich die Wellen brechen, das Getöse dringt bis nach oben. Wer dort unten strandet, hätte keine Chance auf Rettung. Der Old Man liegt da wie einer, der alles kennt und allem trotzt. Der nicht fällt, obwohl er fallen müsste.

Helen Hiscoke fragt zum Abschied, ob sie uns umarmen dürfe, so mache man das auf Hoy. Ihre beiden weißen Katzen schnurren um unsere Beine, und bevor wir etwas sagen können, drückt sie uns schon an ihr Herz.

Reise-Info Orkney-Inseln

Übernachten

The Stromness Hotel. Britischer geht's nicht auf Mainland, roter Plüsch und dicke Teppiche, gutes Restaurant. DZ/F ab 96 Euro (The Pierhead, Stromness, Orkney, KW16 3AA, Tel. 018 56/85 02 98, www.stromnesshotel.com).

Lynnfield Hotel. Plüschiges Haus auf Mainland, gleich neben der Highland Park Destillery mit englischen Stilmöbeln, deren Politurgeruch durch den Raum strömt. DZ/F ab 135 Euro (Holm Rd., Kirkwall, Orkney, KW15 1SU, Tel. 018 56/87 25 05, www.lynnfield.co.uk).

Brinkies Guest House. Nette Zimmer im Cottage-Stil, auf Mainland. Besitzerin Yvonne Harrold kocht gern Orkney-Style mit lokalen Zutaten, etwa dem Bere-Mehl, einer Getreideart, die seit der Jungsteinzeit auf den Orkneys angebaut wird. DZ/F ab 82 Euro (Innertown, Stromness, Orkney, KW16 3JN, Tel. 018 56/85 18 81, www.bedandbreakfast-directory.co.uk).

Braeswick B&B. Modern und ansprechend gestaltete Zimmer am Südende der Insel Sanday. Schöner Meerblick durch Panoramafenster. DZ/F ab 82 Euro (Sanday, Orkney, KW17 2BA, Tel. 018 57/60 07 08, www.braeswick.co.uk).

Kettletoft. Kleines, familiäres Hotel im Dorf Kettletoft auf Sanday, einfach und sauber. DZ/F ab 82 Euro (Sanday, Orkney, KW17 2BJ, Tel. 018 57/60 02 17, www.kettletofthotel.co.uk).

Wild Heather B&B. Schlichte, freundliche Zimmer. Eigene Frühstücksecke im Wintergarten mit Meerblick. DZ/F ab 77 Euro (Lyness auf Hoy, Orkney, KW16 3NU, Tel. 018 56/79 10 98, www.wildheatherbandb.co.uk).

Genießen

Kirkwall Hotel. Gutes Restaurant in einem traditionellen Hotel an der Waterfront von Kirkwall auf Mainland. Abends trifft sich hier das schicke Orkney (Harbour St., Tel. O18 56/ 87 22 32, www.kirkwallhotel.com).

Wrigleyandthereel. Tagsüber nettes Café mit gutem Karottenkuchen, abends die Bühne für lokale Bands, Folk und Rock. In Kirkwall auf Mainland (6 Broad St., Tel. 018 56/87 10 00, www.wrigleyandthereel.com).

Argo's Bakery. Traditionelle Bäckerei und gute Adresse für handgemachtes Orkney Fudge in Stromness auf Mainland (50 Victoria St., Tel. 018 56/85 02 45, www.argosbakery.co.uk).

Anschauen

Maes Howe ist das am besten erhaltene Steingrab auf Mainland. Wenn die Sonne einmal am Tag in einem bestimmten Winkel durch den einen Meter niedrigen Eingang fällt, leuchtet die Kammer in sensationellem Gelb.

Skara Brae. Die Ausgrabungsstätte auf Mainland stammt aus der Jungsteinzeit und ist eine der ältesten Siedlungen der Welt. Weil es keine Bäume auf Orkney gibt, wurde sie nicht aus Holz gebaut, konnte also nicht verrotten.

Italian Chapel. Die Kapelle wurde Ende des Zweiten Weltkriegs von italienischen Gefangenen gebaut, ein guter Ort, um die auf Orkney sehr präsente Kriegs-Historie aus einem anderen Blickwinkel zu sehen.

Stromness. Eine entzückende Hafenstadt mit engen Gassen und Häusern, denen man die Ecken abgeschnitten hat, um Platz zu sparen.

Sandays Vogelwelt. Ranger Rod Thorne zeigt Besuchern die ornithologisch spannendsten Beobachtungsplätze auf Sanday (Tel. 018 57/60 03 41).

Einkaufen

Hoxa Tapestry Gallery. Die Wandteppiche aus Leila Thomsons Galerie in Hoxa gehören zu den begehrtesten der Insel Mainland (Hoxa, St. Margaret's Hope, Tel. 018 56/83 13 95, www.hoxatapestrygallery.co.uk).

Craft Trails. Zusammenschluss von Künstlern, die man bei der Fahrt über die Insel besuchen kann: Maler, Keramikkünstler, Schmuckdesigner. Der urigste: Harry Potter — natürlich ein Töpfer (www.orkneydesignercrafts.com).

Highland Park Distillery. Eine Tour durch die Destille auf Mainland kostet 7 Euro, die billigste Flasche ist ein 12 Jahre alter Whisky für 35 Euro. Führung (45 Minuten) mit kurzer Verköstigung (Holm Rd., Kirkwall, Orkney, KW15 1SU, Tel. 018 56/87 31 07).

Hinkommen

Die beste Flugverbindung führt über Aberdeen. Von da sind es 50 Minuten nach Kirkwall (z. B. Frankfurt — Aberdeen, mit Lufthansa ab 119 Euro, Weiterflug mit Loganair oder Flybe zu saisonal variierenden Tarifen).

Reisezeit Hochsaison ist Juni bis August, Nachsaison bis Mitte September — danach stürmt es zu sehr.

Telefon-Vorwahl 0044.

Text: Meike Dinklage Fotos: Anika Büssemeier BRIGITTE 17/2013

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