In den Pyrenäen

Schroffe Berge. Duftende Wiesen. Dörfer aus dem Mittelalter und Ladenbesitzer, die mit Besuchern schwatzen. Eine Wanderreise durch die Pyrenäen.

Warum musste ich mir das antun? Links die brüchige Wand voller erstarrter Felslawinen. Rechts der Abgrund. Kein Weg. Kein Geländer. Auf allen vieren krabbeln wir in bröckeligem Geröll herum.

Ehrfürchtig starrten wir auf den schroffen Kalkkoloss über uns, die Spitze in Form einer zweizinkigen Gabel. Der Pedraforca. Den könnten sogar wir hochwandern, sagte Jordi, der Katalane und seine Blicke ruhten auf unseren Schreibtischwaden. Der Berg: eher spröde, aber mit Charme und vielen Gesichtern, so wie die Pyrenäen eben sind. Also gut. Noch um die nächste Ecke. Und auf einmal geht alles wie von selbst: Auf armschmalen Pfaden, vorbei an dunklen Tannen, duftigen Wiesen, plätschernden Quellen.

Kühne Dreitausender

Wer weiß schon, dass Spanien, dieses Strand-Sonne-Sangria-Land neben der Schweiz das gebirgigste in Europa ist? Dass die Pyrenäen sich auf spanischer Seite zweimal so breit machen wie auf französischer? Sie erstrecken sich auf 450 Kilometern Luftlinie quer durch die obere Halbinsel, vom Atlantik bis zum Mittelmeer. Im Osten, wo die Katalanen wohnen, zeigen sie sich erst bescheiden und recht gefällig als Mittelgebirge, richten sich dann aber schnell zu wilden und kühnen Dreitausendern im Aragón auf. Sanft hügelig geht es im Baskenland weiter. Es gibt Wanderer, die freiwillig in sechs Wochen die Pyrenäen überqueren. Wir haben auf unserer Ost-West-Route doch lieber das Auto und die schlichte Einstellung dabei: wandern und verweilen, wo es uns gefällt.

Santa Pau: Bizarre Bergwelt

Schon am Anfang unserer Reise hätten wir in Santa Pau hängen bleiben können. In Margaritas Hotel, nur zweieinhalb Autostunden von Barcelona entfernt. Herrlich haben wir geschlafen in diesem alten Bauernhaus. Dazu noch dieser Logenplatz in den oberen Rängen: Vor 11500 Jahren fauchten hier die Vulkane, jetzt wachen sie als 40 freundliche samtgrüne Riesenzipfelmützen um das Dorf. Das Schloss thront über den aneinander geschmiegten Sandsteinhäusern und den Arkadengängen - honigfarben leuchten sie in der Abendsonne. Nach dem Abendessen machen wir uns auf den Weg zum nächsten Feuerberg, der gleich um die Ecke liegt. Es wird eine leichte Wanderung unter schattigen Buchen bis zum 160 Meter hohen Rand. Im Krater die Überraschung: statt schwarzem Geröll tausende von Schmetterlingen, die über Gräsern und Blüten flattern.

Am nächsten Morgen fahren wir hinauf in die bizarre Bergwelt - schräg nach hinten gelehnt in einer altertümlichen Zahnradbahn. Sie bringt Pilger und Wanderer in einer halben Stunde nach Núria auf 2000 Meter Höhe. Oben auf der abgeschiedenen Hochalm hütete einst ein Heiliger in einer Höhle ein Bildnis der Madonna. Heute protzt dort eine überdimensionierte, kalte Wallfahrtsstätte nebst Drei-Sterne-Hotel und künstlichem See mit Ruderbooten.

Naturparks & Hippies

Wir fahren im Naturpark Cadí-Moixeró weiter Richtung Ossera. Staubige Schotterpisten, menschenleer. Da! Ein ausrangierter orange-rot gestreifter Bus. Und dahinter scheucht eine Frau mit Henna-Haaren und gepiercter Nase Ziegen den Abhang hinunter. "Wir nennen uns Neo-Rurales, Neu-Ländler", sagt Eulalia. Sie ist die Besitzerin der 42 Ziegen. Schweizer, Spanier und Holländer haben sich in Ossera angesiedelt und das Pyrenäendorf vor dem Verfall bewahrt. Sie sind Kräutergärtner, Künstler, Allround-Helfer beim Hausbau, und Eulalia aus Barcelona stellt prämierten Käse her.

Weiter westwärts sind mehr Leute in den Bergen. "Die geschützte Bergwelt von Ordesa, das Filetstück der Pyrenäen im Hocharagón", dröhnt es aus dem Lautsprecher. Die Japaner sind schon abmarschbereit. Mit Sonnenschirm und Picknicksäckchen rennen sie hektisch die Serpentinen hinauf. Wo sich der Rio Arazas in Kaskaden ergießt, wollen sie abschnallen. Jede Stufe ist bereits mit spanischen und französischen Brötchenessern belegt. Doch dann verteilen sich die Leute, und wir wandern stumm vor Staunen durch das Schauspiel der Natur: Wasserfälle auf mehreren Ebenen. Lilien, Orchideen, Disteln, Enzian, nie gesehene Zauberkerzen, Trollblüten auf einer Almwiese. An den löchrigen Felshängen darüber knallgelber Geißenklee.

Die obligatorische Tapas-Bar

Jaca, die hübsche Kleinstadt hat zwar nur 1200 Einwohner, ist aber der größte Ort weit und breit und hat sich sogar mehrmals für die Winterolympiade beworben. Zufrieden sitzen wir bei Häppchen mit eingelegten Paprika, Hackfleischbällchen, Sardellen und Krebsfleisch in der Tapa-Bar, uns gegenüber die wuchtige Kathedrale mit den Jakobspilgerzeichen.

Auf dem Rückweg sehen wir 15 Adler von Felsvorsprüngen aufsteigen, sie segeln sanft von der Thermik getragen durch die Luft. Mal sehen, was uns hinter der nächsten Ecke erwartet!

Reise-Service

Die wilden Berge Spaniens TELEFON Vorwahl für Spanien: 00 34. BESTE REISEZEIT Zwischen spätem Frühling und frühem Herbst. Bis Anfang Juni und ab Ende September Schnee. ÜBERNACHTEN Cal Sastre in Santa Pau: kleines Hotel in altem, ruhig gelegenem Bauernhaus, jedes Zimmer individuell eingerichtet, schöner Garten in grüner Vulkanlandschaft; DZ 90 Euro (Carrer de les Cases Noves 1, Tel. 972 68 00 49, Fax 972 68 04 81).

Can Menció in Santa Pau: Pension im historischen Ortskern, Haus aus dem 16. Jahrhundert; DZ ohne Frühstück 45 Euro (Placa Major, 17, Tel. 972 68 00 14). Hotel Vall de Núria im Tal von Núria: ehemaliges Kloster in fast 2000 Meter Höhe, guter Ausgangspunkt für Wanderungen (Estación de Montaña, Queralbs, Tel. 972 73 20 00, Fax 972 73 20 24). Hotel El Castell bei La Seu d`Urgell: luxuriöses Vier-Sterne-Haus mit Pool und tollem Frühstück auf der Sonnenterrasse; DZ 215 Euro inkl. Frühstück (Landstraße 260 Richtung Lleida, km 229, Tel. 973 35 07 04, Fax 973 35 15 74).

Hotel Roya im Zentrum von Espot: familienfreundliches Natursteinhaus mit rustikalen Zimmern, im Nationalpark Aigües-Tortes, östlicher Zugang (Carrer Sant Maurici, Tel. 973 62 40 40, Fax 973 62 41 44).

Llanos del Hospital in Benasque: Komfort-Hütte in altem Pilgerhospiz, umgeben von den höchsten Pyrenäengipfeln, junges Publikum (Tel. 974 55 20 12, Fax 974 55 10 52). Hotel Villa de Torla in Torla: schlichtes, freundliches Ambiente, Pool mit hinreißender Aussicht, im Eingangsdorf zum Nationalpark Ordesa; DZ 60 Euro (Plaza Aragón, Tel. 974 48 61 56, Fax 974 48 63 65). Gran Hotel in Jaca: großer halbrunder Bau, zentral gelegen, Garten, Pool; DZ 71 Euro (Paseo de la Constitucion, 1, Tel. 974 36 09 00, Fax 974 36 40 61).

ESSEN UND TRINKEN Cal Sastre in Santa Pau: gepflegt speisen unter Arkaden auf dem mittelalterlichen Marktplatz, gekocht wird mit Produkten aus der Gegend (Placeta dels Balls, 6, Tel. 972 68 04 21; So. abends und Mo. geschlossen). Can Daina in Santa Pau: 500 Jahre altes Haus, jüngeres Publikum, preiswerte vegetarische Küche (Calle Vila Vella, Tel. 972 68 04 42, Mo. geschlossen). Santa Margarida in Santa Pau: einfache Kneipe am Fuße des Vulkans, preiswerte Hausmannskost (Landstraße Santa Pau-Olot, km 6200, Tel. 972 68 02 70; Mi. abends geschlossen). Pont Vell in Besalu: mediterran angehauchtes Restaurant unter den Bögen einer romanischen Brücke im denkmalgeschützten Städtchen (Calle Pont Vell 28, Tel. 972 59 10 27; Mo. abends und Di. geschlossen, außer im Juli und August). El Castell in La Seu d`Urgell: edles Ambiente im Hotelrestaurant mit Blick auf die Berge, mit Michelin-Stern ausgezeichnete Küche (Landstraße N 260 Richtung Lleida, km 229, Tel. 973 35 07 04). Mas d ?en Roqueta in Aravell: uriges Bergrestaurant mit guter Küche (acht km von La Seu d`Urgell entfernt, hinterm Golfplatz, Tel. 973 35 19 95). Restaurante La Parilla in Benasque: rustikales Familienrestaurant, prämierte Küche mit aragonischen Rezepten (Carretera Francia, Tel. 974 55 11 34). La Fuenroya nahe Benasque: zünftiges ehemaliges Pilgerhospiz in wilder Hochgebirgslandschaft, wechselnde Tagesmenüs (Llanos del Hospital, elf km nördlich von Benasque, Tel. 974 55 20 12). Bar Fau in Jaca: gegenüber der Kathedrale unter den Arkaden, eine lange Theke voller leckerer Tapas.

Die schönsten Touren

Núria: von der Bergstation der Zahnradbahn auf alten Pilgerpfaden (GR 11) durch Schluchten und die wildromantische Landschaft hinab nach Queralbes, drei Stunden (Informationszentrum direkt an der Bergstation, Tel. 972 73 20 20). Naturpark Cadí-Moixeró: Fahrt auf der Nebenstraße südlich von La Seu d`Urgell in abgeschiedene (auch erwanderbare) Pyrenäendörfer wie El Ges, Fornols, Ossera, dann weiter über Tuixén, Josa de Cadí, Gosól über Saldes zum Pedraforca, zurück über Baga und den Túnel del Cadí (Informationsstelle Parkverwaltung in Baga, Calle la Vinya 1, Tel. 938 24 41 51, oder in La Seu d`Urgell im Rathaus). Nationalpark Aigües Tortes i Estany de San Maurici: es gibt zwei Hauptzugänge, im Westen vom Dorf Boi, im Osten vom Dorf Espot aus (Informationsbüro in der Durchgangsstraße, Tel. 973 62 40 36), mit Jeeps vom Parkplatz zum gipfelumsäumten See Sant Maurici bringen lassen, dann im Park der "windungsreichen Wasser" weiterwandern bis zur Berghütte d`Amitges und zurück (vier Stunden). Nationalpark Ordesa: in der Hochsaison nur mit Bussen erreichbar. Startpunkt ist der große Parkplatz in Torla. Eine wunderbare Wanderung führt an Wasserfällen, Almwiesen und Steilwänden vorbei durch das Ordesa-Tal zum Circo de Soaso (sechs Stunden, gut beschildert, Informationsstelle am Parkeingang).

REISEFÜHRER Das "Pyrenäenhandbuch", mit vielen Infos über Geschichte und Bewohner, mit Detail-Karten, Übernachtungs- und Restaurant-Tipps (Reise Know-How-Verlag, 19,90 Euro). Ausschließlich Wandertouren mit genauer Beschreibung, Karten mit Wegverlauf und Schwierigkeitsangaben bietet "Wandern in den Pyrenäen" (Dumont-aktiv, 12 Euro).

INFO Spanisches Fremdenverkehrsamt (Myliusstraße 14, 60323 Frankfurt, Tel. 069/72 50 38, Fax 72 53 13), verschickt Informationsmaterial.

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