Insel Neuwerk: Wo Hamburg am schönsten ist

Keine Hektik, keine Autos, kein Stress - seit knapp 700 Jahren ist die Insel Neuwerk Hamburgs Vorposten in der Elbmündung. Und der Leuchtturm einer der urigsten Plätze der Stadt.

Da klabautert was im Turm: Schritte hallen durch die mittelalterlichen Mauern, Schreie gellen durchs Gebälk - aber nein, das könnte einem so passen - es sind nur die Touristen, die auf der Außentreppe die 138 Stufen bis zur Aussichtsplattform raufpoltern. In den Turm selbst kommen sie zum Glück nicht hinein. Das bleibt jenen vorbehalten, die sich darin einquartieren. Wenn es hier aber doch einen guten Geist gibt, dann ist das Antje Göttsche. Die 32-Jährige hat das, wovon andere nur träumen: eine Wohnung im Leuchtturm von Neuwerk, urgemütlich und einmalig. Dafür verkauft sie die Eintrittskarten für die Turmbesteigung und betreut die Gäste in der historischen "Herrenetage".

Im Aufenthaltsraum in der "Herrenetage" sorgen schwere Möbel und Holzpaneel für Gemütlichkeit.

Der Name besagt schon, dass das gemeine Volk zur zweiten und dritten Turmetage lange keinen Zutritt hatte. Am Anfang bezogen Hamburger Ratsherren und Inselvögte darin Quartier, zuletzt wurden die Räume als Gästehaus des Senats genutzt. Erst seit neun Jahren stehen sie der Allgemeinheit offen. Vier Zimmer, jedes in einer anderen Farbe gestrichen, stehen als Unterkunft zur Verfügung, alle bescheiden, aber stilvoll möbliert. Nicht nur die mächtigen grauen Holzbalken lassen ahnen, dass die Zeit ihre Spuren hinterlassen hat. Die Zimmer sind schief, der Fußboden neigt sich stellenweise bedenklich, und es sieht so aus, als wären die Türen irgendwann einmal dazu passend gesägt worden.

Hanseatisch gediegen: Das Mobiliar trägt Hamburg-Wappen.

Urig sind die Fensternischen in den dicken Mauern. Mit Tisch und Bank zur Sitzecke verwandelt, sind dies die Logenplätze, um für Stunden einfach nur aus dem Fenster zu schauen. Alles liegt einem zu Füßen: der Deich und die Wiesen der kleinen Marscheninsel, dahinter das Meer und in der Ferne die Vogelinseln Scharhörn und Nigehörn.

Hier richtet sich das Leben nicht nach der Uhr, sondern nach dem Rhythmus der Gezeiten. Bei Ebbe zum Beispiel kommen die Wattwagen-Kolonnen mit den Tagestouristen vom Festland. Am besten man verkrümelt sich solange ins Watt.

Diggerfieber

Hans-Gerd-Backhaus mit seinen Bernstein-Funden, das Ergebnis von 27 Jahren oder 40 000 Kilometern Sammlerleidenschaft.

Weit draußen auf dem Kleinen Vogelsand ist Bernsteinland. Die Flut bringt die Brocken mit, und bei Ebbe bleiben sie auf dem Wattboden zurück. Der ehemalige Insellehrer Hans-Gerd Backhaus läuft schon seit 28 Jahren dem Gold der Nordsee hinterher - Diggerfieber nennt er das - und hat dabei so manchen schönen Klumpen mit nach Haus gebracht. In seiner Stube, dem "Bernsteinzimmer", häufen sich die Schätze zu einer stattlichen Ausstellung.

Kontrolle ist besser

Abendstimmung im Turm: Während die Sonne untergeht, kann man die Flut kommen sehen. Zuerst füllen sich die Priele; ganz langsam wird das Land zum Meer, bis ringsum nur noch Wasser ist und der Weg im Watt verschwunden.

In der Dämmerung gehen an der Küste die Lichter an und auf dem Wasser auch. Dann blinken und blitzen Baken, Bojen und Tonnen, die das tiefe Fahrwasser markieren. Noch immer ist die Elbmündung mit ihren tückischen Mahlsänden, wandernde Untiefen und starken Strömungen als Schiffsfriedhof berüchtigt. Gegenüber auf dem Großen Vogelsand rostet zur Mahnung seit 40 Jahren das Wrack eines gestrandenten Frachters vor sich hin.

Früher waren die oberen Stockwerke nur über eine Leiter zu erreichen.

Dass ausgerechnet die Hamburger vor 700 Jahren auf diesem entlegenen Flecken einen Turm errichten ließen, geschah aus purem Eigennutz. Der jungen Hansestadt stand ein ungeheurer Aufschwung bevor, der Hafen hieß bald Tor zur Welt, doch der Weg dorthin war voller Gefahren. Ging hier draußen, schon in Sichtweite zum Festland, ein Schiff mit wertvoller Ladung verloren, stürmten Horden von Plünderern mit Pferd und Wagen übers Watt. Für die Küstenbewohner war jede Strandung ein Segen, für einen Kaufmann in der Hansestadt konnte es den Ruin bedeuten. Was aber dem Handel schadete, traf direkt den Lebensnerv der Stadt - dafür kannte man schon damals im Rathaus kein Pardon. Zehn Jahre hat es gedauert, bis der rote, rechteckige Koloss endlich fertig war. Eine Festung - 45 Meter hoch, mit 2,80 Metern dickem Mauerwerk - musste es sein, und um Macht und Stärke zu demonstrieren, schickten die Hamburger gleich einen Ratsherrn samt einem Trupp Soldaten auf den Turm. Von hier oben konnten sie sie sehen: Strandungen bei Sturm, Schiffe in Seenot, aber auch Plünderer und Invasoren, die vom Festland übers Watt kamen.

Die mittelalterlichen Mauern atmen Geschichte und wissen noch um die alten Geschichten - von einem seeräubernden Amtmann und einem dichtenden Ratsherrn, von einem gescheiterten Sprengungsversuch und von verheerenden Fluten. Auch das hat der Turm überstanden: Wenn ringsum schon Land unter war, stand die Backsteinburg sicher auf ihrer Warft als letzte Zuflucht für die Inselbewohner.

Zeit fürs Abendbrot und einen Besuch in der Turmschänke im Hochparterre. Zwischen maritimen Bildern, Wimpeln und einer kleinen Sammlung von Kapitänsmützen ziert auch eine dunkelblaue Helgoländer Lotsenmütze die Wand des Gewölbes. Es ist ein Andenken an Helmut Schmidt. Vielleicht bekommt man bei Eiergrog und Turmpfanne die Geschichte dazu erzählt, sei es, weil hoher Besuch selten geworden ist oder einfach nur aus Spaß - auf diese Mütze war der Wirt nämlich immer ganz besonders stolz - ist es ihm seinerzeit doch nicht gelungen, den Kanzler auf Inselviste zur Herausgabe derselben zu bewegen. Von seiner obligatorischen Kopfbedeckung mochte der sich partout nicht trennen. Dafür hat er später ein Exemplar mit der Post geschickt.

Info

15 Kilometer vor dem Festland von Cuxhaven oder 150 Kilometer Luftlinie vom Hamburger Rathaus entfernt liegt die kleine Marscheninsel Neuwerk in der Elbmündung. Die Insel ist drei Quadratkilometer groß, der eingedeichte Inselkern lässt sich in einer Stunde umrunden. Weithin sichtbares Wahrzeichen und Namensgeber der Insel ist der fast 700 Jahre alte Leuchtturm, das "Nige Wark", errichtet zwischen 1300 und 1310. Seit 1990 gehört Neuwerk zusammen mit den beiden Vogelinseln Scharhörn und Nigehorn zum Nationalpark Hamburgisches Wattenmeer.

Übernachten 7 Zimmer stehen im Leuchtturm Neuwerk zur Verfügung. Preis für eine Übernachtung mit Frühstück ab 55 Euro pro Person. Anmeldung bei Antje Göttsche, 27499 Insel Neuwerk, Tel.: 04721 - 290 78, www.leuchtturmneuwerk.de Hinkommen Per Wattwagen: Täglich ab Sahlenburg mit Volker Griebel (Tel.: 04721/29076), Claus Fock Tel.: 04721/299044), Thomas Fischer (Tel.: 04721/28 770).

Per Schiff ab Cuxhaven: Mit der "MS Flipper" der Reederei Cassen Eils. Oder zu Fuß 15 Kilometer durchs Watt.

Text und Fotos: Uta Bangert
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